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KlimawandelBiogas kann Boden gutmachen

Gespannt lauschen die Landwirte den Tipps von Bodenexpertin Dr. Sonja Dreymann bei einem Bodenseminar auf einem Acker in Schleswig-Holstein (Foto: Dierk Jensen)
Gespannt lauschen die Landwirte den Tipps von Bodenexpertin Dr. Sonja Dreymann bei einem Bodenseminar auf einem Acker in Schleswig-Holstein (Foto: Dierk Jensen)

Ein gesunder Boden ist Garant für gute Ernten. Wenn der Boden aber verarmt, dann treten große Probleme auf: Nährstoffe geraten aus der Balance, die Wasserhaltefähigkeit nimmt ab und der Humusanteil schrumpft. Über das Umdenken im Umgang mit dem „Produktionsfaktor Boden“ in Zeiten des Klimawandels.

04.07.2020 – Die Welt ist klein. Natürlich kenne er Johann Düker, erwiderte Uwe Schmidt schon am Telefon, „wer etwas mit landwirtschaftlichen Themen im Elbe-Weser-Gebiet zu tun hat, der kennt einfach den Biogaspionier aus Basdahl.“ Und wie es der Zufall will, liegt beim Besuch von Milchviehberater Uwe Schmidt in seinem Büro in Hipstedt ein aktueller Leserbrief von Düker auf dem Tisch.

„Bereits zu unserer Jugend wussten wir, dass Pflanzen sich nur durch ihre Saugwurzeln ernähren können. Dies erkannte ich schon 1951/52 in der Praxis: Mein Vater düngte auf den Wiesen in mehrjährigen Abständen mit Kompost, Stickstoff wurde nicht gedüngt. Wenn der Kompost nicht reichte, wurden noch einige Fass Jauche hinzugefahren. Interessant war, dass die mit Jauche gedüngte Fläche schon nach ein paar Wochen grüner war als die Kompostflächen“, beginnt Düker seine Ausführungen in der Bremervörder Zeitung; weiter ist zu lesen: „Beim zweiten Schnitt, Ende August, war es umgekehrt. Auch in den Folgenjahren entwickelte sich der Bestand auf der Kompostfläche immer noch besser.“  Und am Ende seines weitverzweigten Plädoyers für mehr Nachhaltigkeit in Landwirtschaft und Gesellschaft schreibt Düker: „Seien wir uns bewusst, dass alles Leben in Gottes Schöpfung über die Feinwurzeln unserer Pflanzen in unseren Nahrungskreislauf aufgenommen wird.“

Damit sind wir mitten im Thema. „Leider erkennen viele Landwirte die Folgen ihrer den Boden oft schadenden Wirtschaftsweise erst viel später“, stellt Schmidt fest, „auf vielen Betrieben wird es jedes Jahr schlechter, die Erträge sinken und in den Ställen leidet die Gesundheit der Kühe.“ Dann ist es häufig schon zu spät, wenn er als erfahrener Fachmann der Beratungsfirma mmb in Sachen Tiergesundheit und -ernährung zu Rat gerufen wird.

Ursachen bekämpfen, nicht erst die Symptome

Seit 20 Jahren sind Uwe Schmidt und seine Mitarbeiter auf vielen Milchviehbetrieben in Deutschland, im Baltikum und anderswo unterwegs, um Leistung und Gesundheit wieder in ein vitales Gleichgewicht zu bringen. Dabei kann sich Schmidt spürbar begeistern an einem gesunden Tierbestand; er selbst hat viele Jahre eine kleine Mutterkuhherde auf eigenen Flächen gehalten. Für ihn ist die Vitalität der Rinder letztlich auch ein Ausdruck dafür, ob sich der landwirtschaftliche Organismus auf den Betrieben noch im Kreislauf befindet. Als jemand, der eine lange Zeit bei einem bekannten Futter-Ergänzungsmittelhersteller gearbeitet hat, weiß er genau, das punktuelle „Reparaturen“ von Symptomen wie Durchfall oder beim Festliegen der Mutterkühe nach der Geburt, zwar akute Probleme kaschieren können, aber den eigentlichen Problemen in der Regel nicht auf den Grund gehen. Deshalb ist dem drahtigen 65-Jährigen eine ganzheitliche Betrachtung von Tier, Gesundheit, Futter, Ausscheidungen, Mist, Gülle, Gärrest und am Ende Boden und Pflanzenwachstum enorm wichtig. „Ich habe in meiner Beratertätigkeit schon so viele Ställe gesehen. Ich sehe zumeist auf den ersten Blick, was schiefläuft“, sagt Schmidt, „ich rieche es sogar. Wenn es unangenehm stinkt, dann ist etwas auch nicht mehr in der Balance.“

