Gemeinschaftliches Wohnen erneuert die Energien

Marius Laleike lebt im Düsseldorfer Wohnprojekt QBUS und ist für Energie- und Umweltthemen zuständig. (Foto: privat)
Marius Laleike lebt im Düsseldorfer Wohnprojekt QBUS und ist für Energie- und Umweltthemen zuständig. (Foto: privat)

Die Energiewende findet täglich statt, wie zum Beispiel bei einem innovativen Wohnprojekt in Düsseldorf, das Wärme und Strom vollständig aus Erneuerbaren Energien bezieht. 26 Familien haben gemeinsam als Baugruppe das Wohnprojekt QBUS geplant und verwirklicht.

09.11.2015 –Seit Mitte 2013 bewohnen wir drei Mehrfamilienhäuser im Osten von Düsseldorf mit knapp 90 Personen. Etwas Besonderes sind die gemeinschaftlichen Bereiche mit eigenem Gemeinschaftshaus, Terrasse und Innenhof. Alle Häuser des Projekts sind als Passivhaus bzw. im KfW40-Standard gebaut. Wir sind „Klimaschutzsiedlung“ im Rahmen des NRW-Landesprogramms, aber das Wichtigste: Wir versorgen uns zu 100 Prozent sowohl bei der Wärme wie auch beim Strom aus Erneuerbaren Energien, die entweder selbst erzeugt oder zugekauft werden.

Primär ging es aber gar nicht um Erneuerbare Energien. Durch den Verein „Wohnen mit Kindern (WmK)“ lag der Schwerpunkt auf dem gemeinschaftlichen Wohnen in einem kinderfreundlichen Umfeld. Die Initiatoren hatten bereits 1995 ein erstes Wohnprojekt zur Miete mit eigener Kindertagesstätte geschaffen. Nun sollte ein zweites Projekt das gemeinschaftliche Konzept für Wohnen im Eigentum weiterentwickeln - Aus WmK2 entstand QBUS.

Präambel mit Umweltzielen

Dafür wollten wir uns und unseren Kindern zuliebe ein möglichst nachhaltiges Wohnprojekt verwirklichen. Das wurde als zweites von drei Zielen zu Beginn in unserer Präambel festgeschrieben, wörtlich: „Dabei wollen wir nachhaltige ökologische Ziele durch umweltbewusste Architektur und effiziente Energiegewinnung umsetzen“. (Das dritte Ziel war bezahlbarer Wohnraum).

Vereint in diesem Ziel wurde die Gruppe größer. Neue Familien schnupperten in die Arbeitsgruppen und schlossen sich an. Aus dem losen Bund wurde bald eine verbindliche Planungs-GbR, dann die Bau-GbR, am Ende stand die WEG. Wöchentlich tagte das große Plenum zum Stand der Dinge. Viel und leidenschaftlich wurde diskutiert, aber am Ende meist pragmatisch entschieden.

Fachthemen wurden in die emsigen Arbeitsgruppen delegiert, eine davon war die AG „Energie & Förderung“ (und Umwelt). Ihre Aufgabe war es, geeignete Fachplaner mit einem vernünftigen Energiekonzept zu finden. Zweitens sollte sie sich um die Förderprogramme in Stadt, Land und im Bund kümmern. Daneben bekamen wir immer wieder Anregungen und Sorgen zugespielt: Altlasten, Biozide im Putz, Brandschutz, Elektrosmog, Grauwasserrecycling.

Umweltschutz war nicht allen gleichermaßen wichtig, hatte aber eine hohe Akzeptanz. Vieles wurde vorgestellt, manches verworfen oder nur in einzelnen Wohnungen umgesetzt, wie z.B. Lehmputz und Lehmfarben; oder Netzfreischalter, um die elektromagnetischen Felder in den Schlafräumen zu reduzieren. Wohin aber wollte die Gruppe als Ganzes?

