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Gegen den Mangel an Umweltbildung

Foto: Karola Braun-Wanke
Foto: Karola Braun-Wanke

Kinderunis gibt es überall, das sind im Grunde Werbeveranstaltungen für die Universitäten. Eine besondere gibt es an der FU Berlin. Das mehrfach ausgezeichnete und praktisch angelegte Projekt dient der Vermittlung von Wissen im Bereich Energie und Nachhaltigkeit. Die Nachfrage ist riesig.

14.03.2016 – „Wir haben eine Fangemeinde von Lehrkräften“, sagt Karola Braun-Wanke vom Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU) der Freien Universität Berlin. Für diese ungewöhnliche Beliebtheit einer universitären Einrichtung ist Braun-Wanke selbst verantwortlich. Seit 2006 organisiert sie die Schüleruni Nachhaltigkeit und Klimaschutz, die vergangene Woche zum 14. Mal stattfand.

Über 1.700 Schüler der Klassenstufen 5 und 6 sowie 144 Lehrkräfte aus 54 Schulen in allen Berliner Bezirken nahmen an 80 Mitmach-Workshops teil. Ob Basteln, Spielen und Experimentieren oder Institutionen, Geräte, und Pflanzen kennenlernen – es geht um Wissensvermittlung und um Anstöße für den eigenen Alltag. Physikalische Zusammenhänge erfahrbar machen; die Leichtigkeit der Stromproduktion aus Wind und Sonne zeigen; über zum Beispiel das „virtuelle Wasser“ in Dingen – also das, das bei ihrer Produktion nötig ist – aufklären; die Konsum- und Wegwerfgesellschaft hinterfragen – die Ansätze der Schüleruni sind vielfältig. Im Tropenhaus des fast neben der FU gelegenen Botanischen Gartens wird der Treibhauseffekt erfahrbar. Im Theaterworkshop müssen die Kinder Geräte spielen und erfahren so am eigenen Leib zum einen, was Energie ist und dass sie sie sich ständig per Nahrung zuführen müssen, und zum anderen, wie anstrengend es ist, so viel Energie wie gewisse Haushaltsgeräte zu erzeugen. „Wir haben im Lauf der Zeit jeden unserer Workshops evaluiert“, sagt Braun-Wanke. „Inhalte und Methoden konnten so immer mehr auf die Zielgruppen zugeschnitten werden.“ Neu war diesmal eine Ausstellung der Grünen Liga Berlin, die den Zusammenhang von Konsum, Lebensstil und Klimawandel an den Themenbereichen Ernährung und Bekleidung aufzeigt.

Karola Braun-Wanke hat ein strukturelles Anliegen: „Wir wollen Schule verändern. Deshalb machen wir zwei Mal im Jahr Lehrerfortbildungen, immer vier bis sechs Wochen vor der Schüleruni. Lehrkräfte, die da teilnehmen, dürfen dann bevorzugt Kurse bei der Schüleruni auswählen.“ Anders sei es kaum mehr möglich, seine Klasse anzumelden. „Die Schüleruni ist regelmäßig ausgebucht. Wir könnten viel mehr anbieten.“

Der Fokus auf die Lehrkräfte stand sogar am Anfang der Projektidee: „2005 war ich ganz klassisch als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum für Umweltpolitik beschäftigt“, erzählt die ehemalige Projektmanagerin im Kultur- und Energiebereich, die Publizistik und Kommunikationswissenschaft studiert hat. „Das FFU macht eigentlich Forschung, Lehre und Politikberatung. Dann führten wir für das Bundesumweltministerium eine Fachtagung zum Thema Klimawandel durch. Meine Tochter ging damals in die fünfte Klasse und nahm das Thema Klima und Wetter im Unterricht durch, ohne dass der Klimawandel vorkam. Ich fragte mich: Wie kann das sein? Die Lehrerin sagte, dass das Thema zu komplex sei und sie dafür keine Kapazitäten habe. Eine kleine Recherche bei Schulleiterinnen und Lehrkräften erbrachte das gleiche Ergebnis.“

Auf Braun-Wankes Initiative hin entwickelte das FFU dann das populäre Modell der Kinderuniversitäten in Richtung Klimaschutz weiter. Der Projektleiterin ist klar, dass diese Veranstaltung, so sehr sie die Kinder auch begeistern mag, nur ein Anstoß sein kann: „Die Lehrkräfte sollen die Themen weiterbearbeiten und über Fächergrenzen hinaus gehen.“ Was bei den Kindern (neben der Broschüre, die alle erhalten) hängen bleibt, sei unerforscht.

Generell komme von der Pädagogik nicht viel im Bereich Umweltbildung, gibt Karola Braun-Wanke zu – obwohl die Universitäten beim Thema Nachhaltigkeit zunehmend gefordert seien. „Neben einer transformativen Forschung benötigen wir auch eine transformative Bildung“, lautet Braun-Wankes Devise.

An der FU Berlin ist diese Bildungsarbeit in so großem Umfang möglich, weil neben der Landesregierung auch einige deren sogenannter „Klimapartner“ die Schüleruni mitfinanzieren: die Wasserwerke, die Stadtreinigung und der privatisierte Gasversorger. Zivilgesellschaftliche Akteure kooperieren ebenfalls.

Auszeichnungen gab e schon von weit höherer Stelle: Von der UNO-Dekade „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ wurde die Schüleruni schon drei Mal als vorbildliches Projekt ausgezeichnet. Seit 2012 ist sie offizielles Projekt der UNO-Dekade „Biologische Vielfalt“ und 2013 zeichnete sie der Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung als innovatives Bildungsformat mit dem Qualitätssiegel „Werkstatt N" aus.

„So eine Kinderuni zu organisieren ist von persönlichem Engagement abhängig“, gibt Karola Braun-Wanke zu bedenken. „Alleine schon die Finanzierung dafür aufzustellen ist viel Arbeit.“ Aber: „Das Modell könnte überall funktionieren.“ Ralf Hutter


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