Kraftakt Wärmewende: Genossenschaftliches Wärmeprojekt im zweiten Anlauf

Geplant und finanziert war ein Nahwärmenetz, das zu 70 Prozent die Abwärme eines Chemieunternehmens nutzen sollte. Dann kam alles anders. Nun ist ein Technologiemix entstanden, der in seiner Vielfalt seinesgleichen sucht.
30.09.2025 – Als Einwohner und Kommune in Steyerberg 2010 die ersten Überlegungen für ein Wärmenetz anstellten, ahnte niemand, welch langer Atem und wieviel Planänderungen notwendig sein würden. 2015 wurde die BürgerEnergieSteyerberg-Fernwärme eG gegründet, 2019 kam der Förderbescheid. Die Bauarbeiten begannen für ein ca. 28 Kilometer langes Wärmenetz und rund 450 Haushalten als Anschlussnehmer.
Untersucht, berechnet und geplant war, mehr als 70 Prozent der Wärme aus der Abwärme des Chemiewerks Oxxynova zu gewinnen. Der Rest sollte aus der Biogasanlage sowie zur Spitzenlast und zur Redundanz aus Ölheizkesseln kommen. Doch Oxxynova stellte zu Jahresbeginn 2023 in der Energiepreiskrise seine Produktion ein.
Für die bereits an das Wärmenetz angeschlossenen Haushalte konnte eine Lösung gefunden werden: die freiwerdende Wärme einer Biogasanlage, die zuvor die Chemiefabrik versorgt hatte, war verfügbar. Doch die Biogasanlage hat nur bis 2027 eine gesicherte wirtschaftliche Basis, dann erreicht sie ihr Förderende. Es war also klar: die Genossenschaft musste sich etwas einfallen lassen, um nicht die erhaltenen Fördergelder nebst Zinsen zurückzahlen zu müssen, immerhin 5,58 Millionen Euro.
Zweiter Anlauf mit Solarthermie., Wärmespeicher, Biomassekessel und Booster-Wärmepumpen
Wieder wurde untersucht, gerechnet, geplant und schließlich gebaut. Das Konzept heute: Eine 14.000 Quadratmeter große Solarthermieanlage, ein großer Wärmespeicher mit 17.000 Kubikmeter Fassungsvermögen, fünf Luftwärmepumpen mit zusammen 1.090 Kilowatt Leistung, zwei Boosterwärmepumpen mit jeweils 900 kW Leistung, Biomassekessel mit 950 kW Leistung, Photovoltaik am Speicher und auf der Energiezentrale sowie eine 550 Kilowatt-Freiflächen-Anlage.
Noch fließt die Wärme aus der Biogasanlage. Weil das langfristig vielleicht nicht so bleiben wird, ergänzt zusätzlich ein Holzhackschnitzelkessel den Anlagenpark. Technologieoffenheit par excellence, ein in dieser Vielfalt der Energieträger wohl bisher einzigartiges Wärmeprojekt. Im November 2025 werden die Anlagen in Betrieb gehen.
Zwischenzeitlich stand auch die Idee einer Flusswärmepumpe im Raum. Nicht weit von der Heizzentrale fließt ein Fluss. „Das hätte uns ein gutes Stück weitergeholfen“, erinnert sich Jürgen Weber, Vorstand der Best Steyerberg und von Anfang dabei.
Doch die Genehmigungsbehörde winkte ab – sie wollte solch ein Vorhaben nicht genehmigen. Und weil die Zeit knapp war – schließlich gilt ein Förderbescheid nicht unbefristet – legte die Genossenschaft diesen Plan zur Seite.
Fläche hatte bereits Baurecht
Dass so schnell eine Solarthermieanlage genehmigt und gebaut werden konnte, verdankt die Genossenschaft dem Umstand, dass sie bereits mit Blick auf die Abwärme einen Standort für die Heizzentrale im Gewerbegebiet der Gemeinde gewählt hatte, in dem noch freie Flächen verfügbar waren. Für die benötigte Solarthermie-Fläche lag Baurecht vor, die Genossenschaft konnte das Grundstück von der Gemeinde kaufen. Glück im Unglück.
Bis jetzt sind rund 325 Anschlüsse realisiert. Gerade werden im Ort weitere Anschlüsse gebaut, dann folgen die Anschlüsse an der Heizzentrale. Eine weitere Gebäudegruppe soll schrittweise angeschlossen werden. 450 Kunden werden dann mit regenerativer Wärme der Genossenschaft versorgt.
Die Hürden der Finanzierung
Neben den technischen und organisatorischen Herausforderungen war die Finanzierung alles andere als ein Selbstläufer. Für die erste Projektkonstellation wurden 5,58 Millionen Euro Förderung beantragt. Auch hier erkannte die Bank das Netz nicht als Sicherheit an, bot stattdessen an, Wärmelieferverträge über 20 Jahre als Sicherheit in Betracht zu ziehen. „Einspruch kam von der BAFA, die Lieferverträge als Maßnahmebeginn definiert und dann keine Förderung mehr auszahlt. Schließlich konnten Lieferverträge mit aufschiebender Wirkung von beiden Seiten akzeptiert werden“, berichtet Weber.

