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Wohlfühlen ist planbar

Bei allen Details richtete man sich möglichst nach historischen Vorbildern und kombinierte diese optimal mit moderner Energietechnik. (Foto: Andreas Schlegel)
Bei allen Details richtete man sich möglichst nach historischen Vorbildern und kombinierte diese optimal mit moderner Energietechnik. (Foto: Andreas Schlegel)

Bei der energetischen Komplettsanierung einer ehemaligen Wäscherei zu einem Mehrfamilienhaus mit Garten und Remise in Berlin entwarf der Architekt Thomas Koch ein rundum stimmiges Konzept, das die Energieeffizienz des Hauses enorm verbesserte und dennoch seinen ursprünglichen Charakter bewahrte.

29.10.2015 – Den Bauherren fiel es bei Spaziergängen ins Auge und stand auch schon längere Zeit zum Verkauf: Das dreigeschossige Gebäude mit Jugendstilelementen bildet den Abschluss in einer Straßenreihe mit Wohnhäusern aus der Gründerzeit sowie Jugendstilvillen, die in einem ruhigen Wohngebiet mit altem Baumbestand in Berlin-Lichterfelde West liegen. Von außen machte es einen verwahrlosten Eindruck, im komplett asphaltierten Hof bildeten sich Risse, um das Haus herum wurden Müll und Schrotteile gelagert – und dennoch hatte es einen unübersehbaren Charme.

Das 1907 errichtete Gebäude wurde fast bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Wäscherei genutzt, die u. a. das Hotel Adlon belieferte – das überraschte auch den in der energieeffizienten Altbausanierung erfahrenen Architekten Thomas Koch, denn von der Einteilung der Fassaden und Fenster her hätte man das Gebäude eher für ein Wohnhaus gehalten.

Die Remise auf der rückwärtigen Seite des Gebäudes diente früher als Pferdestall; mit Pferdekutschen wurde die Wäsche einst zum Pariser Platz transportiert. Nach dem Krieg wurde das Haus nur noch teilweise gewerblich genutzt, Dachgeschoss und Teiletagen standen leer; aktuell wurde die erste Etage als Büroraum genutzt, das Erdgeschoss als Lager von ausrangierten Maschinenteilen und als Fotoatelier. Das Erdgeschoss der Remise stand leer, im Obergeschoss nutzte ein niederländischer Künstler die Räume. Da dieser Interesse an einer Weiternutzung hatte, wurde zuletzt auch die Remise saniert; heute werden beide Etagen als Arbeitsatelier genutzt.

Bestandsanalyse

Nach Besichtigung aller Innenräume war dem Architekten Thomas Koch klar, dass eine Komplettsanierung notwendig würde. Da eine gewerbliche Nutzung heute nicht mehr in das reine Wohngebiet passt, war es Ziel, hier dringend benötigten Wohnraum für Familien zu schaffen, der nachhaltig und lebenswert ist. „Dass bei einem solchen Projekt Erfahrung und Fingerspitzengefühl in der Altbausanierung dringend gefragt sind war uns klar“, berichten die Bauherren, „und da uns unser Architekt vom Kauf bis hin zur Vermietung optimal betreute, konnten wir in den hallenartigen Innenräumen Grundrisse frei, modern und familiengerecht gestalten.“

Das Haus ist besonders massiv gebaut, mit hoch tragfähigen Decken und Wänden; so war es problemlos möglich, Umbauten wie das Stellen neuer Wände vorzunehmen, Fußbodenheizung und Lüftungsleitungen zu integrieren. Bei allen Details richtete man sich möglichst nach historischen Vorbildern und kombinierte diese optimal mit moderner Energietechnik.

Fassadengestaltung

Um den Charakter des Hauses und der Remise zu erhalten bzw. den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen wurde der Zwischenzustand mit PVC-Fenstern, Stahltüren u. ä. teilweise rückgebaut, was anhand alter Fotografien und Zeichnungen möglich war. Ziel war es, das Gebäude nach modernem Standard vollständig energetisch zu ertüchtigen. Auf eine Wärmedämmung konnte dabei nicht verzichtet werden. Alte Stuckelemente waren noch vorhanden und wurden nach Aufbringen von 14 cm Wärmedämmung detailgetreu nachgebildet.

