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  • Was macht die Energiewende im internationalen Vergleich so besonders?

Was macht die Energiewende im internationalen Vergleich so besonders?

Craig Morris, Senior Fellow am Institute for Advanced Sustainability Studies und Arne Jungjohann, Politikwissenschaftler und Autor (Links: Craig Morris, Rechts: Arne Jungjohann / © Morris, Jungjohann)
Craig Morris, Senior Fellow am Institute for Advanced Sustainability Studies und Arne Jungjohann, Politikwissenschaftler und Autor (Links: Craig Morris, Rechts: Arne Jungjohann / © Morris, Jungjohann)

Weder der zügige Ausbau der Erneuerbaren Energien noch der Atomausstieg stellen einen deutschen Sonderweg dar. Andere Länder sind längst dabei uns zu überholen.

24.10.2016 – Spätestens seit dem Atomunfall in Fukushima genießt die deutsche Energiewende weltweit große Aufmerksamkeit. Die einen preisen Deutschland als neue grüne Supermacht. Die anderen warnen davor, dass ohne Atomkraft die Lichter ausgingen und die Klimaziele verfehlt würden. Doch weder der zügige Ausbau der Erneuerbaren Energien noch der Atomausstieg stellen einen deutschen Sonderweg dar. Andere Länder sind längst dabei uns zu überholen.

Die beiden ökonomischen Schwergewichte China und die USA investieren Jahr für Jahr Milliarden Dollar in den Zubau von erneuerbare Energien. Chile baut Solarparks, in denen die Kilowattstunde Strom mit 3 Eurocent so günstig produziert wird, dass kein Kohlekraftwerk mithalten kann. Mit dem Umstieg auf die Wind- und Sonnenkraft sind wir also in bester Gesellschaft. Und alle EU-Länder haben einen Atomausstieg, manche einen geplanten, die anderen einen ungeplanten.

Und doch ist die Energiewende in einer Hinsicht einzigartig. Deutschland ist weltweit vielleicht das einzige Land, in dem der Umstieg auf die erneuerbaren Energien zugleich ein Einstieg in die Demokratisierung unserer Energieversorgung bedeutet. Denn nicht etwa die großen Konzerne, sondern viele Bürgerinnen und Bürger, neue Investoren und Kommunen haben die Energiewende vorangetrieben. Seit 1991 genießen immer mehr Bürger das Recht, Strom selbst herzustellen und in die Netze einzuspeisen. Sie haben sich in Genossenschaften zusammengeschlossen, um Projekte gemeinschaftlich zu entwickeln, möglichst viele Bürger zu beteiligen und die Risiken zu streuen.

Im Ausland ist diese Entwicklung nahezu unbekannt. In den USA kämpfen viele Hausbesitzer um das Recht, den Strom ihres Solardachs in das öffentliche Netz einzuspeisen. Die dortigen Energieversorger drohen den Kunden, die sich ein Modul aufs Dach setzen wollen, mit einer monatlichen Zwangsangabe von 50 Dollar oder mehr.

Die Energieversorger bekämpfen nicht nur unliebsame Konkurrenz, die ihnen aus Bürgerwindparks und privaten Solardächern droht. Sie stehen auch auf der Bremse beim Umbau ihres eigenen Kraftwerkparks, der für den Klimaschutz so wichtig ist. Zwar investieren sie mittlerweile auch in Wind- und Sonnenkraft. In seinen Werbebroschüren lobt sich etwa der französische Versorger EdF für sein großes Engagement zum Ausbau der erneuerbaren Energien in Kanada und den USA. Aber in Frankreich fristen die Erneuerbaren weiter an Nischendasein. Die deutschen Konzerne sind nicht viel besser. Auch sie investieren lieber auf Auslandsmärkten als zu Hause, um ihren alten Kohle- und Atommeilern keine Konkurrenz zu machen.

Die alten Stromkonzerne haben mittlerweile begriffen, dass die erneuerbaren Energien nicht länger aufzuhalten sind. Jetzt wollen sie zumindest sicherstellen, dass das Geschäft in ihren Händen bleibt. Bürgerinnen und Bürger drohen dabei außen vorzubleiben. Leider deuten die jüngsten Reformen der Großen Koalition darauf hin, dass die Konzerne in Wirtschaftsminister Gabriel einen hilfsbereiten Partner für ihr Ansinnen gefunden haben. Aber es wäre fatal, die Bürgerenergie abzuwürgen.

Der Brexit, der Aufstieg der AfD und die bislang überraschend erfolgreiche Kandidatur von Donald Trump zeigen, dass sich zu viele Menschen abgehängt fühlen. Sie fühlen sich ohnmächtig, während Politiker und Konzerne auf Krisengipfeln und in Hinterzimmern den Lauf der Dinge regeln. Eine Energiewende in Bürgerhand bietet die große Chance, Bürgerinnen und Bürger zu beteiligen, unsere Kommunen zu stärken und die Energieversorgung zu demokratisieren – in Deutschland und weltweit.

Craig Morris ist Senior Fellow beim Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS). Arne Jungjohann ist Politikwissenschaftler und Autor. Zusammen haben sie das Buch Energy Democracy – Germany’s Energiewende to Renewables geschrieben, das im September 2016 bei Palgrave MacMillan erschienen ist.

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