Neues Personal, neues Statut: Nationaler Wasserstoffrat wird reformiert

Das Beratungsgremium der Bundesregierung für Wasserstoff wird neu aufgestellt, inhaltlich und personell. Die Beratung soll auf mehr Derivate ausgeweitet werden. Zum Abschied legt der alte Rat eine überarbeitete Bedarfsprognose vor.
03.07.2026 – Anfang 2026 brachte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche die Reform des Nationalen Wasserstoffrates (NWR) ins Bundeskabinett ein – seit dem 1. Juli gelten die neuen Statuten. Nicht nur der kommissarische Vorsitzende Felix Christian Matthes vom Öko-Institut schied zum 30. Juni aus, auch die anderen 21 ehrenamtlichen Mitglieder werden zu diesem Datum verabschiedet. Neue Mitglieder sollen nun zügig berufen werden. Das ist mehr als ein Personalwechsel: Das Gremium soll schlanker werden und seine Beratung praxisnäher und konsequent auf wirtschaftliche Tragfähigkeit ausgerichtet sein.
Mehr Derivate im Blick
Das Mandat des Rates wird auf Wasserstoffderivate wie Ammoniak und synthetisches Methan sowie weitere Moleküle erweitert. Die Botschaft lautet: Deutschland braucht nicht nur grünen Wasserstoff, sondern eine Vielfalt wasserstoffbasierter Energieträger. Damit kommt die Ministerin einigen bereits 2025 durch Branchenvertreter genannten Forderungen nach einem verbindlicheren Fahrplan entgegen: Die Debatte um das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz zeigte, wie dringend regulatorische Klarheit benötigt wird – nicht zuletzt auf Investorenseite.
Angepasste Bedarfsprognose
In seinem Abschlusspapier „Wasserstoffbedarfe: Eine Einordnung in den realpolitischen Rahmen" vom Juni 2026 benennt der NWR ganz offen die Gründe der Verzögerung. So nennt das Papier geopolitische Verwerfungen, politische Unsicherheiten in den USA, fehlende finale Investitionsentscheidungen und unzureichende regulatorische Rahmenbedingungen. Ein spürbarer Hochlauf wird wohl erst ab den 2030er Jahren zu sehen sein.
Die NWR-Prognose vom Februar 2023 ging allein für das Jahr 2030 noch von 56 bis 93 Terawattstunden aus. Die neue Schätzung (60–115 TWh für die „frühen 2030er") ist daher strenggenommen keine radikale Absenkung des Gesamtbedarfs, sondern vor allem eine zeitliche Streckung: Der Hochlauf verschiebt sich, die Nachfrage bleibt. Für den Zeitraum späte 2030-er/frühe 2024-er Jahre wird ein neuer Bedarfskorridor von 155 bis 295 Terawattstunden angegeben, für die späten 2040-er Jahre dann ein Korridor von 275 bis 555 Terawattstunden.
Langfristwerte haben normativen Charakter
Zudem ordnet der Rat selbst ein, dass die Langfristwerte für die späten 2040er-Jahre „eher normativen Charakter“ haben. Sie beschreiben also den für die Klimaneutralität erforderlichen Bedarf, aber nicht, was unter heutigen Bedingungen gesichert ist.
Dennoch wagt der Bericht mit Blick auf die späten Vierzigerjahre eine Prognose für die sektorale Verteilung. Auf die Industrie(Stahl und Chemie) entfallen demnach 140 bis 300 Terawattstunden, auf Verkehr (Schwerlast-Lkw, Schifffahrt, Luftfahrt, E-Fuels) 75 bis 135 Terawattstunden und auf das Energiesystem (wasserstofffähige Gaskraftwerke als Hebel gegen Dunkelflauten) 60 bis 120 Terawattstunden.
Der Rat mahnt eindringlich, dass sich diese Bedarfe nur durch politischen Rückenwind erreichen lassen, der für Rechtssicherheit und damit bessere Investitionsbedingungen sorgt. Unverbindliche Willenserklärungen reichen für den Weg zur künftigen Wasserstoffversorgung nicht aus.