Die dreifachverglasten Fenster wurden im Originalerscheinungsbild mit historischer Sprossenteilung nachgebaut und nach außen versetzt, und zusammen mit der Wärmedämmung das historische Außenlaibungsbild wiederhergestellt, so dass ein Schießscharten-Effekt vermieden werden konnte. Der Dachgeschossausbau öffnet sich giebelseitig zur Südseite, hier entstand eine Maisonette-Wohnung, die über beide Treppenhäuser erschlossen wird.

Energiekonzept

Durch die jahrzehntelange Nutzung als Wäscherei und den folgenden Leerstand fanden die Architekten das Mauerwerk im Erdgeschoss völlig durchnässt vor, eine Trockenlegung des gesamten Gebäudes im Mauersägeverfahren wurde durchgeführt. Der Boden im Erdgeschoss war zudem komplett zerstört, hier war nur ein Sandboden vorhanden.

Ein voluminöser und nicht mehr nutzbarer Kaminzug im südlichen Teil des Gebäudes musste entfernt werden. Die Grundstücksgröße erlaubte keine Erdwärmenutzung. Auch eine Luftwärmepumpe kam nicht in Frage, da für ein Außengerät kein geeigneter Platz auf dem Grundstück vorhanden ist, ohne dass es zu einer Beeinträchtigung der Bewohner gekommen wäre.

Man entschied sich für Solarthermie für die Brauchwassererwärmung und Heizungsunterstützung. Die Indach-Kollektoren wurden in das neue Ziegeldach integriert; ein großer Puffer-Solarspeicher wurde im ehemaligen Aufzugsschacht in der zweiten Etage integriert, da der Keller viel zu klein ist, und eine Gasbrennwert-Therme und Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung installiert. Die brandschutzgerechte Herstellung der vielen Rohrdurchdringungen für Heizungs- und Wasserrohre kosteten Architekt und Handwerker allerdings einige Nerven.

Zusammen mit der Wärmedämmung und dem Einbau neuer dreifachverglaster Fenster war das Paket energetischer Sanierungsmaßnahmen damit abgerundet und stimmig. Auch auf ökologische Materialien legte man Wert bei der Planung. Die Sparrenzwischenräume wurden komplett mit Zellulosedämmung ausgeblasen.

Nachhaltige Zufriedenheit

So entstanden familiengerechte Wohnungen mit großzügigen Grundrissen. Sechs Familien fühlen sich heute wohl in einem Haus, das seinen Altbau-Charme zurückerhalten hat und dabei alle Annehmlichkeiten eines modernen Wohnstandards bietet. Besonders begeistert hat alle Beteiligten, dass das Haus nach der Sanierung im Glanz vergangener Jahrzehnte erstrahlt und ein bisschen „Pferdekutschen-Feeling“ zurückbringt – „so wie wir es uns in unserer Phantasie ausgemalt hatten“, schwärmen die Bauherren – und das trotz der Umnutzung, die von außen nicht sichtbar wird, da Proportionen und die sensible Fassadengliederung erhalten wurden, moderner energetischer Ertüchtigung mit 14 cm Wärmedämmung und einer Reduzierung der Heizenergie von fast 30 auf deutlich unter 8 Liter (300 KWh/m²/Jahr auf 70- 80 KWh/m²/Jahr), die man nach einem Jahr Vermietung und einem sonnenarmen Winter ablesen konnte. Es war ein aufregendes Projekt, sagen Architekt und Bauherr, und wir würden es wieder tun. Nicole Allé

Drei Fragen an den Architekten Thomas Koch, der seit vielen Jahren vor allem im Raum Berlin und Brandenburg Altbauten energetisch saniert:

Mit welchen besonderen Anforderungen sahen sie sich bei der Planung konfrontiert?

