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Über den Dächern von New York

Im New Yorker Stadtteil Gowanus werden selbst verbrauchte Kilowattstunden an benachbarte Haushalte verkauft – und selbst abgerechnet. (Foto: Brooklyn Mircogrid)
Im New Yorker Stadtteil Gowanus werden selbst verbrauchte Kilowattstunden an benachbarte Haushalte verkauft – und selbst abgerechnet. (Foto: Brooklyn Mircogrid)

Ein Netzwerk aus Nachbarn in der US-Metropole versorgt und beliefert sich gegenseitig mit eigenem Solarstrom vom Dach. Kein großer Versorger hängt dazwischen. Jede Kilowattstunde kann dabei genau zugeordnet und abgerechnet werden. Auch in Deutschland laufen bereits Pilotprojekte mit der Blockchain.

25.08.2016 – New York. Im Viertel Park Slope im Stadtteil Gowanus läuft seit April 2016 ein subversives Pilotprojekt. Nicht selbst verbrauchte Kilowattstunden werden an fünf benachbarte Haushalte verkauft, die über das öffentliche Stromnetz miteinander verbunden sind. Smart Meter erfassen die erzeugte Energie, die sogenannte Blockchain-Technologie zeichnet die Transaktionen zwischen den Nachbarn auf. Ein zentraler Versorger wird nicht mehr benötigt.

Noch werden die Transaktionen innerhalb des Pilotprojektes manuell ausgeführt. Zukünftig soll es möglich sein, das System über eine App zu steuern, in der beispielsweise angegeben werden kann, zu welchen Preisen von den Nachbarn Strom eingekauft werden soll. Die Transaktionen sollen dann nach den festgelegten Regeln automatisch stattfinden. „Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, zunächst einzelne Teilbereiche und langfristig den gesamten Energiemarkt gravierend zu verändern“, resümieren die Berater von PWC in einer aktuellen Studie, die im Auftrag der Verbraucherzentrale NRW erstellt wurde.

Wie die Blockchain funktioniert

Für den Finanzsektor wurde die Technologie mal erdacht. Aber die Verschlüsselung kann genauso in anderen Bereichen eingesetzt werden: „ Blockchain stärkt die Rolle des einzelnen Konsumenten und Produzenten im Markt“, prognostizieren die PWC-Berater. Prosumer wie private Haushalte, die zugleich Energie produzieren und verbrauchen, könnten über Blockchain mit einem hohen Freiheitsgrad Energie direkt kaufen und verkaufen. Das Fehlen einer verantwortlichen Instanz, könnte allerdings bei Fragen zur Haftung und Gerichtsbarkeit problematisch sein, argumentiert Udo Sieverding. Er leitet den Bereich Energie bei der Verbraucherzentrale NRW. Regulatorische Anpassungen seien nötig, um das System sicher zu machen. Denn im Energiesektor spielt gerade auch die Versorgungssicherheit eine entscheidende Rolle.

Darüber hinaus gibt es beim Datenschutz noch große Herausforderungen. „Hier ist auch die Politik gefragt, die technische Entwicklung nicht allzu lange abzuwarten, sondern möglichst frühzeitig regulatorische Rahmenbedingungen zu schaffen“, fordert Sieverding. Ebenso wie bei der Nutzung anderer Lösungen im Zuge der Digitalisierung.

Virtuelle Kryptowährungen basieren ebenfalls auf Blockchain. Bitcoin hat es bereits zu einiger Berühmtheit gebracht – laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom kennt sie jeder dritte in Deutschland. Immer mehr Hotels und Bars, auch außerhalb von Berlin-Kreuzberg, sowie Onlineshops akzeptieren das digitale Geld. Weitere Internetwährungen heißen Ethereum oder auch Solarcoin. Der Clou: Es gibt keine zentrale Datensammelstelle mehr. Vereinfacht beschrieben, werden die Handlungen zwischen verschiedenen Teilnehmern zu Blöcken gebündelt und auf allen beteiligten Rechnern verschlüsselt gespeichert. Das erschwert es, die Daten zu fälschen oder zu manipulieren.

Blockchain wird in zahlreichen Projekten und Initiativen erprobt. In der Theorie kommt die Technologie ohne Intermediäre und ohne zentrale Instanzen aus. Konflikte sollen im Schwarm gelöst werden, also der kollektiv geäußerten Meinung aller Beteiligten. In der heutigen Praxis sind diese Modelle laut der Berater von PWC noch schwer umsetzbar.

