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Zur Spree-Verockerung kommt das Sulfat dazu

Sulfate sieht man nicht: Spree am Berliner Osthafen, im Vordergrund das Badeschiff (Bild: Sansculotte, Wikimedia Commons, CC BY-SA 1.0)
Sulfate sieht man nicht: Spree am Berliner Osthafen, im Vordergrund das Badeschiff (Bild: Sansculotte, Wikimedia Commons, CC BY-SA 1.0)

Der Brandenburger Kohlebergbau führt in einem Punkt zu öffentlicher Kritik aller Fraktionen des Berliner Landesparlaments: Die Hauptstadt ist alarmiert wegen der in den letzten Jahren stark angestiegenen Belastung des Trinkwassers, vor allem der Sulfat-Grenzwert wird zunehmend überschritten.

07.09.2015 – Seit Jahren ist die „Verockerung“ der Spree ein großes Thema in Berlin und Brandenburg. Der Fluss in der Hauptstadtregion ist außerhalb Berlins an etlichen Stellen braun gefärbt von Eisenhydroxid, einem Abfallprodukt der Kohletagebaue. Immerhin, die Verfärbung ist in der Hauptstadt nicht sichtbar, weil die Brühe sich vorher absetzt und so nur das Umland schädigt – sei es ökologisch, oder weil es dem Bootstourismus schadet.

Doch mittlerweile ist auch in Berlin Alarm. Das Stadtmagazin Zitty widmete dem Thema Mitte Juni sogar seine Titelseite: Sulfat, ein anderes Abfallprodukt der regionalen Kohletagebaue, bedroht das Trinkwasser. Sulfat ist ein Salz, das sich im Wasser löst und von Natur aus darin vorkommt. Es ist nicht zu sehen und auch nicht zu riechen. In hoher Konzentration kann es zu Durchfall und Erbrechen führen. Zudem schadet es dem Beton in der Wasserinfrastruktur: Je mehr Sulfat, desto schneller geht er kaputt.

Konkret bedroht ist das Wasserwerk Friedrichshagen, das zweitgrößte der Hauptstadt. In Sichtweite von ihm ist eine Messstelle, und dort wurde der Sulfat-Grenzwert vergangenes Jahr ständig überschritten. Der Grenzwert für Trinkwasser liegt bei 250 Milligramm pro Liter, und wenn er im Wasserwerk selbst überschritten wird, „müsste es streng genommen seine Maschinen abstellen“, hielt die Zitty fest. Den Gewässer-Experten der Umweltschutzorganisation BUND, Winfried Lücking, zitierte die Zeitung Neues Deutschland im Mai mit der Aussage: „Zwischen 2020 und 2025 wird die Qualität der Spree nicht mehr zur Aufbereitung des Trinkwassers ausreichen.“ Der BUND forderte schon im Dezember in einer Pressemitteilung Gegenmaßnahmen und wies darauf hin, dass der Anstieg der Sulfat-Konzentration seit 1996 zu beobachten sei.

Auch in Brandenburg übersteigen die Sulfatkonzentrationen Grenzwerte oder nähern sich ihnen stark an. Die Gegenaktivitäten sind aber in Berlin ungleich stärker. Alle Fraktionen im Landesparament haben sich gegen die vorgesehene Ausweitung des Kohle-Tagebaus Welzow-Süd im Süden Brandenburgs ausgesprochen. Die Hauptstadtregion könnte in Sachen Energiewende Modellcharakter haben und 2050 klimaneutral wirtschaften, doch dafür müssen die beiden Bundesländer endlich ein gemeinsames Energiekonzept verfolgen. Die Regierung Brandenburgs sperrt sich da ebenso wie gegen Auflagen zur Eindämmung der Sulfatfracht aus Welzow Süd.

Ausflüchte gibt es. Es habe 2014 und 2015 weniger Regen gegeben, deshalb sei die Sulfatkonzentration höher gewesen, ist nun aus Brandenburg zu hören. Ohnehin kann die Konzentration gesteuert werden: Das mit Sulfat belastete Wasser wird in den Tagebauen nicht sofort abgeleitet, sondern erst gesammelt und kann dann in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen in unbelastetes Wasser fließen. Vattenfall, das die Tagebaue betreibt, errichtet dafür Wasserspeicher. Seine Reinigungsanlagen können nur das eingangs erwähnte Eisenhydroxid herausfiltern. Das mit Sulfat belastete Wasser wird zudem in der Bergbauregion großflächig verteilt, damit ein Teil dort versickert.

Eine bestimmte Ausflucht ist nun aber nicht mehr möglich. Eine von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die aktiven Tagebaue mehr Verantwortung für die Sulfatbelastung der Spree tragen, als die geschlossenen. Das Bundesunternehmen LMBV betreut ehemalige Tagebaue in der Region, und aus denen gelangt wegen des dort wieder steigenden Grundwasserspiegels ebenfalls Sulfat in die Spree. Die im Juli veröffentlichte Studie analysierte die Quellen des Sulfats in verschiedenen Abschnitten der Spree zwischen Mitte 2012 und Ende 2014. Das Ergebnis: Nach mehreren Sulfateinleitungen und Spree-Abzweigungen sowie natürlichen Versickerungen stammen in Beeskow – nur noch etwas mehr als 60 Kilometer vom erwähnten Berliner Wasserwerk Friedrichshagen entfernt – 51 Prozent der Sulfatbelastung aus dem aktiven Kohletagebau. Der „Sanierungsbergbau“ der LMBV ist demnach nur für 28 Prozent verantwortlich. Die restlichen 21 Prozent seien die „natürliche Hintergrundbelastung“.

In ihrer Prognose gibt die Studie immerhin ein bisschen Grund zur Hoffnung: „Die Sulfatbelastung der Spree hat nach Datenlage nahezu ihren Höhepunkt erreicht. Ein weiterer starker Anstieg der Sulfatfrachten wird nicht erwartet.“ Den Forderungen an die Brandenburger Regierung nach Auflagen für Vattenfalls Einleitung des sulfathaltigen Wassers und nach einer Verhinderung der Erweiterung von Welzow-Süd wird das aber wohl keinen Abbruch tun.

Gegen die Tagebauerweiterung haben am 28. August der BUND Brandenburg und ein Einwohner des von der Auslöschung bedrohten Dorfes Proschim Normenkontrollklage eingereicht. Ein Greenpeace-Sprecher sagte dazu, die der Erweiterung zugrunde liegenden Kohlebedarfspläne seien "vollständig aus der Luft gegriffen". Ralf Hutter


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