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NahwärmeSolarthermie im Kommen

Feld mit Solarthermiekollektoren vor dem Dorf Liggeringen am Bodensee
In Liggeringen versteckt sich das Kollektorfeld hinter einer Baumreihe. Es liefert im Jahresverlauf 20 Prozent der Wärme und übernimmt im Sommer die Versorgung des Dorfes komplett. (Foto: © Stadtwerke Radolfzell)

Dörfliche Wärmenetze solar zu speisen liegt im Trend. Am Beispiel Liggeringen am Bodensee zeigt sich, wie es funktionieren kann, mit einem fünf Kilometer langen Nahwärmenetz, einer 1.100 Quadratmeter großen Solarthermieanlage, Holzhackschnitzel plus Pufferspeicher den Wärmebedarf zu decken.

05.08.2019 – Am 22. März dieses Jahres war es soweit. Bei strahlendem Sonnenschein weihten die Stadtwerke Radolfzell (Landkreis Konstanz) zusammen mit 250 Besuchern das Solarenergiedorf im Ortsteil Liggeringen offiziell ein. Den kirchlichen Segen spendeten die Pfarrer Christian Link und Heinz Vogel. Eigens aus Stuttgart war Umwelt- und Energieminister Franz Untersteller angereist, der das Projekt als einen der beispielhaften „Orte voller Energie“ auszeichnete. „Ich hoffe, dass dies anderen Kommunen als Beispiel dient, denn Solarthermie ist nach wie vor eine Technologie, die wir für die Wärmewende stärker nutzen sollten“, unterstrich Untersteller.

90 von 260 Gebäuden werden in dem Radolfzeller Ortsteil Liggeringen in einem ersten Bauabschnitt über ein 1.100 Quadratmeter großes Kollektorfeld mit einem fünf Kilometer langen Netz mit Wärme versorgt. Im Sommer deckt die Solarthermie den kompletten Wärmebedarf ab, im Winter werden zusätzlich Holzhackschnitzel plus Pufferspeicher eingesetzt. Übers Jahr gerechnet soll die Solarthermie 20 bis 25 Prozent des Energiebedarfs für Heizung und Warmwasser liefern.

Der erwartete Jahresertrag der Solarthermie-Anlage, welche im vergangenen Jahr in Betrieb genommen wurde, beträgt 470 Megawattstunden (MWh). 1.400 Tonnen CO2 können so jährlich eingespart werden. Installiert wurden Hochtemperatur-Flachkollektoren, unweit der Heizzentrale am Ortsrand. Errichtet wurde die sechs Kilometer vom Stadtkern entfernte Anlage schlüsselfertig von einem österreichischen Unternehmen.

Stadtwerke investierten 4,3 Millionen Euro

4,3 Millionen Euro investierten die Stadtwerke Radolfzell (SWR) als Betreiber in das Projekt, 1,2 Millionen Euro davon stammen aus Landes- bzw. Bundesförderung. Laut Angaben der SWR schlägt die regenerative Nahwärme in punkto Wirtschaftlichkeit aus Kundensicht Öl-Einzelheizungen, die mit Solarthermie-Hausanlagen kombiniert sind. So belaufen sich die gesamten jährlichen Betriebskosten der Nahwärmeversorgung in Liggeringen auf 3.333 Euro gegenüber 3.499 Euro der Haushalts-Einzelheizungen, inclusive des Öltanks.

So hat die Nahwärme bei den jährlichen kapitalgebundenen Kosten mit 489 Euro gegenüber 1.868 Euro die Nase vorne, bei einer 20-jährigen bzw. 15-jährigen Abschreibung und einem Zinssatz von 2 Prozent. Bei den jährlichen Verbrauchskosten fallen bei der Nahwärme 2.844 Euro an, gegenüber 1.133 Euro bei den Ölheizungen plus Solarthermie, bei einem jährlichen Wärmebedarf von 20.000 Kilowattstunden (kWh). Die jährlichen Kosten für den Schornsteinfeger, Wartung, Versicherung, Tank-TÜV und Tankreinigung entfallen bei der Nahwärmeversorgung, bei den Einzelheizungen summieren sie sich auf 489 Euro.

Langwierige Standortsuche

Ein Knackpunk im Laufe der vierjährigen Planungsphase war in Liggeringen die Frage des Standortes für Heizzentrale und Kollektorfeld, denn die Ortschaft liegt inmitten eines Landschaftsschutzgebietes. Erforderlich für das Kollektorfeld im Endausbau sind 3.600 Quadratmeter Landfläche. Die Fläche am Ortsrand konnte erst nach langen Verhandlungen mit übergeordneten Planungsbehörden aus dem Landschaftsschutzgebiet herausgenommen werden. Insgesamt wurden 20 potenzielle Standorte geprüft. Technische und wirtschaftliche Vorgaben widersprachen sich dabei teils mit raumplanerischen Vorgaben aufgrund der umwelt- und landschaftsfachlichen Standortbedingungen. Der nun ausgewählte Standort hat als FFH-Gebiet und Vogelschutzgebiet eine mittlere bis hohe naturschutzfachliche Bedeutung.