Das Gebäude war undicht, es zog durchs ganze Haus. Ein einziger großer Industrie-Schornsteinzug mit 2 x 2 Metern Durchmesser der über 3 Meter über das Dach hinausragte befand sich in der Südhälfte des Gebäudes – die wollten wir aber möglichst öffnen, um hier lichtdurchflutete Wohnungen mit vorgesetzten Balkonen herzustellen. Der Schornstein musste also komplett abgetragen werden. Bei der Planung eines neuen Heizungssystems für das Haus stellten wir schnell fest, dass das relativ kleine Grundstück für ein System mit Erdwärme nicht ausreichte. Für eine Holzpellet- oder Hackschnitzelheizung war der Keller zu klein, das Haus ist lediglich teilunterkellert. Um den energetischen Anforderungen zu genügen, entschieden wir uns also für eine ausreichend dicke Wärmedämmung der Fassaden und eine dachintegrierte Solarthermie-Anlage mit ausreichend Speichervolumen für die komplette Warmwasserversorgung mit Heizungsunterstützung. Den Heizraum mit Speicher konnten wir in der zweiten Etage unterbringen, so dass die Rohrleitungswege zu allen Wohnungen möglichst kurz sind und es keine Wärmeverluste gibt. Dazu installierten wir sechs Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, die das System optimieren. Jede Wohnung hat eine eigene Lüftungsanlage erhalten, um Schallübertragungen zu Nachbarwohnungen auszuschließen und eine individuelle Handhabung für jeden Nutzer zu ermöglichen.

War die Wärmedämmung der historischen Fassade ein Problem?

Die Fassade war in einem schlechten Zustand und wies viele Löcher auf, war aber in ihrem historischen Bild noch größtenteils erhalten. Ich habe in Bauarchiven recherchiert und fand Fotografien, die den ursprünglichen Zustand des Gebäudes gut dokumentierten. So konnten wir alte Stilelemente, die im Laufe der Jahrzehnte teilweise zerstört worden waren, rekonstruieren. Gemeinsam mit einer darauf spezialisierten Handwerksfirma konnten wir so das ursprüngliche Fassadenbild wieder nachbilden – auf der angebrachten Wärmedämmung wurde der ursprünglich vorhandene Stuck mineralisch nachgebildet. Das Dach wurde ebenso im Originalbild mit den historischen Dachziegeln erneuert und eine Solarthermie-Anlage konnte problemlos in das nach Südwesten ausgerichtete Dach integriert werden. Zwischen die Dachsparren wurde Zellulose-Dämmung aus recyceltem Zeitungspapier eingeblasen, das bringt neben dem winterlichen auch einen sehr guten sommerlichen Wärmeschutz durch eine hohe Phasenverschiebung.

Wie ist die Resonanz der Bewohner nach drei Jahren?

Die Bewohner sind rundum zufrieden, schätzen besonders die angenehme Raumwärme und auch die Lüftungsanlage, trotz der – allerdings nur sehr selten – auftretenden technischen Ausfälle. Begeistert sind die Bewohner vom niedrigen Wärmeenergieverbrauch, die Verbrauchswerte liegen zudem unter dem berechneten Bedarfswert. Auch der Garten wurde so gestaltet, dass es hier sowohl Privatgarten mit Kinderspielplatz, Abstellplätze für Fahrräder und Kinderwagen sowie einen Gemeinschaftsbereich gibt – hier wollen sich die Bewohner nun sogar auf eigene Faust einen Grillplatz einrichten, die Atmosphäre im Haus ist also sehr erfreulich.

Haben die Bauherren eine KfW-Förderung in Anspruch genommen?

Nein, es gab leider keine KfW-Förderung für die energetische Sanierung, da das Gebäude vorher gewerblich genutzt wurde. Bis 2014 sind nur Gebäude, die bereits als Wohngebäude in Nutzung waren, von der KFW als förderfähig eingestuft worden.

Herr Koch, herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Interview fürhte Nicole Allé.

Der Architekt Thomas Koch macht Gebäudediagnosen und beantwortet Fragen zum Projekt bzw. zur energetischen Bestandssanierung - Kontakt


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Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Katharina Jung 02.07.2018, 11:17:15

Ein rundum gelungenes Projekt, wie es scheint!

Eine kleine Anrgung zur Erhöhung des Wohnkomforts und noch bessere Energiewerte: http://www.et-energie-online.de/Aktuelles/Meldungen/tabid/68/NewsId/3419/FensterDammschutz-ThermoSonnenschutz-steigert-Energieeffizienz.aspx

 

Gruß,

K. Jung


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