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Tübingen macht blau

Foto: Bild von Boris Palmer mit Fahrrad.
Geht mit gutem Beispiel voran: Der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer mit Fahrrad auf der Tübinger Neckarbrücke. (Bild: Gudrun de Maddalena/Stadt Tübingen)

Mit einer breit angelegten städtischen Kampagne „Tübingen macht blau“ treibt die Stadt seit Jahren den Klimaschutz voran. So fördert die Kommune mit einem Bündel von Maßnahmen den Ausbau der Photovoltaik, E-Mobilität, den ÖPNV, das Radfahren und das Energiesparen. Die Erfolge können sich sehen lassen.

11.12.2017 – „Wir glauben nicht, dass für die gesamte Stadtgesellschaft die gleichen und die umfassenden Klimaschutzmaßnahmen passend sind. Deshalb bieten wir für ganz verschiedene Zielgruppen viele kleine Schritte an“, sagt Bernd Schott, Umwelt- und Klimaschutzbeauftragter von Tübingen. Vor neun Jahren wurde die städtische Klimaschutzkampagne „Tübingen macht blau“ vom grünen Oberbürgermeister Boris Palmer ins Leben gerufen. Längst ist dies zu einem geflügelten Wort in der Universitätsstadt geworden, das in vielen Zusammenhängen rund um den Klimaschutz und darüber hinaus benutzt wird. „Blau machen mittlerweile über 12.000 Ökostrom-Kunden der Stadtwerke Tübingen. Blau machen auch immer mehr Menschen, indem sie das Auto teilen, Rad fahren oder den Bus benutzen. Blau leuchten die Wärmebilder sanierter Wohnungen und Bürgersolaranlagen machen die Dächer blau“, heißt es in einer Selbstdarstellung im Internet.

Abwrackprämie für Stinker - Fahrradkurse für Migranten

Die Klimaschutzkampagne mit dem fröhlichen Slogan setzt auf einen Mix von Beratung, Dialog, Motivation, finanzieller Förderung und nachhaltigem Infrastrukturausbau. „Wir versuchen hierbei auch besondere Zielgruppen mitzunehmen“, unterstreicht Schott. So werden beispielsweise Fahrradsicherheitstrainings für Flüchtlinge angeboten, die Radfahren oftmals in ihrer Heimat nicht gelernt haben. Und um noch mehr Pendlern aus den acht Teilorten und Umlandgemeinden eine Alternative zum eigenen Auto zu bieten, setzt die Stadt unter anderem auf den Ausbau des Verkehrsverbunds, die Förderung von Carsharing, neue Fahrradtrassen auch für Pedelecs und Park & Ride Anlagen. Auf 18 Prozent konnte der Anteil des Radverkehrs auf diese Weise schon erhöht werden. Allerdings ist das Etappenziel eines 30-prozentigen Anteils bis 2020 ehrgeizig und noch längst nicht erreicht.

Neue Wege geht die Stadt nun mit einer Abwrackprämie für konventionell motorisierte Zweiräder. Bis zu 500 Euro erhalten Privatpersonen und Unternehmen, die ein Kraftrad mit Zweitaktmotor abwracken und zugleich ein Pedelec oder ein anderes E-Zweirad neu anschaffen. „Wir liegen gut im Rennen“, berichtet Schott. 36 „Stinker“ wurden bisher auf diese Weise ausrangiert, die Zielmarke bis Ende kommenden Jahres liegt bei 50. Auch die Stadtwerke Tübingen (SWT) sind aktiv: Mit je 100 Euro belohnen sie den Kauf von Pedelecs und E-Bikes von Ökostromkunden. Bisher wurde auf diese Weise die Anschaffung von 350 E-Zweirädern gefördert.

Schon über 2.100 Autoteiler

Stark engagiert ist Tübingen bei der Förderung des Carsharings. So unterstützt die Kommune die Genossenschaft „teilAuto Neckar-Alb“ mit Stellplätzen und mit derzeit zehn Fahrzeugen, die die SWT angeschafft haben. Immerhin rund 100 stationsgebundene Carsharing-Autos sind in der Stadt angemeldet und schon über 2.100 Tübinger setzen auf das Autoteilen. Nun versucht die Kommune auch die gemeinschaftliche Nutzung von Elektroautos voranzubringen. Vier reservierte Stellplätze mit Ladesäulen werden momentan vor dem Technischen Rathaus für E-Carsharing-Autos eingerichtet. Auch die eigene städtische Flotte soll stärker elektrifiziert werden. Angesichts des hohen Anteils von Spezialfahrzeugen, beispielsweise für die Feuerwehr oder das Grünflächenamt, sei dies allerdings nicht ganz einfach, räumt Schott ein. So sind derzeit nur acht der 150 Fahrzeuge des städtischen Fuhrparks elektrisch betrieben.

