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Klimaschutz im Schussental

Mitarbeiter zeigen Asylbewerbern mit Montage- und elektrotechnischer Berufserfahrung den Umgang mit der Solartechnik. (Foto: © Claus Scheuber Projektentwicklung- Konzeptdesign)
Mitarbeiter zeigen Asylbewerbern mit Montage- und elektrotechnischer Berufserfahrung den Umgang mit der Solartechnik. (Foto: © Claus Scheuber Projektentwicklung- Konzeptdesign)

Im Schussental im Landkreis Ravensburg gehen mehrere Gemeinden beispielhaft im Klimaschutz voran. Einiges konnte schon erreicht werden und Leuchtturmprojekte wie energieeffiziente Flüchtlingsunterkünfte in modularer Holzbauweise plus Photovoltaik oder ein Kunstmuseum mit Passivhausstandard haben Strahlkraft.

23.05.2016 – „Wir suchten eine Alternative zu den Energieschleudern der Stahlcontainer“, sagt Reinhard Rothenhäusler. Leiter des Amtes für Architektur und Gebäudemanagement der Stadt Ravensburg. Auch deshalb entschied sich die Verwaltung im vergangenen August, als die erste große Flüchtlingswelle Deutschland erreichte, dazu, 28 Wohnungen in modularer Holzbauweise auszuschreiben. Diese sind vor allem zur Unterbringung von Flüchtlingen gedacht, können jedoch später umgenutzt werden. Standard ist hierbei nicht nur die Energieeinspar-Verordnung (EnEV). Man setzt auch auf Eigenverbrauch: Gut 90 Prozent des Energiebedarfs der Gebäudes soll über Solarstrom vom eigenen Dach gedeckt werden.

Synergien schaffen

Auf dem Flachdach des ersten Holzhauses mit acht Wohnungen in der Ravensburger Florianstraße ist eine zehn Kilowatt Photovoltaikanlage montiert. Der Solarstrom wird auch zur Warmwasserbereitung via Durchlauferhitzer genutzt. Bei der Montage packte ein Teil der Bewohner kräftig mit an. 15 Asylbewerber mit Montage- und elektrotechnischer Berufserfahrung wies Projektleiter Claus Scheuber ins Thema ein und zeigte den Umgang mit der Technik. Die vorgefertigten Systembauten aus heimischen Holz wurden von der Firma Variohome aus dem benachbarten Neukirch geliefert und örtliche Handwerksbetriebe bei den Sanitär und Elektroinstallationsarbeiten beteiligt. Vier weitere Gebäude sollen in nächster Zeit fertiggestellt werden, eins davon in der Nachbarschaft, zwei davon in den umliegenden Ortschaften Schmalegg und Bavendorf. Sie sollen ebenfalls mit Photovoltaik plus „Power to Heat“ für Warmwasser ausgerüstet werden, jedoch statt mit Durchlauferhitzern mit effizienter arbeitenden Wärmepumpen, so Rothenhäusler. Ziel sei es, zumindest den Standard eines KfW 70 Hauses zu erreichen. Prämisse sei auch das Bedürfnis der Menschen nach einem ordentlichen Angebot für Wohnen und Schlafen zu erfüllen, allerdings weit entfernt von jeglichem Luxus. Maximal sechs Bewohner teilen sich auf 45 Quadratmetern je zwei Zimmer plus Küche und Bad. „Die bisherige Resonanz der Bewohner ist sehr positiv“, unterstreicht er. Die modulare Bauweise sei jedoch auch deshalb gewählt worden, um die Gebäude später beispielsweise auch für günstiges Wohnen für Studenten oder einkommensschwächere Familien nutzen zu können. Zudem sei der jetzige Standort in Ravensburg später für eine Umgehungsstraße vorgesehen und die Holzbauten könnten dann gegebenfalls abgebaut und an anderer Stelle errichtet werden. Mittlerweile interessieren sich auch weitere Gemeinden für das Konzept.

