Kommunen und Erneuerbare: Wenn Erneuerbare die Stadtkasse füllen

Viele Kommunen stehen finanziell unter Druck. Erlöse aus Windparks und Solaranlagen können so manchem Kämmerer größere Nöte ersparen. Die Kommunen Lichtenau und Speichersdorf profitieren bereits von der Energiewende.
11.08.2026 – Hindernisse oder gar Ausreden, so könnte man meinen, gibt es an jeder Ecke. Im schweren Geläuf der komplizierten Gesetzgebung, in den Förderkulissen von EU, Bund und Ländern. Dann die leeren Stadtkassen und die nächste Bürgerversammlung, für die sich die Gegner eines, sagen wir, Windprojekts schon warmlaufen.
Verwaltungen besonders kleinerer Landgemeinden sind richtig gefordert, wenn es drum geht, das Rennpferd Energiewende Projekt für Projekt ins Ziel zu bringen. Wenn ihre Heimatorte dann zu Profiteuren von Wind, Solar und Co. geworden sind, haben Bürgermeister und Stadträte mit Projektentwicklern, Netzbetreibern, Investoren, Kleinanlegern und anderen zuvor meist Schwerstarbeit geleistet – Potenziale errechnet, Ziele gesetzt, Bauvorhaben diskutiert, Mehrheiten gefunden, Finanzierungen bewerkstelligt, Grundstücke ge- oder verpachtet.
Der gerechte Lohn: saubere Energie, ergo Klimaschutz und Handlungsspielräume vor Ort. Ein anderes Wort dafür: Geld.
Bürgersolarpark und Photovoltaik auf dem Rathausdach in Speichersdorf
„Wir bekommen das Geld zurück“, sagt Christian Porsch, Bürgermeister im fränkischen Speichersdorf, knapp 6.000 Einwohner, 20 Kilometer östlich von Bayreuth. „Aber wir müssen zuerst investieren. Wenn wir das Geld nicht zu Beginn einmal ausgeben, werden wir später auch keine Rendite haben“, argumentiert er, und er hat häufig so argumentiert – immer wieder auch im Gemeinderat.
In Speichersdorf begann es Ende der 1990er-Jahre mit dem Bau zweier 750-Kilowatt-Windräder. Im Jahr 2000 kam die erste Photovoltaik-Anlage aufs Rathausdach, mittlerweile sind alle kommunalen Dächer mit Solarmodulen bestückt, erzählt Porsch. Den Löwenanteil der Stromerzeugung liefert heute ein Bürgersolarpark, 19 Megawatt Leistung, 2023 errichtet auf 16 Hektar Fläche. Kosten: rund zwölf Millionen Euro. Allein diese Anlage macht Speichersdorf bilanziell autark. Der Jahresverbrauch liegt bei insgesamt rund 19.000 Megawattstunden, das Ertragspotenzial nur aus dem Solarpark bei 20.000 Megawattstunden.
Für die Finanzierung stellte man einen Mix zusammen – aus Eigenmitteln, KfW-Kredit und 1,1 Millionen Euro Bürgerkapital, eingesammelt per Crowdmodell von DKB-Bank, Sparkasse und Raiffeisenbank. Über ein Nachrangdarlehen mit Beträgen von 250 bis 25.000 Euro profitieren Bürger der Gemeinde so direkt vom Solarpark, den sie beim Spaziergang sehen, so oft sie wollen. „Es bleibt was bei euch hängen“, hatte Porsch ihnen erklärt. Zwei Prozent Zinsen über zehn Jahre Laufzeit. Ein wichtiger Türöffner für das Projekt: Das Geld der Bürger wurde als Eigenkapitalersatz von den Banken anerkannt. „Das hat gezogen, darüber bin ich froh und dankbar“, sagt Porsch.
Gewerbesteuer-Aufkommen verdoppelt
Zur regenerativen Energielandschaft von Speichersdorf zählt auch ein Nahwärmenetz, das seit 2017 Schule, Tagespflegeeinrichtung, Sportarena und Rathaus mit Energie aus einer Hackschnitzelanlage versorgt, eine auf Faulgas umgestellte und zu 50 Prozent mit Solarstrom versorgte Kläranlage mit Blockheizkraftwerk, eine auf LED umgerüstete Straßenbeleuchtung, die jedes Jahr 166.000 Kilowattstunden Strom einspart – 75 Prozent des bisherigen Verbrauchs. „Das meiste haben wir mit kommunalen Eigenmitteln finanziert“, erzählt Porsch. Geld, das – wir erinnern uns – erst einmal investiert werden musste, sich aber auszahlt. Im Vergleich zu 2020 hat sich das Gewerbesteuer-Aufkommen in Speichersdorf verdoppelt, von 750.000 Euro auf 1,5 Millionen Euro im Jahr 2026. „Ein Viertel der gesamten Gewerbesteuer kommt aus Erneuerbaren“, betont der Bürgermeister.
