Solarenergie und Strommarkt: Positive Rekorde führen zu negativen Preisen

Für den Klimaschutz ist es eine gute Nachricht: Im Juni war die Solarenergie erstmals wichtigster Stromlieferant in Europa. Doch das führt in vielen Ländern zu mehr Stunden mit negativen Preisen. Ein EU-Staat arbeitet besonders gut dagegen an.
11.07.2025 – Schon mit den Halbjahresdaten zur Stromerzeugung in Europa hatte es sich abgezeichnet: Rund 16 Prozent mehr als noch im ersten Halbjahr 2024 speisten Photovoltaikanlagen dieses Jahr ins europäische Netz ein, in Deutschland sind es sogar rund 30 Prozent. Das belegen Daten des Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE, dass die öffentliche Nettostromerzeugung in Deutschland und Europa misst, also den jeweiligen Anteil des Stroms aus der heimischen Steckdose.
Der Anteil der Windenergie an der Nettostromerzeugung hingegen nahm im Vergleich zum Vorjahreshalbjahr um rund 13 Prozent ab und bleibt, nach der Kernenergie, wichtigster Stromlieferant Europas. Ein genauerer Blick in den Juni zeigt ein neues Bild: Laut Daten des Analyseunternehmens Ember, war die Solarenergie im vergangenen Monat erstmals wichtigster Stromlieferant in der Europäischen Union. Mit 45,4 Terrawattstunden generierter Stromleistung lag der Anteil an der gesamten Nettostromerzeugung bei 22,1 Prozent und damit mehr als der Anteil der Kernenergie (21,8%) und der Windenergie (15,8%).
Solarstrom legte mit den erzeugten Terrawattstunden gegenüber dem Juni 2024 um 22 Prozent zu. Ember zufolge wiesen im vergangenen Monat mindestens 13 EU-Staaten neue Rekorde bei der Solarstromerzeugung aus – darunter auch Deutschland, sowie Österreich, Belgien, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Frankreich, Griechenland, Niederlande, Polen, Rumänien, Slowenien und Schweden.
Es ist eine Folge des deutlich an Fahrt aufnehmenden Ausbaus der Solarenergie in Europa und dem besonders sonnigen Juni. Auch die Windenergie legte im Mai und Juni gegenüber den Vorjahren zu – mit 32,4 TWh erzeugten Stroms markierten auch die Rotorblätter Onshore wie Offshore einen neuen Rekord. Gleichzeitig fiel die Kohleverstromung auf ein Rekordtief im Juni, mit 12,6 TWh und einem Anteil von 6,1 Prozent.
Stunden negativer Preise
Die Folge der hohen Erneuerbaren Einspeisung, insbesondere des Solarbooms, ist aber auch die Zunahme von Stunden mit negativen Preisen. Vor allem Photovoltaik-Anlagen erzeugen tendenziell dann viel Strom, wenn der Bedarf gering ist – und zwar mitten am Tag, wenn das Gros der Verbraucher:innen nicht zuhause ist, nicht ihre Waschmachine, Spülmaschine oder Fernseher laufen lassen und die Menschen nicht künstlich beleuchten müssen.
In solchen Momenten – wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt – kippt der Preis an den europäischen Strombörsen ins Minus. Abnehmer:innen würden sogar Geld erhalten, wenn Sie Strom verbrauchen, die Betreiber von Wind- und Solarparks müssten drauf zahlen. Energiedaten-Analyst:innen von Montel Analytics haben ermittelt, dass infolge des starken Anstiegs an Solareinspeisung in diesem Jahr, auch die die Stunden mit Zeiten negativer Preise an den Strombörsen deutlich zunahm.
Besonders viele mit insgesamt 506 Stunden, hatte in diesem Jahr Schweden zu verzeichnen. Es folgen Spanien (459), die Niederlande (408), Deutschland (389), Frankreich (363), Belgien (361), Finnland (363) und Dänemark (326).
Aber wie dem Entgegenwirken? Dänemark gilt als EU-Staat, das besonders große Anstrengungen unternimmt, die negativen Preise in den Griff zu bekommen. Dänemark nutzt schon länger Stromüberschüsse, um damit elektrisch betriebene Fernwärmesysteme zu betreiben. Dabei kommen vor allem Kraft-Wärme-Kopplung zum Einsatz, also Kraftwerke, betrieben mit Erneuerbaren Energien. Die zugleich Strom und Wärme erzeugen. Schon in den 1970er Jahren, mit der Ölpreiskrise, fing Dänemark an, in die Wärmewende zu investieren. Auch elektrisch betriebene Wärmepumpen kommen verstärkt zum Einsatz.
