Kann der UN-Klimagipfel die Wärmewende einleiten?

Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (Foto: AEE)
Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (Foto: AEE)

Der Wärme­bereich bietet sehr viel Potenzial für den Klimaschutz. Eine kommunale Wärme­ver­sorgung auf Basis von Erneuerbaren Energien sichert die Wertschöpfung und vermeidet Treibhaus­gas­emissionen.

11.01.2016 – Der UN-Klimagipfel von Paris hat im Dezember 2015 Zeichen gesetzt: für den Klimaschutz, für den Ausstieg aus fossilen Energien und für den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Klar ist: Wenn wir ernst machen wollen mit dem in Paris verankerten Ziel, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, muss eine Abkehr von klimaschädlichem Wirtschaften deutlich schneller stattfinden als bislang. Denn die bisherigen Zusagen zum Klimaschutz der Staatengemeinschaft würden die Aufheizung des Planeten laut UN-Klimasekretariat lediglich auf ein Plus von 2,7 Grad Celsius begrenzen - mit den vorhersehbaren katastropalen Folgen für Mensch und Umwelt.

Erneuerbare Energien sind der Schlüssel für erfolgreichen Klimaschutz, und Deutschland bemüht sich um die Transformation der eigenen Energieversorgung. Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Bruttoendenergieverbrauch (Strom, Wärme und Mobilität) lag hierzulande im Jahr 2014 bei 13,5 Prozent. Während Erneuerbare Energien im Stromsektor schon eine entscheidende Rolle spielen, dominieren fossile Energieträger nach wie vor den Wärme- und Verkehrssektor. Hier stagniert der Anteil Erneuerbarer Energien seit Jahren. Doch ohne Verkehrs- und Wärmewende werden sich die Klimaschutzziele nicht erreichen lassen. Im November 2015 hat die Expertenkommission – bestehend aus Prof. Dr. Andreas Löschel, Prof. Dr. Georg Erdmann, Prof. Dr. Frithjof Staiß und Prof. Dr. Hans-Joachim Ziesing – in einer Stellungnahme davor gewarnt, dass das zentrale Ziel der Bundesregierung, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, erheblich gefährdet ist. Um das Ziel noch erreichen zu können, muss das Tempo der Emissionsminderung in den wenigen Jahren bis 2020 mindestens verdreifacht werden. Geeignetes Mittel: Der Ausbau Erneuerbarer Energien.

Der Wärmebereich bietet viel Potenzial für Klimaschutz

Die Versorgung von Gebäuden mit Raumwärme und Warmwasser sowie die Bereitstellung von Prozesswärme für die Industrie machten 2013 rund 58 Prozent des gesamten Endenergiebedarfs in Deutschland aus. Damit hat der Wärmemarkt einen Anteil von rund 40 Prozent an den energiebedingten CO2-Emissionen. Denn der Großteil der Wärmeversorgung in Deutschland wird immer noch mit fossilen Brennstoffen gedeckt. Zudem sind 70 Prozent der 20,7 Millionen Heizungen, die deutsche Wohnungen und Häuser mit Wärme versorgen, veraltet und entsprechen nicht dem Stand der Technik.

Dabei gibt es längst technisch ausgereifte und sehr effiziente Technologien, die nicht nur den Energieverbrauch minimieren, sondern die Energie auch klimafreundlich erzeugen können: Die Möglichkeiten reichen von der Holzpellet-Zentralheizung im Einfamilienhaus oder in der Turnhalle über biogasbetriebene Blockheizkraftwerke, die für Mehrfamilienhäuser Strom und Wärme bereitstellen, bis hin zu Wärmenetzen für ganze Stadtviertel, die aus solarthermischen Anlagen, Erdwärme oder Biomasseheizkraftwerken gespeist werden.

Den Kommunen kommt bei der Wärmewende eine entscheidende Rolle zu. Denn Städte und Gemeinden verfügen über vielfältige Gestaltungs- und Umsetzungsinstrumente, wenn es um den ökologischen Umbau der Energieversorgung vor Ort geht. In vielen Regionen werden bewährte und neue Lösungsansätze bei Planung und Realisierung von Erneuerbare-Energien-Projekten kombiniert, erprobt und dabei wichtige Erfahrungen gesammelt. Es gibt eine Reihe von Kommunen, die bewiesen haben, dass eine Wärmeversorgung mit Erneuerbaren Energien vor Ort wirtschaftlich gesehen viele Vorteile bringt. Werden Schulen, Sporthallen, Wohnquartiere oder Verwaltungsgebäude mit heimischen Erneuerbaren Energien beheizt, dann erweist sich Klimaschutz als lokales Konjunkturprogramm: Ausgaben für Energieträger fließen nicht ins Ausland ab, sondern bleiben in der Region. Allein im Jahr 2012 belief sich die kommunale Wertschöpfung allein aus erneuerbarer Wärme auf mehr als eine Milliarde Euro. Mehr als 21.000 neue Arbeitsplätze wurden in diesem Segment geschaffen, bestehende Arbeitsplätze profitieren ebenfalls – etwa in der Land- und Forstwirtschaft.

Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht die Vorteile, die Erneuerbare Energien für die Wärmeversorgung einer Kommune bringen:

Die bayerische Marktgemeinde Mühlhausen mit ihren 1.700 Einwohnern setzt bei der Wärmeversorgung auf regionale und regenerative Ressourcen. Dabei mach sich die Energiegenossenschaft Bioenergie Markt Mühlhausen eG die Wärme zu Nutze, die bei der Verstromung von Biogas im Blockheizkraftwerk (BHKW) eines Landwirts anfällt. Denn bei der Verbrennung von Biogas werden in der Anlage etwa 350 Kilowatt an thermischer Leistung freigesetzt, die zur Erwärmung von Wasser genutzt werden. Das Wasser wird dann in das örtliche Nahwärmenetz geleitet und versorgt die derzeit 115 angeschlossenen Haushalte mit Wärme zum Heizen und für die Warmwasserbereitung. Um den deutlich höheren Wärmebedarf während der Heizperiode zu decken, betreibt die Genossenschaft zusätzlich einen 950 Kilowatt starken Holzhackschnitzelkessel. Lediglich als Sicherheit für Spitzenlastzeiten steht zudem noch ein Ölkessel in der Heizzentrale bereit. Insgesamt investierte die Genossenschaft rund 2,6 Millionen Euro in die Heizzentrale und das gut 7,5 Kilometer lange Rohrleitungsnetz.

Nahwärmenetze haben den Vorteil, dass sie – bei hinreichend dicht beieinander wohnenden Abnehmern – die Wärme effizienter und damit günstiger verteilen können, als herkömmliche Einzelhausheizungen, die jeden Haushalt separat versorgen. Da die Haushalte lediglich eine kompakte Übergabestation für den Netzanschluss benötigen, kann der Platz für die bisherige Heizungsanlage samt Kessel, Pufferspeicher und Brennstofftank anderweitig genutzt werden. Auch die Pflege-, Wartungs- und Sicherheitsmaßnahmen durch einen Schornsteinfeger entfallen.

Die Nutzung heimischer nachwachsender Rohstoffe ist klimafreundlich, da bei der Verbrennung nur so viel CO2 freigesetzt wird, wie die Pflanzen beim Wachstum aus der Atmosphäre aufnehmen. Sowohl die für den Betrieb der Biogasanlage nötigen Substrate als auch der Brennstoff für den Holzhackschnitzelkessel können in Mühlhausen aus der regionalen Land- und Forstwirtschaft und aus Restholz bereitgestellt werden. Aktionen wie das Einsammeln der Weihnachtsbäume für die Herstellung von Hackschnitzeln durch die Mühlhausener Jugend sensibilisieren und begeistern für den regionalen Klimaschutz.

Das Beispiel Mühlhausen zeigt, dass Erneuerbare Wärme die Potenziale vor Ort nutzt, die lokale Land- und Forstwirtschaft ebenso einbindet wie die Bürger und das Handwerk und so für Wertschöpfungseffekte in der Region sorgt. Anstelle des Imports von Erdöl und Gas stammen die Rohstoffe nun aus dem örtlichen Forst, aus regional anfallenden Abfällen und Reststoffen oder aus den unendlichen Ressourcen von Erde und Sonne. Die Wärmewende schließt lokale Stoffkreisläufe und bringt die Energieerzeugung nah zum Verbraucher. Eine dezentrale Erzeugung ermöglicht dabei die effiziente Nutzung von Strom und Wärme gleichermaßen und bietet damit eine wichtige Schnittstelle für das Zusammenwachsen von Strom- und Wärmemarkt.

Die Agentur für Erneuerbare Energien e.V. (AEE) leistet Überzeugungsarbeit für die Energiewende. Ihre Aufgabe ist es, über die Chancen und Vorteile einer Energieversorgung auf Basis Erneuerbarer Energien aufzuklären - vom Klimaschutz über eine sichere Energieversorgung bis hin zur regionalen Wertschöpfung. Die AEE wird getragen von Unternehmen und Verbänden der Erneuerbaren Energien. Sie arbeitet partei- und gesellschaftsübergreifend.

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