Grünes Licht für Windpark Steinkreuz
Dabei wird es nicht bleiben. Eine Agri-PV-Anlage, Investitionskosten 170.000 Euro, hat eine Bürgerbewegung zwar erst einmal verhindert, was Porsch aber sportlich nimmt: „Es ist nicht aller Tage Abend.“ Grünes Licht gab es im Gemeinderat aber für den Windpark Steinkreuz mit sechs 6,8-Megawatt-Anlagen, inklusive einem Stromspeicher mit 160 Megawattstunden Speicherkapazität, der rund 16.000 Haushalte einen Tag lang mit Strom versorgen kann. Drei der Windräder sind für das Gebiet Speichersdorf vorgesehen, drei stehen im Gebiet der Nachbargemeinde. 3,8 Mal so viel Strom, wie seine Gemeinde übers Jahr verbraucht – das ist schon jetzt eine vorzeigbare Bilanz. Mit den Windrädern wird Speichersdorf dann endgültig zum Stromexporteur. Daraus resultieren Pachterlöse in sechsstelliger Größenordnung, die überwiegend dem Gemeinde-Etat zufließen. Beteiligungsoptionen für die Bürger sind auch vorgesehen, wie beim Bürgersolarpark.
Geld verdienen mit der Energiewende ist das Ergebnis aus regionalen Machbarkeiten und gesetzlichen Vorgaben. Zu denen zählt auch die kommunale Wärmeplanung, die jede Stadt und Gemeinde erstellen muss. Kommunen bis 100.000 Einwohner haben dafür bis zum 30. Juni 2028 Zeit, für Städte mit größerer Einwohnerzahl endete die Frist im vergangenen Juni.
Gut beraten sind Kommunen, wenn sie bereits bestehende Projekte in die vom Bund geförderte Planung integrieren können. Das trifft auf Speichersdorf zu, wo zusätzlich zu dem erwähnten Nahwärmenetz seit 2025 ein weiteres, 2,2 Kilometer langes Wärmenetz 300 Wohneinheiten und ein Seniorenheim versorgt.
Energiestadt Lichtenau (Westfalen) mit Strom aus Wind und Sonne
Und das trifft gleichermaßen auf Lichtenau zu, die „Energiestadt“, wie sie sich nennt, mit 11.000 Einwohnern südlich von Paderborn in Nordrhein-Westfalen. Der Wärmeplan ist hier unter Dach und Fach, zwei Jahre vor Fristende. Schon jetzt versorgt ein Wärmenetz 36 Haushalte im Ortsteil Herbram-Wald mit Energie aus einem Holzhackschnitzelwerk. „Wärme und Strom sind zwei Seiten einer Medaille, deshalb hat sich Lichtenau frühzeitig entschieden, die Wärmeplanung anzugehen“, erzählt Klimaschutzmanager Günter Voß, der die Planung verantwortete. „Eine Art Boomtown mit Vorbildcharakter“ habe sich in Ostwestfalen herausgebildet, sagt Jörg Altemeier, Geschäftsführer beim ZukunftsWerk Energiestadt Lichtenau.
176 Windräder und 1.480 Solaranlagen begründen dieses Prädikat, finanziert durch Eigentümer unterschiedlicher Couleur: Investorengemeinschaften, Energiegenossenschaften, Stadtwerke. Letztere betreiben seit 2016 sechs eigene Windräder des Typs Enercon E115. Zur Finanzierung dieser Anlagen wurde neben der klassischen Kreditfinanzierung über Banken auch ein städtischer Investitionskredit bereitgestellt. Das Besondere: Als Einrichtung der öffentlichen Hand konnte die Stadt Lichtenau diesen Kredit mit günstigeren Konditionen aufnehmen und diesen dann zu höheren, marktüblichen Konditionen an die Stadtwerke-Tochter weitergeben. Dies ist nach dem EU-Beihilferecht notwendig, um den Stadtwerken keinen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen – denn der vereinbarte Zinssatz zwischen Energiestadt Lichtenau und Stadtwerken ist genauso hoch, als hätten die Stadtwerke als privates Unternehmen am Kreditmarkt ein Darlehen aufgenommen. Unterm Strich bleibt für die Energiestadt Lichtenau ein Zinsgewinn, der dem städtischen Haushalt und somit allen Bürgern als jährliche Einnahme in sechsstelliger Höhe zugutekommt.