Energiekonzerne testen bereits

Nicht nur in New York, auch in Deutschland laufen Projekte mit dem der neuen Datentransfer-Technologie. RWE arbeitet mit dem Startup Slock.it an zwei Piloten: Erstens, ein einfacheres Bezahlsystem für Elektroautos, das zugleich einheitlich und sicher ist. Ein Auto wird dann einen Chip haben, auf dem eine Kryptowährung gespeichert ist, und kann selbstständig den getankten Strom bezahlen. Das zweite Projekt heißt Blockcharge und soll das Laden von Elektroautos mithilfe eines schlauen Steckers über eine App steuern. Der Stecker soll an allen Orten, die über eine Strominfrastruktur verfügen, installiert werden.

Konkurrent Vattenfall hat im Juni 2016 das Startup Powerpeers in den Niederlanden gegründet, um Kunden stärker in den Energieerzeugungsprozess einzubinden. Gleichzeitig will der schwedische Staatskonzern mehr Kontrolle darüber haben, wie die von Kunden verbrauchte Energie erzeugt wird. „Mit ihren Projekten versuchen die Konzerne derzeit vor allem, sich weiterhin eine zentrale Rolle zu sichern – künftig dann vielleicht als Betreiber einer Blockchain“, vermutet Verbraucherschützer Sieverding. Das sei nicht die reine Blockchain-Lehre, die solche zentralen Instanzen ja gerade abschaffen wolle. Allerdings zeigt es, dass die Großen verstanden haben, was für sie durch die unaufhaltsame Digitalisierung auf dem Spiel steht.

Umverteilung von Marktmacht

An einigen Stellen passen der Energiesektor und die Blockchain-Technologie gut zueinander. Zum Beispiel basiert der Strommarkt auch auf Zertifikaten und Nachweisen, und nicht darauf, dass ein bestimmtes physisches Produkt geliefert wird. Ein flexibler Bezug „ab Erzeuger“ ist so recht einfach umzusetzen. „So fallen einige Marktteilnehmer weg, die Transaktionskosten sinken und damit im Idealfall auch die Strompreise“, erklärt Sieverding.

Gleichzeitig kann die lückenlose und unveränderliche Dokumentation durch Blockchain die Zertifikate und Herkunftsnachweise zuverlässiger machen. „Messung und Abrechnung können einfacher und sicherer werden; zudem können Prosumer sich via Blockchain von den Energieversorgern emanzipieren und den Strom direkt an Abnehmer vermarkten.“ Das gebe mehr Spielräume und vergrößere sicherlich auch die Marge. „Der Strombezug auf der anderen Seite kann transparenter, nachvollziehbarer und flexibler werden – auch das bedeutet ein stückweit eine Umverteilung von Marktmacht zugunsten der Verbraucher“, frohlockt Sieverding.

Blockchain ist keine Utopie mehr, wenngleich es noch viele Baustellen gibt. Beispielsweise die großen Datenmengen, die auf jedem Rechner gespeichert werden müssen. Ein noch zu wenig beleuchteter Kritikpunkt: Die dezentralen Datenbanken haben derzeit noch einen extrem hohen Stromverbrauch. „Das schmälert den positiven Effekt für die Energiewende, den die Verbesserung der Stellung der Prosumer haben kann“, räumt auch Sieverding ein. Diese neuen Transaktionskosten stehen dem positiven finanziellen Effekt entgegen.

Ein genossenschaftliches Modell

Das Projekt in Park Slope soll in Zukunft als genossenschaftliche Organisation betrieben werden. Beteiligt werden die Bewohner des Viertels als Gesellschafter. Die Gemeinschaft wird so alle Solaranlagen zusammen besitzen. Zudem haben die Mitglieder ein Mitspracherecht, wie das erzielte Einkommen ausgegeben wird. Ein klarer Vorteil: So kann beispielsweise jemand, der keinen Zugang zu einem eigenen Dach hat, Miteigentümer einer Photovoltaikanlage werden. Über 130 Hausbesitzer und Mieter haben sich bisher als Erzeuger oder Bezieher des Stroms für das Projekt angemeldet. Bis diese alle eingebunden sind, wird aber noch Zeit vergehen. Die Nachfrage schafft hier das Angebot. Niels Hendrik Petersen

Studie Blockchain – Chance für Energieverbraucher?


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