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Wirksam sanieren – aber wie?

(Grafik: co2online)
(Grafik: co2online)

Wer energetisch saniert verspricht sich mehr Energieeffizienz und weniger Heizkosten. Politiker wollen über Gebäudesanierung CO2-Emissionen senken um die Klimaschutzziele zu erreichen. Nicht immer geht die Rechnung auf. Woran das liegt klärt ein deutschlandweit einmaliges Forschungsprojekt.

Wer energetisch saniert verspricht sich mehr Energieeffizienz und weniger Heizkosten. Politiker wollen mittels Gebäudesanierung CO2-Emissionen senken um die Klimaschutzziele zu erreichen. Doch nicht immer geht die Rechnung auf. Woran das liegt klärt ein deutschlandweit einmaliges Forschungsprojekt.

28.10.2015 – Es regnet in Strömen, als die weißen Transporter im November 2014 bei Familie Rieck in Heiligengrabe vorfahren. Der große Hof des 1903 gebauten Bauernhauses, auf halber Strecke zwischen Rostock und Berlin, liegt noch im Morgengrauen. Mit eingezogenen Köpfen gehen vier Männer über eine schmale Treppe in den niedrigen Keller, in dem es nach Feuchtigkeit und Heizöl riecht. Zwei Tage haben die Heizungstechniker eingeplant, um einen neuen Erdgas-Heizkessel einzubauen und die komplette Heizanlage zu optimieren: von den Rohren im Keller bis zu den Heizkörpern im Wohnbereich des Gebäudes. Familie Rieck rechnet damit, dass ihre Heizenergie-Rechnung in Zukunft 15 bis 20 Prozent niedriger ausfällt und sich die Investition in wenigen Jahren amortisiert.

Auf ähnliche Erfolge energetischer Sanierungen setzen jedes Jahr zig Tausende Menschen in Deutschland; Eigenheimbesitzer und Mieter, um die steigenden Ausgaben für Energie in den Griff zu bekommen; Politiker, um die CO2-Emissionen zu senken und so die Klimaschutzziele zu erreichen. Doch nicht immer geht die Rechnung auf. Woran das liegt, hat in den vergangenen zwölf Monaten ein deutschlandweit einmaliges Forschungsprojekt geklärt. Experten haben dazu seit September 2014 in ganz Deutschland 180 Ein- und Mehrfamilienhäuser begutachtet, in denen die Wärmedämmung verbessert oder der Heizkessel erneuert wurde – so wie bei Familie Rieck.

Wärmedämmung und Heizkessel haben sich die Forscher herausgepickt, weil sie zu den gängigsten Maßnahmen zählen, um in bestehenden Gebäuden für mehr Energieeffizienz zu sorgen. Beide sind teils gesetzlich vorgeschrieben. So sind viele Hauseigentümer inzwischen verpflichtet, ihre mehr als 30 Jahre alten Heizkessel auszutauschen und die oberste Geschossdecke zu dämmen.

Der Heizkesseltausch zählt zu den Maßnahmen mit der geringsten Amortisationszeit. Und in rund 70 Prozent der deutschen Haushalte steht ein veralteter Heizkessel im Keller. Die Wärmedämmung gilt als eine der umstrittensten Methoden; vor allem weil zwischen erhoffter und tatsächlicher Einsparung zuweilen eine Lücke klafft. Wie groß diese Lücke und damit das zusätzliche Sparpotenzial ist, soll das Forschungsprojekt ebenfalls klären und so für verlässliche Zahlen zur energetischen Sanierung sorgen.

Ziemlich eindeutig sind die Zahlen, die Hauseigentümern und Politikern zu Kosten und Emissionen vorliegen. Rund 85 Prozent der Energiekosten entfallen in einem durchschnittlichen Haushalt auf Heizung und Warmwasser. Etwa 1.000 Euro pro Jahr werden laut Bundesweitem Heizspiegel 2014 im Schnitt für eine 70 Quadratmeter große Wohnung fällig. Um 58 bis 94 Prozent (Erdgas/Heizöl) sind diese Kosten in den vergangenen zehn Jahren gestiegen.

Entsprechend groß ist das Interesse am effizienteren Nutzen von Heizenergie für die eigenen vier Wände; auch von Seiten der Politik. Bis zum Jahr 2050 will die Bundesregierung einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand erreichen. Im Fokus stehen dabei die vorhandenen Gebäude. Denn 75 Prozent des Bestandes sind älter als 30 Jahre und entsprechend wenig energieeffizient. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, müssten laut Bundesregierung jährlich etwa doppelt so viele Häuser energetisch saniert werden als bisher.

