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Klimaschutz in der PraxisHip und Mini – Biogas für jedes Zuhause

Eine Reihe von Mini-Biogasanlagen der Marke HomeBiogas (Foto: Jörg Böthling)
Eine Reihe von Mini-Biogasanlagen der Marke HomeBiogas (Foto: Jörg Böthling)

Die börsennotierte HomeBiogas stellt Mini-Biogasanlagen her. Weit über zehntausend solcher Anlagen sind weltweit, vor allem im globalen Süden, bereits im Einsatz. Der israelische Hersteller will sein Portfolio erweitern. Doch es gibt auch Kritik.

20.12.2022 – Lebensgroße Plastiken von engumschlungenen Paaren liegen vor und auf dem Firmengelände von HomeBiogas Ltd. „Früher arbeitete hier ein Bildhauer, der hat, als wir das Areal übernommen haben, einige seiner Werke einfach liegen gelassen“, erzählt Pressesprecherin Mira Marcus vor dem Firmengebäude des Anlagenherstellers von Mini-Biogasanlagen im israelischen Beit Yanai. Der Ort liegt direkt an der Mittelmeerküste und ist für viele Kite-Surfer ein beliebter, hipper Hotspot. Und diese jugendlich-sportliche Coolness schwingt atmosphärisch auf jeden Fall auch im Team von HomeBiogas mit. Die Sonne lacht und die Mitarbeiter nehmen unter freiem Himmel ihre Mittagsmahlzeit ein: Das vegetarische Essen wird direkt vor Ort in der Firmenküche gekocht, natürlich, wie sollte es anders sein, mit Biogas.

Mittendrin in dieser Szene, die eher an einen universitären Campus als an ein börsennotiertes Unternehmen erinnert, ist einer der Chefs, Oshik Efrati. Er erzählt über die Entstehung des Unternehmens, das mittlerweile fast 100 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zählt und nach eigenen Angaben schon weltweit rund 15.000 Mini-Biogasanlagen hergestellt und vertrieben hat. Sie sind unter anderem in Kenia, im Senegal, in Indien, aber auch in Laos und Brasilien im Einsatz.

Der 43-jährige Efrati ist Sohn von marokkanischen Eltern, die in den fünfziger Jahren aus Marokko in den jungen Staat Israel zogen. Er studierte Meeresbiologie, tourte anschließend durch die Welt und nachdem er Yair Teller, der in Mexiko mit Mini-Biogasprojekten experimentierte, kennenlernte, begann er sich mit dem Thema Biogaserzeugung intensiv auseinanderzusetzen. Teller und er wurden ein Team. In der Folgezeit entwickelten sie erste kleine, simple Biogassysteme, die sich ausschließlich auf den Eigengebrauch konzentrierten. Und zwar für Haushalte vor allem in solchen Gegenden, in denen in der Regel gar kein Strom fließt und auch andere Energienetze überhaupt nicht existieren.

Einfach innovativ

Es sind Regionen wie die Sahelzone, in denen es außer Brennholz kaum etwas gibt. Das innovative Duo kreierte – einfach gesagt – Biogassäcke aus Polypropylen, in die Wasser eingebracht wird und die über einen Einfüllstutzen mit Biomasse befüllt werden können sowie über einen Ausgang verfügen, über den das im Sack erzeugte Biogas zu nahegelegenen Kochstellen geleitet werden kann.

So einfach, so genial. Mit nur wenig Kilogramm organischen Abfällen, ob nun aus Speise-, Ernte- oder Futterresten und auch Dung, lässt sich täglich eine Biogasmenge erzeugen, um zwei Stunden ausreichend Kochenergie zu haben: Dies ist in Ländern bzw. Regionen wie im Südsudan, in Somalia oder im Norden Kenias ein wahrer Segen. Entfällt doch damit für die Kochenden die unglaublich mühsame Suche nach brennbarem Holz, das von den ohnehin raren Bäumen in diesen (semi)ariden Gebieten abgerungen wird – nachhaltiger geht es kaum. Zumal es auch die Gesundheit der kochenden Frauen schont, die bei Benutzung von knappem Holz millionenfach unter Lungenschäden leiden. Allerdings: Gerade in ariden Gebieten ist die Biogasproduktion nicht leicht, denn es braucht für den Gärprozess eben Wasser.

