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Von der Spülmaschine ins häusliche Gemüsebeet

Blick auf das Gewächshaus und den Innenhof des Block 6 der Roof-Water-Farm in Berlin-Kreuzberg, Gewächshaus+Innenhof  (Foto: © ROOF WATER-FARM )
Blick auf das Gewächshaus und den Innenhof des Block 6 der Roof-Water-Farm in Berlin-Kreuzberg, Gewächshaus+Innenhof (Foto: © ROOF WATER-FARM )

Integrierte Stadtentwicklung bedeutet: Wir produzieren in Zukunft unser Gemüse und unseren Fisch größtenteils selbst – mitten in der Großstadt, und sparen damit auch noch viel Energie. Möglich wird das durch dezentrale Abwasseraufberei­tung, wie es in der Roof-Water-Farm in Berlin getestet wird.

03.10.2014 – „Die meiste Arbeit hier macht uns dieses Aquarium – Algen entfernen und so.“ Erwin Nolde steht zwischen einem großen Aquarium und der Anlage, um die es eigentlich geht in diesem Holzpavillon im Hof eines Häuserblocks in Berlin-Kreuzberg. Da sind ein Dutzend Plastikbehälter von der Größe eines Altglascontainers mit Rohren verbunden, am Ende der Reihe dann das Aquarium. In den Behältern wird Abwasser aufbereitet. Einen Tag dauert es, bis das Wasser den Prozess durchlaufen hat. Am Ende hat es Badewasserqualität, zur Veranschaulichung wurde das Aquarium mit den Fischen hinzugefügt.

Die Anlage an sich macht dem Ingenieur Nolde also kaum noch Arbeit. Dabei ist sie zukunftsweisend für die Stadtentwicklung. Die Idee dahinter: In jedem Häuserblock könnte Abwasser lokal aufbereitet und wiedergenutzt werden. Das Projekt mit dem Namen „Roof Water-Farm“ verbindet die nachhaltigere Wasserwirtschaft zudem mit lokaler Lebensmittelproduktion. Das aufbereitete Wasser soll nämlich nicht nur für Toilette und Waschmaschine wieder zur Verfügung stehen (zum Duschen ist Trinkwasserqualität nötig), sondern auch für Dachgärten, wo mittels Aquaponik parallel und sich ergänzend Fische gezüchtet und Obst und Gemüse angebaut werden.

Hinter diesem Ansatz steht ein grundsätzlich anderes Konzept städtischen Wohnens und Planens: Architektur, Stadtplanung und Wasserwirtschaft verschmelzen. Abwasser soll nicht mehr möglichst raus aus der Stadt, Lebensmittel nicht nur von außerhalb reingeholt werden; die Nachbarschaftsgärten und die lokale Wasseraufbereitung sollen sowohl das soziale Miteinander stärken als auch ökologische Probleme erfahrbarer machen.

Kostbare Ressourcen nutzen

Am Anfang von Roof Water-Farm stand eine Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, in der es um die Wasserwirtschaft ging. Von den zwölf nun geförderten Projekten sei dieses das einzige, das Nahrungsmittelproduktion beinhaltet, sagt Anja Steglich. Die promovierte Landschaftsarchitektin ist Teil der Projektleitung, die am Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen der Technischen Universität Berlin angesiedelt ist und die beteiligten Forschungseinrichtungen und Firmen koordiniert.

Roof Water-Farm hat seit seinem Start im Juli 2013 drei Jahre Zeit für ein umfassendes Forschungsprogramm: Wie hygienisch sicher ist die Lebensmittelproduktion? Welche Gebäudetypen eignen sich für eine solche Anlage, und welche Kosten fallen an? Welche Voraussetzungen und welche Auswirkungen auf Mensch und städtische Infrastruktur gibt es in unterschiedlichen Siedlungsräumen wie Stadtrand und Innenstadt? Welches Innovationspotenzial hat dieses Konzept, wer könnte es vorantreiben und von wem könnte Widerstand drohen? Sogar Kommunikations- und Trainingsmedien für die beteiligten Berufsgruppen, die betroffene Bevölkerung und Schulen sollen am Ende des Projektes vorliegen.

