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Energiewende á la Cubana: Revolucion energetica

Kuba: Experiment mit einem Solarkocher(Foto: Dr. Edgar Göll)
Kuba: Experiment mit einem Solarkocher(Foto: Dr. Edgar Göll)

Die Energiewende bedingt eine Transformation des Energiesystems. Am Beispiel Kuba lässt sich in dieser Hinsicht durchaus etwas lernen – aus der Not heraus hat die kubanische Energie- und Nachhaltigkeitspolitik lösungsorientierte Maßnahmen umgesetzt, mit denen erstaunliche Ergebnisse erzielt wurden.

03.08.2017 – Ähnlich wie für andere akute oder nur absehbare Probleme auch für den Umbau der Energiesysteme angemessene und zukunftsfeste Schlussfolgerungen zu ziehen ist eine große Herausforderung. Angesichts der weltweiten Krisenphänomene wird das Überleben von Gesellschaften davon abhängen, rechtzeitig umzusteuern und mit passenden Aktivitäten eine Transformation zur Nachhaltigkeit zu forcieren. Die Frage lautet, erfolgt die Transformation „by Desaster oder by Design“ (Harald Welzer).

Aus der Krise mittels Nachhaltigkeit

Für die Transformation von Energiesystemen gibt es ein weitgehend unbekanntes Erfolgsbeispiel: Kuba. Aufgrund eng begrenzter Energiekapazitäten und häufiger Stromausfälle wurde dort 2005 nach ausgiebigen Expertendiskussionen vom damaligen Staatspräsidenten Fidel Castro die „Revolucion energetica“ gestartet.

Vorausgegangen war der Wegfall der Beziehungen zur Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten: 85 Prozent des Außenhandels fielen abrupt weg, das BIP fiel um ein Drittel, die „Spezialperiode“ begann und verlangte der Gesellschaft viele Einschränkungen ab. Diese bedrohliche Lage veranlasste die kubanische Regierung, sich auf eigene Stärken zu besinnen, zumal gleichzeitig die US-Sanktionen gegen Kuba nochmals forciert wurden um das kubanische System zu destabilisieren.

Das sozialistische Land hatte die Bedeutung nachhaltiger Entwicklung schon früh erkannt und sie im Kontext des UN-Gipfels 1992 in der Verfassung verankert: „Der Staat schützt die Umwelt und die natürlichen Ressourcen des Landes. Er erkennt ihre enge Verbindung zur nachhaltigen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung an, die das menschliche Leben wertvoller macht und das Überleben, Wohlbefinden sowie die Sicherheit der gegenwärtigen und zukünftigen Generationen sichert. Die Anwendung dieser Politik obliegt den zuständigen Organen. Es ist die Pflicht eines jeden Bürgers, zum Schutz der Gewässer, der Atmosphäre, dem Erhalt des Bodens, der Flora, Fauna und des gesamten Reichtums der Natur beizutragen.“

Ausstieg aus der Sackgasse

Im Bereich der Energieerzeugung und -nutzung dachte Kuba um, mit alternativen Energiequellen wurde experimentiert, wie z. B. Biomasse (Zuckerrohrrückstände), Wind- und Sonnenenergie. Nach mehreren Hurrikanen und dem spürbaren Klimawandel beschloss die kubanische Regierung, das Energiesystem umzubauen. Ein Modernisierungsprogramm wurde ausgearbeitet und die Energierevolution konzipiert. Dazu sagte Fidel Castro pragmatisch: „Wir warten nicht, bis Treibstoffe vom Himmel fallen, denn wir haben zum Glück etwas sehr viel Wichtigeres entdeckt: Energieeinsparung – was so viel wert ist, wie große neue Ölvorkommen zu entdecken.“

Interessant ist das Maßnahmenbündel, das schrittweise umgesetzt wurde. Dazu gehörte erstens der flächendeckende Austausch von „Energiefressern“ in Haushalten. So wurden über neun Millionen Glühlampen durch Energiesparlampen ersetzt: durchgeführt durch SozialarbeiterInnen – häufig kostenlos. Ebenso erfolgte der Austausch von anderen Haushaltsgeräten, wie z.B. Ventilatoren, die Umstellung auf Elektrokocher (statt Kerosin) und elektrische Dampfdrucktöpfe. Den größten Effekt hatte der Austausch ineffizienter Kühlgeräte, mehr als 2,5 Millionen alte (US-) Kühlschränke wurden gegen neue chinesische Modelle ausgetauscht. Diese Geräte mussten gekauft werden, und dafür gab es günstige Kredite.

Weitere Bausteine auf dem Wege des Energieumbaus waren: Verstärkung des Stromnetzes, vor allem, um die Netzverluste zu reduzieren; Neubau von Dieselgeneratoren in verschiedenen Regionen, womit die Stromerzeugung dezentralisiert wurde; Ausbau von regenerativen Energiequellen, insbesondere im ländlichen Bereich; Anhebung der Stromtarife für Haushalte mit hohem Verbrauch.

Lehren aus der Energierevolution

Trotz der speziellen Bedingungen in Kuba können aus den Erfahrungen der Energierevolution Anregungen gewonnen werden, die auch für westeuropäische Gesellschaften interessant sind:

  • Energieeffizienz als kostengünstigste gesellschaftliche Lösung: Ein Vergleich der Investitionskosten mit den eingesparten Stromkosten für die drei Bereiche Beleuchtung, Belüftung und Kühlung ergab für jene im Rahmen der Energierevolution durchgeführten Maßnahmen ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von etwa 1:10: Der volkswirtschaftliche Nutzen war etwa zehnmal so hoch wie die Kosten.
  • Rücksicht auf einkommensschwache Haushalte: Einkommensschwache Haushalte auf Kuba erhielten sehr günstige Darlehen für den Kauf energiesparender Geräte.
  • Sparanreize durch progressive Tarife und Subventionsabbau: Während in Kuba der Strompreis mit zunehmendem Verbrauch stark ansteigt, ist es in Deutschland umgekehrt: Haushalte mit hohem Verbrauch zahlen hier bis zu 30 Prozent pro Kilowattstunde weniger als Haushalte mit niedrigem Stromverbrauch.
  • Bildungs- und Werbekampagne: In Kuba wurde die Energierevolution durch eine große Medienkampagne für Klimaschutz und Energieeffizienz flankiert (TV- und Radiosendungen, Zeitungsberichte, Stadtteildiskussionen, Festivals an Schulen und Universitäten).

Zukunftsfähige Energie

Die kubanische Energie und Nachhaltigkeitspolitik hat zahlreiche lösungsorientierte Maßnahmen umgesetzt, mit denen erstaunliche Ergebnisse erzielt wurden. Auch die weitere Entwicklung Kubas orientiert sich an dem Leitbild Nachhaltigkeit. Das alles ist wohl auch möglich, weil Kuba ein „konzernfreies Land“ ist. Gleichwohl gibt es auch in Kuba eine Kluft zwischen hohen Zielen einerseits und deren Realisierung andererseits. Auch weil Kuba bislang nur ein geringes Produktionsniveau hat, sind Verbrauch und Emissionen noch gering.

Denkanstöße kann die kubanische Energiewende dennoch geben: zielgerichtete Effizienzanstrengungen, Bildungs- und Überzeugungsarbeit sowie angemessene Preispolitik wären auch in Deutschland sinnvoll. Edgar Göll

Dr. Edgar Göll ist Soziologe und seit 1995 in Berlin als Zukunftsforscher tätig sowie mit Nachhaltigkeit in Kuba befasst.

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