Der Sprung in den großen Home-Markt

Begeistert von den vielen nachhaltigen und ressourcensparenden Effekten und nach den ersten eigenen positiven Anlagen-Erfahrungen wagen Efrati und Teller mit einem weiteren Mitstreiter schließlich die Gründung von HomeBiogas im Jahre 2012. Die Philosophie der Firmengründer ist im Namen manifestiert: „Wir wollen das Biogas zu den Leuten, zu ihrem Zuhause bringen. Dort wo es entsteht, dort wo es produziert wird, soll es auch genutzt werden“.

Die Euphorie aller Beteiligten ist groß, allerdings ist der Erfolg in den ersten Jahren eher bescheiden. „Wir haben in der Anfangszeit kaum Geld verdient, daher habe ich zunächst noch halbtags als Lehrer gearbeitet“, erinnert sich Efrati im schicken Konferenz-Raum.

Die Geschäfte kamen erst so richtig ins Rollen, als es einen großen Auftrag aus Kenia gab, wo ein paar hundert HomeBiogas-Anlagen geliefert wurden. Allerdings war es nicht der ganz große Durchbruch, weil sowohl der Preis für die Etablierung dieser Grass-root-Technologie als auch der Know-how-Transfer am Ende nicht mit den tatsächlichen Erfordernissen vor Ort übereinstimmten. Wie so oft im Entwicklungshilfe-Kontext bewirkte die gute Absicht noch lange keine guten Ergebnisse.

Funktionale Optimierung

Aber unabhängig von solchen Misserfolgen entwickeln Teller, Efrati und Co. in ihrer israelischen Heimat unbeirrt ihre HomeBiogas-Anlage technisch weiter. Während ihr erstes Modell noch 250 Kilogramm wog, hat die Anlage nach vielen Zwischenstadien mittlerweile ein Gewicht von 22 Kilogramm erreicht – ein wahres Leichtgewicht. „Das reduziert sowohl den Materialaufwand als auch die Kosten für Transport“, unterstreicht Efrati die Tragweite der technischen Weiterentwicklung.

Mit ein paar Klicks zur eigenen Biogasanlage

Viel Zeit und Know-how haben die beiden Unternehmer aber investieren müssen, um die heutige Performance zu erreichen: Je einfacher, desto besser. So werden mittlerweile nur noch rund 100 Einzelteile zusammengefügt, die von rund 20 Produzenten geliefert werden. Diese überschaubare Zahl vereinfacht den Herstellungsprozess enorm, was sich am Ende auch auf den Preis niederschlägt: Für weit weniger als 1.000 Euro ist die Mini-Biogasanlage zu erwerben. Man kann sie im Webshop im hipp-bunten Umfeld bestellen oder direkt bei den fast zwei Dutzend Vertriebspartnern rund um den Globus. Ein neues, just fertiggestelltes Logistikzentrum soll in Zukunft Garant für zügige Lieferungen in alle Himmelsrichtungen sein.

Turbulenzen am Energiemarkt

Seit dem Börsengang an der Tel Aviv Stock Exchange (TASE) zu Beginn 2021, bei der rund 200 Millionen Schekel (umgerechnet rund 60 Millionen Euro) Kapital eingesammelt werden konnten, ist der ökonomische Druck auf die Firmengründer sicherlich noch gestiegen. Von daher wundert es auch nicht sonderlich, dass Efrati zwar bohrenden Fragen freundlich begegnet, aber am Ende doch wenig Konkretes preisgibt.

Ob das an dem aktuell schlechten, seit Längerem tendenziell nach unten sich bewegenden Börsenkurs liegt? „Es ist derzeit wirklich keine gute Zeit an den Börsen“, so Efrati etwas schmallippig. Ob es an der global wirtschaftlich sehr angespannten Situation liegt, unter der eben auch besonders diejenigen afrikanischen Länder leiden, in denen HomeBiogas potenziell im Offgrid-Bereich gute Chancen hätte, ihre Mini-Anlagen abzusetzen? Fehlt der Absatz? Sind etwa internationale Hilfsorganisationen und Institutionen mittlerweile in einer „Geberkrise“, weil die Finanzmittel in Zeiten des Krieges und der globalen Energieunsicherheit mehr und mehr ausbleiben? Viele Fragen, die er aber nicht genau beantwortet; auch gewährt HomeBiogas keinen Einblick in ihre Serienproduktion, an der eine Behindertenwerkstatt beteiligt sein soll.