Kommune stellte Ausfallbürgschaften
Zudem hat die Stadt Lichtenau im Rahmen der Projektfinanzierung der sechs Anlagen Ausfallbürgschaften gestellt. Diese verbesserte Absicherung hatte einen niedrigeren Zinssatz für die übrige, nicht durch die Stadt bereitgestellte Kreditsumme zur Folge. Die Ausfallbürgschaften wiederum werden in Form einer Avalprovision an die Stadt vergütet. „Eine Win-win-Situation für alle: die Stadtwerke, die Stadt und damit unsere Bürgerinnen und Bürger“, bilanziert Jörg Altemeier. Was noch hinzu kommt: Die Windstrom-Erlöse versetzen die Stadtwerke in die Lage, den Wasserpreis zu senken. Der schwankt zwar und ist abhängig auch von anderen Faktoren. Die Ersparnis liege aber zwischen 15 und 20 Cent je Kubikmeter. „Bei einem Einfamilienhaus mit einem Durchschnittsverbrauch von 140 Kubikmeter beträgt die Ersparnis ca. 25 Euro im Jahr“, rechnet Altemeier vor.
Förderlandschaft – viel Bürokratie, aber auch viel Geld
Ein unausgesprochenes „Bäähm!“ meint man zu hören, wenn man Günter Voß auf das Thema Gewerbesteuer anspricht. „Etwa sechs Millionen Euro jährlich.“ Eine Größenordnung, die undenkbar wäre ohne die Energiewende-Projekte der vergangenen Jahre und nicht ohne den Durchblick im Bereich Fördergelder.
Nur zwei Beispiele: Da ist zum einen der Klima Campus der Realschule Lichtenau. Die Kosten für die energetische Gebäudesanierung lagen bei insgesamt 23 Millionen Euro. Davon erhielt Lichtenau ca. 9 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Hinzu kamen Förderdarlehen und Kredite der NRW.BANK – insgesamt rund 13,3 Millionen Euro.
Zweites Beispiel: das Wasserstoffprojekt „Schlafender Riese“. Unter diesem Titel versucht man, ab 2027 überschüssige Strommengen per Elektrolyse in Wasserstoff zu verwandeln und eine sechs Kilometer lange, aktuell für den Erdgasbetrieb genutzte Gashochdruckleitung für den Wasserstoffbetrieb umzurüsten – Lichtenaus Antwort auf die landesweite Hängepartie beim Netzausbau und bei Fragen des Netzzugangs.
„Das Umspannwerk in unserem Ortsteil Henglarn, eines der größten in NRW, ist häufig überlastet, rund 20 Prozent der Windstromproduktion müssen wir abregeln“, erklärt Altemeier. Wertvolle Energie, die verpufft aufgrund eines alten, starren und wenig flexiblen Energiesystems. Von den 30 Millionen Euro Projektkosten übernimmt gut ein Drittel das Land Nordrhein-Westfalen. So ist aus Lichtenau deutlich die Ermutigung an andere Rathäuser zu vernehmen, trotz des hohen Verwaltungsaufwandes den Mut zu haben, Fördergelder zu beantragen und vorhandene Gelder auch abzurufen.
Stichwort Geld abrufen. Paragraph 6 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ermöglicht es Betreibern von Windparks, bis zu 0,2 Cent pro eingespeister Kilowattstunde an die Gemeinde zu überweisen, auf deren Gemarkung die Anlagen errichtet sind. Auch für PV-Freiflächenanlagen gibt es diese Regelung. Eine Befragung der Initiative Klimaneutrales Deutschland (IKND) und des Vereins Heimatwurzeln hat im Mai aber gezeigt, dass nur 64 Prozent der Kommunen diese Zahlungen mit den Betreibern auch vertraglich vereinbaren.
In Speichersdorf kommen rund 50.000 Euro jährlich dabei heraus, in Lichtenau rund 250.000 Euro. Abschlussfrage an die Bürgermeister und Stadtkämmerer, die sich um §6 EEG noch nicht haben kümmern können, ganz im Stil von Günther Jauch: „Was würden Sie mit diesem Geld machen?“ Benedikt Brüne























































