Divestment-Bewegung nimmt weltweit Fahrt auf

Die Investitionen in fossile Energien sind immer noch auf einem sehr hohen Niveau. Jedoch schließen sich zunehmend mehr Institutionen der Divestment-Bewegung an. (Foto: SD-Pictures / pixabay.com, CC0 Public Domain)
Die Investitionen in fossile Energien sind immer noch auf einem sehr hohen Niveau. Jedoch schließen sich zunehmend mehr Institutionen der Divestment-Bewegung an. (Foto: SD-Pictures / pixabay.com, CC0 Public Domain)

Immer mehr Fonds und Institutionen ziehen ihr Geld aus klimaschädlichen, fossilen Energien ab. Trotzdem sind die Investitionen in Erdöl und Gas etwa doppelt so hoch wie die in Erneuerbare Energien. Eine globale Divestment-Kampagne will das ändern.

05.05.2017 – Mit dem heutigen Tag startet die global angelegte Divestment-Kampagne „Fossil Free Europe“ der Klimaschutz-Organisation 350.org. Bis zum 13. Mai werden dabei täglich auf der ganzen Welt verschiedene Aktionen rund um das Thema Divestment stattfinden. Seit Jahrzehnten bremsen Kohle-, Öl- und Gaskonzerne Klimaschutzbemühungen immer wieder aus und werden dabei oftmals noch durch staatliche Investitionen unterstützt. Ähnlich wie viele andere Umweltorganisationen fordert 350.org daher zum Divestment in entsprechende Unternehmen auf.

Der Begriff Divestment beschreibt dabei genau das Gegenteil von einem Investment, Geld wird also abgezogen statt investiert. Mit dem Ziel den politischen Einfluss sowie die wirtschaftliche Relevanz der Kohle-, Öl- und Gasindustrie zu schwächen, werden diesen Unternehmen Geldmittel entzogen. Dadurch soll die fossile Energiebranche auch ihren moralischen Rückhalt in der Gesellschaft verlieren. Sinkt in der Bevölkerung erst einmal die Akzeptanz für derartige Investitionen, sinkt auch die politische Motivation fossile Energieträger weiter zu unterstützen.

5,45 Billionen US-Dollar Divestments

Innerhalb der Divestment-Bewegung haben inzwischen über 700 Institutionen einen Betrag von etwa 5,45 Billionen US-Dollar sowie über 58.000 Privatpersonen rund 5,2 Milliarden US-Dollar aus Kohle-, Öl- und Gaskonzernen abgezogen. Neben Regierungen und Bildungseinrichtungen sind vor allem kirchliche und wohltätige Organisationen die Spitzenreiter der Divestment-Bewegung.

Dabei führen die USA, Großbritannien und Australien das „Fossil Free“-Länderranking an. Mehr als ein Drittel aller gelisteten Organisationen sind in den Vereinigten Staaten ansässig. Auffällig wenig Bewegung ist dagegen in Deutschland zu erkennen. Von der langen Liste stammen gerade einmal elf Divestment-Verpflichtungen aus der Bundesrepublik. Trotzdem finden sich auch hierzulande vorbildliche Divestment-Pläne.

Versicherer orientieren sich neu

So kündigte mit dem deutschen Allianz-Konzern im November 2015 einer der größten Versicherer der Welt an, seine Kohle-Investitionen künftig deutlich einzuschränken. Bergbau- und Energieunternehmen sollten demnach leer ausgehen, wenn sie mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes oder ihrer Energieerzeugung aus Kohle genieren. Das Investitionsvolumen von etwa vier Milliarden Euro sollte dafür in die Windenergie-Branche gesteckt werden.

Vor kurzem gab nun auch der weltweit agierende Versicherungskonzern Axa bekannt, dass all jenen Unternehmen keine Versicherungen mehr angeboten werden, die mehr als die Hälfte ihres Umsatzes mit Kohle generieren. Da der Bau von Kohlekraftwerken jedoch nur mit umfangreichen Versicherungspolicen durchgeführt werden kann, ist auch dieser Schritt ein wichtiger Meilenstein für die Divestment-Bewegung.