Anspruchsvoll ist auch die Elektrifizierung der Busflotte der Stadt. „Die SWT testeten in den vergangenen Jahren schon etwa zehn verschiedene Elektrobusse, doch sie gingen entweder kaputt oder es fehlte ein örtlicher Service“, berichtet Schott. Eine Herausforderung sind die starken Höhenunterschiede und vielen Steigungen im Stadtgebiet. Deshalb setzt man derzeit auf Hybridbusse.

12 Megawatt Photovoltaik auf den Dächern

Schon weiter als geplant ist die Stadt beim Umbau der Energieversorgung. Bereits mehr als die Hälfte des Tübinger Stromverbrauchs wird von den Stadtwerken (SWT) erneuerbar erzeugt, über 200 Gigawattstunden jährlich. Anvisiert war dieses Ziel für das Jahr 2020. Seit 2007 bezieht die Stadtverwaltung 100 Prozent erneuerbaren Strom und die Zahl der Kunden des SWT-Ökostroms knackte jüngst die 12.000er Marke. 938 Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von über 12 Megawatt (MW) sind schon auf den Dächern der Stadt montiert. Vor zehn Jahren waren es nur 180 Anlagen mit 1,2 MW. Mit einem Bündel von Initiativen treibt die Kommune den PV-Ausbau voran. So können Bürger pachtfrei Photovoltaikanlagen auf städtischen Dächern errichten, bei der Vermittlung hilft eine Solardachbörse. Teils wird in Grundstückskaufverträgen die Nutzung der Photovoltaik verpflichtend vorgeschrieben, wie beispielsweise bei der Bebauung des ehemaligen Güterbahnhofareals. Mit dem SWT-Energiedach bieten die Stadtwerke seit eineinhalb Jahren Photovoltaikanlagen per Pacht zur Eigenstromerzeugung an.

Stadtgesellschaft macht beim Stromsparen mit

Besonders stolz ist der Klimaschutzbeauftragte auf den sparsameren Umgang mit Strom. Lag der Stromverbrauch (Haushalte, Gewerbe und Industrie) im Jahr 2006 bei 5.204 Kilowattstunden pro Einwohner (kWh/EW), so sank er im Jahr 2016 auf 4.554 kWh/EW, ein Rückgang um 12 Prozent. In diesem Zeitraum nahm die Einwohnerzahl um mehr als 10.000 zu und es entstanden rund 9.000 zusätzliche Arbeitsplätze, die heutzutage meist mit Stromverbrauchern ausgestattet sind. „Die Stadtgesellschaft als Ganzes macht beim Stromsparen mit“, freut er sich.

Auch der Wärmeverbrauch - zumindest der kommunalen Liegenschaften - konnte von 2006 bis 2015 um 26 Prozent reduziert werden. Mit den Stadtwerken besteht ein Wärmeliefer-Contracting und es wurde ein kommunales Energiemanagement aufgebaut. Zudem wurden die meisten Gebäude der städtischen Wohnungsgesellschaft umfassend energetisch saniert.

Schott ist seit 2008 städtischer Klimaschutzmanager und führt mittlerweile die Stabsstelle Umwelt- und Klimaschutz mit drei Vollzeitstellen. Über eine Projektgruppe Klimaschutz arbeitet er auch eng mit den Stadtwerken und den kommunalen Wohnungsunternehmen zusammen.

Nächstes Etappenziel ist nun, die energiebedingten CO2-Emissionen pro Kopf in Tübingen bis 2022 um 25 Prozent gegenüber dem Wert von 2014 zu reduzieren. Von 2006 bis 2014 konnten pro Einwohner schon 21 Prozent C02 eingespart werden. „Vor allem beim Verkehr und im Wärmebereich haben wir noch Nachholbedarf“, sagt Schott. Hans-Christoph Neidlein


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