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Bild: valueverde

Nachgefragt 23.07.2025

„Wir müssen Kapital in die lokale Energiewende bringen“

Auf kommunaler Ebene sind die Finanzierungsmöglichkeiten für Energiewende-Projekte oft mau. Das will valueverde ändern: Auf der Plattform kann man mit wenig Aufwand in Bürgerenergiegenossenschaften investieren und sich an der Energiewende beteiligen.

Nathanael Meyer, CEO & Co-Founder, valueverde


Nachgefragt 23.07.2025

„Wir müssen Kapital in die lokale Energiewende bringen“

Auf kommunaler Ebene sind die Finanzierungsmöglichkeiten für Energiewende-Projekte oft mau. Das will valueverde ändern: Auf der Plattform kann man mit wenig Aufwand in Bürgerenergiegenossenschaften investieren und sich an der Energiewende beteiligen.

Bild: valueverde

Nathanael Meyer, CEO & Co-Founder, valueverde



Was macht valueverde und wie ist die Idee entstanden?

Ich habe länger für einen nachhaltigen Fondsmanager gearbeitet und war ehrenamtlich in Leipzig politisch aktiv. Im Gespräch mit den in Leipzig sitzenden Energieforen, die hauptsächlich Stadtwerke beraten, ging es um die Finanzierungsprobleme der Stadtwerke.  Die Finanzierungsmöglichkeiten sind sehr schlecht im kommunalen Energiewendebereich. Das war mir am Rande schon bekannt, aber nicht wie tiefgehend und auch politisch das Problem ist. Mich hat dieses Problem nicht losgelassen, dass wir die kommunale Energiewendefinanzierung nicht schaffen.

Wir müssen Kapital in die lokale Energiewende bringen, und am besten so, dass wir als Bürger beteiligt werden, und nicht nur wenige große institutionelle Investoren. Mit Energiegenossenschaften gibt es das Vehikel für Bürgerenergie, bei dem Menschen in die Energiewende vor Ort investieren können. Aber es ist zu wenig bekannt und schwer zugänglich. Unsere Idee ist, das Thema bekannt und so einfach zu machen, wie man es heutzutage haben will. Auf einer Plattform, so dass man nicht lange suchen muss, sondern in wenigen Minuten Mitglied in einer Genossenschaft werden kann. Auf der Plattform kann man Energiegenossenschaften bewerten und transparent vergleichen, damit man auch die zu einem selbst passende findet. Wir arbeiten aktuell auch an einer App für die Plattform, dann hat man sie auch in der Hosentasche.

Bindet Ihr auch Energiegenossenschaften ein, die noch in der Startphase sind, und gerade erst ihr erstes Projekt planen?

Ja, zum Beispiel die Energiegenossenschaft Oberhavelkraft, die ist seit wenigen Wochen live bei uns. Sie sind derzeit in der Umsetzungsphase ihres ersten Projekts. Es spielt für uns weder eine Rolle, wie viele Anlagen die Energiegenossenschaften haben, noch wie hoch die Dividende oder Ausschüttung ist, noch ob sie überhaupt ausschütten. Wir wollen echte Transparenz in den Markt bringen und möglichst viele Genossenschaften abbilden.

Welche Informationen finden Interessierte auf Eurer Plattform?

Die Informationen sind schichtweise aufgebaut: Zunächst sehen Nutzer eine Übersicht aller Genossenschaften – derzeit sind es sechs, weitere sind im Onboarding. Dann sieht man oben die wichtigsten Informationen wie was kostet der Anteil, wie war die letzte Gewinn-Ausschüttung, gibt es ein Eintrittsgeld, wie viele Anlagen haben sie. Dann kommt die CO2-Einsparung und wie viele Haushalte versorgt werden können. Man kann sich jedes einzelne Projekt anschauen, geordnet in Solarenergie, Wasserkraft und so weiter.

Das Interesse an der Mitgliedschaft kann man über die Plattform ganz einfach digital bekunden. Die Informationen gehen dann an die Genossenschaft, an uns, und das neue Mitglied. Im Anschluss ist der aktuelle Prozess so, dass sich die Genossenschaft sich anschließend bei dem Mitglied meldet, wegen der Überweisung. Wir selbst dürfen die Zahlungsabwicklung derzeit noch nicht machen, dafür brauchen wir eine BaFin-Erlaubnis. Dann können wir auch die finanzielle Seite über die Plattform abwickeln und eine Zahlungsauslösung triggern.

Sollen zukünftig alle Energiegenossenschaften in Deutschland auf Eurer Plattform verfügbar sein?

