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Energiewende –The American Way

Solardecathlon 2009 in Washington, D.C., letzte Solarpanels für das Solarhaus des Teams Deutschland werden montiert. (Foto: ©  Stefano Paltera / US Dept . of Energy Solar Decathlon, CC BY-ND 2.0)
Solardecathlon 2009 in Washington, D.C., letzte Solarpanels für das Solarhaus des Teams Deutschland werden montiert. (Foto: © Stefano Paltera / US Dept . of Energy Solar Decathlon, CC BY-ND 2.0)

Die Erneuerbaren werden zum öko­nomischen Erfolgs­faktor und dennoch ignoriert ein halbes Land die Um­wälzungen auf dem Energie­markt. In den USA herrscht vor allem eines: Uneinigkeit, auch und besonders in Sachen Energie­wende und Klima­schutz. Mit einem Präsidenten Donald Trump wird sich das noch verstärken.

19.11.2016 – In Washington herrsche auf politischer Ebene Krieg, insbesondere im US-Kongress, erzählen zahlreiche Beobachter in der US-amerikanischen Hauptstadt. Demokraten und Republikaner blockieren sich gegenseitig in den beiden Kammern des Parlaments, zudem verhindern die im Kongress überlegenen Republikaner nahezu sämtliche Ambitionen des US-Präsidenten. Das betrifft nicht nur die Themen Energie und Klimaschutz, dort treten die unterschiedlichen Auffassungen aber besonders deutlich zu Tage. Während Barack Obama versucht, auf den letzten Metern seiner Amtszeit noch sein politisches Erbe im Kampf gegen den Klimawandel zu sichern, blocken die Republikaner ab. Bis auf den Clean Power Plan des US-Präsidenten und seiner Umweltbehörde EPA mit der ehrgeizigen Chefin Gina McCarthy. Der republikanisch dominierte Kongress hat ihr zwar die Haushaltsmittel drastisch gekürzt, das scheint die Expertin für Umweltgesundheit und Luftverschmutzung aber nur noch mehr anzutreiben.

Wenig ambitionierte Klimaschutzpläne

Obama beruft sich mit dem Clean Power Plan (CPP) auf die Pflicht der Umweltbehörde, die Luftreinhaltung und den Schadstoffausstoß in den USA zu überwachen und Maßnahmen einzuleiten. Da CO2 als Schadstoff definiert ist muss die EPA handeln, ohne dafür die Zustimmung des US-Parlaments einzuholen. Der Klimaschutzplan verpflichtet die US-Bundesstaaten zu Emissionseinsparungen und lässt ihnen zum Erreichen der Ziele viel Freiraum. Ob die Vorgaben durch mehr Erneuerbare Energien, Erdgas oder Atomenergie, eine verbesserte Energieeffizienz, Emissionshandel oder andere Maßnahmen erreicht werden, ist zweitrangig. Zu ambitioniert sind die Ziele aus europäischer Sicht ohnehin nicht, zumal Atomenergie und Erdgas – dazu zählt auch Frackinggas – als saubere Energieformen gelten. Dennoch ist die erste landesweite Klimaschutzmaßnahme im Energiesektor ein wichtiger Schritt.

Fracking-Gas statt Kohle

Obamas Klimaschutzplan wird in erster Linie alte Kohlekraftwerke treffen, da sind sich Experten wie der Energieanalyst Jeremy Richardson von der renommierten NGO Union of Concerned Scientists (UCS) sicher. Die US-Kohleindustrie befindet sich ohnehin seit einigen Jahren in der Krise. Die großen Kohleregionen der USA leiden spätestens seit dem Fracking-Gas-Boom ab den späten 2000er Jahren unter den Veränderungen. „Der US-Energiemarkt befindet sich in einem gewaltigen Umbruch“, berichtet Richardson. „Und der Clean Power Plan wird diese Entwicklung beschleunigen.“ Ein starker Preisverfall macht die Kohleförderung zudem immer unwirtschaftlicher. Das zeigt sich nicht nur bei der Förderung, sondern auch der Verstromung von Kohle. Nach offiziellen Angaben der U.S. Energy Information Administration (EIA) sind die Kohlekraftwerkskapazitäten seit 2011 um 15 Prozent zurückgegangen, von 317 Gigawatt (GW) Ende 2010 auf 276 GW im April 2016. Gleichzeitig hat die Stromproduktion in Gaskraftwerken Kohle überholt und wird Schätzungen zufolge 2016 neue Rekordwerte erreichen.

