Herr Osenberg, was sind die politischen Ziele von SolarPower Europe im Bereich Cybersicherheit?
So einfach es klingt: Wir wollen die Photovoltaik sicherer machen, damit die Versorgungssicherheit gewährleistet ist, wenn Solarstrom künftig 20 bis 30 Prozent des Stromverbrauchs in der EU deckt. Manche mögen es seltsam finden, dass wir mehr Regeln für die Branche fordern, aber der Erfolg der Energiewende hängt von unserer Rolle als verantwortungsbewusster Sektor ab, der aktiv an der Zukunftssicherheit unserer Technologie arbeitet. Hätten Ingenieure vor 50, 60 oder 70 Jahren Kernkraftwerke sicherer gebaut, wäre Tschernobyl vielleicht nicht passiert, und wir hätten heute überall Atomkraftwerke statt Photovoltaikanlagen.
Ist es Ihr Ziel auch, europäische Anbieter von Photovoltaikanlagen durch bessere Cybersicherheit zu stärken?
Das ist ein positiver Nebeneffekt unserer Arbeit, denn effektive Cybersicherheitsmaßnahmen erfordern ein gewisses Maß an Lokalisierung in Europa, was wiederum die lokalen Hersteller stärkt. Bei SolarPower Europe haben wir zudem einen separaten Arbeitsbereich, der sich der Stärkung der europäischen Industrie widmet, beispielsweise durch die Solar Manufacturing Facility oder den Net-Zero Industry Act (NZIA). Wenn es jedoch um Cybersicherheit geht, liegt unser Hauptaugenmerk auf Cybersicherheit.
Bedeutet mehr Cybersicherheit in der Solarbranche also nicht, dass chinesische Hersteller aus Europa verdrängt werden sollten?
Es ist verlockend, Cybersicherheit als Vorwand zu nutzen, um die europäische Industrie zu stärken. Aber das ist nicht unser Ansatz. Industriestrategie erfordert einen eigenen, umfassenden Ansatz. Marktzugangsregeln und Cybersicherheitsregeln sind etwas anderes. Wenn wir über Cybersicherheit sprechen, müssen wir uns in erster Linie darauf konzentrieren, PV-Anlagen sicherer zu machen. Jeder Anbieter muss bestimmte Anforderungen erfüllen, unabhängig von seiner Herkunft. Nur so können wir die gesamte Branche stärken. Reduziert man Cybersicherheit nur auf die Herkunft des Herstellers, können wichtige Sicherheitsrisiken übersehen werden.
Risiken wie Hackerangriffe oder Fernzugriffe durch die Hersteller selbst sind also unabhängig von der Herkunft des Anbieters?
Genau. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse unseres Berichts. Das größte Cybersicherheitsproblem in der Photovoltaik sind terroristisch motivierte Angriffe, die bereits heute stattfinden. Beispielsweise greifen russische Hacker täglich das europäische Stromnetz an. Finanziell motivierte Hacker zielen auf PV-Anlagen auf Gewerbedächern ab, um Zugriff auf IT-Systeme zu erhalten. Das Szenario eines zukünftigen Konflikts zwischen China und der EU ist zwar relevant, aber im Vergleich zu diesen sehr realen und gegenwärtigen Risiken eher spekulativ. Um diese Bedrohungen zu eliminieren, müssen wir das Sicherheitsniveau auf breiter Front erhöhen.
Können europäische Hersteller durch eine führende Rolle bei Cybersicherheitsstandards Chancen und Marktvorteile erzielen?
Hier gibt es zwei Dimensionen. Einerseits meiden Entwickler und Installateure aus genau diesem Grund bereits viele chinesische Produkte. Andererseits wird die EU angesichts der geopolitischen Lage mit ziemlicher Sicherheit strengere gesetzliche Anforderungen einführen, um die Abhängigkeit von China zu verringern und die europäische Widerstandsfähigkeit und Souveränität zu stärken. In diesem Zusammenhang haben europäische Hersteller, die weniger von China abhängig sind, einen Vorteil, da sie strengere regulatorische Standards leichter erfüllen können.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Es ist möglich, dass Wechselrichter künftig Updates und tägliche Kontrollvorgänge innerhalb der EU selbst oder in vergleichbaren Einrichtungen durchführen müssen. Europäische Hersteller können dies leichter gewährleisten als chinesische Anbieter. Dies ähnelt den aktuellen EU-Datenschutzbestimmungen, die besagen, dass die Kontrolle über europäische Daten nicht aus der Zuständigkeit der EU oder von Ländern mit gleichwertigen Sicherheitsvorkehrungen herausfallen darf.
Was muss Brüssel tun, um die europäischen Wechselrichter- und Speicherhersteller zu unterstützen?
Wir schlagen ein IPCEI (Important Project of Common European Interest) vor, ein Forschungs- und Innovationsprogramm. Es sollte für intelligente, flexible und sichere Elektrifizierung gelten – also für Wechselrichter, Batterien, Wärmepumpen und Ladestationen. Die beteiligten Unternehmen sollten eine bessere öffentliche Förderung erhalten und in ihrer Innovationsfähigkeit unterstützt werden. Zu diesem Zweck bilden mehrere EU-Mitgliedstaaten und Unternehmen ein Forschungskollektiv.
Im Bereich Speicher haben wir jüngst die Battery Storage Europe Platform ins Leben gerufen. Sie ist eine neue, engagierte Stimme für Batterien in Europa, sowohl für deren Herstellung als auch für den Einsatz. Sie wird sich für robuste gesetzliche und investitionsbezogene Rahmenbedingungen für Batteriespeicher einsetzen. Wir hatten gerade unseren ersten offiziellen Strategietag in Brüssel – über 50 Unternehmen nahmen daran teil. Man sieht, wie sehr sich die Branche nach Repräsentation sehnt – und nach Zugang zum Netzwerk der Solarnachfrage, das SolarPower Europe bietet. Die neue Plattform entwickelt derzeit den genauen Fahrplan für die Branche, um den Bedarf an Batterien zu decken und die laufenden Arbeiten von SolarPower Europe zu Flexibilität und Wechselrichter-Advocacy zu ergänzen.
Welche weiteren EU-Fördermaßnahmen sind erforderlich?
Im Rahmen der Umsetzung der NZIA benötigen wir Ausschreibungen, die nicht-monetäre Kriterien wie Qualitätsstandards oder lokale Anteile berücksichtigen. Dies kann zu einer stärkeren Diversifizierung gegenüber China führen und so die europäischen Hersteller stärken.
Auch finanzielle Unterstützung für Produktionskapazitäten in Europa ist notwendig – dies umfasst sowohl die Investitionskosten für den Kapazitätsaufbau als auch laufende Betriebsfinanzierungskosten, wie beispielsweise für Strom. Leider hat die EU Ende Juni ihre Subventionsregeln für staatliche Beihilfen aktualisiert, sodass einige Betriebsausgaben für die Schwerindustrie verfügbar sind – dies gilt jedoch nicht für europäische Solarhersteller. Daher ist es jetzt wichtiger denn je, dass die Europäische Kommission den kommenden EU-Haushalt nutzt, um rasch eine Clean Tech Manufacturing Bank einzurichten, einschließlich einer eigenen Solar Manufacturing Facility. Die Fazilität könnte dann Projekte mit produktionsgebundener Hilfe unterstützen und so die Betriebskosten für neue Fabriken decken.
Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein.




















