Dänemark auch aktuell wieder führend
Aktuell führend ist Dänemark wieder beim Aufbau von Power-to-X Infrastrukturen. 2023 startete Dänemark den weltweit ersten Power-to-X Ausschreibungsprozess. Umgerechnet 167,7 Millionen Euro sollen bis 2030 an staatlichen Subventionen in Anlagen fließen, die aus Erneuerbaren Strom grünen Wasserstoff und andere chemische Energieprodukte herstellen. Im dänischen Westjüdland etwa entsteht etwa ein Hybridkraftwerk mit insgesamt 4 Gigawatt Erzeugungsleistung aus Photovoltaik- und Windkraft. Jährlich eine Millionen Tonnen grüne Kraftstoffe sollen so erzeugt werden. Das Projekt soll bis 2030 umgesetzt werden, die Finanzierung steht bereits.
Wasserstoff etwa wird für besonders energieintensive Prozesse in der Großindustrie benötigt und gilt zugleich als wichtiger Speicher Erneuerbaren Stroms. Gaskraftwerke zur Stromerzeugung könnten künftig auf den Betrieb mit grünem Wasserstoff umgestellt werden.
Im dänischen Kassø startete Anfang des Jahres die weltweit erste kommerzielle Anlage zur Herstellung von E-Methanol ihre Produktion, Dabei kommt der grüne Strom zum einen aus einem benachbarten 350 Hektar großen Freiflächen-Solarpark und zum anderen aus dänischen Windparks. Das für die grüne Methanol-Erzeugung notwendige CO2 wird derweil von einer Biogasanlage bei Tønder geliefert. mit dem Ziel, die internationale Schifffahrt auf klimaverträglichere Kraftstoffe umzustellen.
In einem anderen Bereich auf einem guten Weg ist die Niederlande. Sie fördert und subventioniert vor allem den Ausbau von Batteriespeichern sowie den Netzausbau. So führte das Land im letzten Jahr eine sogenannte Non-Firm Agreement (NFA) ein: Speicher zahlen demnach bis zu 50 Prozent geringere Netzgebühren, unter der Bedingung, dass sie das Netz in maximal 15 % der Zeit entlasten. Damit wird eine verdoppelte Markteinführung von Großspeichern bis 2030 erwartet. Zudem stellte der Staat 2023 im Zuge von Förderungen 416,6 Millionen Euro für Batteriespeicher an Solarparks oder große Dachanlagen bereit. Auch die Netzinfrastruktur soll verstärkt angegangen werden, stößt aber aktuell an ihre Grenzen. Insgesamt rund 13 Milliarden Euro an staatlichen Investitionen für Stromnetze, Speicherlösungen und intelligente Steuerungssysteme sind bis 2030 vorgesehen.
Und Deutschland? Mit einer Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes konnte der alte Bundestag noch Änderungen für die Zeiten negativer Preise erreichen. Wenn hohe Einspeisemengen am Strommarkt zu negativen Strompreisen führen, gibt es keine EEG-Vergütung mehr für Strom aus Erneuerbaren Anlagen. Außerdem gibt es eine Umstellung vom Stunden- auf einen Viertelstunden-Abrechnungsrhythmus. Nicht vergütete Zeiträume können zudem am Ende der 20-jährigen Vergütungsperiode angehängt werden. Zudem werden mit einer Anpassung des Messtellenbetriebsgesetzes schon kleinere Erzeugungsanlagen durch den Netzbetreiber steuerbar sein. Zudem sind schon länger flexible Stromtarife möglich, bei denen die Verbaucher:innen ihren Strombedarf an dem Angebot ausrichten können.
Dafür bedarf es aber Smart Meter, deren Rollout erleichtert und grundsätzlich der Überbau von Netzanschlüssen ermöglicht wurde – also, dass etwa Wind- und Solarparks an einen Netzanschluss mit insgesamt mehr als 100 Prozent der angegeben Leistung verbunden werden können, da nicht jede Erzeugungsart zu jedem Zeitpunkt ihre volle Leistung ausschöpft. Doch diese beiden Punkte stehen noch am Anfang. Ebenso wie die Umsetzung großer Batteriespeicher, denen weiter Hürden in den Weg gelegt werden. Auch der Netzausbau hinkt weiter dem Erneuerbaren Ausbau hinterher, ebenso wie der angekündigte Wasserstoffhochlauf und die von Teilen der Erneuerbaren Branche geforderte Fokussierung auf dezentrale Lösungen, wie dem Energy Sharing. Alles Mittel, den Erneuerbaren Ausbau weiter zu fördern und negative Preise zu vermeiden. mg




















































