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BauwendeWohnflächeneffizienz – der übersehene Hebel der Energiewende

Eine Holzhütte mit einer aufgemalten Sonnenblume und bunter Ausschrift „Always Room to grow“
Der Flächenverbrauch für Wohnraum ist in Europa hoch, statt Neubau sollte der Bestand in den Fokus rücken – etwa ungenutzte Wohnflächen stärker nutzen und neue Wohnformen ausbauen. (Foto: Kyle Glenn on Unsplash / Unsplash License)

In Deutschland wächst die Wohnfläche pro Kopf kontinuierlich. Der zusätzliche Flächen-, Baustoff- und Energiebedarf frisst die Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte bei der Energieeffizienz wieder auf. Bestandsoptimierung sollte vor Neubau stehen.

31.12.2025 – Für gutes Wohnen ist es auch in Zukunft notwendig, ungenutzte Wohnflächen stärker zu nutzen und neue Wohnformen auszubauen, sagen die Experten von Zukunft Altbau. Immer mehr Raum für Jede und Jeden: Die Wohnfläche pro Kopf steigt stetig an. Das hat Folgen, denn der zusätzliche Bedarf an Flächen, Rohstoffen für Baumaterial als auch der Energiebedarf aufgrund meist großzügigerer Wohnungen und Eigenheimen macht die Klimaschutzwirkung durch gestiegene Gebäude-Energieeffizienz wieder zunichte.

Zeit, einen oft übersehenen Hebel der Energiewende umzulegen – die Wohnflächeneffizienz – fordert das vom Umweltministerium Baden-Württemberg geförderte Informationsprogramm Zukunft Altbau. Mit Wohnflächeneffizienz sei vor allem die bessere Nutzung der vorhandenen Wohnflächen gemeint – etwa durch Cluster-Wohnungen, Wohnungsteilungen nach dem Auszug der Kinder oder von bislang nicht genutztem Wohnraum im Keller oder Dach.

Pro-Kopf-Wohnfläche seit 1970 verdoppelt

Laut Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie ist der Raumwärmebedarf in Deutschland pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr von rund 250 Kilowattstunden im Jahr 1970 auf knapp 150 Kilowattstunden im Jahr 2020 gesunken – ein stolzes Minus von rund 45 Prozent. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf ist in diesem Zeitraum hingegen von rund 25 auf über 47 Quadratmeter gewachsen und hat sich damit fast verdoppelt. Auch in den vergangenen Jahren ist die Tendenz weiter steigend: Ende 2024 lag die Wohnfläche pro Kopf bei gut 49 Quadratmetern. Daher bleibt der Wärmebedarf pro Person relativ konstant.

Deutschland liegt dabei mit an der europäischen Spitze: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in Europa variiert je nach Land, liegt aber laut Statistischem Bundesamt (Destatis) zwischen rund 31 bis 45 Quadratmetern. In Spanien, Großbritannien, Schweden und Frankreich liegt demnach der Durchschnitt bei etwa 33 Quadratmetern.

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Gesellschaftliche Veränderungen abfedern

Die Gründe für die steigende Wohnfläche sind demnach vielfältig: Noch immer werden viele Eigenheime und große Wohnungen gebaut, dabei wohnen immer weniger Menschen in einem gemeinsamen Haushalt. Auch die Zahl der Ein-Personenhaushalte ist deutlich gestiegen. Doch es gibt bereits vielversprechende Möglichkeiten, energie- sowie wohnflächeneffizient und trotzdem bedürfnisorientiert zu wohnen. Fachleute sprechen hier von Suffizienz beziehungsweise suffizientem Wohnen.

Unsichtbaren Wohnraum nutzen

Ein Ansatz ist der in vielen Gebäuden schlummernde, potenziell vermietbare Wohnraum, etwa die als Hobbyraum genutzte Einliegerwohnung im Einfamilienhaus, so Zukunft Altbau. Immer wieder gebe es auch einen ausgebauten Dachstuhl mit Bad und Küchenzeile, der ehemals von den inzwischen ausgezogenen Kindern genutzt wurde. Zu dem unsichtbaren, nicht genutzten Wohnraum gehörten auch komplett leerstehende, nicht vermietete Wohnungen. Viele Eigentümer vermieden es jedoch, ihre Wohnungen zu vermieten – etwa aus Angst vor zu viel Lärm. Auch Befürchtungen vor säumigen Mietern und den damit verbundenen Problemen und Kosten gehörten zu den Gründen, so die Experten. Diese Sorgen führten dazu, dass Wohnraum leer stehe – der dringend gebraucht wird, vor allem in Ballungsräumen.