Wirtschaftlichkeit steht vor Klimaschutz

Doch noch eine andere Energieerzeugungsart macht der Kohle zu schaffen. Die Erneuerbaren Energien haben den endgültigen Durchbruch geschafft, bestätigt Energieanalyst Richardson. Andere sind noch euphorischer: „Die Entwicklungen im Stromsektor werden in Zukunft schneller gehen als wir uns heute vorstellen können“, schätzt Greenpeace-Energieexperte Kyle Ash, der für die US-Organisation in Washington das politische Geschehen in der amerikanischen Hauptstadt begleitet. „Ich denke, 2050 könnten wir schon bei 100 Prozent sauberem Strom sein.“ Das aus europäischer Sicht Verwunderliche daran: Bei vielen Marktakteuren und Politikern steht nicht der Schutz von Menschen, Natur und Klima im Mittelpunkt, sondern die Wirtschaftlichkeit. Im Land des nahezu ungezügelten Kapitalismus kann offenbar nur Erfolg haben, was günstig ist. Und das sind vor allem die Solar- und Windenergie.

In den besonders sonnigen und windreichen Regionen der USA haben diese längst andere Energieerzeugungsarten überholt. In Texas werden Strommengen aus neuen Solarparks für 5 Cent je Kilowattstunde verkauft, im Norden des Bundesstaats befindet sich in den Great Plains die größte installierte Windkraftkapazität der USA. Hier zeigen sich besonders deutlich die starken Gegensätze und das Paradox der Energiewende in den USA. Denn Texas, seit jeher Heimat der Öl- und Gaskonzerne, klagt mit mehreren anderen Bundesstaaten gegen den CPP von US-Präsident Obama vor dem Supreme Court. Gleichzeitig boomen dort die Erneuerbaren Energien, um Klimaschutz kümmert sich hier dennoch niemand. Es geht um die günstigste Art der Energieerzeugung, mehr steckt kaum dahinter. Und so traurig diese Aussage klingen mag, zeigt die gesamte Entwicklung die enormen Vorteile und Potenziale der regenerativen Energien auf. Die USA mit ihren weiten, kaum bevölkerten Landstrichen, mit ihren windreichen Regionen in den Great Plains und Rocky Mountains sind wie gemacht für Windenergie und die Wüstenregionen bieten riesigen Solarparks ideale Bedingungen. Hinzu kommen Millionen von Hausdächern, die darauf warten, erschlossen zu werden. Auch hier boomt der Markt, weil es sich wirtschaftlich rechnet.

US-Präsident Barack Obama mit Vice President Joe Biden im Gespräch mit CEO Blake Jones von Namaste Solar Electric, Inc., auf dem mit Solar Panels bestückten Dach des Denver Museum of Nature and Science in Denver, Col., Feb. 17, 2009. (Foto. Wikimedia Commons / Public domain / Official White House Photo by Pete Souza)

Solares Zugpferd Kalifornien

Bei genauerer Betrachtung zeigen sich allerdings wieder große Unterschiede. Denn gerade im Segment der Photovoltaik-Aufdachanlagen sind die regulatorischen Vorgaben wichtig. Zuständig sind insbesondere die einzelnen Bundesstaaten, die im föderalen System der USA mehr Macht besitzen als die deutschen Bundesländer. Spitzenreiter in nahezu allen Kategorien, wenn es um Erneuerbare Energien und Energiewende geht, ist Kalifornien. Der wirtschaftlich stärkste Bundesstaat der USA und Heimat der mächtigen Tech-Unternehmen im Silicon Valley hat sich die Energiewende schon seit Jahren auf die Fahne geschrieben – auch die Republikaner ziehen hier mit. Durch sogenannte Renewable Portfolio Standards (RPS) werden alle Energieversorger zu einem bestimmten Anteil Erneuerbarer Energien an ihrem Strommix verpflichtet, bis 2030 sollen mindestens 50 Prozent erreicht werden. Derzeit sind es gut 25 Prozent. In kaum einer anderen Region der Welt sieht man mehr E-Autos auf der Straße, auch der Elektroauto-Pionier Tesla stammt natürlich aus Kalifornien. Spätestens 2025 soll das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen und durch Erneuerbare Energien und mehr Energieeffizienz ersetzt werden. Bis 2030 will der Westküsten-Bundestaat seine Treibhausemissionen gegenüber 1990 um 40 Prozent verringern.

Auch im Nordosten der USA gibt es Bundesstaaten, die die Wende versuchen. Dort geht insbesondere New York voran, wenn auch nicht ganz so ehrgeizig wie Kalifornien und mithilfe der Atomenergie. Einige kleinere Neuenglandstaaten sind ebenfalls dabei, zudem will Hawaii bis 2045 eine vollständig saubere Stromerzeugung erreichen. Aufgrund ihrer Größe erhalten die kleinen Bundestaaten in der US-Politik allerdings kaum Beachtung. Im Nordosten und im Westen der USA haben sich außerdem Regionen für einen eingeschränkten Emissionshandel gebildet, der aber nur Emissionen aus der Energieerzeugung berücksichtigt. Wieder einmal ist es einzig Kalifornien, das ein Emissionshandelssystem unter Einbeziehung der nahezu gesamten Industrie betreibt.

