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Verkehrte Welt?

Einerseits macht sich die Bioenergie-Branche für Ausschreibungen stark. Andererseits wird aber auch die Skepsis der anderen Erneuerbaren-Sektoren gegenüber dem umstrittenen Marktinstrument geteilt. Regiert das Prinzip der verkehrten Welt? (Foto: © Frer
Einerseits macht sich die Bioenergie-Branche für Ausschreibungen stark. Andererseits wird aber auch die Skepsis der anderen Erneuerbaren-Sektoren gegenüber dem umstrittenen Marktinstrument geteilt. Regiert das Prinzip der verkehrten Welt? (Foto: © Frerk Meyer, flickr.com/photos/greenoid/7113637905, CC BY-SA 2.0)

Einerseits macht sich die Bioenergie-Branche für Ausschreibungen stark. Andererseits wird aber auch die Skepsis der übrigen Erneuerbaren-Sektoren gegenüber dem umstrittenen Marktinstrument geteilt. Es macht den Anschein, als würde aus Verzweiflung pro und contra zugleich vertreten werden.

10.06.2016 – Ausschreibungsmodelle stehen stark in der Kritik. Kaum ein Experte glaubt daran, dass mit diesem Marktinstrument das Tempo der Energiewende beschleunigt wird. Denn es gilt als statistisch erwiesen: Bei der Förderung der erneuerbaren Energien brachten nur garantierte Einspeisetarife zuverlässig Erfolge. Dennoch hat sich die Bioenergie-Branche in Deutschland inzwischen auf Auktionen eingeschossen: Der Bundesverband Bioenergie, der Deutsche Bauernverband und der Fachverband Biogas haben der Politik wiederholt vorgeschlagen, auch für die von ihnen vertretene Branche Ausschreibungen einzuführen, und dabei – so heißt es in der Stellungnahme der Verbände zum Eckpunktepapier „Ausschreibungen für die Förderung von Erneuerbare-Energien-Anlagen“ des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) – „neben Projekten zum Anlagenneubau auch Projekte zur Erweiterung beziehungsweise zur Neuinbetriebnahme einer bestehenden Anlage mit einzubeziehen“. Ebenso propagiert der Biogasrat, in dem sich vor allem die großen Unternehmen zusammengefunden haben, ein „technologiespezifisches Ausschreibungsverfahren“. Vertritt man also pro und contra zugleich, regiert das Prinzip der verkehrten Welt? Oder handelt es sich um die Verzweiflung einer Branche, die in die Knie gezwungen wird?

Fest steht: Der Zubau im vergangenen Jahr war äußerst bescheiden, um lediglich 19 Megawatt (MW) nahm die arbeitsrelevante Leistung der Biogasanlagen in Deutschland zu. Also um deutlich weniger als vom Gesetzgeber im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) angestrebt – der stellt sich einen Wert von 100 MW pro Jahr vor. Dass die Biogasbranche die Ausschreibungen so vehement fordert, während andere Erneuerbare exakt dieses Instrument als gefährliche Marktbremse fürchten, hat mehrere Gründe. Einer ist in der Tat die ausgesprochen bescheidene Ausgangslage. „Die bisherigen Fixvergütungen reichen nicht aus, um die angestrebten 100 Megawatt an Zubau zu erreichen“, erklärt Sandra Rostek vom Fachverband Biogas.

Biogas-Bestandsanlagen droht Netto-Rückbau

Schreibt man die 100 MW hingegen aus, dann kann der angestrebte Zubau wohl realisiert werden. Vorausgesetzt freilich, man deckelt nicht die Angebotshöhe, wie es im Referentenentwurf des EEG geschehen ist: „Der Höchstwert für Strom aus Biomasse beträgt 14,88 Cent pro Kilowattstunde“ steht darin. Zu diesem Preis werden Unternehmer kaum Projekte umsetzen können. Lässt man hingegen in der Auktion eine freie Preisbildung zu, dann dürften sich jene Vergütungsbeträge ergeben, die nötig sind, um die günstigsten Projekte zu realisieren. Man hätte damit eine verlässliche Basis.

Ein extrem wichtiges Thema der Biogasbranche sind zudem die Bestandsanlagen, die nach 20 Jahren aus dem EEG herausfallen. Anders als Photovoltaik- und Windkraftanlagen, die versuchen können, am Markt noch Zusatzerlöse zu generieren, ist das mit Biogasanlagen nicht möglich. Denn die Betreiber müssen weiterhin die Rohstoffe einkaufen. Ohne Anschlussregelung sei daher zu befürchten, dass Tausende Biogasanlagen in den nächsten Jahren stillgelegt werden, heißt es beim Fachverband.

