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„Nur geschwärzte Berichte“

Robert Busch ist Geschäftsführer des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (bne) in Berlin. (Foto: bne)
Robert Busch ist Geschäftsführer des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (bne) in Berlin. (Foto: bne)

Bei der Regulierung des Stromnetzes ist mehr Transparenz nötig. Das fordert Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft. Betreiber berufen sich auf ihr Geschäftsgeheimnis und präsentieren geschwärzte Berichte. Der Roll-out für intelligente Stromzähler werde erst nächstes Jahr beginnen.

09.03.2017 – Herr Busch, ab Herbst 2017 sollen die ersten Verbraucher mit mehr als 10.000 kWh Jahresverbrauch einen Smart Meter bekommen. Was bedeutet das für die Energiewende?

Robert Busch: Wir rechnen mit dem Roll-out erst ab Anfang 2018. Ein Grund: Änderungen in den Preisblättern werden nicht unterjährig, sondern zum Jahresanfang angepasst. Auch sind noch nicht alle Anpassungen in der Marktkommunikation abgeschlossen. Für den Erfolg der Energiewende ist es entscheidend, dass wir insgesamt beim Auf- und Ausbau einer intelligenten Infrastruktur vorankommen. Sie ist notwendig, damit die immer größeren Mengen an wetterbedingt schwankenden erneuerbaren Energiemengen im System gemanagt werden könnten. Das ist übrigens nicht nur eine Hard- oder Softwarefrage, es geht auch darum, Fehlanreize aus der Vergangenheit zu beseitigen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Im aktuellen Netzentgeltsystem haben energieintensive Unternehmen sogar einen Nachteil, wenn Sie ihren Strombezug stärker an Sonne und Wind ausrichten. Das passt nicht mehr in eine Energiewelt, die von erneuerbaren Energien dominiert wird.

Für welche Verbraucher lohnt sich ein Smart Meter überhaupt?

Etwa für die Verbraucher, die einen Speicher oder eine Stromheizung haben oder Gewerbebetriebe, also für diejenigen, die über entsprechende Lastverschiebungspotentiale verfügen. Diese lassen sich bei Bedarf über eine intelligente Vernetzung, etwa in einem virtuellen Kraftwerk, abrufen. Das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende sieht den Einbau daher erst aber einer gewissen Verbrauchshöhe pro Jahr vor. Ein Durchschnittshaushalt ist davon in der Regel nicht betroffen.

Was bedeutet es, wenn die Stromversorgung immer digitaler wird?

Es bedeutet, dass wir in Sekundenschnelle messen und steuern können. In einer Welt, in der nicht mehr wenige Hundert zentrale Kraftwerke sondern Millionen dezentrale Erzeugungsanlagen und auch Speicher die Energieversorgung übernehmen, ist das unumgänglich.

Das Buch Blackout von Marc Elsberg wird ja immer wieder zitiert. Welche Risiken stecken in der Digitalisierung der Stromnetze?

Ich glaube das Risiko ist größer, wenn wir angesichts der Dezentralisierung nicht anfangen, die Energieströme genauer zu erfassen und zu steuern und alles unkontrolliert im Netz geschehen lassen. Dezentralisierung und Digitalisierung des Energiesystems müssen Hand in Hand gehen. Und natürlich müssen wir entsprechende Vorkehrungen treffen, etwa was Angriffe von außen angeht. Dennoch liegen darin auch Chancen, gerade dieses Szenario zu verhindern. Eine dezentralere, speicherunterstützte Erzeugung ist im Zweifel robuster zu gestalten als große zentrale Systeme.

Sind wir mit dem aktuellen BSI-Profil ausreichend vorbereitet?

In denke schon. Das BSI-Schutzprofil bietet einen sehr hohes Schutzniveau, das sich nur knapp unter dem Niveau zum Schutz militärischer Anlagen bewegt. Kein Smartphone, das viele ja etwa für Internetbanking nutzen, kann da mithalten. Das hohe Schutzniveau und die Auflagen an die Geräte sind ja auch der Grund dafür, warum es nun etwas länger dauert und die Geräte etwas teurer sind.

Was macht Deutschland bei der Einführung der neuen Zähler plus Gateway anders, als es Länder wie beispielsweise Schweden oder Italien es vorher gemacht haben?

In Italien etwa, ging es beim Rollout vor allem darum, Stromklau einzudämmen, es hatte also nicht viel mit Energiewende zu tun. Dort wurden letztendlich nur digitale Zähler eingebaut, und keine intelligenten Messsysteme mit einem Gateway. In Deutschland brauchen wir diese, wenn wir angesichts der stetig wachsenden Anteile an erneuerbaren Energien nicht nur messen, sondern auch Daten auswerten und steuern wollen.