Konventionelle Landwirtschaft muss sich umstellen

Ein gutes Viertel der mehr als 150 Betriebe, die er und sein junges Team derzeit aktiv in der Beratung haben, betreibt neben der Milchproduktion auch eine Biogasanlage. „Das macht die Sache nicht einfacher“, wirft Schmidt kritisch ein. Nicht dass er etwas gegen die Vergärung zur Energiegewinnung hätte, nein, das sei grundsätzlich gut, aber er sieht doch ein Problem in den Gärresten. Genauer gesagt, nicht die Gärreste an sich, sondern wie sie in der Regel derzeit aufs Feld, auf den Boden, ausgebracht werden. „Das ist ein fauliges Milieu, wenn sie das direkt in den Boden eingeben, ohne es durch Strukturbeigabe von Stroh oder durch anderweitige mikrobiologische Behandlung weiter aufzubereiten, bringen sie letztlich diese Fäulnis auch direkt in den Boden. Das kann nicht gut für die umgebende Boden-Mikrobiologie sein“, ist Schmidt überzeugt.

Dieses gängige Verfahren führe aus seiner Sicht nicht zum gewünschten Aufbau von Humus. Denn dass der Humusaufbau für das Bodenleben und für die Bodengare – mal ganz abgesehen von der klimafreundlichen Kohlenstoffeinbindung – wichtig ist, daran lässt er keinen Zweifel. Deswegen bedauert er, dass immer noch ein großer Anteil Landwirte zu wenig darum kümmert. „Für sie ist die Gülle immer noch so etwas wie Abfall. Es ist ihnen dabei gar nicht bewusst, dass ihre Gülle einen enorm hohen Wert hat“, unterstreicht der Berater, „letztlich könnten wir ohne mineralische Dünger mit dem Wirtschaftsdünger unsere Felder ausreichend düngen.“ Dies sei aber nur durch eine biologische Vielfalt auf den Feldern und im Boden möglich. Weswegen er zur Reaktivierung der Biologie im Milchviehfutter eine besondere Kräuterbiologie einsetzt, die sich direkt positiv auf die Gesundheit in der Leber der Kühe, in deren Hufe und am Ende auch in der (Rotte)Gülle auswirkt.

Wenn aber alles Biologische tot ist, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn der Boden es am Ende auch sein wird“, warnt Schmidt vor einem sturen „Weiter so“ in der konventionellen Landwirtschaft, die immer zu sehr dem quantitativen Denken hinterherhinkt.

In Kreisläufen denken – für einen gesunden Boden

Dass Uwe Schmidt daher mit Dr. Sonja Dreymann zusammenarbeitet, liegt nahe. Denn die in Kiel ansässige Bodenexpertin verfolgt ähnliche Ansätze wie der Niedersachse. Sie denkt in Kreisläufen, betrachtet das landwirtschaftliche Ganze mit besonderem Fokus auf den Boden bzw. das Bodenleben. Auch ihre Kunden sind Rat fragende Landwirte, die ihren Ackerböden wieder mehr Leben und bestenfalls auch wieder mehr Humus einhauchen wollen.

