Energiewende-Tagung im Bodensee: Nächstes Jahr ist Silberhochzeit

Zum 24. Mal trafen sich auf der Bodenseeinsel Mainau Akteure der Energiewende. Den Weg checken, auf dem sie unterwegs sind. Impulse mitnehmen. Quintessenz: Rund um den Ausbau der regenerativen Erzeugungskapazitäten stehen weiterhin große Aufgaben an.
30.09.2025 – Was denn eine Belohnung für Teilnehmer sein könne, die mit ihrem Besuch nächstes Jahr das Vierteljahrhundert voll machen, fragten die Veranstalter zu Beginn rhetorisch ins Auditorium hinein. „Vielleicht ein starkes Beruhigungsmittel“, schlug Bene Müller, Vorstand des Singener Unternehmens Solarcomplex, vor. Begründung: Man müsse emotional schon einige Gegensätze aushalten. So sei in Deutschland die Energiewende im Stromsektor zwar gut vorangekommen. Aber: „Auf globaler Ebene zeigt sich das leider überhaupt nicht“, sagte Müller und verwies auf den rapiden Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Diese sei in der Zeit seit der ersten Fachtagung auf der Mainau von 370 ppm (parts per million) auf über 430 ppm gestiegen – ein irrer Anstieg innerhalb kürzester Zeit, eben 25 Jahre, wenn man den Vergleichswert der vorindustriellen Zeit (etwa 280 ppm) mitbedenkt. „Da fällt es schwer, sich über kleine Erfolge zu freuen.“
Diese Erfolge gibt es natürlich, verdeutlichte Gastgeber Björn Graf Bernadotte. Für die Installation einer Holzhackschnitzel-Heizanlage inklusive Nahwärmenetz auf der Insel sei er 1997 noch belächelt worden. Viele Nachhaltigkeitsprojekte später schickt sich die Mainau GmbH an, bis 2030 klimaneutral zu wirtschaften. Das sei machbar, aber auch „ein ambitioniertes Ziel“. Anja Peck von der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg nahm den Ball auf, betonte den nötigen Ehrgeiz, mahnte aber auch Selbstkritik an: „Wir müssen mit Herzblut und Schwung ans Werk, dürfen aber nicht die vergessen, die anders ticken als wir.“ Man komme nur weiter, wenn man sich auch mit anderen Meinungen auseinandersetze.
Beteiligungsmodelle fördern
So rückte die Tagung Themen in den Fokus, die zeigen, wo weiterhin viel Arbeit vor den Akteuren der Energiewende liegt – etwa, wie sich Energie-Projekte finanzieren lassen – speziell die sich auftürmende Wärmewende. Städte und Kreise blicken landauf, landab in riesige Haushaltslöcher, stehen aber nach erfolgter oder noch laufender kommunaler Wärmeplanung vor ebenfalls riesigen Investitionen für ihre Infrastruktur. Also diskutierten die 150 Teilnehmer gleich einen ganzen Nachmittag lang Akzeptanz fördernde, identitätsstiftende Beteiligungsmodelle.
