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Fachtagung Insel Mainau 2026Energiesysteme im Wandel – Ideen-Werkstatt wird 25

Fünf Männer stehen nebeneinander und blicken in die Kamera, dahinter der Bodensee
Referenten auf der Fachtagung Energiesysteme im Wandel auf der Bodensee-InselMainau am 24. September 2026. Von links: Jan Weber (Projektleiter Solarcomplex AG), Gordon Appel (Geschäftsführer Stadtwerke Konstanz), Volker Kromrey (Geschäftsführer Bodensee-Stiftung) und Jörg Dürr-Pucher (Präsidium Bodensee-Stiftung) und Michael Roensch (Geschäftsführung Mainau GmbH). (Foto: Benedikt Brüne)

Wo kommt die Energiewende voran, wo hapert es? Die Fachtagung „Energiesysteme im Wandel“ auf der Bodensee-Insel Mainau findet jedes Jahr Antworten. Auch dieses Jahr fiel der Blick auf zukunftsweisende Projekte und zugleich die Hemmnisse unserer Zeit.

30.09.2026 – Es war das Jahr der Anschläge auf das World Trade Center in New York, der Anteil von Wind, Solar und Co. an der Stromerzeugung lag in Deutschland bei rund sieben Prozent, und der Bundeskanzler hieß Gerhard Schröder. Vor 25 Jahren, im Jahr 2001, war die Welt eine andere. Als sich damals die Energiewende-Community am westlichen Bodensee erstmals zur Fachtagung auf der Mainau zusammenfand, war kaum damit zu rechnen, dass es diese Veranstaltung ein Vierteljahrhundert später noch geben würde. Als es jetzt so weit war, stand trotz großer Erfolge zweierlei fest. Zum einen: Die Akteure der Energiewende haben weiterhin noch viel Arbeit vor sich, um die Wirtschaft weitgehend zu dekarbonisieren, und zum anderen: die Zeit wird knapp.

„Viel Wasser haben wir nicht in der Bucht“, betonte Michael Roensch von der gastgebenden Mainau-Geschäftsführung, was die gut 200 Teilnehmer beim Betreten des Veranstaltungsorts selbst gesehen hatten: den beunruhigend niedrigen Pegelstand rund um die Blumeninsel. Und Jörg Dürr-Pucher, Präsident der Bodensee-Stiftung, sparte nicht mit deutlichen Worten. Es sei zwar ein „irrer Weg, den wir in den vergangenen 25 Jahren gegangen sind“. Aber: „Wer nach diesem Sommer nicht kapiert hat, dass es dringlich wird, ist entweder dumm oder böse.“ Selbstkritisch fragte er ins Publikum: „Wie können wir unsere Botschaften besser verständlich machen?“

Ein Dutzend Vorträge und zwei Exkursionen warfen helle Schlaglichter auf das bisher Erreichte und auf die Herausforderungen für die kommenden Jahre. Gordon Appel, Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz, skizzierte den Wandel der vergangenen 25 Jahre. „Wir haben heute ganz andere Kundenbeziehungen als früher.“ Statt der Verbraucher des Jahres 2000, denen man Strom und Erdgas lieferte und die einmal im Jahr der Zählerstand mitteilten, gebe es heute Kunden, Nutzer und Erzeuger. „Die Stadtwerke verkaufen keine Produkte, sondern Lösungen“ – dies alles in einer weitgehend digitalisierten Welt mit steigenden Anforderungen an Um- und Ausbau, an die Sicherheit und Resilienz der Netze. „Die Versorgungssicherheit bleibt Kernauftrag“, betonte Appel, um den Tagungsgästen gleichzeitig vom – besonders ab 2022 sprunghaften – Anstieg beim Zubau von PV-Anlagen und den millionenschweren Investitionen in Strom- und Wärmeleitungen zu erzählen – all dies muss gemanagt und finanziert werden.

