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Mit Solarstrom angetriebene Züge müssen kein Traum bleiben

Wenn es nach der Klimaorganisation 10:10 geht, könnten Bahnstrecken in Südengland bald so aussehen: Kleine Solarparks entlang der Stecke speisen ihren sauberen Strom direkt ins Bahnnetz ein und treiben vorbeifahrende Pendler-Züge an. (Grafik: © 10:10 Climate Action)
Wenn es nach der Klimaorganisation 10:10 geht, könnten Bahnstrecken in Südengland bald so aussehen: Kleine Solarparks entlang der Stecke speisen ihren sauberen Strom direkt ins Bahnnetz ein und treiben vorbeifahrende Pendler-Züge an. (Grafik: © 10:10 Climate Action)

Können viele kleine Solarparks entlang von Bahnstrecken ihren Strom direkt in das Bahnnetz einspeisen und vorbeifahrende Züge antreiben? Eine neue Studie aus Großbritannien sagt: Ja und das auch noch kostengünstig. Es muss nur jemand umsetzen.

18.12.2017 – Können Züge mit Strom aus einem Solarpark neben der Bahnstrecke angetrieben werden? Mit dieser Frage einer lokalen Bürgergruppe, die sich im Anschluss an die ersten Anti-Fracking-Proteste in Großbritannien im Sommer 2013 gegründet hatte, fing alles an. Die Bürger von Balcombe in West Sussex, etwa 40 Kilometer südlich von London, wollten mehr Solarenergie in ihrem Dorf haben und suchten nach geeigneten Flächen für einen kleinen Solarpark. Sie hatten dabei allerdings ein Problem: Das lokale Stromnetz konnte keine zusätzlichen Kapazitäten aufnehmen. Deshalb fragten sie einen Professor der Ingenieurswissenschaften aus der Nachbarschaft: Könnten wir unseren Solarpark an die hier vorbeiführende elektrifizierte Bahnstrecke anschließen? Die Antwort war: Im Prinzip ja, aber die technischen Probleme, die man dafür bewältigen müsste, wären für eine kleine Bürgergruppe zu groß.

Britische Innovationsagentur wird hellhörig

Zunächst verschwand die Idee also in der Schublade, bis die britische Regierung 2015 die Förderung für Solarenergie massiv kürzte und Viele nach Auswegen suchten. Die Klimaorganisation 10:10, die aus einer Klimakampagne im Jahr 2010 entstanden war, nahm sich dem Thema an und schloss sich dafür mit dem Imperial College London, Ingenieuren und Energieexperten zusammen. Sie wollten gemeinsam der Frage nachgehen, ob, wie und in welchem Umfang direkt an Bahnstrecken erzeugter Solarstrom vorbeifahrende Züge antreiben kann ohne das öffentliche Stromnetz zu nutzen. Der Fokus lag dabei auf Gleichstrom-Bahnnetzen. Finanziert wurde die 28-seitige Machbarkeitsstudie von der britischen Innovationsagentur.

Begleitet hat die Studie Professor Tim Green, ein Elektroingenieur, der in Balcombe lebt und als Direktor das Energy Futures Labs am Imperial College London leitet. Seine Antwort und die des Berichts lautet: Ja, es ist möglich. Es müsse besondere Leistungselektronik verwendet werden, dann könnten Solarparks ohne Umwege an das Gleichstrom-Bahnnetz angeschlossen werden und vorbeifahrende Züge mit direkt vor Ort erzeugtem Sonnenstrom antreiben. Kleine Solarparks entlang der elektrifizierten britischen Bahnstrecken könnten etwa zehn Prozent der Energie pro Jahr bereitstellen, um die dort fahrenden Züge zu versorgen. Die Berechnungen zeigen sogar: Der solare Bahnstrom wäre für Bahnunternehmen bereits heute günstiger als herkömmlicher Bahnstrom und würde in Zukunft wirtschaftlich noch attraktiver werden.

200 kleine Solarparks in Südengland notwendig

Allein mit dieser Erkenntnis begnügt sich der Bericht aber nicht, sondern wird konkreter. 15 Prozent der Pendlerstrecken in den südenglischen Grafschaften Kent, Sussex und Wessex könnten mit vor Ort ans Gleichstrom-Bahnnetz angeschlossenen Solaranlagen versorgt werden. Laut Analysen des Projektpartners Community Energy South wären dafür 200 kleine Solarparks entlang der Strecken notwendig. Erste Prüfungen zeigten bereits, dass das gar nicht so abwegig ist: Etwa 400 geeignete Flächen haben die Experten identifiziert.

In London selbst könnte das U-Bahnsystem mit sechs Prozent direkt vor Ort erzeugtem Solarstrom versorgt werden. Das Projektteam hat dafür 50 mögliche Flächen ausgemacht auf denen Solarstromanlagen für das Bahnnetz installiert werden könnten, darunter Dächer von Bahn-Depots und Parkplätzen. Die Autoren der Studie geben allerdings zu bedenken, dass diese Projekte sehr viel aufwändiger zu realisieren sein werden als Solarparks im ländlichen Raum.

Große Potenziale für Indien und Spanien

Die deutlich größeren Potenziale für die Idee liegen außerhalb Großbritanniens. Elektrifizierte Bahnstrecken in der Nähe des Äquators und insbesondere in Indien könnten komplett mit Solarstrom und Stromspeichern betrieben werden, ohne auf Stromlieferungen aus dem Netz angewiesen zu sein, schreiben die Autoren. Aber auch Spanien mit seinem großen Gleichstrom-Bahnnetz und vielen Pendlerstrecken in die Metropolen Madrid und Barcelona besitzt großes Potenzial.

Noch hat allerdings kein Bahnunternehmen Interesse bekundet, deshalb wollen 10:10 und Partner das Projekt erst einmal selbst vorantreiben und weitere Studien zu konkreten Bahnlinien in Auftrag geben. cw


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