Unrentabel und sinnvoll?

Pumpspeicherkraftwerk Geesthacht. (Bild: © Hurry/ pixelio.de)
Pumpspeicherkraftwerk Geesthacht. (Bild: © Hurry/ pixelio.de)

Pumpspeicherkraft­werke können große Energiemengen speichern und bei Bedarf sehr zügig ins Stromsystem einspeisen. Mit zunehmendem Ausbau regenerativer Energien gewinnen solche flexiblen Anlagen immer mehr an Bedeutung. Doch die Pumpspeicher Europas schwächt eine Krankheit: Mangelnde Wirtschaftlichkeit.

08.05.2014 – Atdorf sollte ein Vorzeigeprojekt werden. Die Medien haben den Planungen von ENBW und RWE von Beginn an sehr viel Beachtung geschenkt, jeden Schritt interessiert mitverfolgt. Es wurden große simulierte Bilder des künftigen Pumpspeicherkraftwerks im Südschwarzwald gedruckt, blauglänzende Wanne umrahmt von dichtem Grün der Bäume. Sie haben erklärt, wie das Kraftwerk funktioniert und warum es so wichtig ist – nicht für die Investoren, sondern für die Energiewende. Einige Bürgerwiderstände vor Ort, ja, aber vielfach auch Begeisterung für die Idee: Energie speichern in Wasser. Eine gewaltige grüne Batterie für Strom aus Solar- und Windkraftanlagen, die sauber ist und dringend gebraucht wird.

Dann kam der Schneeballeffekt und die mediale Lawine, eine Art öffentliches Massensterben der Pumpspeicherkraftwerke. Das greift nicht nur in Deutschland um sich, sondern europaweit. Zeitungsschnipsel mit Meldungen wie: „Kein zweiter Pumpspeicher Glems“, eine Überschrift des Reutlinger General-Anzeigers. Und FORMAT.at, ein österreichisches Nachrichtenportal, titelt „Pumpspeicherkraftwerke werden unrentabel“. Auf sehr wackeligen Füßen stünde „der Ausbau des Kraftwerks Kaunertal zu einem Pumpspeicherkraftwerk“, heißt es weiter. Das Projekt sei schlicht unwirtschaftlich. Oder auch Botschaften wie die zweier Landtagsabgeordneter im italienischen Bozen: „Durch die aktuelle wirtschaftliche Situation sind die Prognosen in Bezug auf die Rentabilität von Pumpspeicherkraftwerken zu diesem Zeitpunkt von großer Unsicherheit geprägt – nicht nur national, sondern auch im ganzen Alpenraum. Ein Pumpspeicherwerk Branzoll ist weder sinnvoll noch rentabel.“ Recht spät hat es dann auch Atdorf erwischt: RWE ließ wissen, man zöge sich zurück, ENBW muss die grüne Batterie im Schwarzwald nun alleine weiterplanen. Wer das Netz durchforstet, stößt auf eine Unzahl beerdigter Vorhaben oder bereits gestarteter Projekte, die nur mühsam am Leben gehalten werden.

Im Grunde ist die Funktionsweise von Pumpspeichern sehr einfach: Produzieren Wind und Sonne mehr Strom als gerade gebraucht wird, pumpen sie mit diesem überschüssigen Strom Wasser auf einen Berg. Wird dann Strom gebraucht, läuft das Wasser bergab durch eine Turbine und erzeugt Strom. So kann Energie gespeichert werden, wenn gerade zu viel davon da ist und wieder freigesetzt werden, sobald ein Energieengpass entsteht. Pumpspeicher sind derzeit die einzig verfügbaren großtechnischen Stromspeicher – und sie sind ohne atomare Strahlung und Treibhausausstoß sehr umweltfreundlich.

Viele ältere Untersuchungen gehen davon aus, dass das mögliche Potenzial für den Bau von Pumpspeichern aufgrund geographischer Gegebenheiten in Deutschland sehr begrenzt ist. Eine neue Untersuchung, die eine Evaluierung potentieller Standorte mittels Geografischen Informationssystemen (GIS) durchgeführt hat, kommt zu einem anderen Ergebnis: Es gibt bundesweit mehr als genug geeignete Standorte, allein zehn in Thüringen und 13 in Baden-Württemberg.