„Wenn der Ertrag nicht stimmt, dann war es das Wetter“, bemerkt Dreymann im Szarvasi-Bestand von Biogaserzeuger Kalle Rave im schleswig-holsteinischen Ausacker südlich von Flensburg. Um sie herum ein Dutzend Landwirte und Biogaserzeuger, die ihre Anmerkungen zu einer Bodenprobe aufmerksam verfolgen. „Seht ihr, im unteren Teil ist die Verwurzelung ganz gut, aber weiter oben, direkt unter der Oberfläche ist ein schmaler Horizont, der verdichtet ist“, bricht sie die Krume auf, während sie erklärt. „Da die Rispe die Verdichtung mag, breitet sie sich dankbar aus und verdrängt das Energiegras mehr und mehr“. „Na ja, bei den nassen Bedingungen bis Anfang März und danach nur noch Trockenheit“, wirft ein Teilnehmer ein, „was soll man da schon machen?“ „Ja, klar, die diesjährigen Witterungsbedingungen haben diesen Zustand sicherlich begünstigt, doch kann das Verschlämmte auch Ausdruck dafür sein, dass es hier an Kalzium infolge von zu viel Kalium an der Oberfläche fehlt und daher nicht genug Sauerstoff in die obere Schicht hineingelangt“, erwidert Dreymann.

Zur Überprüfung ihrer Annahme macht sie den sogenannten Carbonat-Test, bei dem sie mit einer Pipette verdünnte Salzsäure auf den Bodenhorizont tröpfelt. „Keine Bläschenbildung, also ist offenbar zu wenig Kalziumcarbonat vorhanden“, konstatiert die Bodenexpertin und empfiehlt dem Biogaserzeuger Rave, im Frühjahr eine Kopfkalkung und noch vor dem ersten Schnitt mit dem Wiesenlüfter (eine Art Egge) den Bestand zu bearbeiten – dieser schlitzt den Boden sanft auf, so dass Luft eindringen kann.

Dialog auf Augenhöhe und praxisorientierte Beratung

Der Dialog mit ihr und den Landwirten ist auf Augenhöhe. Es geht ihr nicht um einseitige Belehrung, sondern um konstruktive Auswege aus einem Dilemma – dass nämlich auf vielen Ackerbaubetrieben in den letzten Jahren die Ernteerträge signifikant gefallen sind. Das betrifft auch die Biogaserzeuger. Maisernten von 50 Tonnen pro Hektar gehören mittlerweile an vielen Standorten der Vergangenheit hat.

Viele Landwirte in der Runde des praxisorientierten Bodenseminars nicken, manche sprechen sogar von Rückgängen von rund 20 Prozent der Erntemengen. Da läuft etwas schief.  „Die Grundlage des Erfolgs auf dem Acker ist am Ende immer die Anbauweise“, merkt die Bodenexpertin unmissverständlich an, „der einsetzende Klimawandel und die extremen Witterungsbedingungen der letzten Jahre haben dies nur noch weiter zugespitzt bzw. offenbart.“

Umdenken im Umgang mit dem Boden

Was allerdings nicht heißen soll, dass es keine erfolgreichen Strategien bei größer werdenden Herausforderungen geben würde. Ganz im Gegenteil; jedoch müsse, so Dreymann weiter, ein Umdenken im Umgang mit dem Boden stattfinden und erkannt werden, dass Pflanze und Boden eine enge Lebensgemeinschaft bilden, die es zu beachten gilt.  Dafür reiche das Wissen von früher und wie es in der Regel von den Landwirtschaftskammern immer noch kolportiert wird bei Weitem nicht mehr aus. Die klassische Bodenanalytik mit bloßen „NPK-Werten“ gibt keine Antworten auf wichtige Fragen.

Neues Wissen über den Boden, über die Huminstoff-Forschung und auch über die Mikrobiologie im Boden erfordert daher auch einen neuen Wissenstransfer, den Dreymann aktiv vermittelt. In diesem Zusammenhang spielt auch der Humusaufbau eine zentrale Rolle, der aber scheitert, wenn die Nährstoffe im Boden aus dem Gleichgewicht geraten sind. Beispielsweise blockieren hohe Phosphat-Gehalte auf vielen Biogas-Betrieben an vielen Orten den Humusaufbau. Die Trennung von fester und flüssiger Phase im Gärrest wäre eine mögliche Option, um sich wieder günstigeren Nährstoffverhältnissen anzunähern.