Anspruch und Realität klaffen weit auseinander
Die gegenwärtige Lücke zwischen Anspruch und Realität ist eklatant: Im Frühjahr 2026 sind deutschlandweit lediglich 181 Megawatt Elektrolyseurleistung am Netz. Zwar ist für weitere 1,3 Gigawatt die Finanzierung gesichert und ein Teil der Anlagen wird bereits gebaut. Dennoch liegt das im Rahmen der Nationalen Wasserstoffstrategie bis 2030 angepeilte Ziel von 10 GW noch in sehr weiter Ferne.
In der Folge bewegt sich der Preis für grünen Wasserstoff derzeit mit einer Spanne von 2,50 bis 9,80 Euro je Kilogramm im nicht wettbewerbsfähigen Bereich. Beim blauen und beim grauen Wasserstoff sieht es mit 1,62 bis 2,20 beziehungsweise 1,50 bis 2,00 Euro je Kilogramm etwas besser aus. Sollten erwartete Skaleneffekte greifen, könnten die Kosten für mithilfe von erneuerbaren Energien gewonnenen Wasserstoff Anfang der 2030er-Jahre in die Nähe des blauen aus Erdgas gewonnenen Äquivalents rücken.
Immerhin nimmt die erforderliche Infrastruktur Gestalt an. Das geplante Wasserstoff-Kernnetz wird sich im Inland auf einer Gesamtlänge von mehr als 9.000 Kilometern entfalten – und knapp 19 Milliarden Euro kosten. Die ersten 400 Kilometer sind seit Ende 2025 in Betrieb.
Ausbau von Transportwegen erfordert hohe Investitionen
Doch um dieses riesige Netz künftig auch zu füllen, reicht die heimische Erzeugung zumindest kurz- bis mittelfristig nicht aus. Deutschland setzt daher auf eine Doppelstrategie aus eigener Offshore-Produktion und massiven Importen über See und Land.
Zum einen nimmt das Offshore-Projekt AquaDuctus Gestalt an, das künftig eine Million Tonnen grünen Wasserstoff direkt aus der Nordsee soll. Hinter dem Projekt steht ein Konsortium aus Netzbetreibern, Industrieunternehmen und der Wasserstoffinitiative AquaVentus. Die Gesellschaft, die die Pipeline entwickelt, ist eine hundertprozentige Tochter der Gascade Gastransport.
Zeitgleich bauen einige wenige Unternehmen Importterminals für flüssige Wasserstoffderivate aus. Der Hafen Brunsbüttel wird für bis zu 3 Millionen Tonnen Ammoniak pro Jahr erweitert, Wilhelmshaven bereitet sich auf 2,6 Millionen Tonnen vor und auch Hamburg rechnet in vergleichbaren Dimensionen.
Über den Kontinent hinaus soll der SoutH2 Corridor ab 2030 die ganz großen Mengen sichern: Hierbei handelt es sich um eine 3.300 Kilometer lange Pipeline, die grünen Wasserstoff von Nordafrika direkt nach Deutschland transportiert.
Mit diesen ehrgeizigen Projekten ist Deutschland Teil eines wachsenden europäischen Wasserstoffverbundes. Auch von dort ist einige Schubkraft für den Hochlauf zu erwarten.
NWR-Reform markiert Wendepunkt
Die NWR-Reform und die neue Bedarfsprognose markieren einen Wendepunkt. Deutschland verabschiedet sich von überambitionierten Kurzfristzielen und setzt auf einen langfristigen Kurs. Doch ohne politische Klarheit, schnellere Genehmigungen und mutige Investitionsentscheidungen bleibt der Wasserstoffhochlauf nicht mehr als ein Papiertiger. Anno Stock



















