Energieautarkie im Trend

Don`t donate“ steht auf der Homepage von (B)energy, der Firma der Agrarwissenschaftlerin Katrin Pütz, die mit ihrer Erfindung, dem Biogas-Rucksack, in den vergangenen Jahren für Furore – zumindest medial – gesorgt hat. Denn obwohl sich Pütz mit ihrer kleinen Unternehmung schon seit Langem für praxisbezogene Biogasnutzung auf Haushaltsebene in mehreren afrikanischen Ländern engagiert, blieb für sie bislang der große kommerzielle Erfolg aus.

Kurioserweise wird nun seitdem Ukraine-Krieg die von ihr entwickelte Mini-Biogasanlage plötzlich in Deutschland stark nachfragt. So machen sich viele Bürger mittlerweile offenbar Gedanken, wie sie sich von der fossilen Energieabhängigkeit im Privatbereich befreien können.

Nicht umsonst ploppen gerade immer mehr selbsternannte Experten in den Medien auf, die Biogasanlagen in Zeiten horrend hoher Gaspreise en miniature offerieren. „Tatsächlich bekommen wir derzeit viele Anfragen für unsere beheizte Anlage“, schildert Pütz die Situation im Binnenland, ohne den afrikanischen Kontinent zu vergessen. Denn dort bereitet Sie gerade eine Initiative vor, die die Verbreitung von Haushaltsbiogas in Zukunft auf unternehmerische Weise ermöglichen soll – was bislang kaum möglich ist.

Staatlich verordnete Entwicklungshilfe hilft nicht den Betroffenen

Klar, dass sie als Insiderin auch die Anlagen von HomeBiogas und deren Akteure in Israel genau kennt. Pütz ist generell sehr kritisch gegenüber dem offenbar für nötig gehaltenen Ansatz, die „magische“ Lösung für Kochenergie über die Entwicklungshilfe zu verbreiten. „Wenn Anlagen wie beispielsweise von HomeBiogas oder auch anderen Herstellern, woher sie auch immer kommen mögen, über die Entwicklungshilfe hochsubventioniert in den Ländern Afrikas etabliert werden, dann ist das in meinen Augen vollkommen kontraproduktiv, weil dadurch lokale Unternehmen benachteiligt werden und sich keine nachhaltigen Geschäftsmodelle für die Wirtschaftskreisläufe vor Ort entwickeln können.

Im Gegenteil, es werden Märkte verzerrt oder sogar komplett zerstört und am Ende ist niemand für den Schaden verantwortlich“, schimpft Pütz. „Über Hilfsorganisationen finanzierte Biogasanlagen sind für die Technologielieferanten im Ausland einfach verdientes Geld, doch oft funktionieren die Anlagen nach kurzer Zeit nicht mehr.

Fehlender Kundenservice und fehlende Einkommensmöglichkeiten lassen den Betrieb der meisten Anlagen scheitern“, fügt Pütz aus eigenen Erfahrungen hinzu. „Erst wenn man mit Biogas Geld verdienen kann, wird auch gewartet und instandgehalten. Das ist doch bei uns in Deutschland nicht anders. Oder würden Sie eine Anlage betreiben, die Sie von einem Afrikaner geschenkt bekommen haben, nur weil man dort will, dass Sie aufhören den Wald abzuholzen?“ 

Insofern fällt ihr Urteil über die ansonsten von allen Seiten gelobten HomeBiogas-Aktivitäten ziemlich ernüchternd aus, obgleich Sie das israelische Unternehmen von der technischen Seite her „großartig“ findet. Sie befürwortet faire Geschäfte auf Augenhöhe ohne Entwicklungshilfe. Deswegen: „Don´t donate“.

Derweil lassen sich die Israelis nicht beirren und feilen weiter an ihren Anlagen. Dabei wollen sie mit ihren Erzeugungs-Kits über den indischen, südamerikanischen und afrikanischen Markt hinaus auch im globalen Norden landen. Dafür braucht es, um die für den Gärprozess nötigen 35 Grad Celsius zu halten, eine heizbare Hülle, die HomeBiogas aber schon in petto hat. Im Fokus möglicher Kunden stehen Restaurants und Hotels, bei denen Küchenabfälle und Abwässer an Ort und Stelle vergoren werden sollen.

