Kommunale Energiewende: Hoch motiviert, vielfach ausgebremst

Einnahmequellen, Energieunabhängigkeit, Versorgungssicherheit. Eine Umfrage zeigt: Die Bereitschaft in den deutschen Rathäusern, die Energiewende vor Ort umzusetzen, ist groß – aber auch der Unmut über den verschleppten Netzausbau.
05.05.2026 – Städte und Gemeinden profitieren immens von regionalen Energiewende-Projekten, dafür gibt es viele Beispiele. Verzögerungen beim Netzzugang, knappe Kommunalfinanzen und komplizierte Förderstrukturen sind aber häufig Hemmschuhe für einen beschleunigten Ausbau von Erzeugungsanlagen, Batteriespeichern und Wärmenetzen. Dies ergab jetzt eine bundesweite Befragung unter mehr als 600 Bürgermeistern, gemeinsam erstellt von der Initiative Klimaneutrales Deutschland (IKND) und dem Verein Heimatwurzeln.
Hinzu kommt: Auch die kommunikativen Störfeuer aus Berlin führen zu einer, vorsichtig formuliert, Verunsicherung auf lokaler Ebene. 65 Prozent der befragten Bürgermeister empfinden die Kommunikation der aktuellen Bundesregierung als schädlich für die Akzeptanz vor Ort. Ihre Belange würden von ihr schlecht berücksichtigt, beklagt ebenfalls eine Mehrzahl der Rathauschefs – 82 Prozent in Bezug auf die Finanzierung der Energiewende, 72 Prozent beim Thema Stromerzeugung und Netze.
„Die Studie hat mein Bauchgefühl aus der Praxis bestätigt“, sagte Anita Maaß, Bürgermeisterin der Stadt Lommatzsch im Landkreis Meißen, eine Autostunde nordwestlich von Dresden. Seit 21 Jahren ist sie im Amt, sie hat Windprojekte gemeinsam mit Planern und Akteuren vor Ort umgesetzt. Aber: „Seit 2023 gelingt es mir nicht mehr, die bürgerliche Mitte zu erreichen.“ Die Kommunikation sei, durch Corona verschärft, verloren gegangen. „Wenn aus Berlin und den Landeshauptstädten ermutigende Signale kämen, über Legislaturperioden hinaus verlässlich, würde uns das helfen, Menschen vor Ort mitzunehmen.“
Tobias Averbeck ist Bürgermeister der Gemeinde Bakum in Niedersachsen, 7.000 Einwohner, ländlich gelegen zwischen Bremen und Osnabrück. Ungefähr elf Jahre, von 2011 bis 2023, habe seine Gemeinde gebraucht, um ein kleines Windprojekt zu entwickeln – „mit allem, was man sich vorstellen kann, Bürgerinitiative und Klage und so weiter“, erzählte Overback, als die Umfrage jetzt veröffentlicht wurde. Danach aber habe „es hier den ganz großen Umschwung gegeben.“ So lag der Fokus auf dem Bemühen, „aus den erneuerbaren Projekten möglichst viel für die örtliche Gemeinschaft herauszuholen“, so Averbeck. „Das scheint uns irgendwann zwischendrin gelungen zu sein.“
Auch das zeigt die Umfrage: Landauf, landab setzen die Gemeinden bereits Projekte um, vor allem PV-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden (81 Prozent), Ladesäulen (73 Prozent), PV-Freiflächenanlagen (61 Prozent) und Windkraftanlagen (54 Prozent, Zahlen jeweils inklusive der bis 2035 geplanten Projekte). Interessant ist, dass das größte Interesse für künftige Projekte, auch dies wurde abgefragt, auf dem Thema Energiespeicher liegt (55 Prozent), einem der zentralen Instrumente in einem von Wind und Solar dominierten Stromnetz.
Durchweg problematisch sehen die Bürgermeister den unzureichenden Netzbau. Tobias Averbeck bringt es auf den Punkt: „Wir bekommen zur entscheidenden Zeit den Strom nicht an den Ort, wo er benötigt wird.“ Fast jede zweite Kommune konstatiert laut Studie fehlende Kapazitäten im Verteilnetz (46 Prozent) oder Engpässe bei Umspannwerken (39 Prozent). 97 Prozent sehen Netzanschlüsse als Herausforderung. Averbeck weiter: „Wenn der Netzausbau nicht Schritt hält, geraten millionenschwere Vorhaben ins Wanken – und das bremst Investitionen für unseren Standort. Hier brauchen wir Tempo und Verlässlichkeit.” Betroffen seien nicht nur Erneuerbaren-Projekte, sondern auch Industrieansiedlungen, deren Erweiterungen bis hin zur kompletten Dekarbonisierung von Industrien.
Nicht zuletzt sind aus Sicht der Bürgermeister die Fördermechanismen zu kompliziert gestaltet, berichtete Clara Mewes, Referentin bei der Initiative Klimaneutrales Deutschland. Mehr als 63 Prozent der Befragten sehen in einer Pauschalförderung mit vereinfachter Kofinanzierung den wirksamsten Hebel für eine schnellere Umsetzung.
Dass vor allem die Kämmerer daran ein großes Interesse haben, liegt auf der Hand. Erneuerbare Energien rechnen sich. Zwei Drittel der befragten Kommunen generieren bereits Einnahmen aus Energiewende-Projekten, so Clara Mewes. Allerdings sei die Spannweite sehr groß. 35 Prozent gaben hier Beträge unter 1.000 Euro an, die höchste erfasste Summe lag bei über drei Millionen Euro.
Abschließender Aspekt zum Thema Wissenstransfer: Dass mit dem EEG 2023 eine freiwillige Zahlung von Betreibern von Windrädern an Land und Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen an die Kommunen eingeführt wurde, auf deren Gebiet die Anlagen errichtet wurden bzw. werden, ist offensichtlich nicht allen bekannt. Die Befragung zeigt, dass nur 64 Prozent der Kommunen die ihnen zustehenden Zahlungen auch abrufen. Benedikt Brüne
Die Umfrage-Ergebnisse im Detail, auch zum Download
Die Umfrage wurde von Januar bis März 2026 via Zufallsauswahl und per Onlinebefragung durchgeführt. Eingeladen waren alle deutschen Bürgermeister. Die 609 teilnehmenden Kommunen stehen für rund zehn Prozent der deutschen Haushalte.



















































