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Digitale Energiewende braucht Standards

Die Digitalisierung der Energiewende umfasst mehr als intelligente Zähler (Foto: Stadtwerke Heidelberg).
Die Digitalisierung der Energiewende umfasst mehr als intelligente Zähler (Foto: Stadtwerke Heidelberg).

Über das geplante Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende hinaus ist ein einheitlicher Schnittstellenstandard für die Ansteuerung und Vernetzung von dezentralen Erzeugungsanlagen und Speichern nötig. Ansonsten greifen die digitale Energiewende und der geplante Rollout von Smart-Metern zu kurz.

02.06.2016 – Experten wie Professor Gerd Heilscher von der Hochschule Ulm weisen darauf hin, dass das geplante Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende zu kurz greift. Es sei zwar „ein großer Schritt, dass ab kommenden Jahr stufenweise digital auslesbare Zähler über eine nach Vorgaben des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geschützte Verbindung eingeführt werden sollen“, so Heilscher. Doch dürfe es nicht nur darum gehen, die Stromzähler auszuwechseln. Nötig sei eine „echte Digitalisierung mit Standards, die ein intelligentes Management von Einspeisern, flexibler Lasten und Speichern erlauben“. Ein dezentrales Energiesystem mit Millionen von Prosumern benötige einen automatisierten Stammdatenaustausch. Nur wie bisher Photovoltaikanlagen, Windräder oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bei einer befürchteten Netzüberlastung abzuriegeln könne nicht die Zukunft sein. Die Energiewende erfordere eine intelligente Einbindung der Prosumer in das Netz- und Erzeugungsmanagement und die Energiemärkte.

Ansteuerung von PV-Wechselrichtern

Im Gesetzentwurf zur Digitalisierung der Energiewende wird in §23 die Einbindung von Einspeisern in ein gesichertes Kommunikationsnetz gefordert. Schlüssel hierfür sei die Verwendung standardisierter Protokolle und die Ausrüstung von intelligenten Steuerboxen mit einer standardisierten CLS-Schnittstelle (Controllable-Local-System-Schnittstelle). Auf diese Weise sei es auch möglich, die Wechselrichter von Photovoltaikanlagen automatisch anzusteuern und damit in Echtzeit Daten und Netzzustandsinformationen für ein intelligentes Einspeisemanagement zu erhalten. Auch Speicher sollten künftig entsprechend angesteuert werden können. Im Moment sei dies nicht flächendeckend und kosteneffizient möglich, weil eine Vielzahl unterschiedlicher herstellerspezifischer Protokolle verwendet werde.

Standardisierte Steuerbox nötig

Nun müsse es darum gehen, sich auf einen Standard zu einigen und diesen rechtlich festzuschreiben, und so den geplanten Rollout von intelligenten Zählern und Gateways sinnvoll zu ergänzen, fordert Heilscher. „Neue Geschäftsmodelle rund um das Flexibilitätsmanagement sind erst mit einer intelligenten, standardisierten Steuerbox machbar“. Es könnte kontraproduktiv sein, wenn nun mit dem vorgeschriebenen Rollout digitaler Zähler und Smart- Meter-Gateways auch die aktuellen Steuerboxen mit lediglich vier Relaiskontakten oder nicht kompatible Steuerboxen eingebaut würden, die dann innerhalb absehbarer Zeit wieder ausgetauscht werden müssten. Auch Marc Behnke vom Verteilnetzbetreiber E.DIS warnt vor einem überstürzten Smart-Meter Rollout. „Wir sollten besser mit dem flächendeckenden Rollout warten, bis eine wirklich intelligente, standardisierte Lösung zur Verfügung steht“, so Behnke, der bei E.DIS für die Netztechnik zuständig ist. Denn derzeit gebe es von Seiten des BSI noch keine Anforderungen an die Interoperabilität und das entsprechende Schutzprofil für die Steuerung von schaltbaren Anlagen

Fehlende Protokollstandards

„Zwar gibt es schon intelligente Grid-Module für das Netz, doch was fehlt, sind gemeinsame Protokollstandards der Geräte“, sagt auch Florian Lütticken, bei der EnBW Energie Baden-Württemberg zuständig für Prozessleittechnik und Erneuerbare Energien. Als positives Beispiel verweist Heilscher auf die USA, wo seit kurzem nur noch PV-Wechselrichter mit dem Kommunikationsstandard Sunspec in öffentliche Gebäude eingebaut werden dürfen. Entsprechend müsse auch hierzulande ein einheitliches international anerkanntes Übertragungsprotokoll, beispielsweise auf Basis des IEC 61850, eingeführt werden. Dieser Standard werde auch schon von Windkraft- und Wasserkraftanlagen sowie von Umspannwerken genutzt und sei auch international verbreitet. Das zuständige BSI müsse sich entsprechend verstärkt in internationalen Normungsgremien umsehen und einbringen und entsprechend vom Bundeswirtschaftsministerium mit Ressourcen ausgestattet werden, fordert Heilscher.

Viele Hersteller hielten sich derzeit noch mit Produktentwicklungen zu Steuerboxen zurück, so Markus Wächter, Director Research Projects des Hardwareherstellers Devolo. Grund hierfür seien die noch fehlenden funktionalen Spezifikationen zur Gewährleistung der herstellerübergreifenden Interoperabilität, die derzeit branchenübergreifend vom Forum Netztechnik/Netzbetrieb (FNN) beim VDE erarbeitet würden.

VHP Ready Initiative

Ein weiterer Ansatz für die Einführung eines einheitlichen Kommunikationsstandards ist die Initiative VHP Ready. Knapp 50 Unternehmen arbeiten hier zusammen, um einen offenen Industriestandard für die Steuerung und den Zusammenschluss von dezentralen Strom- und Wärmeerzeugungsanlagen, Verbrauchern und Energiespeichern zu virtuellen Kraftwerken auf den Weg zu bringen. Hans-Christoph Neidlein


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Kommentare

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JoHannes 06.07.2017, 09:55:10

+185 Gut Antworten

Darüber hinaus kann die CLS-Schnittstelle genutzt werden, um Kundenanlagen stärker in die Netze zu integrieren. Der CLS-Operator unterstützt Sie bei diesen Anwendungen: http://www.goerlitz.com/cls-operator.html


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