Denn: Rund 76 Milliarden Euro (2024) fließen jährlich über Energieimporte ins Ausland. Genug Motivation für Pedro Da Silva, Dozent an der Konstanzer HTWG und Vorstand der Kirchheimer Teckwerke, verstärkt das Potenzial von Genossenschaftsmodellen anzusprechen – erst recht, wenn sich mehrere zusammenschließen. Über gemeinsame Schulungen, koordinierte Einkäufe und größere Investitionsvolumina ließen sich viele und größere Projekte stemmen. Unterstützung kam aus Nordbayern, wo mit der ÜZ Mainfranken die größte Energiegenossenschaft im Freistaat (43 Kommunen, 3.300 Mitglieder) ihre Projekte stets vor Ort verankert. „Alle Projekte funktionieren nur im Schulterschluss mit den Kommunen“, betonte Teamleiter Benjamin Genßlein. „100 Prozent Erneuerbare Energien haben wir bilanziell bereits 2016 erreicht.“
Verena Riedler von der deutsch-österreichischen Investment-Plattform Klimja empfahl der Runde wertegetriebene Geldanlagen. Hier sei der Hebel zur Reduktion des CO2-Fußabdrucks bezogen auf die Lebenszeit um ein Vielfaches effektiver als andere Maßnahmen – „im Durchschnitt 27-mal“, so Riedler. Jede Investition habe drei Renditen: eine finanzielle, eine ökologische und eine soziale. „Es macht einen Unterschied, wenn wir Geldanlagen durch diese Brille betrachten.“
Biodiversität und Klimawandelanpassung
Den geballten Praxisblick bot die Fachtagung jenseits aller Geldfragen aber auch. Daniela Dietsche, Bodensee-Stiftung, und Dieter Schenk, ZinCo GmbH (Nürtingen), zeigten, wie sich Biodiversität und Klimawandelanpassung über kombinierte PV- und Gründächer voranbringen lassen. Thomas Stark, ebenfalls Dozent an der HTWG Konstanz (Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung), betonte das – im Vergleich zur Freifläche – Akzeptanz steigernde Potenzial von bauwerk-integrierten PV-Systemen (BIPV). Häuser damit besser zu machen, das werde zwar in der Praxis noch eher träge umgesetzt, so Stark. Zahlreiche Beispiele seiner Initiative (bipv-bw.de) demonstrierten aber die Produktvielfalt – von der Farbigkeit der Frontgläser, etwa für den Bereich denkmalgeschützter Altstadt-Gebäude, bis zur Ersetzbarkeit konventioneller Dachziegel und Fassadenelemente entlang gestalterischer und architektonischer Vorgaben.
Peter Globirsch von der Initiative Innovative Energie Pullach stand Rede und Antwort bezüglich der südlich von München umgesetzten und noch geplanten Tiefengeothermie-Projekte. Das Potenzial sei bis dato nicht annähernd ausgeschöpft. Demnach können bis zu 40 Prozent des bayerischen Wärmebedarfs theoretischen Berechnungen zufolge aus der tiefen Geothermie in Südbayern gedeckt werden, zitierte Globirsch eine Studie der TU München.
Bauen mit Holz hat Zukunft
Tatsächlich auf Wachstumspfad ist die Holzbauquote in der Baubranche. „Acht Prozent der globalen Klimaemissionen gehen auf das Konto der Zementherstellung“, berichtete Elias Wahl von der Initiative Pro Holzbau Schwarzwald. Im Holzbau dagegen werde CO2 gebunden, Stahl und Beton substituiert. Mehrgeschossige Wohn- und Geschäftsgebäude, etwa der schlangenförmig gestaltete, 240 Meter lange Firmensitz eines Uhrenherstellers im schweizerischen Biel und eine Holz-Wildbrücke, die in Brandenburg eine vierspurige Fernstraße überbrückt: Wahl hatte eindrucksvolle Projektbeispiele im Gepäck, die zeigen, was möglich ist.
Die Bedeutung der Moore für den Klimaschutz
Moore wiederzuvernässen und damit CO2-Senken zu schaffen: Das ist eines der Themen, die die Bodensee-Stiftung in Radolfzell verfolgt – als Umsetzungsagentur im Auftrag des Landes Baden-Württemberg, wie Geschäftsführer Volker Kromrey berichtete. Bis 2040 sollen, so das erklärte Ziel, 100 Prozent der Moore wiedervernässt werden. Aktuell liege man bei vier Prozent. Eine Kombination mit PV-Anlagen habe den Vorteil, die CO2-speichernde Wirkung von Mooren mitzunutzen, die bei einer Bebauung des gleichen Areals mit einer klassischen Freiflächenanlage verloren ginge. „Moor muss nass“, unter diesem Motto rief Kromrey speziell Kommunen und Landwirte auf, sich mit Projektideen und Beratungsbedarf an seine Stiftung zu wenden.
Volker Kromrey war es auch, der für das 25. Treffen im kommenden Jahr ein Schnellballsystem vorschlug: Jeder Teilnehmer soll eine weitere Person mitbringen. Mit Blick auf den aktuellen Themenschwerpunkt könnte man hinzufügen: am besten jemand mit dickem Portemonnaie und Bereitschaft zu investieren, in Projekte mit Rendite- und Zukunftschancen. Benedikt Brüne
Die nächste Fachtagung auf der Mainau findet am 24. und 25. September 2026 statt.
Informationen gibt es online: https://www.bioenergie-region-bodensee.de/






















