Die Rechtsgrundlage für den Bau der Solarthermieanlage schuf ein Bebauungsplanverfahren mit umfassenden Umweltberichten. Darüber hinaus wurde ein Landschaftsschutzgebiet-Änderungsverfahren angestrengt, in dem die verwendete Fläche durch neue Landschaftsschutzgebiet-Flächen kompensiert wurde. Auch die Anwohner waren nicht sämtlich begeistert von den Solarthermie-Plänen. Viele sorgten sich wegen der Aussicht auf das Solarthermie-Feld. Und schließlich entstanden bei einigen Besitzern, die für den Bau des Kollektorfelds in Frage kamen, auch überzogene Preisvorstellungen. All dies erlebte Hermann Leiz, der ehrenamtliche Ortsvorsteher von Liggeringen, als eine der schwierigsten Aufgaben in seiner Funktion.

Auf 150 Hausanschlüsse ausgelegt

Doch insgesamt zeigt er sich ebenso wie der Radolfzeller Oberbürgermeister Martin Staab zufrieden und stolz über das Erreichte. „Vielenorts ist die Wärmeversorgung nach wie vor das Sorgenkind der Energiewende, jedoch nicht mehr bei uns in Radolfzell“, sagt Oberbürgermeister Martin Staab. „Wir zeigen in Liggeringen durch den Bau des neuen Nahwärmenetzes, wie die Umstellung auf Erneuerbare Energien gelingen kann.“ Staab zeigt sich auch überzeugt davon, dass sich weitere Gebäude in Liggeringen anschließen lassen. Insgesamt ist das Solarenergiedorf auf 150 Anschlüsse ausgelegt.

Auch immer mehr andere Kommunen gehen diesen Weg und setzen auf große Solarthermieanlagen plus Holz für den Winter. So wuchs die Zahl der deutschen Solar-Bioenergiedörfer mittlerweile auf neun. Neu in den Club stießen im vergangenen Jahr – neben Liggeringen – Randegg (Landkreis Konstanz), Mengsberg (Landkreis Marburg-Biedenkopf), Breklum (Kreis Nordfriesland) und Ellern (Rhein Hunsrück-Kreis). Insgesamt sind in Deutschland 34 solarthermische Großanlagen mit einer Nennleistung von insgesamt 44 Megawatt (MW) und einer Kollektorfläche von 62.700 Quadratmeter in Wärmenetze eingebunden, die größte derzeit mit einer Kollektorfläche von 8.300 Quadratmeter in Senftenberg (Brandenburg). In Ludwigsburg (Baden-Württemberg) war kürzlich Baubeginn für eine noch größere Anlage mit einer Spitzenleistung von rund neun MW und einer Kollektorfläche 14.800 Quadratmeter plus Wärmespeichern.

Solarthermie spart Holz und Wartungskosten

„Vorteil ist auch, dass die Solarthermieanlage Holz eingespart, das zwar als Brennstoff deutlich günstiger ist als Gas und Öl, dessen Preis allerdings aufgrund der steigenden Nachfrage in den letzten Jahren angezogen hat. Die Kombination mit der Solaranlage bringt für die Holzkessel den zusätzlichen Vorteil, dass diese im Sommerhalbjahr nicht mehr so oft im Teillastbetrieb arbeiten müssen, was mit einem schlechten Wirkungsgrad und somit überproportional hohem Brennstoffverbrauch verbunden wäre. Betreiber überzeugt außerdem, dass sie die jährliche Wartung der Kesselanlage viel entspannter planen können, wenn diese im Sommer über Monate stillsteht“, sagt Thomas Pauschinger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Steinbeis Forschungsinstitut Solites in Stuttgart, der dort unter anderem das Projekt Solnet 4.0 zur Förderung solarer Wärmenetze leitet.

Vielfältig sind auch die Möglichkeiten, den Betrieb der Wärmenetze zu organisieren. In Mengsberg und Breklum haben sich dafür lokale Bürgerenergiegenossenschaften gebildet, während in Ellern ein kommunaler Versorger als Betreiber fungiert. Inzwischen bieten sich allerdings auch professionelle Ökoenergieunternehmen, die ursprünglich im Strombereich entstanden sind, als Wärmenetzbetreiber an.

Größere Speicher bringen Vorteile

Pauschinger sieht bei der Wärmewende in Deutschlands Dörfern inzwischen einen klaren Trend zur Sonne: „Es liegt auf der Hand, dass sich die Solarthermie in immer mehr Energiedörfern als verlässlicher und wirtschaftlicher Wärmeerzeuger durchsetzt, denn solche Anlagen sind eine zukunftssichere Investition und genießen bei den Bewohnern eine hohe Akzeptanz.“ Mit der aktuellen Technik sei dabei noch mehr möglich als der heute in Deutschlands Solardörfern übliche 20-Prozent-Anteil, so Pauschinger: „Wir rechnen damit, dass die Solarthermie zukünftig nicht nur den Sommerbedarf solcher Wärmenetze deckt, sondern durch größere Speicher auch höhere Solaranteile erzielt.“ Hans-Christoph Neidlein


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