Energiekommune Hoyerswerda: Abschied von der Kohle – Energiestruktur im Wandel

Die Stadt Hoyerswerda in der Lausitz ist im Wandel, die von der Braunkohleindustrie geprägte Region steht vor großen Herausforderungen. Das bevorstehende Ende der Fernwärmeversorgung aus der Kohleverstromung erfordert eine tiefgreifende Wärmewende.
15.08.2025 – Die Stadt Hoyerswerda in der sächsischen Oberlausitz hat schon einige Strukturwandel erlebt, berichtet die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). Mit der Entdeckung großer Braunkohlevorkommen im 19. Jahrhundert und dem beginnenden industriellen Bergbau stieg die Bevölkerungszahl rasch an. 1955 beschloss der Ministerrat der DDR den Aufbau des Gaskombinats Schwarze Pumpe, Hoyerswerda wurde als zweite sozialistische Wohnstadt ausgewählt und mit dem Bau der Neustadt begonnen – innerhalb von nur 25 Jahren wuchs die Bevölkerungszahl damals von unter 10.000 auf über 70.000 an.
Der Übergang von der sozialistischen Staats- oder Planwirtschaft zur kapitalistischen Marktwirtschaft mit der Wende bedeutete den größten Umbruch in der Geschichte Hoyerswerdas. Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, wegbrechende Absatzmärkte und hohe Produktionskosten sowie die folgende massive Abwanderung junger Menschen und schließlich Deindustrialisierung und Rückbaumaßnahmen von Wohngebäuden führten dazu, dass die heutige große Kreisstadt nur noch etwa 30.000 Einwohner zählt. Im September 1991 geriet Hoyerswerda dann mit einem ganz anderen Thema in die Negativ-Schlagzeilen, als es zu rassistisch motivierten Ausschreitungen kam. Die Ereignisse führten damals zu einer bundesweiten Diskussion über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Deutschland.
Herkulesaufgabe Strukturwandel
Beim Umstieg auf eine klimafreundliche Energieversorgung setzen die Stadt und die Versorgungsbetriebe Hoyerswerda nun auf umfassende wissenschaftliche Studien und länderübergreifende Partnerschaften, berichtet die Agentur für Erneuerbare Energien e. V. (AEE) und zeichnet die Stadt Hoyerswerda als Energie-Kommune des Monats August 2025 aus.
Der auf das Gaskombinat folgende Industriepark Schwarze Pumpe mit gleichnamigem Braunkohle-Großkraftwerk der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) auf Spremberger Gemarkung versorgt seit 1997 Hoyerswerda mit Fernwärme – einem Nebenprodukt, nämlich Abwärme in Form von ausgekoppeltem Dampf, der Kohleverstromung. Im Rahmen des Kohleausstiegsgesetzes wird das Kraftwerk spätestens Ende 2038 stillgelegt.
In Zukunft will der Energiekonzern auf seinen Bergbaufolgeflächen und anderen geeigneten Arealen in der Lausitz gigantische Windenergie- und Photovoltaik-Anlagen errichten. Das Projekt LEAG GigawattFactory strebt sieben Gigawatt (GW) installierte Leistung bis 2030 an, bis 2040 sollen es 14 GW sein. Die Erzeugung von grünem Wasserstoff, der perspektivisch auch flexible Reservekraftwerke betreiben soll, ist laut Bericht ebenfalls Teil des Gesamtkonzepts.
Auf Lücken bei der Finanzierung der Rekultivierung der Tagebaugebiete in Brandenburg und Sachsen hatte zuletzt die Umweltorganisation Greenpeace hingewiesen. Anfang des Jahres hatte die Leag eine von langer Hand geplante Umstrukturierung ihres Geschäftsmodells beschlossen. Das zukunftsträchtige Geschäft mit Erneuerbaren Energien und die Kohlesparte wurden in zwei verschiedene Bereiche aufgeteilt. Umweltorganisationen und Politiker befürchten, dass die Kohlesparte de facto in eine Art „Bad Bank“ ausgelagert wird, was erhebliche Risiken für die langfristige finanzielle Absicherung der Rekultivierungskosten mit sich bringe.
