Bauforscher beleuchten die Dämm-Debatte

Gedämmt oder nicht gedämmt? Bei der Wärmedämmung von Bestandsgebäuden kommt es häufig zu Konflikten mit der Gestaltqualität. Bei einer kompetenten Planung von Anfang wird jedoch auch mit einer Fassadendämmung die historische Gestaltqualität des Bauwerks zu hundert Prozent erhalten – oder sogar aufgewertet. Wärmesanierte Sechsfamilienvilla in Berlin-Lichterfelde, Architekt Thomas Koch, Berlin. (Foto: Andreas Schlegel)
Gedämmt oder nicht gedämmt? Bei der Wärmedämmung von Bestandsgebäuden kommt es häufig zu Konflikten mit der Gestaltqualität. Bei einer kompetenten Planung von Anfang wird jedoch auch mit einer Fassadendämmung die historische Gestaltqualität des Bauwerks zu hundert Prozent erhalten – oder sogar aufgewertet. Wärmesanierte Sechsfamilienvilla in Berlin-Lichterfelde, Architekt Thomas Koch, Berlin. (Foto: Andreas Schlegel)

Die Gebäudedämmung ist ein vom Staat gewollter und geförderter Baustein um die Energiewende voranzubringen und die Klimaschutzziele zu erreichen – doch die Diskussion um das Thema polarisiert häufig. Bauforscher haben nun die Kritikpunkte analysiert.

11.09.2017 – Ist Deutschland denn im Dämmwahn? In den Medien und in der Baubranche ist das Thema Fassadendämmung zur Energieeinsparung bei Gebäuden ein häufig aufgeheiztes Thema – entweder man ist dafür oder dagegen. In einer aktuellen Veröffentlichung des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) analysieren Bauforscher nun unter der zugespitzten Fragestellung die Diskussion um die Dämmung von Gebäudefassaden und untersuchen die häufigsten Kritikpunkte, die medial aber auch in der Fachdebatte immer wieder aufgegriffen und teilweise unsachlich dargestellt werden – so dass es im Extremfall zu grotesken Szenarien kommt wie erst vor kurzem in Wuppertal, wo zwei Wochen nach dem Londoner Hochhausbrand ein Hochhaus geräumt wurde weil die Fassadendämmung dem des abgebrannten Londoner Grenfell Tower ähnele – was sich danach ohnehin als falsch herausstellte. Die Kritik an Dämmmaßnahmen richtet sich derzeit vor allem auf das Wärmedämmverbundsystem und den Dämmstoff Polystyrol. Ingenieurtechnischer Sachverstand kann sich in diesem Diskurs leider meist nur schwer durchsetzen. Die Forscher wollen daher mit Zahlen und Fakten die Diskussion möglichst versachlichen.

Die in der Debatte immer wieder aufgegriffenen Punkte haben die Bauforscher daher unter die Lupe genommen: etwa die bezweifelte Wirtschaftlichkeit von Dämmmaßnahmen, die Brandsicherheit, aber auch ökologische Aspekte wie etwa Biozide und Flammschutzmittel werden betrachtet sowie Lebenszyklus und Entsorgung – das ist gerade bei Polystyrol ein umstrittenes Thema und bedarf sicherlich auch einer weiteren Suche nach umweltverträglicheren Lösungen. Die Autoren weisen allerdings nur am Rande darauf hin, dass es durchaus Alternativen zu Polystyrol gibt – dabei stehen mittlerweile ausreichend ökologische Dämmstoffe zur Verfügung – die aber sind bei vielen Architekten, Baufirmen und Handwerkern als auch Bauherren häufig noch zu wenig bekannt.

Kernfrage in den Fokus rücken: Warum dämmen wir unsere Gebäude?

Doch nicht nur Ökologie und Wirtschaftlichkeit heizen die Debatte an, sondern nicht zuletzt Aspekte der Baukultur – Konflikte mit der Gestaltqualität gebe es dabei vor allem bei der Wärmedämmung von Bestandsgebäuden. Doch eine „architektonisch anspruchsvolle Lösung“ sei in den meisten Fällen möglich und zudem nicht unbedingt mit hohen Kosten verbunden, so die Autoren, es komme vor allem auf eine gute fachliche Beratung und umfassende kompetente Planung an. Ums Dämmen werden wir nicht herumkommen, so die Meinung des BBSR, denn ohne eine flächendeckende energetische Modernisierung von Bestandsgebäuden sei das Ziel, einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand bis 2050 zu erreichen, wohl kaum zu erreichen – und ein Bestandteil dieser Maßnahmen ist –zumindest beim Stand heutiger Technik – immer noch die Gebäudedämmung.

Dämm-Maßnahmen bergen sowohl Risiken als auch Chancen, schließen die Bauforscher ihren Bericht. Es entstehe aber bei Beleuchtung der gesamten Thematik der Eindruck, dass die positiven Aspekte der Energieeinsparmaßnahmen viel zu selten voll ausgeschöpft werden. Daher sei es entscheidend, die wirtschaftlichen, ökologischen als auch architektonisch-baukulturelle Potenziale im Sinne des nachhaltigen Bauens mit allen am Bau Beteiligten gemeinsam zu entwickeln und umzusetzen. na

   

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