Alle, die sich professionalisieren wollen und auch so agieren. Es gibt so ungefähr 900 bis 1100 Energiegenossenschaften in Deutschland, je nach Zählweise. Etwa 500 sind professionell aufgestellt, machen also weitere Projekte, wollen wachsen und mehr Menschen aus der Region oder auch überregional aktiv an der Energiewende mitwirken lassen. Die anderen wollen eher nur die eine Solaranlage oder das eigene Windrad haben, und dann eine Art geschlossenen Club bilden. Ideal wäre, wenn die Professionellen im ersten Schritt alle mitmachen, auch die großen. Das hat auch damit zu tun, dass das Modell nur funktioniert, wenn Leute sehen, dass sie bei sich vor Ort aktiv werden können. Das heißt, wir müssen alle Regionen abdecken. Zukünftig wollen wir auch rausgehen aus Deutschland, also auch Österreich abdecken und langfristig Europa. Das Schöne an Genossenschaften ist eben auch, dass sie neben der Aktiengesellschaft (SE) die einzige Unternehmensform ist, für die es eine speziell europaweit geregelte Rechtsform (SEC) gibt. Das ermöglicht es Genossenschaften mittlerweile auch recht einfach in verschiedenen europäischen Ländern aktiv zu sein. Die Energiewende funktioniert, wenn wir es schaffen, alle Menschen in Europa daran zu beteiligen.

Leute wollen sich also vor allem lokal engagieren?

Ja, wir haben unsere Nutzer gefragt, warum sie Anteile gezeichnet haben. Wir hatten eigentlich gedacht, dass die Rendite der Hauptaspekt ist. Die ist tatsächlich eher sekundär, am wichtigsten ist, wo jemand wohnt oder herkommt. Deswegen haben auch Leute in Berlin investiert, obwohl die Genossenschaft noch nie ausgeschüttet hat. Auch in Dresden, wo beispielsweise ein Eintrittsgeld von 50 € erhoben wird, schreckt das nicht ab. Die Dividende steht für viele nicht im Vordergrund.

Was ist im Moment Eure größte Herausforderung?

Für ein Startup ist Bekanntheit anfangs immer ein Thema, und bei uns ist es gepaart mit der Bekanntheit von Energiegenossenschaften. Für uns ist es daher auch wichtig, dass Energiegenossenschaften bekannter werden. In unserer eigenen Kommunikation müssen wir außerdem einen Mittelweg finden, denn es geht nicht rein um eine Kapitalanlage, sondern auch um Teilhabe und Wirkung. Die Genossenschaften möchten die Anteile oftmals selbst gar nicht als Kapitalanlage verstanden wissen. In diesem Spagat versuchen wir, alle Seiten zufrieden zu stellen und ehrlich zu kommunizieren.

Dann ist es auch so, dass Genossenschaften unterschiedlich schnell agieren, denn viele Genossenschaften haben wenige bis keine hauptamtlichen Angestellten. Deswegen ist es für uns wichtig zu überlegen, wie wir es Genossenschaften noch einfacher machen können. Viel geht aber erst, wenn wir die Zahlungsabwicklung machen können, also die BaFin-Erlaubnis haben.

Wie sprecht Ihr die Genossenschaften an?

Der Kontakt entsteht oft von einer Genossenschaft zur anderen oder über Verbände wie das Bündnis Bürgerenergie. Mittlerweile kommen Genossenschaften auch proaktiv auf uns zu, weil sie uns gefunden haben und sagen, wir wollen dabei sein. Und natürlich immer noch auch aktive und direkte Ansprache.

Was macht Ihr, um Euch und die Bürgerenergiegenossenschaften bekannt zu machen?

Wir suchen aktiv Partnerschaften mit anderen nachhaltigen Plattformen wie dem Impact Hub Leipzig, Banken mit Nachhaltigkeitsfokus wie zum Beispiel Tomorrow aus Hamburg, und natürlich Volksbanken. So lernen uns Leute kennen, die sich schon für Nachhaltigkeit interessieren. Wir machen auch Pressearbeit, verteilen Flyer, und wenn wir später mal mehr Möglichkeiten haben, vielleicht auch klassisches Marketing.

Was ist Eure Vision?

Ich rede super gerne mit Energiegenossenschaften. Das sind alles Menschen, die Bock darauf haben, die Energiewende voranzubringen, und das ist toll. Wenn wir es schaffen, dass genossenschaftliche Energieerzeugung nicht drei Prozent der nachhaltigen Stromerzeugung ausmacht, sondern 15 bis 20 Prozent, dann kommt man an dem Thema nicht mehr vorbei. Dann hat man auch was, was politisch relevant ist. Dann ist der Gedanke der Energie-Dezentralität in der Gesellschaft verankert. Wir können ehrlicherweise auch nur einen kleinen Teil dazu beitragen. Da müssen wir alle dran arbeiten, Startups wie wir, die Verbände, die Genossenschaften, Energieunternehmen, Kommunen und jeder einzelne für sich.

 

Das Interview führte Julia Broich.

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