SDG 7: Bezahlbare und saubere Energie für die Region
Als Projektkommune der Initiative „Global Nachhaltige Kommune Sachsen“ der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) erstellte die Stadtverwaltung Hoyerswerda 2024 eine Bestandsaufnahme zur „Umsetzung der Agenda 2030 zur nachhaltigen Entwicklung in der Stadt Hoyerswerda“. In dem Anfang Mai 2025 veröffentlichten Bericht fasst die Stadt ihre bisherigen Angebote und Projekte zusammen, die auf die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Social Development Goals, SDGs) einzahlen, welche den Kern der UN-Agenda 2030 bilden.
„Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und moderner Energie für alle sichern“ lautet das siebte Ziel für Nachhaltige Entwicklung. Zu den Aufgaben in Hoyerswerda zählen dabei einerseits die Energieversorgung inklusive Abwärmenutzung und Unterstützung gemeinschaftlicher Energiegesellschaften und andererseits die Sanierung kommunaler Liegenschaften, das Energiemanagement und die Stadtbeleuchtung.
Enorme Aufgabe: Transformation der Wärmeversorgung
Die größte Aufgabe für die regionalen Akteure besteht in der Transformation der Wärmeversorgung. Der Vertrag mit der LEAG über die Fernwärmebelieferung von etwa zwei Drittel der Einwohner von Hoyerswerda sowie vieler öffentlicher Gebäudeläuft Ende 2027 aus. Das betrifft allerdings nicht nur die Stadt Hoyerswerda, sondern auch die Nachbarkommunen Spremberg und Weißwasser. Vor diesem Hintergrund unterzeichneten die Versorgungsbetriebe Hoyerswerda (VBH), die Städtischen Werke Spremberg (SWS) und die Stadtwerke Weißwasser (SWW) 2020 einen über drei Jahre laufenden und bundeslandübergreifenden Konsortialvertrag, um die Zusammenarbeit als Fernwärmeversorger der drei Städte beziehungsweise der Region zu koordinieren.
Mit einer Förderung durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) im Rahmen des STARK-Programms (Stärkung der Transformationsdynamik und Aufbruch in den Revieren und an den Kohlekraftwerkstandorten) gab das Konsortium bei der Cottbuser Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG eine Studie in Auftrag, wie die Wärmeversorgung für die etwa 85.000 Menschen in der Region auf ein effizientes, klimafreundliches und günstiges System umgestellt werden kann.
Fernwärmenetze vorhanden – auf der Suche nach der sauberen Energie
Die Ergebnisse der Studie betonen die strategische Bedeutung der vorhandenen und gut ausgebauten Fernwärmenetze in den drei Städten, die weiter verdichtet und erweitert werden sollen und können, um mittelfristig bis zu 70 Prozent der Haushalte anzuschließen. Sie identifiziert verschiedene erneuerbare Energiequellen, die synergetisch genutzt werden sollen sowie mögliche Standorte. Demnach gibt es in Spremberg und Hoyerswerda nutzbare Flächen für Solarthermieanlagen in der Nähe des Fernwärmenetzes und für den Einsatz von Gewässerthermie mittels Großwärmepumpen sind Seen wie der Scheibe-See und der Bärwalder See geeignet. Abwärme aus Industrie und Kläranlagen sowie Biomasse aus Rest- und Altholz werden als begrenzt verfügbar, aber potenziell nutzbar eingeschätzt.
Perspektivisch könnten gasbasierte Spitzenlastkessel mit grünem Wasserstoff oder Biogas betrieben werden, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, heißt es in der Studie Kurzfristig wird Erdgas als Übergangslösung genutzt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine klimaneutrale Fernwärmeversorgung auch in Zukunft wettbewerbsfähig und bezahlbar sein kann, sofern alle notwendigen technischen, personellen und finanziellen Ressourcen bereitgestellt werden.
Die Zeit läuft
Laut Wärmeplanungsgesetz (WPG) müssen Fernwärmenetze bis 2030 zu mindestens 30 Prozent aus Erneuerbaren Energien oder unvermeidbarer Abwärme gespeist werden. Diese Quote erhöht sich weiter auf mindestens 60 Prozent ab 2035 und 80 Prozent ab 2040. Schließlich muss die gesamte Wärmeversorgung ab dem Jahr 2045 vollständig klimaneutral sein.
