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Energiewende im GebäudebestandSerielle Sanierung soll in Deutschland gefördert werden

Saniertes Wohngebäude mit Holzfassade und PV-Anlage in Hameln
Seriell saniert: In kurzer Zeit vom energieschluckenden 30er-Jahre Wohnblock zum schicken Nullenergiehaus. (Foto: © Ecoworks)

Um die Klimaziele im Gebäudebereich zu erreichen, muss die Sanierungsrate kräftig steigen. Das Serielle Sanieren soll daher gefördert werden. Das Startup ecoworks hat die serielle CO2-neutrale Gebäudesanierung nun erstmals in Deutschland umgesetzt.

11.03.2021 – Das Prinzip der seriellen energetischen Sanierung wurde unter dem Namen Energiesprong in den Niederlanden entwickelt und dort bereits bei Hunderten von Gebäuden umgesetzt. Ziel ist es, Hürden bei der energetischen Sanierung abzubauen und in einer möglichst kurzen Zeit eine warmmietenneutrale Sanierung mit Nullenergie-Standard (NetZero) zu bewerkstelligen.

Die Mieter sollten dabei nicht mit langen Bauzeiten belastet werden. Das ist gerade bei größeren Wohnblocks ein häufiges Problem. Das Prinzip setzt daher auf standardisierte Lösungen mit industriell vorgefertigten Elementen, maßgeschneidert für Fassaden und Dächer mit vollständig integrierten Energiesystemen, mit denen die Dauer der Sanierungsarbeiten von mehreren Monaten auf wenige Wochen reduziert werden kann.

Die Deutsche Energie-Agentur (dena) brachte das Prinzip gemeinsam mit Wohnungs-, Bau- und Zulieferunternehmen auf den deutschen Markt. Einige Bundesländer haben die Idee bereits aufgegriffen. Baden-Württemberg hatte 2019 das Förderprogramm Serielle Sanierung von Wohngebäuden initiiert.

Von der Energieschleuder zum Energieproduzenten

Das Berliner PropTech-Startup ecoworks hat nun bei einem Wohnblock in der westfälischen Stadt Hameln die erste serielle Gebäudesanierung in Deutschland nach dem Energiesprong-Prinzip umgesetzt. Ein Fertigbauunternehmen aus Brandenburg hat die Fassadenelemente vorgefertigt. Fenster, Lüftung, Stromkabel, Glasfaserdämmstoff und Beschichtungen waren in den Elementen bereits integriert, die vor Ort als neue Hülle an das Haus montiert wurden.

Der Hamelner Wohnblock aus den 1930er Jahren, bestehend aus drei Gebäudeteilen mit je zwei Etagen und zwölf Wohneinheiten, war stark sanierungsbedürftig – und hatte einen hohen Heizbedarf. Seit der Sanierung erreicht das Gebäude den klimaneutralen NetZero-Standard – ist nun also ein sogenanntes Nullenergiehaus.

Mit Dämmung und energieeffizienter Haustechnik erreicht das Gebäude den Standard KfW 55, das heißt der Energieverbrauch des Wohnblocks liegt um 55 Prozent niedriger als es die Vorgaben des Gebäudeenergiegesetz (GEG) fordern. Da die Photovoltaikanlage auf den Dächern der Gebäude über das gesamte Jahr hinweg gerechnet bilanziell so viel Energie erzeugen kann wie für Heizung, Warmwasser und Strom in den Wohnblöcken verbraucht wird, erreiche das gesamte Gebäudeensemble seinen energetischen Netto-Null-Standard, berichten die Planer. Überschüssiger Ökostrom wird ins öffentliche Stromnetz eingespeist. Für Heizung und Kühlung sorgen eine Wärmepumpe und ein Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung. Einiges an Technik ist im Spiel: Über 500 im Haus verbaute Sensoren werten die Verbrauchsdaten aus und helfen dabei, die Wärmeversorgung und Lüftung der Gebäude optimal zu steuern.

Eine Rundum-Aufwertung – Monitoring folgt

Der Gebäudekomplex wurde nicht nur energetisch aufgewertet – auch Architektur und Wohnkomfort haben sich enorm verbessert und das Viertel mit Siedlungsbauten der 40er-Jahre attraktiver gemacht. Die Resonanz der Mieter zu den komfortablen und bezahlbaren Wohnungen falle positiv aus, berichten die Planer.

