Energiewende umsetzen: Pionierarbeit in mehreren Akten

Schritt für Schritt hat sich Jürgen Ruff aus Konstanz weitgehend unabhängig gemacht vom Netzstrom- und Gas-Bezug. Das funktioniert – auch wenn man im Mehrparteienhaus mit vielen Wohnungseigentümern lebt.

Jürgen Ruff (Foto: Privat)
01.07.2026 – Die Nachbarn hat er vorab mit einem Infozettel informiert. Zugestellt per Briefkastenwurfsendung. Niemand sollte sich darüber wundern, wenn über dem Zwölfparteienhaus im Konstanzer Stadtteil Petershausen eine Reinigungsdrohne fliegt, um die Photovoltaik-Anlage vom Schmutz zu befreien. Dr. Jürgen Ruff, Biologe, Unternehmensberater, Dozent, nicht zuletzt Konstanzer Stadtrat, hatte dafür eine im oberschwäbischen Tettnang ansässige Start-up-Firma beauftragt. „Mittlerer Verschmutzungsgrad“, lautete deren Diagnose. Das entsprach auch Ruffs Eindruck, nachdem er aus einer Dachluke heraus eines der Module per Hand abgewischt hatte – testweise, denn aus Sicherheitserwägungen konnte kein Reinigungstrupp aufs Dach klettern, und eine Säuberung per Gerüst oder Hubsteiger schied aus Kostengründen aus.
Ruff ahnte, dass der Stromertrag der 2016 installierten und 2019 erweiterten knapp 50-Kilowatt-Solaranlage nachgelassen hatte. In Zahlen konnte er dies zwar nur bedingt belegen: „Die Wetterbedingungen und Einstrahlungsintensitäten sind ja für die erzeugte Strommenge der viel größere Faktor.“ Durch den Quervergleich mit anderen Anlagen und deren Ertragsdaten war aber klar: „Es gab durch die Luftverschmutzung, Saharastaub und teilweise auch Moosbewuchs einen deutlichen Minderertrag.“
Ein Schauspiel für die Anwohner: Drohne reinigt PV-Dachanlage
Also erlebte Konstanz Ende Mai eine Premiere: Erstmals schwebte eine Reinigungsdrohne über einem Haus im Stadtgebiet, um eine PV-Dachanlage zunächst mit einem weiß schäumenden Reinigungsmittel zu besprühen. Zehn Minuten einwirken lassen, und im Anschluss spülte die per Fernsteuerung bediente Drohne die Modulflächen mit Wasser sauber. Abgelaufen ist dann alles über die Dachrinne. „Das Ganze hat keine fünf Stunden gedauert“, erinnert sich Ruff. Unten legten die Anwohner die Köpfe in den Nacken. „Die Leute waren schon interessiert. Es war fast ein kleines Event bei uns in der Straße.“
Zeitlich aufwändiger als die Säuberungsaktion selbst waren die Vor- und Nacharbeiten. Dass die Reinigungsfirma den Drohnenflug bei Flugsicherung und Polizei anmeldete, ist grundsätzlich ein Muss, nicht nur wegen des 500 Meter entfernten Klinikums mit Huberschrauber-Landeplatz. Am Tag selbst musste zunächst die Drohnentechnik eingerichtet und eine Anlage zur Wasseraufbereitung angeschlossen werden. Zudem stellte sich heraus, dass die Außenwasserhahnzähler am Haus den Wasserdruck minderten, die mussten spontan ausgetauscht werden.
Insgesamt waren die Dienstleister rund sieben Stunden beschäftigt. Unterm Strich eine lohnende Aktion: Der Effekt der kontaktlosen Reinigung liege zwar nur bei 80 Prozent im Vergleich zu einer dann aber länger dauernden manuellen Reinigung. Dennoch sollten sich die Kosten in vierstelliger Größenordnung in angemessener Zeit amortisiert haben. Beziffern lässt sich das wegen der Wetterschwankungen erst über einen etwas längeren Zeitraum.
Einfach machen und zeigen wie es gelingt
2016 und 2019 hatte Jürgen Ruff schon einmal Pionierarbeit in Sachen Solarenergie geleistet. Die PV-Anlage war in der Region die erste auf dem Dach einer Wohnungseigentümergemeinschaft. Auch damals gab es einige Hürden zu überwinden. „Ich hatte der Eigentümergemeinschaft eine gemeinschaftliche Lösung vorgeschlagen, in die alle Parteien hätten investieren können.“ Die Ost-West-Ausrichtung seines Daches versprach eine gute Stromausbeute über den Tag verteilt. Die Erlöse sollten in die Rücklagen fließen oder mit den Betriebskosten verrechnet werden. Geklappt hat das nicht: Einige der Eigentümer konnten sich, teils aus Altersgründen, nicht dazu entschließen, sich zu beteiligen und ggf. einen Kredit aufzunehmen. Ruff: „Das war auch verständlich.“
Also bat er die Gemeinschaft inklusive Hausverwaltung um grünes Licht für einen Dachnutzungsvertrag. Finanziert hat er Teil eins der Anlage mit 10 Kilowattpeak (kWp) dann selbst, verbunden mit der Option, dass andere bei einer Erweiterung nachziehen. Intelligente Zähler wurden eingebaut, ebenso brandschutzsichere Stromkästen. 2019 entschloss er sich, die gesamte Dachfläche für 20 kWp zu nutzen – finanziert erneut im Alleingang. Und auf das Nachbarhaus, das, ähnlich dimensioniert, auch zur Eigentümergemeinschaft gehört, wurden ebenfalls Module geschraubt, weitere 30 kWp Leistung.
2023 kam ein Batteriespeicher hinzu. Der hilft ihm, den Autarkie-Grad für seine Wohnung übers Jahr hinweg auf beachtliche 91 Prozent anzuheben. Damit war die Energiewende-Reise noch nicht zu Ende: Die im Keller installierten Wechselrichter produzieren so viel Wärme, dass Ruff über eine elektrische Wärmepumpe in der Lage ist, seine eigene Drei-Zimmer-Wohnung effizient mit warmem Brauchwasser zu versorgen. Das reduziert zugleich den Gasverbrauch. Ruff plant schon, auch die Heizung auf eine Wärmepumpe umzustellen, wenn möglich als Gemeinschaftslösung – ein Thema wiederum für die nächste Sitzung der Eigentümergemeinschaft.
„Das wäre natürlich gut“, meint Ruff. Überhaupt: „In Konstanz könnten sehr viel mehr Eigentümer dem Beispiel folgen und sich für eine PV-Anlage entschließen.“ Ein Blick auf die Dächer der Nachbarschaft zeigt in der Tat: Rund um sein frisch gesäubertes Solardach gibt es reichlich Mehrfamilienhäuser, die mit Dachziegeln glänzen statt mit Photovoltaik-Modulen. Benedikt Brüne





















































