Befürchtete PreissteigerungenWärmewende statt Ökostromlücke

„Mehrstöckiges Backstein- und Putzgebäude im Stil der Moderne mit markantem Treppenturm, eingerüstet für Sanierungsarbeiten; im Vordergrund eine Straßenkreuzung mit Autos und Verkehrsschildern.
Auch Denkmalgeschützte Häuser wie hier in Essen können energieeffizient saniert und aufs Heizen mit Erneuerbaren Energien umgestellt werden. (Bild: Wiki05, Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Mit Einführung des europäischen Emissionshandels für Gebäude und Verkehr könnten die Kosten für Eigentümer und Mieter drastisch steigen. Umso wichtiger erscheinen Ausbau Erneuerbarer Energien und Wärmewende.

04.09.2025 – Ab 2027 soll der sogenannte EU-ETS-2 den bereits geltenden nationalen CO2-Preis – kurz nEHS – für Gebäude und Verkehr ersetzen. Während der deutsche CO2-Preis politisch gedeckelt ist, bestimmen ab 2027 hauptsächlich Angebot und Nachfrage den Preis. Galt bei Einführung des nEHS ein Preis von 25 Euro pro Tonne CO2, den Menschen für den Verbrauch von Diesel und Benzin sowie Öl und Gas beim Heizen zahlen mussten, ist dieser aktuell auf 55 Euro pro Tonne CO2 angewachsen. Ab 2026 gilt ein Auktionskorridor von 55-65 Euro pro Tonne.

Mit der Einführung des ETS-2 in Europa gelten ab 2027 direkt die Preise, die in Auktionen erzielt werden. Dabei gilt für die ersten drei Jahre ein Preisstabilisierungsmechanismus, wonach bei einer Überschreitung des durchschnittlichen Auktionspreises von 45 Euro pro Tonne zusätzliche Zertifikate ausgegeben werden. Zudem soll bei außergewöhnlich hohen Energiepreisen ein Aufschub bis 2028 gewährt werden.

Enorme Preissteigerungen erwartet

Ausgehend von verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen zur künftigen Preisgesstaltung des ETS-2 hat das Berliner Energieunternehmen Purpose Green für verschiedene Städte in Deutschland ermittelt, was für zusätzliche Kosten auf Eigentümer und Mieter von Gebäuden und Wohnungen zukommen. Die Szenarien reichen vom aktuellen Stand von 55 Euro Pro Tonne CO2, über 100 und 200 Euro, bis hin zu einem langfristigen Anstieg des Preises auf rund 400 Euro die Tonne – was eine Preissteigerung von 627 Prozent bedeuten würde.

Anhand eines Beispiels aus Berlin zeigen sie, dass ein unsaniertes und mit fossiler Energie betriebenes Haus mit erheblich höheren Kosten zu rechnen hat. Demnach weist ein Mehrfamilienhaus mit rund 4.800 Quadratmetern Gesamtwohnfläche und 60 Wohneinheiten einen außergewöhnlich hohen Energieverbrauch von 1.300 kWh/(m²·a) auf. Es wird mit Gas beheizt und verursacht dadurch jährlich etwa 220 Tonnen CO₂. Während 2026 das Haus ca. 12.000 Euro an CO2 bedingten Kosten tragen muss, wären es im zweiten Szenario ca. 22.000 Euro, im dritten ca. 55.000 Euro und im vierten Szenario sogar fast 88.000 Euro jährlich.

die Aufteilung der CO₂-Kosten zwischen Mieter und Vermieter hängen von dem energetischen Zustand einer Immobilie abhängen. Bei sehr schlechter Energiebilanz (CO₂-Ausstoß über 52 kg/m²) müssen Vermieter 95 Prozent der CO₂-Kosten übernehmen. Ist ein Haus bereits energetisch saniert und der Ausstoß beträgt nur bis zu 12 kg/m², verbleiben die (geringen) Kosten vollständig bei den Mietern. Bei einem CO₂-Ausstoß zwischen 32 und 37 kg/m² teilen sich Mieter und Vermieter die Kosten gleichmäßig.

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Bei dem oben genannten Beispiel in Berlin müsste der Eigentümer im Fall einer Vermietung nach dem gültigen 10-Stufenmodell 70 Prozent dieser Kosten selbst tragen – also je nach Szenario zwischen ca. 8.400 Euro und 62.000 Euro pro Jahr. Je größer eine Immobilie und je schlechter der energetische Zustand eines Gebäudes, desto höher fallen die Kosten aus.