In einer ersten Analyse des Referentenentwurfs kommen die Strommarktexperten des Berliner Beratungsunternehmens Energy Brainpool zu einem ähnlichen Ergebnis: „Laut der vorgegebenen Formel kommt es zu einem Netto-Rückbau der Biomasseanlagen in Deutschland ab dem Jahr 2016.“

Dies zu verhindern, steht für die Branche an allererster Stelle: „Es kann ja kaum gewollt sein, einen der günstigsten Speicher für erneuerbare Energie, den wir bereits mit Biogas etabliert haben, nun wieder runterzufahren“, sagt etwa Jörg Meyer zu Strohe, Geschäftsführer der Firma PlanET Biogastechnik. Daher prägt die Furcht vor einem landesweiten Rückbau auch die Position der Branche. „Wir wollen mit den Ausschreibungen vor allem eine Bestandsoption für die heute laufenden Anlagen schaffen“, sagt Verbandssprecherin Rostek. Die Risiken bei der Teilnahme an einer Ausschreibung seien in diesem Fall überschaubar, weil die Anlagen ja bereits laufen und die Betreiber die Kostenstruktur der Kraftwerke somit bestens kennen. Das macht deutlich, dass sich beim Biogas die Rahmenbedingungen im Vergleich zu anderen Sektoren wie etwa Wind oder Solar oft deutlich unterscheiden. „Wir teilen die Skepsis der anderen Erneuerbaren gegenüber den Ausschreibungen“, sagt die Biogasvertreterin, „aber wir haben eine ganz andere Ausgangslage“.

Zumal in der Biogasbranche auch ein Argument nicht greift, das bei Sonne und Wind gegen die Ausschreibungen spricht: „Die Akteursvielfalt, die bei anderen Erneuerbaren in Gefahr ist, gibt es beim Biogas ohnehin nicht.“ Biogasbetreiber sind in der Regel Landwirte oder manchmal auch Energieversorger, die wiederum Rohstofflieferanten unter Vertrag haben. Als Bürgerenergie-Projekt kommen Biogasanlagen, anders als Wind und Photovoltaik, also weniger in Frage. Viel entscheidender als die Struktur des Bieterkonsortiums sei beim Biogas die Substratstruktur vor Ort, sagt Rostek.

Festvergütung für Kleinanlagen

Daher möchte man bei der Bioenergie-Branche trotz ihrer grundsätzlichen Position ein Segment explizit von Auktionen ausgenommen sehen – kleine Gülleanlagen. In diesem Bereich steht nach Aussage der Experten weniger die Stromerzeugung im Vordergrund als vielmehr die Qualitätsverbesserung der Gülle, die nach der Vergärung viel umweltfreundlicher auf den Feldern ausgebracht werden kann. Die Kleinanlagen bräuchten weiterhin eine feste und auskömmliche Vergütung. So ist es am Ende ein Bündel von Sonderfaktoren, das die Positionierung der Bioenergiebranche prägt.

Zum Teil sind die Forderungen in Berlin bereits angekommen: Im Referentenentwurf des EEG ist ein Passus enthalten, mit dem das Wirtschaftsministerium ermächtigt wird, die konkreten Details von Ausschreibungen im Biomassesektor durch eine Rechtsverordnung zu bestimmen. Doch mit einer so diffusen Formulierung wollen sich die betroffenen Unternehmen dann doch nicht abspeisen lassen. Damit schaffe man nur „neue Unsicherheit in der Bioenergiebranche“, kritisiert Claudius da Costa Gomez, Geschäftsführer des Fachverbands Biogas.

Diese ergibt sich aus dem Wesen der Verordnung, die dem Ministerium die Hoheit über die Entscheidungen überträgt. Steht eine solche Ermächtigung erst einmal im Gesetz, hat der Bundestag keinen Einfluss mehr auf das weitere Vorgehen. Der Minister kann dann machen, was er will, und das womöglich mit gelegentlichen Kurswechseln. Deshalb möchte die Biogasbranche die Ausschreibungen fest im Gesetz verankert sehen.

Verhalten optimistisch zeigt sich der Fachverband inzwischen, dass es auf eine solche Regelung hinauslaufen könnte: In der Diskussion der letzten Wochen sei deutlich geworden, sagt Rostek, dass es unter den politischen Entscheidungsträgern durchaus Bereitschaft gebe, die Vergütungen für Biogas auf ein auskömmliches Niveau zu erhöhen. Allerdings machten sie ihre Zustimmung oft davon abhängig, dass der konkrete Wert nicht vom Gesetzgeber bestimmt wird, sondern sich in einem Marktprozess ergibt.

