Multimodal unterwegs – intelligent vernetzt durch die Stadt

Viele Apps sind heute mehr als nur eine Fahrplanauskunft.  (Foto: © VCD – Katja Täubert)
Viele Apps sind heute mehr als nur eine Fahrplanauskunft. (Foto: © VCD – Katja Täubert)

Multimodal – das klingt irgendwie gut, nach Zukunft, nach der Mobilität von morgen. Für Millionen Menschen ist es aber schon heute gelebter Alltag. Denn es heißt zunächst nicht mehr, als unterschiedliche Verkehrsmittel zu kombinieren und sich nicht nur auf eines festzulegen, um flexibel mobil zu sein.

15.05.2017 – Multimodal unterwegs ist beispielsweise, wer morgens mit Fahrrad zur Arbeit radelt, für die Fahrt zum Möbelhaus am Samstag den Transporter von der Carsharing-Station nimmt und sonntags mit der Regionalbahn in das Umland fährt, um dort zu wandern. All das ginge natürlich auch mit einem eigenen Auto. Für viele Menschen ist ihr Auto die erste und einzige Wahl, denn einmal angeschafft, soll es auch rollen – egal, ob es eine praktischere oder umweltschonende Alternative gibt. Das wird aber schnell zum Problem. Die Mobilitätsforschung spricht von monomodaler Mobilität. Aus ökologischer Perspektive ist monomodales Mobilitätsverhalten nicht per se problematisch. In den Niederlanden zum Beispiel ist die Mehrheit der Menschen ebenfalls fast nur monomodal mit einem Verkehrsmittel unterwegs. Für die Holländer ist das aber meist ihr Fiets – ihr Fahrrad. Für die Deutschen ist es ihr Auto.

Wir haben ein Problem: 45 Millionen Autos

Seit Jahren steigt die Zahl der Autos auf den Straßen kontinuierlich. Waren vor fünf Jahren noch 43,4 Millionen Pkws in Deutschland zugelassen, sind es heute bereits über 45 Millionen. Da hilft auch alles Hoffen auf das Elektroauto nicht. Mit 26.000 Stück im Jahr 2016 fristen sie weiterhin ein Nischendasein. Die Folgen bekommen die Menschen gerade in den Städten immer stärker zu spüren. Die Luft an Hauptstraßen ist schlecht. Städte wie Stuttgart und München scheinen hilflos, die Gesundheit ihrer Bürger zu gewährleisten und müssen längst zu radikalen Maßnahmen greifen. Und Parkplätze nehmen einen so großen Teil des öffentlichen Raums ein, so dass kaum Platz zum Verweilen bleibt. Daran kann auch ein Elektroauto wenig ändern.

Per Pedes und Pedale

Doch längst macht sich ein Umdenken bei der Mobilität in Deutschlands Innenstädten bemerkbar. Von Berlin bis Freiburg erleben Straßenbahnen ihre Renaissance und erhalten neue Strecken. Bürger fordern mit kreativen Aktionen wie der Critical Mass eine bessere Radinfrastruktur. Heute sind die prosperierenden Städte die, in denen Autofahren immer mehr zur Ausnahme wird, und dazu zählen nicht nur Metropolen wie Hamburg und München. In Jena, Münster, Greifswald oder Potsdam legen die Bewohner zwei Drittel ihrer Wege zu Fuß, mit dem Rad, Bus oder Bahn zurück. Oft überzeugen die Städte entweder mit einem besonders guten Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln oder arbeiten seit Jahrzehnten an einem weit verzweigten Radwegenetz. Die Studentenstadt Jena hat sich sogar als Hauptstadt des zu Fußgehens etabliert: 38 Prozent der Wege absolvieren die Menschen hier per pedes.