Das Energiekonzept

Eines der ersten Energieworkshops begann mit der Standortbestimmung: „Positioniert Euch bei einem von 5 Themen, das Euch am wichtigsten ist“. Die „Eckpunkte“ unseres Wohnprojekts fanden folgenden Zuspruch:
• Gesundes ökologisches Bauen und Wohnen: 30 %
• Niedrige Kosten: 25 %
• Wunderschöne, helle & individuelle Wohnungen: 25 %
• Schöne viele Räume für Gemeinschaft: 10 %
• Hoher Energiestandard: 10 %

In der Summe wollten wir also nicht mehr als die eierlegende Wollmilchsau; dabei stach Ökologie den Energiestandard, interessanterweise. Zu der langen Liste von Vorgaben an die Fachplaner merkte unser Architekt lapidar an, dass ein Haus, das alle diese Aspekte beachtet, schlichtweg für uns nicht bezahlbar sei. Man müsse nach einer pragmatischen Lösung suchen, bei der alle „im Boot“ bleiben könnten. Am Ende verabschiedeten wir als Kernaussagen des Energiekonzepts:
• Niedrigenergiestandard
• Heizung und Warmwasser aus Erneuerbaren Energien
• Nachhaltige Stromversorgung (Wohnen und Mobilität)

Welcher Energiestandard?

Aber wie niedrig sollte der Energieverbrauch sein? Die Standards für Passivhaus, KfW 40 oder 3-Liter-Haus blieben letztlich sehr schwer zu fassen und für den normalen Nutzer etwas zu abstrakt. Konkrete Orientierung boten da die Förderprogramme: 5.000 Euro Tilgungszuschuss pro Wohnung für KfW 40 – das half bei der Entscheidung.

Auch beim Passivhaus gab es Fördertöpfe, gute Gründe und manche Vorbehalte. Von Großmutters Klassiker („Was – ein Haus ohne Heizung? Ihr Armen!“) bis zur Lufthoheit am Kippfenster war viel Gesprächsbedarf. Hier konnten wir als AG nur versuchen, der Gruppe Zugang zu vermitteln für etwas, was wir selbst nicht kannten. Wir machten Ausflüge zu Passivhaussiedlungen, sprachen mit „Betroffenen“ – den Ausschlag gab der Generalplaner, der uns mit seiner langjährigen Passivhauserfahrung überzeugen konnte.

Aus heutiger Sicht würde ich beiden Seiten Recht geben: Ja, der Sauerstoff reicht aus; und man hat nicht deswegen das Bedürfnis, ein Fenster zu öffnen. Der Nutzer macht es allerdings trotzdem – weil er sich von einem Passivhaus nichts vorschreiben lassen mag. Weil der Sommerregen so duftet. Weil man Vogelstimmen hören möchte – oder den Wind in den Weiden. Und das Passivhaus hält das aus. Im Übrigen sind unsere Wohnungen durchaus sehr unterschiedlich: Konstante Temperaturen hat man nicht immer, aber konstant angenehme.

Wärme mit Erneuerbaren

Zunächst aber weiter mit der Energietechnik. Der Fachplaner für die Haustechnik verglich verschiedene Wärmeversorgungskonzepte (BHKW, Wärmepumpen, Erdwärme, Pellets). Für die Betrachtung waren neben Investitionskosten und Betriebsausgaben auch die Fördermittel wichtig, denn gerade die nachhaltigste Lösung forderte recht hohe Anfangsinvestitionen, die sich erst später für Umwelt und Bewohner auszahlen würden. Da wir die Fördermittel beibringen konnten, war die Gruppe gerne einverstanden: Warmwasserversorgung mit Solarthermie kombiniert mit Pelletbrennkessel. Trotz hoher Heizkosten im ersten Jahr (zum Trocknen des Baukörpers) und einiger Startprobleme mit Kamin und Pelletgerüchen hat sich diese Wahl bislang auch bewährt.

Strom solar und ökologisch

Als Klimaschutzsiedlung wollten wir auch unsere Flachdächer möglichst ökologisch nutzen, entweder mit Photovoltaik oder Dachbegrünung. Im Unterschied zur Energietechnik war das kein notwendiges Anliegen. So standen wir jetzt in der Schlange mit vielen anderen wichtigen Wünschen. Es sei denn, wir würden eine eigene Finanzierung aufstellen. Bei sich ständig verschlechternden Rahmenbedingungen der Stromvergütung standen diese Pläne aber zwischendurch sogar fast vor dem Aus.

Dank der beteiligten Solarplaner konnten wir letztlich der Gruppe doch eine wirtschaftliche Lösung präsentieren: Die Modulfläche wurde vergrößert (durch Ost-West-Ausrichtung), Absturzsicherungen neu geplant, und NATURSTROM unterstützte uns dabei, allen Eigentümern ein sinnvolles Versorgungsmodell mit Ökostrom anzubieten. So können wir allen Parteien den gemeinsam erzeugten Solarstrom zu einem dauerhaft günstigen Preis zur Verfügung stellen und gleichzeitig den Kredit zurückzahlen. Das bringt Planungssicherheit für ein Drittel der Stromkosten über mehr als 20 Jahre!