„Die gute Nachricht: Eigentümer können aktiv gegensteuern. Der energetische Zustand einer Immobilie beeinflusst nicht nur den CO₂-Ausstoß, sondern auch die Kostenverteilung mit den Mietern“, sagt Jenny Jürgens, ESG-Managerin bei Purpose Green. Wer jetzt saniere, profitiere doppelt: durch niedrigere Betriebskosten und mehr Planungssicherheit. Selbst bei älteren Gebäuden ließen sich mit dem richtigen Maßnahmenpaket die Belastungen deutlich senken. „Unterstützt werden Eigentümer dabei von einer Vielzahl an Förderprogrammen, wie BEG-Förderung oder KfW-Zuschüsse“, so Jürgens weiter. Auch Mieter profitieren am Ende von einem geringeren Heizbedarf und Erneuerbarer Wärme.

Was passiert mit dem Heizungsgesetz?

Mit der letztmaligen Novelle des Gebäudeenergiegesetzes – noch unter der alten Ampel-Regierung – gelten für den Tausch der Heizung aktuell noch Fördersätze von bis zu 70 Prozent. Energetische Verbesserungen an Dach, Fassade und Decken werden mit bis zu 20 Prozent gefördert. Eine kommunale Wärmeplanung schreibt bis spätestens 2028 einen Wärmeplan der Kommunen vor. Konkret werden die Bundesländer verpflichtet ihre Kommunen zu einer Wärmeplanung anzuweisen, die auf eine klimaneutrale Wärmeversorgung ab 2045 abzielt. Als Zwischenziele müssen die Wärmenetze bis 2030 mindestens zu 30 Prozent und bis 2040 zu 80 Prozent mit Wärme aus erneuerbaren Energien oder unvermeidbarer Abwärme gespeist werden.

Während die neue schwarz-rote Bundesregierung an der kommunalen Wärmeplanung nicht rütteln will, lassen Verantwortliche aus der Union keine Gelegenheit aus, die Abschaffung der GEG-Reform, auch „Heizungsgesetz“ genannt, zu fordern. Kritisiert wird etwa ein vermeintlicher, aber nicht existierender Zwang zur Wärmepumpe. Was genau abgeschafft werden und wie ein neues GEG aussehen soll, können die Unions-Leute bislang aber nicht im Detail sagen. Sanierungs- und Heizungsförderung etwa sollen fortgeführt werden.

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In einem in diesem Jahr bislang sehr schlechten Absatzmarkt für neuen Heizungen, konnte sich immerhin die Wärmepumpe als neuer Spitzenreiter etablieren. Unter den insgesamt 296.500 zwischen Januar und Juni verkauften Geräten waren 139.000 Wärmepumpen. Für den Wärmepumpenabsatz bedeutet das ein Plus von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Der Einsatz von Strom zum Heizen schreitet also voran. Mit Bangen blickt die Erneuerbaren Branche auf den zeitnah erscheinenden Monitoringbericht Energiewende, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche beim Energiewirtschaftlichen Institut der Universität zu Köln (EWI) in Auftrag gegeben hatte. Es wird befürchtet, dass in der Studie der künftige Strombedarf klein gerechnet und damit der Ausbau Erneuerbarer Energien verschleppt wird.

In einer Studie des Beratungsinstituts Enervis im Auftrag von Greenpeace und Green Planet Energy, warnen Experten: Ruht sich die Bundesregierung auf dem schleppenden Ausbau von Elektroautos und Wärmepumpen aus, entstehen im Verkehrs- und Wärmesektor bis 2035 bis zu 381 Millionen Tonnen an zusätzlichen CO₂-Emissionen. Die Folge wären Strafzahlungen Deutschlands an die EU, steigende CO2-Preise ab 2027 im Emissionshandel für Wärme und Verkehr sowie gesellschaftliche Folgekosten in Milliardenhöhe.

Sophia van Vügt, Greenpeace-Expertin für Klima- und Energiepolitik, sagt: „Statt die Ziele runterzuschrauben, sollte die Bundesregierung alle Anreize auf eine schnelle Elektrifizierung ausrichten. Das Klimaschutzgesetz und das Urteil des Verfassungsgerichts verpflichten die Bundesregierung zur Klimaneutralität bis 2045. Darauf muss Energiepolitik ausgerichtet sein – nicht auf ein fossiles Comeback.“ mg

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