Dreiklang für wirksames Sanieren: Rate, Tiefe und Wirkung

Etwa ein Prozent der in Deutschland vorhandenen Gebäude wird derzeit jährlich saniert. Nach dem Willen der Bundesregierung soll die Sanierungsrate auf zwei Prozent steigen. Doch die Sanierungsrate ist nur einer von mehreren Bausteinen für mehr Energieeffizienz. Die Sanierungstiefe beschreibt den Umfang einer Sanierung, also ob es sich um eine einzelne Maßnahme wie einen Kesseltausch handelt oder ob mehrere Maßnahmen miteinander kombiniert werden, zum Beispiel Kesseltausch und Dämmung der Kellerdecke. Das kann wiederum in einem Rutsch geschehen oder schrittweise, beispielsweise mit einer Maßnahme pro Jahr. Immerhin zeigen viele Energieberater mit einem Sanierungsfahrplan bereits Wege zu mehr Sanierungstiefe auf. Die Bundesregierung hat die Idee inzwischen aufgegriffen und den zweiten Baustein so zumindest im Blick.

Schlechter ist es um den dritten Baustein bestellt: die Sanierungswirkung. Wie viel eine energetische Sanierung tatsächlich bringt, spielt bei den politischen Zielen nur eine untergeordnete und bei der Förderung gar keine Rolle. Dabei ist das Potenzial der Sanierungswirkung groß, wie die ersten Ergebnisse des Forschungsprojekts der gemeinnützigen co2online GmbH, des Fraunhofer ISE und des Instituts für energieoptimierte Systeme (EOS) Ostfalia zeigen. Laufen Heizkesseltausch und Dämmung optimal, ist im Schnitt eine zusätzliche Ersparnis von 25 bis 30 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und Jahr möglich. Wird nur gedämmt, sind 15 bis 20 kWh weniger möglich. Wird lediglich der Heizkessel getauscht, besteht ein zusätzliches Sparpotenzial von durchschnittlich 10 kWh. Umgerechnet auf 70 Quadratmeter Wohnfläche wären das in zehn Jahren je nach Maßnahme und Heizenergieträger zusätzlich rund 770 bis 2.930 Euro; bei 125 Quadratmetern sogar etwa 1.380 bis 5.230 Euro – viel Geld, das dafür sorgt, dass manche Rechnung für eine energetische Sanierung derzeit nicht aufgeht.

Vier Gründe für weniger wirksame Sanierungen

Neben den Zahlen haben die Experten auch schon einige Ursachen für ausbleibenden Sanierungserfolg ausgemacht. Ganz oben auf der Liste steht die „zu gute“ Ausgangslage des sanierten Objekts. Das heißt: Der Zustand des Gebäudes war vor der Sanierung besser als gedacht oder der Energieverbrauch niedriger als berechnet. Die Folge: Unpassende Maßnahmen werden ausgewählt oder deren Sparpotenziale überschätzt.

Eine weitere Ursache ist fehlerhaftes Nutzerverhalten: Wer energetisch saniert, muss für ein optimales Ergebnis sein Verhalten anpassen, zum Beispiel anders lüften und keine höheren Heiztemperaturen wählen als vor der Sanierung. Das falsche Einstellen der neuen Heizregelungstechnik kann ebenfalls dazu führen, dass das technisch mögliche Potenzial nicht ausgeschöpft wird: Gibt es Änderungen bei Heizkessel oder Dämmung, dann ist die Heizregelung anzupassen und auf das Nutzerverhalten abzustimmen, vor allem auf die An- und Abwesenheit der Bewohner. Die vierte zentrale Ursache ist das ausbleibende Optimieren der Wärmeverteilung. Denn entscheidend ist nach einer Sanierung nicht nur die Regelung im Heizungskeller, sondern auch das optimale Einstellen aller Heizkörper. Aus den Ursachen haben die Experten für wirksames Sanieren einige Vorschläge abgeleitet, um zukünftig das volle Potenzial zu erschließen. Eigentümer, die eine energetische Sanierung planen, können diese Tipps schon jetzt nutzen.

Worauf Hauseigentümer bei energetischen Sanierungen achten sollten

Tipp Nr. 1 ist die qualifizierte Energieberatung vor und während des Vorhabens. Nicht nur beim Planen spielt die Energieberatung eine entscheidende Rolle, beispielsweise beim Beurteilen des Gebäudezustands und der davon abhängenden Auswahl passender Maßnahmen – optimalerweise gemäß Verbrauchs- statt Bedarfsrechnung. Bei der Ausführung und zum Abschluss der energetischen Sanierung können Energieberater ebenfalls helfen: indem sie auf handwerkliche Qualität achten und Tipps zum richtigen Nutzerverhalten geben.

Familie Rieck hat sich beispielsweise für die energetische Sanierung ihres Bauernhauses von einem erfahrenen Architekten beraten lassen, der dann auch das gesamte Baugeschehen begleitete. Der zweite Tipp zielt darauf ab, die handwerkliche Qualität energetischer Sanierungen zu steigern. Damit ließen sich mindestens zwei der vier zentralen Ursachen beseitigen: die falsche Heizungseinstellung und die schlechte Wärmeverteilung. Beides wird mit einem hydraulischen Abgleich der Heizungsanlage vermieden.