Ihr Verband setzt sich für mehr Wettbewerb im Strommarkt ein. Beim Einzelhandel mit Strom funktioniert der Wettbewerb schon ganz gut, würden Sie dem zustimmen?

Ja, im Großen und Ganzen hat sich der Wettbewerb auf dem Endkundenmarkt gut entwickelt, das zeigen unter anderem die jährlichen Monitoringberichte der Bundesnetzagentur. Überall in Deutschland können die Verbraucher unter Dutzenden Anbietern auswählen. Die übergroße Mehrheit der Anbieter agiert dabei absolut seriös. Verwunderlich ist daher, dass immer noch ein Drittel der Stromkunden im teuren Grundversorgungstarif stecken, obwohl sie mit einem Wechsel sofort Hunderte Euro sparen könnten. Wenn man sich allerdings den Heizstrommarkt anschaut, sieht die Sache ganz anders aus: 95 Prozent der Kunden sind hier laut Netzagentur noch beim Grundversorger gebunden. Hier fehlt es an bundesweiten Standards, um den Wettbewerb zu ermöglichen.

Die niedrigen Börsenstrompreise werden allerdings von den Versorgern nicht an die Haushalte weitergeben. Wie kann mehr Wettbewerb in den Großhandel gebracht werden und auch Haushalte von den niedrigen Preisen profitieren?

Das sehe ich nicht so, in der Regel geben die Lieferanten sinkende Einkaufspreise weiter. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Strompreis zu 80 Prozent aus fixen Abgaben Umlagen und Entgelten besteht, denen sie als Verbraucher nicht entfliehen können. Das bedeutet, dass jeder eingesparte Cent beim Einkauf sofort wieder aufgefressen wird von diesen Kosten. Der größte Posten sind die Netzentgelte, die mit über 7 Cent pro Kilowattstunde die EEG-Umlage als teuersten Bestandteil der Rechnung abgelöst haben.

Die Netze stellen natürliche Monopolstrukturen dar. Wie könnte mehr Wettbewerb in den Transport von Strom kommen?

Es wird sicherlich niemand anfangen, parallele Netze aufzubauen. Was wir in erster Linie brauchen ist mehr Transparenz bei der Netzregulierung. Wenn Sie erfahren wollen, wie sich die Netzentgelte eines Betreibers zusammensetzen, erhalten sie bislang nur geschwärzte Berichte. Die Betreiber begründen das mit dem Geschäftsgeheimnis, was es aber im Monopol natürlich nicht geben kann. Wer seine Daten verheimlicht, setzt sich dem Verdacht aus, dass er eventuell irgendwelche Kostenposten hin und herschiebt oder vielleicht bei der Rendite trickst. Wir begrüßen es daher sehr, dass die Bundesnetzagentur im Februar endlich angefangen hat, die Netzbetreiberdaten zu veröffentlichen. Nur so lässt sich mehr Transparenz herstellen. Neben Transparenz ist natürlich auch die hemmende Entgeltstruktur im Netz aufzulösen. Wir haben hier umfangreiche Verbesserungsvorschläge vorgelegt, wie etwa unser Konzept zur dezentralen Flexibilitätsvermarktung. Hier besteht dringender Anpassungsbedarf!

Wird Innovation im Stromnetz für die Netzbetreiber ausreichend gefördert und honoriert?

Es gab mit der Reform der Anreizregulierungsverordnung zwar Fortschritte, aber letztendlich lohnt es sich für Netzbetreiber immer noch mehr in simple teure Kabel statt in Netzintelligenz zu investieren. Das ist sicherlich nicht sinnvoll. Zudem ist offensichtlich, dass die über 900 Klein- und Kleinstbetreiber auf Verteilnetzebene mit den Anforderungen durch die Energiewende überfordert sind.

Was schlagen Sie vor?

Was wir brauchen sind 20 bis 25 regionale Netzcluster, in denen diese Verteilnetzbetreiber ihre Betriebsführung gemeinsam organisieren, ohne dass sie dafür etwa ihr Eigentum an der Infrastruktur aufgeben müssten. Diese Idee findet ja mittlerweile breiten Anklang, etwa in der jüngsten Studie der Agora Energiewende, in der sogenannte Stromregionen gefordert werden.

Das Interview führte Niels Hendrik Petersen.

   

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Jürgen Pöschk
Initiator Berliner ENERGIETAGE
Herausgeber des Jahrbuchs „Energieeffizienz in Gebäuden“

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