Die ersten Rohre wurden 2020 verlegt. Insgesamt umfasst das Wärmenetz in Steyerberg ca. 28 Kilometer. (Foto: Best Steyerberg / Jürgen Weber)
Als klar war, dass zusätzliche Investitionen in Millionenhöhe notwendig werden, war guter Rat teuer. Inzwischen gab es neue Förderregeln, die den Einsatz von Biomasse begrenzen. Schließlich wurde ein Aufstockungsantrag gestellt und bewilligt. Rund 10 Millionen Euro neues Geld floss als Kredit in das Vorhaben. Insgesamt belaufen sich die Projektkosten nun auf 30 Millionen Euro.
„Dieses Projekt hätte im urbanen Raum sicher niemand angefasst. Die Wärmedichte auf dem Land ist einfach nicht so hoch wie in der Stadt, die Häuser liegen weiter auseinander, die Leitungen müssen länger sein, pro Anschluss gibt es meist nur ein Einfamilienhaus zu versorgen“, erklärt Weber.
„Doch wir haben auch einen charmanten Vorteil – wir haben Flächen, die es in Städten nicht gibt.“ Weil die Genossen nicht gewinnorientiert wirtschaften müssen, können sie solche Projekte mit annehmbaren Wärmepreisen realisieren.
Zusammenspiel der Energiequellen soll mit KI optimiert werden
Die im Steyerberger Projekt eingesetzten Technologien erforderten hohe Investitionen – mehr als wenn nur eine oder zwei Wärmequellen angezapft werden würden. Doch dieser vermeintliche Nachteil hat auch eine positive Kehrseite wie Weber erklärt: „Wir haben mehr Spielbälle und sind deshalb flexibler, können Preisvorteile ausschöpfen. Wenn der Wetterbericht Sonne vorhersagt, läuft die Wärmepumpe nachts nicht, sondern der Speicher wird weiter genutzt und am Tag durch die Solarthermie wieder aufgeheizt. Ob Wärmepumpe oder Holzhackschnitzelkessel laufen, entscheidet die intelligente Steuerung je nach Preis. Die Solarthermie hat jedoch immer Vorrang, denn sie kann nicht ausgeschaltet werden.“ Petra Franke




















































Kommentare
Kaiser am 01.10.2025
Bei 450 Abnehmern und 25 Mio Kosten nach Abzug der Förderung bleiben für jeden Abnehmer Kosten von ca. 550 000.-.
Wäre doch billiger gewesen sich eine eigene Wärmepumpe anzuschaffen.Was sagen eigentlich die betroffenen Abnehmer ?
Wer haftet eigentlich für die Kredite ?
MfG
Kaiser
Petra Franke (energiezukunft) am 02.10.2025
Lieber Herr Kaiser, Sie haben sich um eine Kommastelle vertan, nach Ihrer Rechnung ergeben sich 55.000 Euro pro Anschlussnehmer. Die hohen Kosten kamen zustande, weil das Projekt während der Realisierung umgeplant werden musste - wie im Text beschrieben. Ich werde aber Herrn Weber von der Genossenschaft Steyerberg bitten, Ihre andere Frage kurz zu beantworten.
Timm am 25.10.2025
Das Energiekonzept überzeugt mich sehr, besonders durch die verschiedenen Erzeugungsmöglichkeiten und Speicher. Es kombiniert die effiziente Solarthermie als Grundlast, nutzt Strom wenn reichlich vorhanden und entlastet das Stromnetz entlastet bei wenig Erzeugung mit Hackschnitzel.
Der Vergleich mit der Anschaffung eigener Wärmepumpen (vermutlich ohne Speicher) hinkt für mich ein wenig, darf aber durchaus gemacht werden. Der Fokus sollte aber auch auf den Betriebskosten liegen.
Hier möchte ich anmerken, dass die günstigste Fernwärme in Dänemark von einem vergleichbar komplexen System in Hvide Sande erzeugt wird (https://www.hsfv.dk/nyheder/danmarks-billigste-fjernvarme-bliver-endnu-biligere/).
Diese Anlage nutzt ebenfalls einen Wärmespeicher, Solarthermie und eine Luft Wärmepumpe. Anstelle der Hackschnitzel gibt es noch einen Elektrokessel, Gasmotor und Gaskessel. Statt einer PV Anlage gehören drei Windturbinen zur Anlage. Die aktuellen Betriebsdaten sowie eine mehrjährige History sind online verfügbar (https://www.energyweb.dk/hvidesande/). Wäre schön auch für diese Anlage Betriebsdaten online zu stellen, denn es hilft sehr die intelligente Energieerzeugung zu verstehen.
Freundliche Grüße
Timm