Anschlüsse für ein Elektromobil sind vorgerichtet, ebenso denkbar wäre ein Batteriespeicher für den erzeugten Solarstrom. Dank einer Förderung durch die Stadt Düsseldorf konnten auch einige Dachflächen begrünt werden, insbesondere das gut überschaubare Gemeinschaftshaus.

Genügsam bauen

Von Anfang an gefiel uns der Ansatz der Architekten, durch gemeinschaftliches Wohnen Raum sparen zu können: Flächen teilen, Räume gemeinsam nutzen, und dabei doch jedem so viel Privatraum ermöglichen, wie er braucht. Gerade die kleineren Wohnungen profitieren davon, die Gästewohnung für Verwandte mieten oder Kindergeburtstage im Gemeinschaftshaus machen zu können. Die Waschmaschine steht wahlweise in der eigenen Wohnung oder im gemeinsamen Waschkeller. Auch sind einige Maisonettewohnungen so geplant worden, dass sich die Wohnbereiche abtrennen lassen, wenn die Kinder flügge geworden sind.

Eine (leider absehbare) Erfahrung und Erkenntnis war, dass Energiesparen und Umweltfreundlichkeit nicht unbedingt in dieselbe Richtung laufen. Wir haben beim Energiesparen viel mehr erreicht, als wir uns erhofft hatten, und beim Umweltschutz Federn gelassen – lassen müssen. Ob Styropordämmung mit halogenierten Flammschutzmitteln oder Kunststofffenster aus PVC, umweltfreundlichere Alternativen wären deutlich teurer gewesen und hätten durch keine Förderung annähernd aufgefangen werden können.

Ob aber die komplizierten Anschlussdetails der luftdichten Gebäudehülle in der Baustellenpraxis wie gewünscht umgesetzt werden können? Abgesehen von einmaligen Blower-Door-Tests gibt es kaum eine Verifizierung, ob die energetischen Ziele erreicht und dauerhaft eingehalten werden. Gleichzeitig verlagert man Wärmekosten teilweise in die Stromkosten. Zum Beispiel macht die Lüftungsanlage bei uns etwa 10 Prozent des Wohnungsstroms aus.

Wenn ich dann noch an die graue Energie denke, die in der verbauten Dämmung und komplexen Energietechnik steckt, frage ich mich, ob man nicht mit einem fehlerarmen Low-Tech-Ansatz, ein paar CO2-Sensoren und einer mobilen Heizquelle (für die wenigen wirklich kalten Tage im Jahr) der Umwelt insgesamt einen besseren Dienst erweisen könnte. Simple ist meistens doch best.

Mut machen

Trotzdem haben wir einige umweltfreundliche Ideen verwirklichen können. Und zwar nicht als Leuchtturmprojekt für die Galerie, sondern für zwei Dutzend Familien mit ganz unterschiedlich kleinen Geldbeuteln. Von solchen gemeinschaftlichen Strukturen sollten gerade die Erneuerbaren Energien profitieren. Wohngruppen könnten hierbei für die Bündelung der Nutzer eine wichtige Rolle spielen. Dezentrale Strukturen werden vielleicht bald ganz selbstverständlich Nachbarn mit „Quartiersenergie“ versorgen, durch Vernetzung von Dachflächen, mit Solar- oder Eisspeichern als Nahwärmenetze oder gemeinsamen Fuhrparks.

Ob junge Familien oder ältere Ehepaare, die vom Land in die Stadt zurückziehen – bei jedem Wohnprojektetag scheint die Nachfrage nach gemeinschaftlichem Wohnen größer zu werden. Je gesünder und umweltfreundlicher das Wohnen dabei wird, desto besser für uns alle. Die Energiewende ist nicht nur möglich, sondern sie findet täglich statt – bei ganz normalen Menschen. Zu verschiedenen Gelegenheiten und Veranstaltungen in unserem Gemeinschaftshaus geben wir unsere Wohnideen und Erfahrungen weiter und zeigen: Hier erneuern wir nicht nur unsere eigenen Energien!

Marius Laleike lebt im Düsseldorfer Wohnprojekt QBUS und ist für Energie- und Umweltthemen zuständig. QBUS ist das zweite Wohnprojekt des Vereins „Wohnen mit Kindern e.V.“ Mehr unter www.wohnen-mit-kindern.de

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