Norwegens große Divestment-Pläne

Neben großen Versicherungen gibt es aber auch ganze Volkswirtschaften, die sich allmählich von dem Geschäft mit der Kohle lossagen wollen. Mit seinen Divestment-Plänen gilt Norwegen dabei als ein Vorbild für zahlreiche andere Länder. Bereits 2015 entschied das norwegische Parlament, dass der staatliche Pensionsfonds – immerhin der größte Staatsfonds der Welt – Anlagen im Wert von umgerechnet rund 7,7 Milliarden Euro aus insgesamt 122 Kohleunternehmen verkaufen sollte. Man wollte nicht mehr in Unternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihrer Stromproduktion oder Einkünfte mit Kohle erzeugen.

Foto: stevepb / pixabay.com, CC0 Public Domain

Inzwischen haben jedoch mehrere Umweltverbände kritisiert, dass Norwegens Divestment-Pläne noch längst nicht vollendet sind. Rund die Hälfte der versprochenen Verkäufe seien noch nicht durchgeführt worden und nach wie vor gebe es viele Investitionen in Unternehmen, die Kohleminen oder -kraftwerke betreiben.

Berlin schließt sich Divestment-Bewegung an

Ein weiteres prominentes Beispiel der Divestment-Bewegung findet sich in der Bundeshauptstadt wieder. Ende Juni 2016 beschloss das Abgeordnetenhaus fast einstimmig, alle öffentlichen Gelder aus fossilen Unternehmen abzuziehen und damit Investitionen auszuschließen, die dem Ziel der Klimaneutralität widersprechen. Betroffen waren davon auch Anteile an RWE, E.ON und Total.

Weltweit haben sich aktuell bereits über 70 Städte dazu entschieden, ihre Investments in Unternehmen der fossilen Branchen zu beenden. Neben Oslo, Kopenhagen, Paris, Melbourne oder Stockholm hatten sich auch zwei weitere deutsche Städte zum Divestment verpflichtet. Münster entschied schon im November 2015 seinen Ausstieg aus fossilen Investments, Stuttgart im Juli 2016.

Ethisch-ökologischer Aktienindex

Jedoch gibt es in der Divestment-Bewegung auch Engagement, das dem Finanzbereich zugeordnet werden kann. So soll ein neuer ethisch-ökologischer Aktienindex den Weg für Beamtenpensionen ebnen, ohne dass diese dabei weiter auf Investitionen in Kohle, Öl und Gas angewiesen sind. Dadurch soll es Bundesländern, Städten und Kommunen erleichtert werden, Divestment zu betreiben.

Die Pensionen der Länder werden von der Bundesbank verwaltet. Zukünftig wird das Geld des Landes Berlin, das auch den Auftrag für den Index gegeben hat, nur noch nach den gewünschten Kriterien angelegt. Damit wird Berlin als erstes Bundesland seine Versorgungsrücklagen für Beamtenpensionen mit einem Umfang von rund 823 Millionen Euro umschichten.

„Wir rufen alle Bundesländer auf, dem Berliner Beispiel zu folgen“, sagt Mathias von Gemmingen von Fossil Free Berlin. „Die Bundesländer stehen in der Verantwortung, ihre Klimaschutz-Bekenntnisse auch zu beweisen und finanziell aus der Kohle-, Öl- und Gasindustrie auszusteigen. Investitionen in Unternehmen, die den Klimawandel weiter anheizen, sind mit dem Pariser Klimaabkommen unvereinbar.“

Investitionen in fossile Energien immer noch auf hohem Niveau

Trotz aller Bemühungen ist der Weg für die globale Divestment-Bewegung aber immer noch sehr weit. So sind allein die Investitionen in die fossile Erdöl- und Gasförderung mehr als doppelt so hoch wie die Investitionen in Erneuerbare Energien, zeigt ein Bericht der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). „Das Umlenken von Geldströmen von fossilen in die Erneuerbare Energien muss rasch an Fahrt gewinnen, wenn wir die globalen Klimaschutzziele erreichen wollen“, mahnt AEE-Geschäftsführer Philipp Vohrer daher.