Erwin Nolde ist mit seinem Ingenieurbüro für die Wasserwirtschaft zuständig. „Abwasser ist eine Ressource nicht nur für Wasser, sondern auch für Nährstoffe und, wegen seiner Wärme, für Energie“, erklärt er. Mit 1,4 Kilowattstunden Gesamtenergieverbrauch pro Kubikmeter Grauwasser könne man 10-15 Kilowattstunden Wärmenergie gewinnen. „Das hier ist die erste Anlage in Deutschland, die mit hoch belastetem Grauwasser arbeitet.“ Grauwasser ist der Fachbegriff für Haushaltsabwasser, das der Toilette ausgeschlossen. Normalerweise beschränke sich die Aufbereitung auf das niedrig belastete Dusch- und Badewasser, führt Nolde weiter aus. „Hier wird aber auch das hoch belastete Abwasser aus den Küchen, also mit den Fetten und den Spültabs, und von den Waschmaschinen aufbereitet und recycelt.“ Die Voraussetzung dafür ist, dass das Haus zwei verschiedene Leitungen für Abwasser hat: Das sogenannte Schwarzwasser, das von den Toiletten kommt, muss separat abgeleitet werden. Aus ihm will das an Roof Water-Farm beteiligte Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-,Sicherheits- und Energietechnik Flüssigdünger gewinnen.

Anpassung an die Praxis in Berlin noch problematisch

Das große Problem: Normalerweise hat kein Haus ein doppeltes Abwasserleitungsnetz. Der Block in Kreuzberg mit der Pilotanlage von Roof Water-Farm ist eine Ausnahme, denn er war ein Modellvorhaben für die Internationale Bauausstellung 1987. Hier wird seitdem an verschiedenen Dingen geforscht. Erwin Noldes Anlage, die das Abwasser von rund 230 Personen mit Hilfe von Mikroorganismen und UV-Licht aufbereitet, steht seit 2006 hier. Auf seine Arbeit ist der Ingenieur stolz: „Die Belastung des Grauwassers ist hier wegen der wassersparenden Armaturen höher als das, was in den städtischen Großkläranlagen ankommt – nach der Aufbereitung ist das Wasser hier aber sauberer als das der Kläranlagen.“ Und das mit weniger Energie- und Personalaufwand. Die erste Anlage dieser Art habe er 1996 in einem Offenbacher Hotel errichtet, erzählt Nolde. Sie habe bis heute nie Probleme gemacht.

Mit den Erfahrungen des Anlagenbetriebs dort wie hier habe er die Technik weiterentwickelt – doch die öffentliche Hand sei jenseits der Forschungsförderung nicht wirklich interessiert: „Die Wasserwirtschaft hat anscheinend kein Interesse daran. Es ist aber nicht so, dass wir denen das Geschäftsfeld wegnehmen wollen. Solche Anlagen müssen ja professionell betreut werden. Das könnten die machen. Warum also beschäftigen sich die kommunalen Wasserver- und -entsorger nicht auch mit dezentralen Sachen?“ Statt kommunalen Wohnungsbaugesellschaften habe nur der laut Nolde einzige Privatinvestor Berlins, der ein Passivhaus errichtet hat, eine solche Anlage bestellt. Nach Erwin Noldes Rechnung kostet ein doppeltes Leitungssystem in einem Mehrfamilienhaus 500 Euro pro Wohneinheit, die Anlagentechnik weitere 500 Euro pro Person. „Das hält 30 oder 50 Jahre“, verspricht der Ingenieur. „Bei den Berliner Trink- und Abwasserpreisen von fünf Euro pro Kubikmeter ergibt sich eine Einsparung von 100 Euro pro Person und Jahr.“

Umdenken notwendig

Im Grundsatz sind die Ideen hinter Roof Water-Farm nicht neu – doch es ist ein Umdenken auf breiter Front nötig. Die theoretische Diskussion im Städtebau sei längst weiter, sagt Anja Steglich. „Den Studenten wird eine integrierte Stadtentwicklung beigebracht, also eine, die Infrastruktur und Städtebau zusammendenkt.“ Auch den Begriff „Kreislaufstadt“ gebe es längst. Steglich sieht eine Lücke zwischen Theorie und Praxis: „In der Ausbildung wird Infrastruktur dezentral am und im Gebäude gedacht, nah am Bewohner. Die zentrale Ver- und Entsorgungsstruktur, wie wir sie kennen, ist nicht tragfähig.“

Unter klimatischen Gesichtspunkten sei es auch notwendig, in Städten die Dächer zu nutzen. Zum Beispiel für die Fischzucht und den Anbau von Salat, Erdbeeren, Auberginen und Paprika, wie es schon im (ebenerdigen) Gewächshaus von Roof Water-Farm geschieht.Erste Messungen zeigen laut Steglich: „Es sind gute Lebensmittel, die hygienisch sicher sind.“ Ein fünfstöckiges Mietshaus könnte die darin Wohnenden mit 80 Prozent ihres Gemüses, Obstes und Fischs versorgen, hat eine Gebäudestudie ergeben. Einen unmittelbaren sozialen Nutzen kann Anja Steglich auch schon benennen: „Ein paar Stunden in dem plätschernden Gewächshaus zu verbringen, ist auch sehr entspannend.“ Ralf Hutter

Weitere Infos unter www.roofwaterfarm.com

   

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