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Ende Gelände – Augenzeugen berichten

Die Blockadeaktion Ende Gelände fand am Pfingswochenende 2016 in der Lausitz statt. (Foto: Tim Wagner, CC BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/breakfree2016/26386551274)
Die Blockadeaktion Ende Gelände fand am Pfingswochenende 2016 in der Lausitz statt. (Foto: Tim Wagner, CC BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/breakfree2016/26386551274)

Am Freitag, dem 13. Mai Punkt zwölf ging es los! Wir sind über 3.000 Menschen, die sich während der letzten Tage im Lausitz Camp gesammelt hatten, nun nahmen wir in drei Gruppen Kurs auf den Braukohletagebau „Welzow Süd“. Augenzeugen berichten vom Protest gegen Braunkohletagebau in der Lausitz.

27.05.2016 – In weißen Overalls bekleidet liefen wir begleitet von Musikergruppen bei bester Stimmung die Landstraße entlang und skandierten in Sprechchören „What do we want? – Climate Justice!“ oder „No border – No nation – No coal power station“. Nach 20 Minuten bog unsere unüberschaubar lange Schlange auf schmale Waldwege ab.

Ohne jeglichen Kontakt mit der Polizei erreichten wir nach gut eineinhalb Stunden Fußmarsch die Kante der Braunkohlegrube – eine Mondlandschaft, das Ende kaum sichtbar. Allerdings nur wenige hundert Meter entfernt ein riesiger Schaufelradbagger, der direkt auf dem Braunkohleflöz stand. In der Ferne ein noch weitaus größerer Abraum-Schaufelradbagger, der die Landschaft aufreißt und abbaggert bis die Braunkohleflöze freiliegen.

Wir stiegen in die Grube hinab und begonnen, den riesigen Kettenantrieb des Baggers zu erklimmen. Wir brauchten zahlreiche Treppen und Leitern, um schließlich auf dem Dach des Baggers anzukommen. Transparente, Fahnen und Banner wurden gehisst. Viele von uns legten sich danach einfach in die Sonne und genossen diese erste erfolgreiche Blockadeaktion!

Die Polizei blieb der Aktion weiter fern – im Vorfeld kursierte die Aussage der Polizei, dass man „nicht der Babysitter von Vattenfall sei“. Einzig zwei Mitarbeiter von Vattenfall hatten sich freiwillig gemeldet, um „ihren“ Schaufelradbagger zu beschützen. Die beiden mussten sich freundlichen aber überaus kontroversen Diskussionen mit einigen von uns stellen.

Zurück im Camp versammelten wir uns nach einem ausgiebigen Abendessen im Zirkuszelt zum Plenum, auf dem die Aktionen für den nächsten Tag besprochen wurden. Der Plan alle drei Gleisstrecken zum Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ sollten blockiert werden, um den Nachschub mit Kohle zu unterbrechen. Dazu sollten wir am Morgen aufbrechen – zu Fuß, per Rad und mit dem Bus. Mindestens eine Gruppe von uns sollte die Gleise erreichen.

Bereits am Nachmittag hatten Aktivisten eine über 800 kg schwere Pyramide auf den Gleisen platziert und durch Selbstankettungen die Gleise stillgelegt. Somit war bereits einer der drei zum Kraftwerk führenden Gleisstrecken blockiert!

Unsere Fahrrad-Gruppe setzte sich in den Morgenstunden in Bewegung und erreichte schon nach einstündiger Fahrt das Ziel. Fahrräder abstellen und hinauf auf die Gleise – Gleis zwei war besetzt!!

Endegelände-GleiseDie riesige Bus-Fußgänger-Gruppe blockierte schließlich das dritte und letzte Zubringergleis. Die busfahrende Gruppe stieg noch etwas näher am Kraftwerk aus und blockierte zusätzlich den Verladebahnhof. Das Aktionsziel war erreicht: Wir hatten das Kraftwerk von der Versorgung mit neuer Braunkohle angeschnitten!

