Energiewende vor Ort: Bürger konstruktiv beteiligen

Gezielte Kommunikation und Beteiligung verzögert Projekte nicht, sondern bringt die Energiewende voran, zeigt eine Studie des BBEn. Die Beteiligungsform sollte dabei an die Situation und Konfliktdynamiken vor Ort angepasst sein.
12.09.2025 – Die Vorstellung der Studie BePart des Bündnis Bürgerenergie (BBEn) im Deutschen Klimakonsortium in Berlin war ausgebucht. In dem Projekt wurden über einen Zeitraum von etwa einem Jahr Beteiligungsformate in rund 200 Wind-, Freiflächensolar- und Übertragungsnetzausbauprojekten in ganz Deutschland ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass Beteiligungsverfahren Energiewende-Projekte nicht verzögern, sondern zu Konfliktlösung und Akzeptanz beitragen.
Claudia Kemfert begrüßte die Teilnehmer mit einem Abriss der Lage der Energiewende: Gut, aber in den nächsten Jahren muss es mit Turbo weitergehen, um die Ausbauziele der Erneuerbaren Energien bis 2030 zu erreichen. Die Bundesregierung diskutiert derzeit das genaue Gegenteil, nämlich ein Ausbremsen. „Wir zahlen immer den Preis der verschleppten Energiewende“, betont Kemfert. „Die Kosten des Nicht-Handelns sind riesig im Vergleich zu denen des Handelns. Ich sage das so oft, ich nenne das jetzt die Kemfert-Formel“, witzelt sie.
Das demokratische Moment der Energiewende könne dabei an zwei brennenden Problemen der Gegenwart ansetzen: die Klima- und die Demokratiekrise. Denn mit Erneuerbaren sinken nicht nur CO2-Emissionen. Erneuerbare können Menschen vor Ort auch Macht und Mitsprache über ihre Energieproduktion zurückgeben, sie unabhängiger machen und die lokale Wertschöpfung im Ort halten. Auch deshalb sei es elementar, einen echten Marktzugang für Bürgerenergie zu schaffen, und Bürger vor Ort in Energieprojekte einzubinden.
Menschen vor Ort beteiligen
Das gilt auch für Projekte, die nicht in Bürgerhand sind. Forschende des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit, des ECOLOG-Instituts, des Bündnis Bürgerenergie e.V.s und der Renewables Grid Initiative konnten im Forschungsprojekt „Quo vadis, Beteiligung? Bewertung von Partizipation in Energieprojekten“ (BePart) zeigen, dass der Aufwand der Beteiligung von Bürgern an Energiewende-Projekten eine lohnende Investition sind. Sie minimieren Konflikte, erhöhen die Akzeptanz und können Impulse für die regionale Wirtschaft setzen. Die Beteiligungsverfahren sollten allerdings qualitativ hochwertig und an die lokalen Bedingungen angepasst sein.
„Die Beteiligung von Gemeinden sowie von Bürgerinnen und Bürgern wird zu einem zentralen Element in der Umsetzung der Energiewende. Sie gilt einerseits als Schlüssel für einen konfliktarmen Ausbau der Erneuerbaren, andererseits wird sie aber auch als potenzieller Bremsklotz für eine zügige Realisierung wahrgenommen. Wir wollten wissen, was Beteiligung wirklich für Auswirkungen auf das Tempo und die Akzeptanz von Energiewende-Projekten hat“, sagt Projektleiterin Franziska Mey vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit.
"Wir haben auch Bürgerenergieprojekte untersucht, die Mitbestimmung und finanzielle Beteiligung als integralen Bestandteil der Planung und Umsetzung von Projekten berücksichtigen. Regionale Besonderheiten werden hier berücksichtigt und ermöglichen damit wirtschaftlichen Mehrwert für die Region", erklärt Katharina Habersbrunner, Vorständin BBEn.
Was den Ausbau bremst
So tragen Beteiligungsverfahren zum schnellen Ausbau vor Ort bei. Das Ergebnis widerspricht der medial oft wiederholten Mär von Verzögerungen durch Teilhabe, die nur in seltenen Fällen auftrat. In fast der Hälfte der Fälle verzögerten sich allerdings Windenergie an Land und Photovoltaik-Freiflächenanlagen durch behördliche Genehmigungsverfahren und Planungsprozesse.
Eine Ausnahme bildet der Netzausbau, bei dem Beteiligung tatsächlich den Ausbau verlangsamen kann. Komplexe Planungs- und Genehmigungsprozesse und eine größere Anzahl von Akteuren könnten der Grund sein. Beteiligung lohne sich dennoch, weil sie das Vertrauen in eine gerechte Umsetzung der Energiewende fördere, folgern die Forschenden.
Finanzielle Teilhabe kann Konflikte lösen, ihnen aber nicht vorbeugen
Inzwischen werden Bürger immer öfter an großen Projekten beteiligt, in einigen Bundesländern wie etwa Brandenburg, ist es inzwischen sogar Vorschrift. In knapp der Hälfte der Wind- und PV-Freiflächen-Projekten fließen bereits Mittel an die Kommunen.
Konflikte und finanzielle Beteiligung gehen dabei häufig Hand in Hand, zeigt die Analyse. In vielen Fällen führte die Auseinandersetzung mit den Konflikten vor Ort zu einer finanziellen Beteiligung. Andersherum mindern Zahlungen allerdings nicht notwendigerweise Konflikte. Diese beruhten stärker auf den regionalen Dynamiken wie Kooperationsbereitschaft, Skepsis gegenüber Veränderungen und die Anfälligkeit für Falschinformationen. Zudem zeigten sich Sättigungseffekte und zunehmende Polarisierung in Regionen mit bereits stark ausgebauter Windenenergie. Beteiligungsmaßnahmen zeigten hier keine verbessernden Effekte, schlossen die Forschenden. Potenzial für Verbesserungen, besonders durch finanzielle Beteiligung, sahen sie hingegen beim Netzausbau.
Einige Landkreise, darunter Steinfurt (NRW), und das Land Thüringen haben bereits Standards und Siegel für gute Beteiligungspraxis eingeführt, die als Vorbild für lokale Lösungen dienen können. Grundsätzlich gilt wohl, wie Claudia Kemfert bereits zum Auftakt der Studienvorstellung feststellte, „man muss die stärken, die es versuchen“. jb




















