Blockade der Südstaaten

Den engagierten Bundessaaten stehen größtenteils republikanisch geführte Kohle-, Öl- und Gas-Staaten insbesondere aus dem Süden der USA entgegen, die mit allen Mitteln Klimaschutzmaßnahmen und Emissionsgrenzen bekämpfen. Angeführt von Texas und den Kohlestaaten Kentucky und West Virginia haben sie den Clean Power Plan vor dem Supreme Court gestoppt, eine endgültige Entscheidung über dessen Rechtmäßigkeit wird erst 2017 erwartet. Experten in Washington erwarten allerdings, dass der Plan in Kraft treten kann. „Obamas Klimaschutzplan steht auf sicheren Füßen, die geltenden Gesetze verpflichten die Umweltbehörde EPA zur Regulierung der CO2-Emissionen“, erklärt Richardson.

Förderung vom Militär

Eine auf den ersten Blick unerwartete Unterstützung erhalten die Erneuerbaren Energien vom US-Militär, immerhin einer der größten Stromverbraucher des Landes. Die sichere und gleichzeitig günstige Stromerzeugung spielt für die US-Armee eine entscheidende Rolle und kann im Ernstfall die Überlegenheit sichern. Tatsächlich sind die Kosten für die Versorgung der Militärbasen und Truppen in abgelegenen Weltregionen wie Afghanistan sehr teuer. Jede eingesparte Tonne Öl oder Diesel rentiert sich enorm, weshalb das Militär vor allem auf Solarenergie in den Stützpunkten setzt und aufgrund der Flexibilität mit Biomasse experimentiert. Zudem ist das Militär um die unabhängige Versorgung seiner Basen bemüht, falls Stromnetze ausfallen oder sabotiert werden. Deshalb setze die Armee insbesondere auf Solarenergie, Speicher und Microgrids, erzählt Energieanalyst Richardson.

Auch nicht sicherheitsrelevante Militärstandorte werden erneuerbar gemacht. In Maryland und Colorado wurden erst kürzlich zwei große Wohn- und Gemeinschaftszentren des Militärs mit Solaranlagen versehen, die mehrere tausend Wohneinheiten versorgen. Bereits 37 Solaranlagen wurden nach diesem Modell an Militärstandorten errichtet. Die Motivation der Verwaltung ist die Wirtschaftlichkeit: Der Solarstrom ist einfach günstiger als der örtliche Stromversorger. Durch solche Beispiele, die überall im Land zu beobachten sind, sehen NGO-Analyst Richardson und Greenpeace-Experte Ash ein Momentum für Wind- und Solarenergie in den USA gekommen. Sie prophezeien insbesondere der Solarenergie in Verbindung mit Batteriespeichern in den nächsten Jahrzehnten eine explosionsartige Verbreitung– besonders aufgrund der weiter sinkenden Kosten.

Erneuerbare nicht mehr aufzuhalten

Ob mit oder ohne Clean Power Plan, die Erneuerbaren Energien scheinen in den USA kaum mehr aufzuhalten sein, auch wenn Kohle und Gas noch lange den Strommix dominieren werden. Beide fossile Energien führen mit jeweils 33 Prozent Anteil die Stromerzeugung in den USA an. Aus Atomenergie werden derzeit 20 Prozent des Stroms gewonnen. Die Erneuerbaren kommen zwar aktuell nur auf 13 Prozent, davon 6 Prozent Wasserkraft. Bei den neu installierten Kapazitäten hat die Windenergie aber bereits die Führung übernommen und 2015 sogar Gaskraftwerke hinter sich gelassen, dicht gefolgt von der Solarenergie. Die Zahlen sprechen für sich: 2015 wurden in den USA 8,6 Gigawatt (GW) neue Windenergiekapazitäten gebaut, beim Solarstrom waren es 7,3 GW. Das Marktforschungsunternehmen GTM Research und der Photovoltaikverband SEIA sagen für 2016 sogar ein Wachstum von 119 Prozent voraus – 16 GW neue Photovoltaik-Leistung. Die Energiebehörde EIA geht in ihrem neuesten Ausblick davon aus, dass die regenerativen Erzeugungsarten 2020 die Atomenergie überholen werden, 2028 dann die Kohle. Der US-Energiemarkt ist im vollen Umbruch, die Gewinner heißen Erdgas und Erneuerbare Energien.

Die Recherche in den USA wurde durch das Transatlantic Climate & Energy Media Fellowship der Heinrich-Böll-Stiftung Nordamerika ermöglicht.

   

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Jürgen Pöschk
Initiator Berliner ENERGIETAGE
Herausgeber des Jahrbuchs „Energieeffizienz in Gebäuden“

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