Bereits vor einigen Stunden hatte Vattenfall begonnen, die Leistung des Kraftwerks zu drosseln. Entsprechend stieg aus einem der zwei Kühltürme deutlich sichtbar weniger Dampf auf. Doch nun stellte sich die Frage: Wieviel Kohle hatte Vattenfall direkt am Kraftwerk eingelagert? Wann muss Vattenfall das Kraftwerk tatsächlich komplett herunterfahren? Nach Stunden oder erst nach Tagen? Nach Diskussionen und Beratungen, entschlossen sich 300 Aktivisten auf das Gelände des Kraftwerks vorzudringen. So sollte die vollständige Abschaltung erzwungen werden und ein eindrückliches Symbol für den Klimaschutz gesetzt werden.

Nach kurzem Fußmarsch wurde das Kraftwerkstor erreicht und fast spielend überwunden. Auf der anderen Seite sammelten sich die Aktivisten und folgten langsam aber euphorisch der mitgekommenen Samba-Band. Doch dann wurde es unruhig.

Ein knappes Dutzend Polizeifahrzeuge brauste auf das Gelände, Polizisten in Kampfmontur entstiegen und setzen Schlagstöcken und Pfefferspray ein. Panik machte sich breit und viele drängten in Richtung Ausgang. Über 100 Demonstranten wurden eingekesselt und schließlich in verschiedenen Haftanstalten gebracht. Zahlreiche von ihnen berichteten von massiven Verstößen und nicht rechtskonformer Behandlung durch die Polizei. (Hier ein eindrücklicher Bericht)

An den restlichen Blockadepunkten machten sich viele von uns wieder auf den Rückweg ins Camp, viele richteten sich jedoch auch für die Übernachtung auf den Gleisen ein. Wir versorgten sie mit warmen Essen, Isomatten, Schlafsäcken und Decken trotzdem wurde es eine ungemütliche kalte Nacht, dankbar wurden die wärmenden Sonnenstrahlen am nächsten Morgen begrüßt.

Am Montag wurde schließlich um 15 Uhr das offizielle Ende der Massenblockaden verkündeten und bis zum Abend kehrten wir stolz ins Camp zurück und wurden dort unter riesigem Jubel empfangen. Beim abendlichen Abschlusstreffen feierten wir den wahnsinnigen Erfolg der gemeinsamen Aktionen. Alle einzelnen Gruppen, das Küchenteam, die Rechtshilfe, das Presseteam, das Infoteam, die Sanitäter, das Team zur Toilettenreinigung und die gesamte Camp- und Aktionskoordinierung wurden bejubelt!

Das überaus erfolgreiche – ja sogar alle Erwartungen übertreffende erfolgreiche Aktions- Camp neigte sich hiermit seinem Ende entgegen.

Zahlreiche Kamerateams, Journalisten, Radiomoderatoren – selbst die Bild Zeitung war vertreten – und ebenso Medienvertreter aus zahlreichen anderen europäischen Ländern haben über die Aktionenen berichtet. Das Pressecho war gewaltig. Insgesamt über 200 Artikel in Zeitungen, Online-Medien, Radio und Fernsehen (u.a. Tagesschau und ZDF), davon über 40 in der internationalen Presse wurden gezählt.

Somit haben wir mit Ende Gelände ein weiteres Zeichen für den dringend notwendigen und umgehenden Ausstieg aus der Kohleverstromung erfolgreich gesetzt:
+++ Braunkohletagebau? NEIN! – HIER IST ENDE GELÄNDE!!! +++

Der Text ist eine Zusammenfassung verschiedener Augenzeugenberichte, die meisten der Interviewten bestanden auf der Wahrung Ihrer Anonymität. Um diesem Wunsch zu entsprechen und dennoch einen flüssigen und gut verständlichen Text zu produzieren, wurde die „Wir-Form“ als Erzählperspektive gewählt.

Der Text ist zuerst erschienen auf dem Blog Umweltzone Berlin des BUND-Landesverband Berlin. Eine Langfassung des Textes gibt es hier.


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