Gastbeitrag – der EnergiesparkommissarDer falsche Zeitpunkt hat dem Dämmen seinen Ruf gekostet

Ein Mann im T-Shirt steht in einem leeren Dachstuhl
Carsten Herbert - bekannt als der Energiesparkommissar - gibt Tipps zur einfachen Sanierung. (Foto: Tim Wegner /Energiesparkommissar)

Dämmen lohnt sich nicht – dieser Satz kursiert seit Jahren. Er stimmt nicht – aber er hat eine Ursache. Wie so oft im Leben kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an.

15.06.2026 – Seit Jahrzehnten versucht man von staatlicher Seite, die Sanierungsquote in Deutschland von bisher unter einem Prozent auf mindestens zwei Prozent zu erhöhen. Dafür wird die Vollsanierung, bestehend aus den großen Vier: Fassadendämmung, Dachdämmung, Fenstererneuerung und Heizungsmodernisierung als vorbildliches Zielbild propagiert. Entsprechend sind Förderprogramme, Aufklärungskampagnen und Branchenwerbung bis heute auf die Vollsanierungen ausgerichtet.

Darin liegt ein strategischer Fehler. Denn die Sanierungsquote ist wie sie ist und lässt sich nicht so ohne Weiteres anheben. Schuld daran sind nicht die Maßnahmen selbst, sondern dass sich der Zeitpunkt einer Sanierung nicht beliebig verschieben lässt. Hausbesitzende handeln durchaus rational, wenn sie nichts anfassen, was noch funktioniert. Die Politik aber möchte den Gebäudebestand möglichst schnell klimaneutral machen, verfolgt dafür aber seit jeher die falsche Strategie, was den Ruf insbesondere von Wärmeschutzmaßnahmen bis heute belastet.

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Pauschale Vollsanierung ist der falsche Ansatz

Energetische Modernisierungen, die zeitlich vor dem jeweiligen Instandsetzungszeitpunkt eines Bauteils durchgeführt werden, sind in der Regel nicht wirtschaftlich. Die Investitionen sind hoch, die jährliche Einsparung an Energiekosten gering. Größere Wärmeschutzmaßnahmen können sich daher allein aus der erzielten Energieeinsparung nicht selbst tragen. Je länger der Return of Invest ist, desto sinnvoller ist es, eine Sanierung zum Ohnehin-Zeitpunkt durchzuführen. Nur wenn ohnehin Instandsetzungsarbeiten (Reparaturen) anstehen, ist es immer ratsam, in diesem Zuge auch die energetischen Maßnahmen mit anzugehen.

Wenn aber der Sanierungszeitpunkt deutlich vorgezogen werden soll, müssten die Mehrkosten gegenüber dem späteren Ohnehin-Zeitpunkt über die staatlichen Förderprogramme ausgeglichen werden. Dafür reichen die Fördersätze für Wärmeschutzmaßnahmen jedoch bei weitem nicht aus.

Eine Ausnahme davon bilden lediglich Käufer- oder Erbensituationen. Bei jungen Menschen, die eine Immobilie übernehmen, kann man häufig das Bedürfnis beobachten, das Zuhause manchmal schon vor dem Einzug auf Zukunftsfestigkeit zu trimmen. Man bereitet sich sein „Nest“ und scheut dafür auch nicht die Vollsanierung, selbst wenn dafür die eine oder andere Maßnahme zeitlich vorgezogen werden muss. Spätestens mit 60 oder 70 ist das Bedürfnis nach einer Großbaustelle aber eher gering ausgeprägt. Für Menschen in dieser Lebensphase braucht es daher unbedingt eine alternative Strategie.

Dämmen lohnt nicht – oder?

Das Dämmen hat seit Jahren einen unnötig schlechten Ruf. Dass es sich nicht lohnen würde, zu teuer sei und sich nie rechne, ist fast schon so was wie „Allgemeinwissen”. Durchsetzen konnte sich diese Binsenweisheit nur, weil man in der Kommunikation über Jahrzehnte die Vollsanierung ohne Berücksichtigung des Ohnehin-Zeitpunktes propagiert hat. Dabei gilt: Nicht das Dämmen ist das Problem, der falsche Zeitpunkt ist es. Wer diese Tatsache beherzigt, nimmt unpassenden Druck von Eigentümern von Bestandsimmobilien, die bisher noch nicht nennenswert energetisch modernisiert haben.

Wer heute wartet, bis seine Fassade oder sein Dach ohnehin instandgesetzt werden muss, handelt nicht fahrlässig. Es ist kein Aufschieben, sondern wirtschaftlich vernünftiges Kalkül. Das ist ähnlich wie beim Handykauf. Wer sein Mobiltelefon mehrere Jahre nutzt, spart mitunter viel Geld, da der Wertverlust im ersten Jahr gigantisch ist. Wer sich dagegen jedes Jahr das neueste Modell leistet, obwohl das alte noch voll funktionsfähig ist, zahlt am Ende deutlich mehr. So wie der vorgezogene Handykauf ein Luxus ist, ist auch eine vorgezogene energetische Maßnahme ein unnötig teurer Luxus, den sich kaum jemand leisten kann und daher ein eher schlechtes Image hat.