„Derzeit sind Ausschreibungen die einzige Möglichkeit, Verbesserungen politisch durchzusetzen“, sagt vor diesem Hintergrund Verbandsgeschäftsführer da Costa Gomez. Nach dem Bund-Länder-Gespräch („EEG-Gipfel“) vom 12. Mai hob der Verband dann auch hervor, dass die Länder Thüringen, Rheinland-Pfalz und Bayern, „eine klare Perspektive für neue und bestehende Bioenergieanlagen und einen Ausbaupfad von 100 Megawatt netto wollen.“ Wobei ‚netto‘ die Differenz aus Brutto-Zubau und eventuellem Abbau von Altanlagen bedeutet.

Auch die einzelnen Unternehmen der Branche sind voll auf Linie mit der Strategie des Verbands: „Wir tragen die Position des Fachverbands mit“, sagt Ann Börries, Sprecherin der Firma Weltec Biopower. Denn mit gut gemachten Ausschreibungen könne man den Zubau in Deutschland durchaus über das Niveau der letzten zwei Jahre anheben. Auch bei der Firma Envitec Biogas befürwortet man ein „vernünftig ausgestaltetes Ausschreibungsmodell“. Wichtig sei dabei, „dass die Politik die Bedeutung von Biomasse, insbesondere von Biogas als erneuerbare Regelenergie erkennt“.

So prägt Pragmatismus die Branche: Es sei derzeit „politisch offensichtlich keine Alternative zur Ausschreibung möglich“, sagt PlanET-Chef Meyer zu Strohe. Deshalb sei es „klug, nun über die Details und das Wie mit der Politik zu diskutieren und keine Energie und Zeit mit einem alternativen Ansatz zu verschwenden“.

Umsatzeinbruch in Deutschland

Dass die Biogasbranche für ihren internationalen Erfolg auf Dauer einen starken Heimatmarkt braucht, ist unterdessen unstrittig. Noch kann sie zum Teil von den starken Jahren 2009 bis 2011 zehren, als das Biogas in Deutschland boomte. Die Firmen konnten sich etablieren und seither auch gute Exporterfolge erzielen.

Mit dem Niedergang des Marktes in Deutschland wurden dann die Auslandsmärkte für viele Firmen überlebenswichtig. Weltec Biopower spricht heute von 70 Prozent Auslandsumsatz, PlanET Biogastechnik von rund 50 Prozent, bezogen auf den Gesamtumsatz der Unternehmensgruppe. Betrachtet man allerdings nur das Geschäft mit Neuanlagen, so ging der Anteil des Umsatzes in Deutschland in diesem Segment bei PlanET von 80 bis 90 Prozent in den Jahren 2010 und 2011 auf heute nur noch 15 Prozent zurück.

Der Vorsprung der deutschen Hersteller kann aber nicht ewig währen, wenn die Firmen zuhause keine Anlagen mehr ans Netz kriegen. „Wir brauchen Anlagen in räumlicher Nähe, an denen wir neue Entwicklungen testen können“, heißt es bei der Firma Weltec Biopower. Gebe es diesen Markt in Deutschland nicht mehr, werde es schwer, im Ausland technologisch weiterhin vorn dabei zu sein.

Auch Firmenchef Meyer zu Strohe von PlanET merkt an, es sei bei anhaltend schlechter Marktentwicklung in Deutschland „mindestens zu diskutieren, ob es unternehmerisch sinnvoll ist, auch zukünftig in Deutschland beispielsweise noch Forschung und Entwicklung zu betreiben“.

Damit wird deutlich: Große Exporterfolge werden langfristig nur zu erzielen sein, wenn das Produkt auch über einen ausreichenden Heimatmarkt verfügt – eine Erkenntnis, die nicht alleine für das Biogas, sondern für alle Technologien der Erneuerbaren-Branche ähnlich gilt. Das Bundeswirtschaftsministerium hat im Übrigen bereits auf diesen Umstand hingewiesen – in einer Arbeitsmarktstudie, veröffentlicht im Jahr 2015. Demnach stehen durch rückläufige Exporte Hunderttausende Jobs in der Erneuerbaren-Branche auf dem Spiel. Bernward Janzing (neue energie, Ausgabe Nr. 06/2016, S.71-74)


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