Im vergangenen Jahr seien die Investitionen in Erneuerbare-Energien-Anlagen auf knapp 242 Milliarden US-Dollar gesunken. Die Experten der AEE begründen dies zum einen mit der Kostensenkung der Erneuerbaren, aber auch mit dem verlangsamten Ausbautempo in wichtigen Schlüsselländern. Bereits 2015 hatten dagegen die Investitionen in die Erschließung von Öl- und Gasvorkommen mehr als 580 Milliarden US-Dollar erreicht.

Insgesamt lässt sich jedoch festhalten, dass die Divestment-Bewegung bereits eine ausreichende Größe und Bekanntheit erreicht hat, damit sie auf politischer Ebene nicht mehr übersehen werden kann. Trotzdem ist es vor allem das Geld vieler Konzerne, Versicherungen und Fonds, das ungeachtet von ethischen und ökologischen Aspekten weiter in fossile Energien investiert wird. Daher ist es umso wichtiger, durch Aktionszeiträume wie den jetzigen immer wieder auf neue und andere Möglichkeiten des Investierens hinzuweisen. jk

   

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  1. Eitel Heck
    Eitel Heck 10.05.2017, 11:34 Uhr
    Länder mit Kohle- Erdgas- und Erdölvorkomen versuchen selbsverständlich durch den Export der Rohstoffe ihren Reichtum und Wohlstand zu erhalten.
    Die einseitige Orientierung in Deutschland auf den perspektivischen Ausbau von Windkraftanlagen mit einer flukturierenden Stromproduktion im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus den Kernkraftwerken und der Abschaltung der Kohlekraftwerke ist aus meiner Sicht der Hauptgrund warum erhebliche Terminverzögerung bei den Klimaschutzzielen
    entstehen.In den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten werden in Deutschland noch herkömmliche Kraftwerke benötigt, da keine bezahlbaren Groß- und Langzeitspeicher für überschüssigen Strom zur Verfügung stehen(Bildzeitung vom 19.4.2017).
    Aus meiner Sicht werden nur Fortschritte beim Erreichen der Klimaziele erreicht, wenn in Deutschland ein Umdenken in Richtung anderer innovativer, umweltfreundlicher Technologien der Energieerzeugung( in anderen Ländern entwickelt und geplant) stattfindet.
    Das betrifft:
    -Kernreaktoren der 4.Generation, darunter der Dual Fluid Reaktor,
    .inhärent sicher,
    .Nutzung des gegenwätigen Atommülls zur Energieerzeugung, der ansonsten komplett in geologischen Endlagern entsorgt werden muss.
    .Kopplung der Stromerzeugung mit Prozesschemie,
    .keine geologischen Enlager,
    -Wasserstoffkraftwerke mit umweltfreundlichen Brennzellen,
    -Kernfusion(vielleicht bis 2050 Realität),
    -Gezeitenkraftwerk an der deutschen Nordseeküste( nochmalige Prüfung des Projekts des Ingenieurs Carl Becker),

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Der Plan war eigentlich großartig. Deutschland übernimmt bei der Transformation der Energiesysteme eine Schlüsselrolle. Fossile Energieträger sollen durch regenerative Quellen ersetzt werden. Nicht sofort, aber doch schrittweise und bis 2050 bereits einen Anteil von weit über 80 Prozent erreicht haben. Doch wir hängen fest, es klappt nicht.  

Prof. Dr. Andreas Knie
Geschäftsführer InnoZ

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