Das mag stimmen, doch es gibt dennoch ein Problem: Ausgerechnet Wind und Sonne machen ihrer sauberen Schwester, der Wasserbatterie Pumpspeicher, zu schaffen. Denn Wind- und Sonnenstrom fallen häufig verstärkt zu verbrauchsstarken Zeiten an, und das dämpft gerade beim Spitzenstrom die Preise. Die Erlöse für Stromerzeuger, die ihren gespeicherten Strom bislang genau zu diesen Zeiten für gute Preise freisetzten, sinken. Zwar nicht immer, aber doch so regelmäßig, dass die Rentabilität infrage gestellt ist. Die Reduzierung der Spannen wird durch den Atomausstieg Deutschlands weiter zugespitzt: Denn damit fällt zunehmend billiger Grundlaststrom aus abgeschriebenen, alten Kernkraftwerken weg, dieser wird damit teurer. Das beeinflusst auch die Nachbarländer, denn die sind mit dem deutschen Stromnetz verbunden. Experten schätzen, dass sich die durchschnittliche Differenz zwischen dem billigen Basis- und dem teuren Spitzenpreis in etlichen Ländern etwa verdoppeln müsste, damit der Betrieb von Pumpspeichern wieder rentabel wird.

Klar ist aber auch: Der Bedarf an Stromspeichern wird mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien steigen. Sollte die Forschung Lithium-Ionen-Batterien soweit verbessern, dass sie als Langzeitspeicher mit langer Lebenszeit und hohem Speichervolumen dienen können, ließen sich diese in direkter Nähe zu Windrädern und Photovoltaikanlagen dezentral installieren. Und wenn nicht? Dann könnten weitere Pumpspeicherkraftwerke auf längere Sicht unentbehrlich werden. Rund 16 konventionelle Kohle- und Gaskraftwerke könnten sie hierzulande ersetzen, schreiben die Autoren einer Studie der Technischen Hochschule Aachen.

„Pumpspeicher sind eine wesentliche Komponente für die Energiewende“, glaubt Stephan Kohler, Vorsitzender der halbstaatlichen Deutschen Energie-Agentur (dena). Er fordert, Pumpspeicherkraftwerke stärker zu entlasten. So sollten sie keine Netzentgelte mehr zahlen müssen und auch von der Ökostromumlage befreit werden. Er empfiehlt auch, Pumpspeicherwerke diskriminierungsfrei bei der möglichen Einführung eines Kapazitätsmechanismus zu berücksichtigen. Mit diesem Mechanismus plant die Bundesregierung sicherzustellen, dass immer ausreichend Kraftwerke mit gesicherter Leistung zur Verfügung stehen. Dabei sei zu beachten, dass Pumpspeicher jederzeit besonders flexibel und schnell Strom zur Verfügung stellen könnten, so Kohler.

Doch nicht jeder findet die Idee gut, die grünen Wasserbatterien zu fördern. Holger Krawinkel etwa, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, äußerte sich verschiedenen Medien gegenüber skeptisch. Er lehnt spezielle Förderungen ab. Oliver Krischer, Mitglied der Bundestagsfraktion der Grünen wiederum, glaubt an eine mögliche Anpassung an neue Gegebenheiten. „Bislang pumpten die Betreiber von Pumpspeichern nachts, wenn die Stromnachfrage gering war, Wasser ins Oberbecken. Mittags, bei hoher Stromnachfrage, ließen sie das Wasser über Turbinen ins Unterbecken stürzen, um Strom zu erzeugen und zu guten Preisen zu verkaufen. Doch der Betriebsrhythmus  funktioniert heute nicht mehr“, erklärt Krischer. Das Modell der Zukunft funktioniere stattdessen so: Die Betreiber verkauften die elektrische Energie nicht mehr wie in den letzten 100 Jahren in erster Linie mittags, sondern wenn wenig Wind wehe oder es bewölkt sei. Stromlücken entstünden künftig also zu ganz unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten, so Krischer weiter. Zu diesen Zeiten könnten Betreiber eines Pumpspeicherkraftwerks ihre elektrische Energie rentabel verkaufen. Bislang hat Deutschland allerdings zu viel Strom, da neben dem steigenden Ökoanteil auch Kohlekraftwerke weiterhin auf Hochtouren laufen. Der Überschuss wird in gewaltigen Mengen ins Ausland exportiert. Sollten Pumpspeicher Lücken schließen, müsste die Produktion aus unflexiblen Kohlekraftwerken zuerst zurückgefahren werden.

