Stiftung Klimaneutralität / Öko-Institut: Geringverdiener bei der Wärmewende gezielt entlasten

Eine Studie beziffert den Investitionsbedarf für einen klimaneutralen Gebäudebestand auf 86 Milliarden Euro jährlich. Volkswirtschaftlich ist das tragbar, doch Haushalte mit weniger als 2.000 Euro Nettoeinkommen sind ohne gezielte Hilfen überfordert.
14.09.2026 – Die Wärmewende ist finanzierbar, aber ihre Kosten sind höchst ungleich verteilt. Das ist die zentrale Botschaft einer Studie, die das Öko-Institut im Auftrag der Stiftung Klimaneutralität erarbeitet hat und die am Mittwoch (09.09.) bei einem online-Pressegespräch vorgestellt wurde. Erstmals liegt damit eine Analyse vor, die den Investitionsbedarf für einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2045 detailliert auf 20 Haushaltsgruppen aufteilt, differenziert nach Gebäudetyp, Wohnform und Einkommen.
Methodisch verknüpft die Studie das Zielszenario Klimaneutrales Deutschland von Agora Energiewende mit dem Gebäudemodell des Öko-Instituts sowie mit Daten aus Zensus 2022 und Mikrozensus. „Wir wissen dadurch genau, wie viele Gebäude eine Gasheizung haben, in welcher Baualtersklasse liegen und welchem Haushaltstyp sie zugeordnet sind", erläuterte Marc Stobbe vom Öko-Institut. Auf dieser Grundlage lassen sich die künftigen Investitionslasten den Haushalten zuordnen.
Rund die Hälfte fällt ohnehin an
Bis 2045 sind laut Modellierung Investitionen von 1.170 Milliarden Euro in Wohngebäude und 639 Milliarden Euro in Nichtwohngebäude des GHD-Sektors (Gewerbe, Handel, Dienstleistungen) erforderlich, insgesamt rund 86 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Größenordnung ist tragbar: Die deutsche Bauwirtschaft setzte 2024 rund 190 Milliarden Euro um. Zudem entfällt etwa die Hälfte des Bedarfs auf Instandhaltung, die unabhängig vom Klimaschutz ansteht. Nur rund ein Drittel fließt in den Heizungskeller, ein Fünftel in energetische Sanierungskomponenten.
„Wir können es uns nicht leisten, diesen Investitionsberg von heute ins Morgen weiter zu verschieben", warnte Malte Bei der Wieden, Autor der Studie. Sanierungsfenster müssten konsequent genutzt werden, etwa indem bei einem ohnehin fälligen Heizungstausch direkt auf ein erneuerbares System umgestellt wird.
Einkommensschwache Haushalte finanziell überfordert
Die zentrale Erkenntnis der Studie betrifft die soziale Verteilung. Für Haushalte mit weniger als 2.000 Euro Nettoeinkommen summiert sich der Investitionsbedarf bis 2045 auf 286 Milliarden Euro. Gemessen am Einkommen läge ihre Belastung bei über 20 Prozent, während die Studie bis zu 10 Prozent als tragbar ansetzt.
Besonders zwei Gruppen stechen heraus: Rund 8,9 Millionen Mieterhaushalte in Mehrfamilienhäusern mit weniger als 2.000 Euro Einkommen tragen mit 157 Milliarden Euro den zweitgrößten Investitionsblock aller 20 Gruppen. Ihre Belastung erreicht 22 Prozent, wenn Vermietende die Kosten vollständig umlegen. Bei 1,6 Millionen selbstnutzenden Eigentümern von Einfamilienhäusern mit weniger als 2.000 Euro sind es sogar 27 Prozent.
72 Prozent der Haushalte mit weniger als 2.000 Euro leben zur Miete im Mehrfamilienhaus. Zwei Drittel dieser Wohnungen gehören einzelnen Privatpersonen oder Eigentümergemeinschaften. „Die Transformation im vermieteten Bestand ist der anspruchsvollste Teil der Wärmewende", so Bei der Wieden. Das klassische Vermieter-Mieter-Dilemma verschärft das Problem, ebenso wie die begrenzte Kapazität vieler privater Kleinvermieter.
Fernwärme und Kommunen im Fokus
Bereits heute werden einkommensschwache Mieter überproportional häufig mit Fernwärme versorgt. Im Zielszenario steigt dieser Anteil bei vermieteten Mehrfamilienhäusern bis 2045 auf rund 40 Prozent. Die Bezahlbarkeit der Fernwärme wird damit zur zentralen Voraussetzung für eine sozial ausgewogene Wärmewende.
Bei den Nichtwohngebäuden ist rund die Hälfte des Investitionsbedarfs mit der öffentlichen Hand verknüpft, allein Schulen und Kitas machen 136 Milliarden Euro aus. „Ohne finanziell handlungsfähige Kommunen bleibt dieser Teil der Wärmewende unerledigt", sagte Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung Klimaneutralität.
Handlungsempfehlungen
Die Stiftung leitet vier zentrale Empfehlungen ab. Erstens müssen einkommensschwache selbstnutzende Eigentümer eine Sicherungsförderung erhalten, die den Eigenanteil abdeckt oder die Vorfinanzierung löst. Zweitens sollten Wärmenetze über eine verbindlichere kommunale Wärmeplanung koordiniert und stärker gefördert werden. Drittens sollte Wärme langfristig als öffentliche Daseinsvorsorge organisiert werden, etwa durch Modelle wie Social Leasing oder Wärmecontracting durch Stadtwerke. Viertens müssen Skaleneffekte bei Beschaffung und Betrieb von Wärmepumpen konsequent gehoben werden.
Losse-Müller verwies zudem auf die geopolitische Dimension: „Wir geben immer noch jedes Jahr 80 Milliarden Euro als Bundesrepublik Deutschland für Gas aus, ein Großteil davon in der Wärme.“ Steigende Gaspreise und schrumpfende Netzabnahme würden fossil versorgte Haushalte zunehmend in einen Kostennachteil bringen, unabhängig von klimapolitischen Zielen. Hans-Christoph Neidlein
























