Ein langer Weg zu sauberer Energie
In regelmäßigen öffentlichen Informationsveranstaltungen berichten die Stadt Hoyerswerda und die Versorgungsbetreibe Hoyerswerda VBH über den jeweils aktuellen Planungsstand und realistische Zukunftsaussichten. Im April 2025 verkündete die VBH – als unverzichtbare Brückenlösung, da ohne langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren möglich – das bestehende Gas-Spitzenheizwerk im Industriegelände Hoyerswerda erheblich auszubauen und zu modernisieren: von derzeit 19 Megawatt (MW) installierter Wärmeleistung auf 45 MW. Dieses Heizwerk wird ab 2028 die primäre Quelle der Fernwärme für Hoyerswerda sein und auch danach als H₂-ready-Kraftwerk die Wärmeversorgung stützen.
In einer zweiten Ausbaustufe ist laut VBH der Bau von Wärmepumpen mit Wärmespeicher geplant, um zusätzliche thermische Leistung zur Verfügung stellen zu können. Für das gesetzliche Ziel sei das allerdings nicht ausreichend. Daher benennt die VBH die auch in der Studie erwähnten Technologien Solarthermie, Seethermie, Power-to-Heat und Speicher als Lösungen für den künftigen Wärmemix der Stadt. Insgesamt soll der klimafreundliche Umbau des Wärmeversorgungssystems der Region etwa 70 Millionen Euro kosten.
Stand der Erneuerbaren in Hoyerswerda
Schon heute nutzen die VBH Klärgas aus der Abwasserreinigung zur Stromerzeugung in zwei eigenen Blockheizkraftwerken (BHKW) mit je 150 Kilowatt (kW) elektrischer und 185 kW thermischer Leistung. Die dabei entstehende Wärme kann zudem in das Wärmenetz eingespeist werden. Auch am Lausitzbad ist ein BHWK mit einer thermischen Leistung von 500 kW in Betrieb. Der Stromverbrauch im Stadtgebiet wird zu fast 35 Prozent durch lokal installierte PV-Anlagen auf freien Flächen, kommunalen Gebäuden und Garagenkomplexen sowie durch BHKW gedeckt. Auch das größte Mieterstrom-Projekt Sachsens wurde hier 2024 realisiert.
Austausch und Energiewende-Partnerschaften
Ein intensiverer Austausch über technologische Innovationen und den Umgang mit sozialen Herausforderungen findet aktuell im Rahmen des vom Auswärtigen Amt geförderten Projekts „Energiewende-Partnerstadt 3.0“ statt, das von der Agentur für Erneuerbare Energien begleitet wird. Hierfür schlossen Hoyerswerda und die westukrainische Stadt Novovolynsk eine Energiewende-Partnerschaft.
Bei allen geplanten Maßnahmen, vor allem die den Strukturwandel betreffenden, ist es von enormer Bedeutung, die Einwohner einzubeziehen und dabei besonders auf die Stimmen junger Menschen zu hören, die in der Stadt und der Umgebung eine ökologisch nachhaltige Zukunft aufbauen können, betont die AEE und die Akteure. Schon heute sei demnach das Thema Energie an vielen Schulen und Sportvereinen Gegenstand von Projekten und Jugendliche werden vermehrt in die Erarbeitung von Strukturwandel-Konzepten einbezogen.
„Hoyerswerda überzeugt durch nachhaltige Zukunftskonzepte, mutige Investitionen und vor allem durch die interkommunale Zusammenarbeit“, kommentiert Anika Schwalbe, stellvertretende Geschäftsführerin der AEE, die Auszeichnung. „Die Akteure in der Lausitz zeigen, dass wir die komplexen Herausforderungen der Energiewende gemeinsam meistern müssen und können.“ Durch die konsequente Einbeziehung der Bürger und gezielte Partnerschaften soll Hoyerswerda den Zukunftsstandort Lausitz stärken. Die Stadt habe das Potenzial, mit ihren klimafreundlichen Konzepten zu einem europaweiten Vorbild für eine nachhaltige Energieversorgung zu werden, hoffen die Akteure.
Hier geht es zum ausführlichen AEE-Portrait
https://energie-kommunen.unendlich-viel-energie.de/energie-kommunen/hoyerswerda/

























































