Herr Fleck, wann haben Sie zuletzt die Geierlaybrücke in Mörsdorf überquert?
Das war im vergangenen Herbst. Die Brücke ist im Besucherprogramm der Gemeinde nachmittags immer der letzte Punkt. Manchmal erwischen wir auch einen schönen Sonnenuntergang. Die Kreisverwaltung kann den Gästen so zeigen, was alles mit Energiewende und Klimaschutz möglich ist. Klar ist: Nicht jede Kommune kann eine 360 Meter lange Hängeseilbrücke bauen. Aber mir geht immer das Herz auf, wenn ich die Leute dort vor Ort treffe, die sich damals für die Windkraft eingesetzt haben.
Die Brücke im kleinen Hunsrück-Örtchen wurde 2015 eröffnet und kostete rund 1,3 Millionen Euro. Wie kam es dazu, und was hat die Energiewende damit zu tun?
Durch die Verpachtung gemeindeeigener Flächen für zwölf Windräder erzielt Mörsdorf, ein Dorf zwischen Rhein und Mosel, jährlich 320.000 Euro. Bevor die Anlagen gebaut wurden, war die Einwohnerzahl, damals rund 600, rückläufig. Es gab keine Geschäfte, viele Häuser und Wohnungen standen leer, Schule und Kita kurz vor der Schließung, der Haushalt war defizitär. Das Revolutionäre war: Zusätzlich zum Jahresetat von rund 80.000 Euro regnete ein warmer Geldsegen auf die Ortsverwaltung herab – durch die Windpacht-Einnahmen.
Welche Ideen gab es damals für das Dorf?
Es gab im Ort die Überlegung, wie man in eine dauerhafte Einnahmequelle investieren könnte. Die Idee einer Hängebrücke kam aus einem kleinen Kreis um Ortsbürgermeister Marcus Kirchhoff. Ich gebe zu, ich selbst war skeptisch. Auch der Rechnungshof hielt es für illusorisch, dass jährlich rund 200.000 bis 300.000 Besucher in die abgelegene Region kommen. Um es vorwegzunehmen: In zehn Jahren waren es drei Millionen Besucher, trotz Corona. Können Sie sich das vorstellen? Am Anfang gab es ein ziemliches Chaos.
Ein Chaos, inwiefern?
Mörsdorf wurde regelrecht überrollt. Die Leute haben kreuz und quer im Dorf und in den Äckern geparkt. Niemand konnte ahnen, dass durch die Brücke plötzlich so eine große Bewegung entstand. Mittlerweile wurden drei große Parkplätze ausgewiesen, die Einnahmen liegen bei ca. 650.000 Euro im Jahr, die zu den Pachteinnahmen hinzukommen. Dafür kostet das Begehen der Brücke nichts. Es kamen gastronomische Betriebe, ein Bäcker, Kitabetreuung, Touristinfo und damit viele Angestellte. Aktuell wird ein Mehrgenerationenhaus in Mörsdorf errichtet. Ein toller wirtschaftlicher Erfolg, und der Ausgangspunkt waren die Einnahmen aus den Windparks.
Als Landrat haben Sie früh das Potenzial der Energiewende erkannt. Aber es ging nicht direkt mit dem Bau von Windparks los ...
Der erste Schritt bestand darin, Energiekosten in den kreiseigenen Gebäuden zu senken. Das war der dritt- oder viertgrößte Posten im Kreishaushalt. Das Geld für eine Komplettsanierung hatten wir nicht. Aber: Über einzelne Maßnahmen haben wir in zwölf Jahren zwei Millionen Euro Energiekosten und 9.500 Tonnen CO2 gespart. Später haben wir ausrechnen lassen, dass wir im Kreis – insgesamt: öffentliche Hand, private und gewerbliche Haushalte – 290 Millionen Euro für Energie ausgeben. Das sind nach heutigen Maßstäben 500 Millionen Euro. Unser Kalkül war: Wenn wir einen Teil davon selbst produzieren können, dann hat die Region etwas von der Wertschöpfung. Heute erzeugen 285 Windkraftanlagen auf überwiegend gemeindeeigenen Flächen Strom für 300.000 Haushalte. Aus dem „1000-Dächer-Photovoltaik-Programm“ und dem ersten Solarkataster in Rheinland-Pfalz im Jahre 2010 sind inzwischen nicht erwartete 8.500 PV-Anlagen geworden. Zum Vergleich: die Landeshauptstadt Mainz mit mehr als doppelter Einwohnerzahl hat nicht einmal die Hälfte davon.
Der Rhein-Hunsrück-Kreis wurde vom Stromimporteur zum Stromexporteur ...
Sie müssen sehen, dass uns die Konversion im Rhein-Hunsrück-Kreis wirtschaftlich extrem getroffen hat. Die Hahn Air Base, einer der größten amerikanischen Flugplätze in Europa, war geschlossen worden, ebenso mehrere Bundeswehr-Einrichtungen. Da hing wirtschaftlich viel dran. Und es kamen innerhalb weniger Jahre 16.000 Aussiedler in den Kreis. Wir waren finanziell am Ende. Mit der Wirtschaftskraft lagen wir im Ranking der rheinland-pfälzischen Kreise auf dem zweitletzten Platz, heute sind wir im oberen Drittel. Mit rund 1,8 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen wir mit 380 Prozent fast das Vierfache unseres Verbrauches.
Können Sie weitere Projekte nennen, die ohne Energiewende so nicht zustande gekommen wären?