Doch nicht alle Handwerker bieten diese Dienstleitung an. Ändern ließe sich das nach Ansicht der Sanierungsexperten, indem Handwerker noch besser geschult würden. Die Qualität ließe sich zudem dadurch sichern, dass erfahrene Handwerker oder Energieberater die Arbeiten beaufsichtigen. Familie Rieck hat auch in diesem Punkt vorbildlich gehandelt: Sie hat darauf geachtet, dass der hydraulische Abgleich Teil des Handwerker-Angebots war. Außerdem haben Riecks viel Zeit darauf verwendet, qualifizierte Handwerker auszuwählen und deren Arbeit durch einen Architekten begutachten lassen.

Drittens empfehlen die Experten ein regelmäßiges Monitoring und Feedback zum Energieverbrauch – und zwar vor und nach der Sanierung. Vorher hilft das kontinuierliche Sammeln und Auswerten der Verbrauchsdaten, passende Maßnahmen auszuwählen und das Sparpotenzial realistisch einzuschätzen. Nachher lassen sich mit den Daten nicht nur Heizungsregelung und Wärmeverteilung optimieren. Der Erfolg der energetischen Sanierung kann so ebenfalls geprüft werden, also ob die Maßnahme tatsächlich gebracht hat, was zuvor kalkuliert wurde.

Geprüft werden kann so auch das Nutzerverhalten. Beim Anpassen des Verhaltens der Bewohner an die neue Technik hilft Feedback durch Monitoring-Werkzeuge wie das Energiesparkonto. Mit dem kostenlosen Onlineangebot lassen sich Daten zum Energieverbrauch sammeln und in Form übersichtlicher Grafiken auswerten, auch per App für Android und iOS.

Was Politiker und Handwerker für mehr Energieeffizienz tun können

Aus den Tipps und Vorschlägen ergeben sich erste Empfehlungen an die Verantwortlichen in Politik und Handwerk, um für mehr Energieeffizienz im Gebäudebereich zu sorgen. Im Mittelpunkt stehen dabei Qualitätssicherung und Monitoring. Um die Qualität energetischer Sanierungen zu sichern, könnte das Fördern von Maßnahmen mit einem Erfolgsnachweis verknüpft werden.

Denkbar wäre beispielsweise, die Höhe der Förderung an den Sparerfolg zu knüpfen: Je mehr eingespart wird, desto größer fällt die Förderung aus. Das würde zusätzliche Anreize für Hauseigentümer, Energieberater und Handwerker schaffen. Für die neue Energieeinspareinsparverordnung (EnEV) wünschen sich die Sanierungsexperten zwei Dinge: Der hydraulische Abgleich für eine optimale Heizungsregelung und Wärmeverteilung sollte Pflichtaufgabe sein. Außerdem wäre ein Zusammenführen von EnEV und Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) wünschenswert, um energetische Sanierungen zu erleichtern.

Für das Handwerk wird eine Verbesserung der Qualitätssicherung in der Aus- und Weiterbildung angeregt, insbesondere zum Thema hydraulischer Abgleich. Zum Monitoring gibt es zwei Empfehlungen: das flächendeckende Einführen von Smart Meter für Erdgas und Fernwärme und den werkseitigen Einbau von Wärmemengenzählern in Heizkesseln, zum Beispiel via EU-Ökodesign-Richtlinie 2018. Bis zum Jahr 2022 müssen sich Riecks noch gedulden. Nach acht bis zehn Jahren dürfte sich ihre Investition amortisiert haben und der Heizölgeruch im Keller schon längst verflogen sein.

Schon jetzt ist dank Monitoring mit Hilfe der beim Heizkesseltausch eingebauten Wärmemengenzähler erkennbar, wenn der Blick auf den Familien-Computer und das Energiesparkonto fällt: Die prognostizierte Einsparung von mindestens 15 Prozent scheint realistisch zu sein und die Rechnung damit aufzugehen. Partner für mehr Energieeffizienz gesucht – Fachgespräche und Kampagne Die Ergebnisse des vom Bundesumweltministerium geförderten Sanierungstests mit 180 Ein- und Mehrfamilienhäusern wurden von co2online gemeinsam mit Fraunhofer ISE und dem Institut für energieoptimierte Systeme (EOS) Ostfalia nun veröffentlicht.

co2online bereitet außerdem die nächsten Schritte vor, um die Sanierungswirkung zu erhöhen: Mit Partnern aus Politik, Industrie, Handwerk, Verbänden sowie Wissenschaft und Forschung sollen weitere Vorschläge erarbeitet und die Umsetzung vorbereitet werden. Außerdem plant die gemeinnützige Beratungsgesellschaft eine dialogbasierte Kommunikationskampagne, die sich vor allem an Hauseigentümer und Experten wie Energieberater, Architekten, Planer und Handwerker richtet; auf dass Familie Rieck viele Nachahmer findet, die in ihren eigenen vier Wänden mit kalkulierbarem Erfolg für mehr Energieeffizienz sorgen.
Jens Hakenes (co2online gGmbH)

www.wirksam-sanieren.de

Mehr über die energetische Sanierung von Familie Rieck

Familie Rieck im Video


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