Auf dem Weg zum CO2-neutralen Schussental

Das innovative Wohnprojekt ist ein Beispiel dafür, wie im Großraum Ravensburg versucht wird, einen integrativ ausgerichteten Klimaschutz vor Ort voran zu bringen. Fünf Kommunen des Gemeindeverbands Mittleres Schussental mit 90.000 Einwohnern arbeiten hierbei seit 2012 eng zusammen. Im Boot sind die Städte Ravensburg und Weingarten sowie die Gemeinden Baienfurt, Baindt und Berg. Gemeinsam wurde eine Erklärung zum „CO2-neutralen Schussental“ formuliert und ein Zehn-Punkteplan bis 2020 erarbeitet. Ziel ist unter anderem den CO2-Ausstoß gegenüber 1990 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, eine 20-prozentige erneuerbare Wärmeversorgung sowie eine 50-prozentige erneuerbare Stromabdeckung durch Eigenstromversorgung oder -bezug. Diese Zwischenziele sind zwar noch nicht vollständig erreicht, doch es gibt erste Erfolge. So wurde der Gemeindeverbund im vergangenen Jahr als vorbildliche Energie- und Klimaschutzregion mit dem European Energy Award ausgezeichnet. Walter Göppel, der Geschäftsführer der regionalen Energieagentur verweist auf die Technischen Werke Schussental (TWS), die auf Ökostrom und Erneuerbare Energien setzen, die begonnene Umstellung von kommunalen Fuhrparks auf Elektrofahrzeuge, die Optimierung des Taktverkehrs der regionalen Bodensee-Oberschwaben-Bahn oder den Ausbau des Radwegenetzes. Auch arbeiteten die Kommunen mittlerweile eng beim vorbeugenden Hochwasserschutz, der Quartiersentwicklung oder der Flächennutzungsplanung zusammen, so Göppel. Erstmals würden nun auch bei der Aufstellung des Flächennutzungsplans bis zum Jahr 2023 Klimafaktoren mit berücksichtigt. 23 Messstationen wurden hierzu in den fünf Kommunen aufgebaut. Entsprechend sollen künftig unter anderem Grünkorridore von Bebauung freigehalten werden. Exakte Zahlen für die bisher erreichte CO2-Einsparung seit 2012 kann Göppel allerdings nicht nennen, diese würden momentan noch erhoben. Doch hätten die Eigenbetriebe und die Verwaltung der Stadt Ravensburg das Zwischenziel einer 40-prozentigen CO2-Einsparung bis zum Jahr 2020 schon jetzt erreicht, unter anderem werde ausschließlich Ökostrom der TWS bezogen.

100 Prozent Ökostrom mit lokaler Wertschöpfung

Erneuerbare-Energien-Anlagen mit einer Leistung von über 44 Megawatt, die meisten davon Photovoltaik und Wind, betreiben die Technischen Werke Schussental. Sie gingen im Jahr 2001 aus der Fusion der Stadtwerke Ravensburg und Weingarten hervor. Ab 2007 wurde ein eigener Stromvertrieb aufgebaut und 2011 das von der EnBW gepachtete Stromnetz übernommen. „Es war damals schon klar, dass die fossile Versorgung keine Zukunft hat, deshalb setzten wir von Anfang an auf 100 Prozent Ökostrom“, sagt TWS-Geschäftsführer Andreas Thiel-Böhm. Der Anteil der eigenen Erzeugung am gesamten Stromverkauf von gut 155.000 MWh lag im Jahr 2014 bei rund 43 Prozent und soll weiter ausgebaut werden. Gut zehn Prozent davon werden vor Ort erzeugt. Über 900 Photovoltaikanlagen speisen ins Verteilnetz der TWS ein. Seit kurzem wird das TWS-Energiedach angeboten, ein Pachtmodell für PV-Anlagen zur Eigenstromversorgung. 25 Kunden konnten bislang gewonnen werden. Mit dem Bau- und Sparverein wird in Weingarten ein Generationen übergreifendes Mietwohnungsprojekt realisiert. Der Mieterstrom für die 30 Wohnungen des Nullenergie-Hauses kommt vom eigenen Dach. 35.000 Euro investierten die TWS jüngst in die Photovoltaikanlage sowie digitale Messtechnik.

Auf dem grünen Weg

Ein interessantes Potenzial sieht Thiel-Böhm künftig auch bei Eigenstromversorgungsangeboten für Gewerbebetriebe. Seit Anfang Januar bezieht die örtliche Großmolkerei Omira komplett TWS-Ökostrom. Thiel-Böhm sieht in der gemeindeübergreifenden regionalen Zusammenarbeit einen wichtigen Hebel für mehr Klimaschutz. Dies betreffe auch die Unternehmen. Im Oktober 2010 gründete der engagierte TWS-Geschäftsführer zusammen mit dem Chef des örtlichen Holzpelletsherstellers Schellinger die Unternehmerinitiative „Grüner Weg“. In dem Netzwerk machen mittlerweile über 15 Unternehmen aus dem Mittleren Schussental mit. „Wir haben einen regen Austausch und konnten schon etliche gemeinsame Aktionen für mehr Energieeffizienz auf den Weg bringen“, sagt Thiel-Böhm.

Handlungsbedarf bei Verkehrs- und Wärmewende


Beim jüngsten Treffen Anfang März stand die Elektromobilität im Vordergrund. So entwickelt der Elektrotechnikhersteller Rafi in Berg derzeit eine optimierte kabellose Ladestation für E-Bikes. Unter dem Schirm der Landesagentur E-Mobil BW präsentiert das Unternehmen nun Ende April in dem Baden-Württemberg Pavillon auf der Hannovermesse einen ersten Prototyp. Doch vor allem bei der regionalen Verkehrs- und Wärmewende sieht Thiel-Böhm ebenso wie BUND-Geschäftsführer Uli Miller noch starken Handlungsbedarf. Dies gelte für Carsharing-Angebote und Verkehrsvermeidung ebenso wie für den Ausbau einer klimaschonenden Nahwärmeversorgung oder noch anspruchsvollere Baustandards. Mit gutem Beispiel ging das städtische Kunstmuseum Ravensburg voran. Es wurde vor drei Jahren in der historischen Ravensburger Altstadt als weltweit erstes zertifiziertes Museum in Passivhausbauweise eröffnet und mit dem Deutschen Architekturpreis 2013 ausgezeichnet. Hans-Christoph Neidlein


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