Von den 137 Gemeinden im Kreis haben 61 Flächen für Windkraftanlagen, teilweise auch für Photovoltaik verpachtet. Das bedeutete 20 Jahre Pachteinnahmen, die sonst nie zu uns geflossen wären, einschließlich Einspeisevergütungen und weiteren Benefits rund 65 Millionen Euro regionale Wertschöpfung jährlich. Ein Wirtschaftsförderprogramm, das seinesgleichen sucht. In Mastershausen, nicht weit von Mörsdorf entfernt, hat man eine Schule umgebaut. Dort sind nun zehn Einheiten für betreutes Wohnen inklusive Café entstanden. Die älteren Leute müssen nicht sozial entwurzelt in andere Orte ziehen. Anderes Beispiel: Die Gemeinden Neuerkirch und Külz haben mit den Einnahmen aus der Windkraft ein Nahwärmeverbund installiert, auf Basis von Holzhackschnitzel. Die Nutzer sind von den aktuellen Preissteigerungen nicht betroffen. Viele Gemeinden sind attraktiv geworden, in Neuerkirch kriegen Sie zum Beispiel keinen Bauplatz und keine Wohnungen mehr.
Gab es auch Widerstände gegen die Windenergie? Welche Sorgen hatten die Leute?
Natürlich gab es Bedenken. Es gab auch Profis und Anwälte, die uns mit Fragenkatalogen in Bürgerversammlungen die Hölle heiß gemacht haben. Das ist für einen ehrenamtlichen Bürgermeister mitunter eine schwere Nummer. Vielen konnte man mit Argumenten begegnen und wenn man dem Gemeinderat/der Bürgerschaft sagt: Wenn ihr dem Bauantrag jetzt nicht zustimmt, beschwert euch nicht in zwei Jahren, dass kein Geld da ist für Kita und Schule. Es gibt aber auch die Fanatischen, deren Gegnerschaft man akzeptieren musste. Gelernt haben wir: Man muss die Leute zuhause in ihrem Umfeld „abholen“ und finanziell beteiligen. Wir haben beispielsweise kreisweit einen Wettbewerb gemacht. Wer hat den ältesten Kühlschrank? Botschaft: Ein alter Kühlschrank kostet 130 Euro Strom, ein neuer 30 Euro. Sie müssen das plakativ machen, und die Leute können ja rechnen. Für den Kauf eines neuen Geräts gab es im Rahmen von Förderrichtlinien – zum Beispiel in der Gemeinde Schnorbach – einen Hunderter dazu. Der Sieger-Kühlschrank stammte übrigens aus dem Baujahr 1950. Der gehörte einem Elektriker, der gerne bastelte. Das gleiche mit Heizungspumpen und Glühbirntauschtagen.
Sie mussten also dafür sorgen, dass möglichst viele profitieren?
Auch dafür gibt es Beispiele: Wenn die Gemeinde Schnorbach ein Drittel von den Wind-Einnahmen im Rahmen von Förderrichtlinien an ihre Bürger für deren Energieprojekte gegeben hat, dann haben die Leute aus der Nachbarschaft ihren Bürgermeister gefragt: „Warum machst Du das nicht, Du hast doch auch Einnahmen.“ Zeitweise sind 40 Gemeinden diesem Beispiel gefolgt. In dem Zusammenhang: Es gibt Gemeinden, die keine Windparks auf ihren Flächen bauen konnten, etwa wegen Fledermaus- und Vogelflug, Wasserrechten, Landschaftsschutz. Also haben die Bürgermeister (mit Windparks) freiwillig einen Solidarpakt geschlossen und zehn bis 15 Prozent der Einnahmen an die benachteiligten Gemeinden abgegeben. Das hat auch zur Befriedung beigetragen – fantastisch!
Sie halten weiterhin Vorträge über Themen der Energiewende, unter anderem in Thüringen und Sachsen, was ist Ihr Antrieb?
Man muss mit Herzblut an das Thema herangehen und die Chancen aufzeigen. Als Kreis- und Ortsverwaltung sind wir vorangegangen. Der Gedanke war: Wie sollen die Bürger es machen, wenn wir nicht die ersten sind, die eine PV-Anlage aufs Gemeindedach montieren und darüber berichten? Ich konnte viele Kritikpunkte auch nachvollziehen – egal, ob der Wirtschaftsminister Habeck hieß oder jetzt Reiche. Ich habe den Leute gesagt: Macht es trotzdem. Ohne Ideologie. Einfach machen, praktische Dinge, auf lokaler Ebene. Im Osten gab es einen großen Vorbehalt gegen alles, was nach Zwang und Verordnung klang. Oft kam der Einwand: Wir haben kein Geld. Da habe ich gesagt: Es gibt Genossenschaften. Alle können sich beteiligen, dann ist es eure Anlage. Man kann den eigenen Weg trotzdem gehen. Im Rhein-Hunsrück-Kreis waren wir auch arm.
Wie denken Sie über die aktuelle Diskussion um die Energiewende in Deutschland?
Da habe ich einen Kloß im Hals. Die Förderung zurückzudrehen, was jetzt geplant ist im PV-Bereich, finde ich rückwärtsgewandt. Wenn man jetzt wieder Öl und Gas propagiert, führt das meines Erachtens zu einer Verlangsamung oder zum Ende der Energiewende. Ich lese das alles mit großem Bedauern.
Das Gespräch führte Benedikt Brüne.
Bertram Fleck (76), Jurist aus Mainz, hat als Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises (Rheinland-Pfalz, ca. 106.000 Einwohner) die Energiewende von 1989 bis 2015 wesentlich vorangetrieben. Auch nach seinem Ausscheiden hält er weiter Vorträge und führt Besuchergruppen durch Windparks, Solaranlagen und Nahwärmeverbünde.















