Dieser schlechte Ruf hat ein weiteres Opfer: Im Schatten der Vollsanierungsdebatte werden hochwirtschaftliche, geringinvestive Maßnahmen, die nicht an einen Instandsetzungszeitpunkt gebunden und jederzeit machbar sind, fast immer übersehen. Von diesen Maßnahmen, die keinen Ohnehin-Zeitpunkt brauchen, wenig kosten und sich schnell rechnen, gibt es eine nennenswerte Zahl. Dennoch kommen sie in der Energiespar-Debatte kaum vor. Genau diese Maßnahmen können den Beweis antreten, dass sich energetische Modernisierung eben doch lohnt.

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Der fehlende Baustein der Wärmewende

Gering investive Maßnahmen - auch „niedrig hängende Früchte” genannt - klingen eher nach Kleinkram, sind es aber nicht: Wer konsequent sämtliche passenden und bei sich durchführbaren Maßnahmen umsetzt, reduziert seinen Wärmeenergieverbrauch nicht selten um 25, 30 und mehr Prozent. Ich gebe zu; das klingt beinahe unglaublich, aber die Praxiserfahrungen vieler Menschen, die ihre „niedrig hängenden Früchte” pflückten, zeigen genau das. Berechnet man die sich bei diesen Maßnahmen ergebenden Renditen, übertreffen diese selbst Risikokapitalanlagen, hier aber ganz ohne Risiko. Renditen weit über 25 bis zu mehreren hundert Prozent sind bei den niedrig hängenden Früchten keine Seltenheit. Zudem müssen keine hohen fünfstelligen Investitionen getätigt werden.

Geringinvestive Maßnahmen bewegen sich finanziell in einem Bereich, meist zwischen null und 5.000 Euro. Gerade in einem heute wirtschaftlich durchaus angespannten Umfeld fallen die überschaubaren Kosten positiv ins Gewicht. Daher sind geringinvestive Maßnahmen sozial verträglich und können selbst in prekären Lebensverhältnissen ihre Wirkung entfalten.

Je länger und tiefer ich mich damit befasst habe, desto mehr wundert es mich, dass die kostengünstigen Maßnahmen noch immer kaum bekannt sind. Ein Grund dafür mag sein, dass die Wirtschaft mit Maßnahmen, die wenig kosten, kaum oder gar kein Geld verdienen kann. Sie tauchen weder in Firmenwerbung noch in Medienkampagnen auf. Strategisch haben sie jedoch einen entscheidenden Vorteil. Die geringe Investitionshürde und der hohe Sparnutzen bieten mit zunehmender Bekanntheit eine hohe Breitenwirksamkeit. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass die einfachen und kostengünstigen Maßnahmen ein wichtiger Baustein, wenn nicht sogar ein Schlüssel der Wärmewende sein können.

Ein Beispiel: 80 Prozent aller Heizungsanlagen in Deutschland nutzen die Möglichkeiten eines auf das Gebäude und das Außenklima angepassten und optimierten Betrieb nicht aus. Die meisten werden seit ihrem Einbau in der sogenannten Werkseinstellungen betrieben oder wurden vom Installateur zu hoch eingestellt. Wer die Heizkennlinie seiner Heizung individuell anpasst, sodass nur so viel Wärme produziert wird, wie vom Gebäude gerade gebraucht wird, spart ohne jeden Komfortverlust zwischen 5 und 25 Prozent. Kosten für diese Maßnahme: Null Euro!

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Balkon-PV hat gezeigt, was passiert, wenn die finanziellen und regulatorischen Einstiegshürden gering sind: Über 1,3 Millionen Balkonkraftwerke sind inzwischen in Deutschland registriert, ohne dass jemand die Eigentümer zur Anschaffung verpflichtet hat. Dabei sind nicht wenige auf den Geschmack gekommen und haben sich anschließend für eine Aufdachanlage entschieden. Geringinvestive Effizienzmaßnahmen haben dasselbe Potenzial für die Wärmewende und das sogar mit teils deutlich höheren Renditen als es ein Balkonkraftwerk hat. Es lohnt sich daher immer, sich mit den niedrig hängenden Früchten zu beschäftigen.

Was uns die gering investiven Maßnahmen lehren, ist, dass energetische Modernisierung wirtschaftlich hoch rentabel sein kann. In den kommenden Wochen stelle ich hier einige kostengünstige Maßnahmen vor, mit konkreten Schritten zur Umsetzung.

Für die Stiftung Warentest habe ich 25 kosteneffiziente Maßnahmen im Buch „Einfach Sanieren – 25 kostengünstige Maßnahmen für Ihr Haus“ zusammengestellt – mit Kostenangaben, Renditeberechnungen und konkreten Umsetzungshinweisen.

Wer das Buch bis 9. September 2026 vorbestellt, bekommt zum Erscheinungsdatum am 30. September 2026 ein handsigniertes Exemplar plus einer kleinen Überraschung versandkostenfrei nach Hause geschickt.

Carsten Herbert - Der Energiesparkommissar

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