Akteure besser vernetzen

Wohnrauminitiativen vor Ort könnten dabei helfen, diese Bedenken auszuräumen und Sicherheit zu bieten, schlagen die Experten vor. Sie könnten leerstehende Wohnungen dank Garantien und Mietbegleitung wieder an den Wohnungsmarkt bringen. Als Beispiel nennt Zukunft Altbau die „Kirchliche Wohnrauminitiative“ des Caritasverbands der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die seit ihrem Projektstart 2019 bereits 702 Wohnungen vermittelt und 1.794 Menschen mit Wohnraum versorgt habe. „Würden wir großflächig unsichtbaren Wohnraum nutzbar machen, gäbe es weniger Wohnungsnot und wir müssten deutlich weniger neu bauen“, sagt Frank Hettler vom Team Zukunft Altbau. Das würde Energie einsparen und die voranschreitende Flächenversiegelung reduzieren.

Ein Haus – zwei Wohnungen

Eine weitere Möglichkeit bestehe darin, Einfamilienhäuser aufzuteilen. Wo früher größere Familien zusammen wohnten, teilen sich inzwischen oft nur noch zwei Personen die große Wohnfläche, manches dieser Häuser werde über Jahre sogar nur von einer Person bewohnt. In vielen Fällen könnte in diesen Häusern durch wenige Umbaumaßnahmen eine zweite Wohnung abgeteilt werden. Dafür gibt es sogar spezielle Förderprogramme vom Staat, erklärt der Bauexperte. Gerade für ältere Menschen könnte das eine große Entlastung oder sogar eine Bereicherung sein. Sie haben weniger Wohnfläche, um die sie sich kümmern müssen, zahlen weniger Energiekosten und gewinnen neue Hausnachbarn hinzu, die beispielsweise auch bei der Gartenarbeit mit anpacken könnten.

Cluster-Wohnungen: Wohngemeinschaft und Kleinstwohnung

Ein anderes Beispiel sind Cluster-Wohnungen: „Sie sind eine Kombination aus Wohngemeinschaft und Kleinstwohnung“, erklärt Frank Hettler von Zukunft Altbau. „Meist bestehen sie aus mehreren kleinen Wohnungen innerhalb eines Gebäudes mit kleinem Bad und Küche, die sich zusätzlich gemeinschaftlich genutzte Räume teilen, beispielweise ein großzügiges Wohnzimmer und eine gut ausgestatte Gemeinschaftsküche. Auch ein komfortables Gästezimmer, ein echter Fitnessraum oder ein gemeinsam genutzter Home-Office-Raum sind denkbar.“ So stehen den Bewohnerinnen und Bewohnern Räumlichkeiten zur Verfügung, die sie sich einzeln nicht leisten könnten. Mehrere der kleinen Wohnungen bilden dann eine abgeschlossene Wohneinheit.

Cluster-Wohnungen sorgen für mehr Vielfalt im Wohnungsangebot: Menschen brauchen in unterschiedlichen Lebenssituationen unterschiedlich viel Raum. In Cluster-Wohneinheiten können Wohnungen je nach Größenbedarf relativ einfach angepasst oder getauscht werden. Damit kann die Pro-Kopf-Fläche und der damit einhergehende Energieverbrauch reduziert werden. In ihnen lebt es sich außerdem komfortabel, die Zufriedenheit der Bewohnerinnen und Bewohner in den bisherigen Projekten sei hoch, so die gesammelten Erfahrungen.

Das Wohnen im Cluster könnte auch finanziell attraktiv sein: Menschen müssten nicht gleich umziehen und sich auf dem freien Markt eine meist teurere Wohnung suchen, wenn sich ihre Lebenssituation ändert. Im Idealfall finden sie innerhalb Ihrer Wohnung eine Lösung. Zudem könnten beim Cluster-Wohnen bei Bedarf auch Gebrauchsgüter geteilt werden. So laufen weniger Waschmaschinen und Kühlschränke, was zusätzlich Energie spart. Darüber hinaus wäre das Wohnen in Gemeinschaft ein positiver sozialer Nebeneffekt dieser Wohnform.

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Veränderung im Denken statt Neubau notwendig

Die Politik habe inzwischen erste Schritte gemacht, solche Wohnmodelle zu unterstützen, berichtet der Bauexperte. Dazu zählten eine einfachere Umwidmung von Gewerbeflächen oder weniger Hürden für Aufstockungen. Trotzdem wären noch weitere Maßnahmen nötig, um mehr Menschen für neue Modelle der Wohnraumnutzung zu gewinnen.

Experten wie Patrick Zimmermann vom ifeu-Institut Heidelberg gehen davon aus, dass rund achtzig Prozent der angestrebten 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr außerhalb von Neubauten entstehen könnten, wenn neue Wohnkonzepte und die Aktivierung des Wohnungsleerstands konsequent umgesetzt würden sowie unsichtbarer Wohnraum besser erschlossen würde. Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer können sich bei den Fachleuten von Zukunft Altbau über die Möglichkeiten des Umbaus ihrer Immobilie informieren. na

Aktuelle Informationen zur energetischen Sanierung von Wohnhäusern gibt es auf www.zukunftaltbau.de
Fragen beantwortet das Team von Zukunft Altbau per E-Mail an beratungstelefon@zukunftaltbau.de

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