Unbestritten bleibt zudem: Während abgeschriebene Pumpspeicherkraftwerke rentabel arbeiten, bleibt die Neufinanzierung schwierig. Ein Problem übrigens, mit dem Großkraftwerke generell zu kämpfen haben, auch beispielsweise neue Kernreaktoren. Letztere bergen allerdings ein ungleich höheres Gefahrenpotenzial für die Umwelt. Womöglich heißt es beim Bau von Großkraftwerken wählen zwischen: Sinnvoll und zunächst unrentabel – oder nicht sinnvoll und zunächst unrentabel. Rebecca Raspe

Weiter Artikel zum Thema: Interview „Die Eifel hat eine Chance verschenkt“.

   

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  1. Redaktion energiezukunft
    Redaktion energiezukunft 09.05.2014, 12:10 Uhr
    Sie haben recht: Für die Umweltbilanz ist es wichtig, mit welchem Strom ein PSKW sein Wasser pumpt. Der hierfür genutzte Strom sollte aus regenerativen Quellen stammen. Strom aus Kohlekraftwerken sollte nicht eingesetzt werden, da seine Herstellung dem Klima sehr schadet. Gaskraftwerke schaden dem Klima zwar auch, jedoch weniger als alte Kohlekraftwerke, deren CO2-Bilanz äußerst schlecht ist. Gaskraftwerke sind deswegen als Übergangstechnologie zu bevorzugen, bis die Energieversorgung zu 100 Prozent regenerativ ist. Allerdings leiden Gaskraftwerke, ähnlich wie PSKW, unter mangelnder Wirtschaftlichkeit. Ein Konzern, der Gas- und Kohlekraftwerke betreibt, wird deswegen mutmaßlich leider eher seine Gaskraftwerke abschalten wollen als seine Kohlekraftwerke. PSKW sind nicht grundsätzlich rein grün, wie Sie richtig feststellen, können aber im Energiesystem der Zukunft eine wichtige Rolle spielen – insbesondere, wenn die Batterie-Technologie nicht verbessert wird.
  2. Martin
    Martin 09.05.2014, 11:04 Uhr
    Und wieder erhalten Pumpspeicher einen grünen Anstrich (ohne atomare Strahlung und Treibhausausstoß sehr umweltfreundlich). Als könnten sie nichts anderes als Strom aus Wind und Sonne speichern. Da Wasser aber nicht alleine den Berg hinauf fließt kommt es darauf an, mit welchem Strom gepumpt wird. Die in dem Artikel genannte Studie der Technischen Hochschule Aachen - übrigens von Voith Hydro in Auftrag gegeben - zeigt das sehr schön.
    Bei einem Anteil erneuerbarer Energien von 60 Prozent könnten Gaskraftwerke durch Pumpspeicher ersetzt werden. Aber welcher Strom würde die Pumpen antreiben? Dazu die Studie: neben der vermiedenen Abregelung erneuerbarer Energien wird (Zitat): vermehrt kostengünstige Erzeugung aus Braunkohle eingesetzt. Auf der anderen Seite wird die Erzeugung aus Gaskraftwerken reduziert. (Zitatende)
    Ein Pumpspeicher ist nicht per se eine grüne Batterie für Strom aus Solar- und Windkraftanlagen. Die Frage ist eher: welche Interessen hat EnBW und Co?

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