Im Schaugarten von HomeBiogas sind solche Konzepte schon zu sehen; dabei kombinieren die Israels beispielsweise ihre Anlagen mit Aufbereitungstechniken der Meiko Green Waste Solutions GmbH aus Offenburg. Wie hoch die Gestehungskosten für eine Kilowattstunde bei der Vergärung von Speiseresten in der Hotellerie in Europa sein würde, kann Efrati nicht beziffern. „Ich kann dafür aber genau sagen, wie viel Abfall man einspart“, lenkt der geschäftsführende Gesellschafter die Aufmerksamkeit auf die Reduzierung von Klimagasen und sinnvolle Abfallentsorgung hin.

Gute Argumente, die allerdings in Israel, wo es bisher noch keinen Biogasverband gibt, bisher wenig Resonanz findet.  Gibt es doch im so erfolgreichen landwirtschaftlichen Sektor Israels nur ganz wenige große Biogasanlagen und auch die kleinen à la HomeBiogas sind noch die Ausnahme. Dierk Jensen


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Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Wilfried Brandt 22.12.2022, 07:52:35

Frage 1: Welche Möglichkeiten bieten die Gärreste, um sie z.b. im Gartenbau und in der Landwirtschaft weiter einzusetzen?

 

Frage 2: Wenn die nachteiligen Folgen einer nicht kommerziellen Nutzung der HomeBiogasanlagen bekannt sind, sollte man doch Alternativen entwickeln, um Menschen eine neue wirtschaftliche Perspektive zu bieten. Können Teile der Produktion in die jeweiligen Regionen verlagert werden?

 

Frage 3: Wurde eine ökonomische Betriebsgründung durch Mikrokredite geprüft?

 

Frage 4: Werden potentielle Nutzer*innen in ihrer Landessprache über die Vorteile und den Unterhaltungsaufwand informiert? Und auch über die laufenden Kosten?

 

Frage 5: Lassen sich für bestimmte Gruppen weitere Vorteile bündeln (Photovoltaik, Fahrradmobilität, Kompostwirtschaft etc.) bündeln, um die Vorteile dieser technischen Möglichkeiten nicht nur einzelnen zu Teil werden zu lassen, was funktionierende Gruppen spalten könnte?

Dierk Jensen 30.12.2022, 13:46:44

+2 Gut

Hallo Herr Brandt,

 

als Autor des Textes danke ich Ihnen für ihre Fragen, die alle wichtig sind. Frage 1 lässt sich am leichtesten beantworten: Klar, die Gärreste sind im Gartenbau und in der Landwirtschaft einsetzbar. Wie es sich mit Gärresten aus menschlichen Fäkalien in Deutschland verhält, weiß ich allerdings ad hoc nicht im Detail. Zu Frage 2: Klar, lassen sich auch Alternativen entwickeln, so dass Mini-Biogasanlagen in ländlichen Regionen in vielen Ländern Afrikas am Ende auch wirtschaftliche Perspektiven für Menschen bieten. Entwicklungshilfe im klassischen Kontext hat trotz guter Ideen und Absichten oft kontraproduktive Ergebnisse erzielt, aber das ist ein übergeordnetes Thema.

Zu den restlichen drei Fragen: Da ich des Öfteren in afrikanischen Ländern und auch in Indien unterwegs bin, kann ich Ihnen sagen, dass es hier und da schon erste Ansätze zur Nutzung von Biogas im kleinen Massstab auf privater Ebene gibt; inwieweit die jeweiligen Staaten energiepolitisch solche Pionierarbeiten unterstützen, kann ich Ihnen aus dem Stehgreif nicht sagen, doch erkennt man auch in vielen afrikanischen Ländern durchaus die Dringlichkeit mehr erneuerbare Energien einzusetzen - und zwar auch auf der Mikroebene mit allen möglichen Mitteln, bestenfalls vernetzt.

Wenn Sie trotzdem noch Nachfragen haben sollten, gerne auch direkt an meine Emailadresse schicken: dierk.jensen@gmx.de

Schönen Gruß!!


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