Nicht viel anders als Uwe Schmidt äußert sich auch Dreymann zum Gärrest: „Entscheidend ist dabei, wie mit dem Gärrest umgegangen wird, in welchen Mengen und in welcher Weise es aufbereitet und auf die Felder gebracht wird. Wenn das wohl überlegt praktiziert werden würde, dann könne auch Gärrest zum Aufbau von Humus beitragen, der im Übrigen über ein großes Bindungspotential für Stickstoff verfügt.“

Bodenexperten gehen nämlich davon, dass eine Erhöhung von einem Prozent Humus im Boden schon eine Stickstoffbindung von ca. 2.500 Kilogramm pro Hektar benötigt. Das könne natürlich nicht allein über die Düngung zugeführt werden, weiß Dreymann. Vielmehr spiele die freie Stickstoffbindung aus der Luft durch Mikroorganismen eine große Rolle, die im wurzelnahen Bereich auch von Nicht-Leguminosen leben. „Deren Aktivität durch mehr Vielfalt als auch durch eine höhere Durchwurzelung mit zuckerhaltigen Wurzelausscheidungen zu fördern ist Grundvoraussetzung für die langfristige Bindung von Kohlenstoff und Stickstoff im Boden. Ohne Energie wird weder Kohlenstoff noch Stickstoff im Boden gebunden. „Die enge Beziehung, die zwischen Stickstoff und Kohlenstoff besteht“, so Dreymann weiter, „wird in den Klimadiskussionen aber oft verkannt.“

„Mein Ziel ist es daher, auf meinen Äckern langfristig einen fünfprozentigen Humusanteil zu erreichen“, unterstreicht Kalle Rave im Kreis der Seminarteilnehmer. Das ist ambitioniert, liegt er bei seinen Feldern aktuell eher bei zwei Prozent. Doch ist er zuversichtlich, dass ihm und sein Nachfolger Ole Dietz das gelingen werde. Den Mehraufwand für die Einlagerung von mehr Kohlenstoff im Acker wollen sich die beiden über eine Gratifikation von Gewerbeunternehmen aus der Region finanzieren lassen, in dem diese ihre CO2-Emissionen mit dem gezielten Aufbau von Humus kompensieren lassen. Auf diese Weise erhalten auch solche Kulturpflanzen bzw. Mischkulturen, die gewöhnlich keine ausreichenden Erlöse auf den Agrarmärkten erzielen, plötzlich eine neuen Wert, in dem sie vor Ort sowohl die Diversität beleben, ihren Anteil zur C02-Senke beitragen und darüber zur Erzeugung von Wärme, Strom und Kraftstoff dienen. Das gelingt mit klassisch-konventionellem Ackerbau mit den klassischen Cash-Crops wie Raps, Weizen und Gerste eben nicht, sind sich die Bodenexpertin und die Biogaslandwirte aus Ausacker einig.

Der Boden in Zeiten des Klimawandels

Rave ist in Zeiten den Klimawandels nicht alleine. Er ist Mitglied im Verein Boben Op, die die Energiewende vor Ort voranbringen will und die auch im Bereich der CO2-Sequestrierung offensiv neue Modelle angeht. Mittlerweile beteiligen sich rund ein Dutzend Landwirte an Boben op und peilen durch den klimaschützenden Humusaufbau in einem Zeitraum von fünf Jahren an, einen Hektar-Erlös von 1.500 Euro zu erzielen. Ein vergleichbares Projekt gibt es auch im Süden der Republik im Großraum München, wo Akteure des Vorhabens „Himmelserde“ ähnliche Ziele verfolgen. In diesen Ansätzen, auch wenn sie noch in einem frühen Stadium sind, stecken neue Chancen, die die Biogasbranche unter schlechter werdenden Witterungsverhältnissen und offensichtlichen Defiziten im Umgang mit den Böden rechtzeitig wahrnehmen sollte. Dierk Jensen


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