Gute Angebote besser vernetzen

Skeptiker rufen gerne: Das Fahrrad und die Bahn seien natürlich wichtig, aber eben nicht für alle Menschen eine Option. Tatsächlich wird den Stadtplanern und Verkehrsbetrieben klar: Trotz verbessertem Angebot bleibt ein große Gruppe zurück, die sich von einem guten Busangebot und breiten Radwegen an allen Hauptstraßen allein nicht überzeugen lässt. Jedes Verkehrsmittel hat seine spezifischen Vor- und Nachteile: Nur mit S- und U-Bahnen lassen sich die größten Verkehrsmengen überhaupt bewältigen, aber sie sind an ihre Linien gebunden. Das Fahrrad hingegen fährt von Haustür zu Haustür, ist aber gerade im Winter nicht jedermanns Sache. Wenn Städte, Verkehrsbetriebe und innovative Mobilitätsdienstleister aber ihre Angebote eng vernetzen und den Zugang für die Kunden so leicht wie möglich gestalten, lassen sich noch deutlich mehr Menschen zum Umstieg auf die umweltfreundlichen Verkehrsmittel bewegen. Der ökologische Verkehrsclub VCD stellt in seinem Projekt „Multimodal unterwegs – intelligent vernetzt durch die Stadt der Zukunft“ erstmals die besten Ansätze vor und zeigt welche Ideen bereits umgesetzt sind und welche funktionieren.

Mainz
Eines dieser Beispiele geht auf das Konto des Verkehrsbetriebs in Mainz. Als die Stadt ein öffentliches Fahrradverleihsystem bekommen sollte, hat der Verkehrsbetrieb kurzerhand selbst eines entwickeln lassen. Das Ergebnis sind die die sogenannten „MVG MeinRäder“, die heute bestens in das bestehende Mobilitätsangebot eingebunden sind. Informationen an die Kunden, das Design der Räder, Busse und Bahnen, Tickets und Abos – all das ist aus einem Guss. Die Bürger identifizieren sich mit „ihrem“ MeinRad und haben heute mehr Fahrradleihstationen pro Einwohner als jede andere Stadt in Deutschland.

Leipzig
Auch die Leipziger Verkehrsbetriebe wollten ihren Fahrgästen mehr bieten, als nur Busse und Straßenbahnen. Zwar gab es bereits ein gutes Car- und Bikesharing-Angebot von teilAuto und nextbike. Jedoch haben alle ihre eigenen Standorte, ihre eigenen Vertriebswege, ihre eigenen Smartphone-Apps. Wer da nur gelegentlich mal ein Fahrrad oder einen Mietwagen benötigt, verliert schnell den Überblick. Im vergangen Jahr wurden daher 26 Mobilitätsstationen geschaffen, gut sichtbar, unmittelbar an den wichtigsten Straßenbahnhaltestellen gelegen. Hier finden sich Carsharing-Fahrzeuge, Leihräder und Ladesäulen für Elektroautos an einem Ort. Abgerundet wird das Angebot mit der „Leipzig mobil“-App, die neben den gewohnten Fahrplanauskünften auch alle Stationen und freien Fahrzeuge in der Nähe anzeigt. Alle Verkehrsmittel lassen sich direkt buchen und kommen am Monatsende auf eine Rechnung.

Offenburg
Noch weiter geht die am Oberrhein gelegene Stadt Offenburg. Auch hier wurden Mobilitätsstationen ähnlich wie in Leipzig geschaffen. Das eigens entworfene grasgrüne Design nennt sich „Einfach Mobil“ und es beschränkt sich nicht nur auf die Stationen. Informationspakete, Leihfahrräder und Carsharing-Fahrzeuge, das vollautomatische Fahrradparkhaus und sogar die Fahrradwege greifen das Design auf. Die Botschaft wird klar, wer dieses Grün sieht weiß: Hier bin ich einfach und umweltfreundlich unterwegs.

VCD zeigt den Städten ihr mobiles Potenzial

Der VCD zeigt, wie Städte das Potenzial der vernetzten Verkehrsangebote erkennen. Mit einem echten Verbund der umweltfreundlichen Verkehrsmittel lassen sich noch mehr Menschen für Fahrrad, Bus und Bahn begeistern. Gerade in den urbanen Räumen dürfen die Menschen in den kommenden Jahren auf innovative und einfachere Verkehrsangebote gespannt sein. Die nächste große Herausforderung wird es sein, die Angebote auch in das Umland zu tragen und den Menschen in ländlichen Gebieten eine überzeugende Alternative zum eigenen Auto zu bieten. Dafür müssen sich die Dienste erst einmal in der Stadt beweisen. Philipp Kosok, VCD

   

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