Nun soll sich das seriell sanierte Gebäude im Betrieb und in der Wohnpraxis beweisen. Bei solchen Projekten ist ein Monitoring wichtig, um herauszufinden, ob die Erwartungen an Energieeinsparung und Nutzerfreundlichkeit auch vollständig erfüllt werden.

Signalwirkung für die Wohnungswirtschaft

Das Projekt könnte eine Signalwirkung für die Wohnungswirtschaft haben, hoffen die Beteiligten. Es stehe auch nicht zufällig im Hamelner Brennpunkt-Viertel „Kuckuck”, berichtet ecoworks: Man wollte unter Beweis stellen, dass digitale Planung und Vorfertigung in der Sanierung auch im sozialen Wohnungsbau funktionieren.

Gründer und CEO von ecoworks Emanuel Heisenberg sieht die Aufgabe seines Start-ups vor allem in der Entwicklung einer neuen Industrie. „Wir entwickeln eine neuartige Gebäudehülle, die einfach installiert werden kann, die ineffiziente, baufällige Gebäude ohne Störung der Mieterinnen und Mieter innerhalb weniger Wochen klimaneutral saniert.“ Perspektivisch glaubt Heisenberg, dass nach dem Vorbild der Wind- und Solarenergie auch dabei die Kosten sinken werden – durch Automatisierung der Planung, aber auch der Produktion der vorgefertigten Fassaden- und Dachmodule. Die Lebenshaltungskosten für die Bewohner sollten dabei nicht steigen und die energetische Qualität für 30 Jahre garantiert werden.

Projekte auf Tauglichkeit prüfen und Methode weiterentwickeln

Bei einem ersten Projekt in Köln hatte ecoworks auch schon die Erfahrung gemacht, was nicht geht. Ein vierstöckiges Wohnhaus, Baujahr 1955, sollte dort mit dem Prinzip der seriellen Sanierung mit vorgefertigten Modulen in kurzer Zeit und kosteneffizient auf den klimaneutralen NetZero-Standard gebracht werden. Doch die Planer mussten bald einsehen, dass dies mit dem Objekt nicht realisiert werden konnte. Das Projekt hatte im wahrsten Sinne des Wortes zu viele Ecken und Kanten – und war mit vorgefertigten Elementen nicht kompatibel.

„Wir haben seit den Unterschriften für die Projekte in Hameln und Köln sehr viele Erkenntnisse gesammelt und über 100 Kriterien identifiziert, wie wir datenbasiert optimale Objekte für die serielle Sanierung selektieren“, berichtet Heisenberg. „Das Objekt in Köln würden wir heute definitiv nicht mehr unterschreiben.“ Architektonische Elemente wie etwa Loggien und viele Versprünge stellten sich in der Planung als Hindernis für eine serielle Sanierung dar. „Wir müssen die serielle Sanierung in den nächsten Jahren noch deutlich weiterentwickeln“, sagt Heisenberg gegenüber energiezukunft, „um diese Problemstellungen seriell lösen zu können.“

Förderprogramme für Serielle Sanierung geplant

Einige EU-Länder wollen gemeinsam mit dem Prinzip der seriellen Sanierung den Weg für einen Breitenmarkt für schnelle Nullenergie-Sanierungen ebnen. Gemeinsam mit Wohnungsunternehmen im Rahmen des EU-Förderprogramms Interreg NWE sollen Prototypen entstehen. Die EU fordert nun auch eine Renovation Wave ein, eine Sanierungswelle für klimaneutrales Wohnen bis 2050. Um das zu erreichen, müssten 220 Millionen Wohnungen saniert werden – das wären über 20.000 Wohnungen am Tag.

Das deutsche Bundeswirtschaftsministerium kündigte indes an, dass aktuell „ein neues Förderprogramm erarbeitet werde, mit dem die Serielle Sanierung zielgerichtet unterstützt werden kann.“ Weniger als ein Prozent der Wohnungen werden in Deutschland jährlich saniert. Im gegenwärtigen Tempo würde der klimaneutrale Gebäudebestand in Deutschland erst in 100 Jahren erreicht werden. na


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