Auch in Leutkirch in Allgäu, in Freiamt nördlich von Freiburg und in Tübingen ist die Energiewelt im Umbruch. Jede Verwaltung gestaltet dies auf ihre Weise. Für Leutkirch, so Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle, habe es nicht den großen Masterplan gegeben, die Energiewende-Projekte seien im Allgäu stets Schritt für Schritt geplant und umgesetzt worden. Die Bürger hätten, als er 2008 erstmals zum OB gewählt wurde, durchaus Ansprüche gehabt, die ohne einen Aufwuchs bei der Einwohnerzahl, bei Arbeitsplätzen und Gewerbesteuer aber nicht hätten realisiert werden können. Nicht nur, aber vor allem ein 2018 eröffneter Ferienpark ließ die Übernachtungszahlen in Leutkirch in die Höhe schießen, mit der Folge eines seit 2009 um 250 Prozent angewachsenen Gewerbesteuer-Aufkommens. Geld, das vor allem die Wärmewende angeschoben hat. Biogas, Holz und industrielle Abwärme erzeugen in Leutkirch heute, so Henle, ca. 91 Prozent CO2-freie Wärme. Eine Größenordnung, die aktuell 1,2 Millionen Liter Heizöl ersetze. Geld, das in der Region bleibt.

Leutkirch hat knapp 25.000 Einwohner, Freiamt dagegen, eine Gemeinde im Landkreis Emmendingen, gerade einmal 4.300. Der Fokus liegt hier, Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench, auf Windprojekten. Sie zeichnete die Historie von 1997, als dort die Planung erster Anlagen begann, bis heute – ein Abziehbild für alle Hemmnisse, die auch anderswo Energiewende-Vorhaben im Wege stehen. Drei Beispiele: Windkraftgegner, die mit Fakenews Verunsicherung stiften („die Menschen leben immer noch“), die Komplexität der Genehmigungsverfahren („eine Katastrophe“), die 2007 eingeführte Ausschreibungspflicht („benachteiligt Projekte im Süden“).

Auch Tübingens OB Boris Palmer betonte die Notwendigkeit der aktuell im Gesetzgebungsverfahren befindlichen Südquote für neue Windenergieprojekte. Anders sei die angestrebte Klimaneutralität bis zum Jahr 2030 in Tübingen nicht zu erreichen. „90 Prozent unserer Anlagen stehen jenseits der Stadtgrenze.“ Die Mehrheit der Bürger habe sich für neue Windräder ausgesprochen, auch wenn man sie von Tübingen aus sehen kann.

Sichtbar ist die Energiewende dort insbesondere im Verkehrssektor. Bis 2027 werden dort 60 Prozent der städtischen Busflotte elektrifiziert sein, Investitionen in Radnetz („Blaues Band“) und Fahrradparkhaus haben den Radverkehr angekurbelt. Ergebnis: Der Anteil am städtischen Verkehr stieg im 15-Jahres-Zeitraum von 17 auf 31 Prozent. 40 Prozent der Straßenbeleuchtung spart Tübingen über eine dimmbare, bedarfsabhängige Straßenbeleuchtung ein. Jährliche Kostenersparnis: eine Million Euro. Und das Deutschland-Ticket rabattiert Tübingen für seine Bürger um 9 bis 33 Euro für seine Bürger, finanziert über eine Anhebung der Anwohnerparkgebühren. Tübingen ist gewachsen – von 2006 bis 2024 um Einwohner (21 Prozent) und um Arbeitsplätze (35 Prozent). Gleichzeitig konnten die energiebedingten CO2-Emissionen pro Einwohner halbiert werden, berichtete Palmer. Sein Fazit: „Wir müssen schauen, dass es noch schneller geht.“ Dass man dafür weniger Zeit habe, damit sei man in der Welt nicht allein.

Was bleibt von den zwei Tagen auf der Mainau? Vielleicht der Appell von Gordon Appel, den Job der Energiewende auch gegen Widerstände nur gemeinsam stemmen zu können. Proteste sind auch weiterhin zu erwarten – beispielsweise, wenn künftig im engen Konstanzer Stadtteil Paradies die Straßen aufgebrochen werden für neue Wärmeleitungen. „Trouble in Paradise? Dann ist unsere Botschaft an die Leute: Wir machen das für euch.“ Benedikt Brüne

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