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Stromerzeugung 1. Halbjahr 2024Erfolge und offene Flanken der Energiewende

Morgenstimmung, PV-Anlage und Windkraftanlagen
Strom in Deutschland kommt vermehrt aus Erneuerbaren Energien. Im ersten Halbjahr 2024 stieg der Anteil auf nahezu 60 Prozent. (Foto: Unsplash+ in Zusammenarbeit mit Frank Albrecht / Unsplash-Lizenz)

Die Halbjahresbilanz ist beachtlich. Erneuerbare Energien erreichten einen Rekordanteil bei der Stromerzeugung. Netzausbau und Digitalisierung müssen nun ebenso dynamisch voranschreiten. Außerdem gilt es, Verkehr und Wärme zu dekarbonisieren.

04.07.2024 – Die Energiewende im Stromsektor ist auf einem guten Weg. Ein Anteil von 59,3 Prozent an der gesamten Nettostromerzeugung (Daten Frauenhofer ISE) kam in den ersten sechs Monaten 2024 aus Erneuerbaren Energien, soviel wie nie zuvor in einem Halbjahr. Besonders steigern konnten ihren Anteil die Photovoltaik und die Wasserkraft. Die Gründe hierfür liegen bei der Photovoltaik an dem enormen Zubau neuer Anlagen, den es im letzten Jahr gab, die Wasserkraft profitierte vom reichlichen Regen in den ersten Monaten des Jahres. Die Windkraft verzeichnet ebenso Zuwächse und bleibt die mit Abstand ertragsreichste Erzeugungsart. Konkrete Zahlen sind am Ende dieses Artikels zu finden.

Netzausbau besonders dringend

Die Erfolgsgeschichte der Erneuerbaren Energien darf jedoch nicht dazu verleiten, die noch offenen Hausaufgaben zu vergessen. Davon gibt es reichlich, wie auch jüngst der Bericht der unabhängigen Expertenkommissionen zum Energiewende-Monitoring feststellte. Bis 2030 sollen 80 Prozent unseres Stroms aus Erneuerbaren Quellen stammen. Das gelingt nicht allein über den Zubau neuer Wind- und Solaranlagen. Dafür müssen auch die Stromnetze ausgebaut werden, damit sie den Strom abtransportieren können. Ein Punkt, den die Expertenkommission als besonders dringend ansieht.

Strommarkt muss Flexibilitäten belohnen

Parallel dazu gilt es, das riesige Potenzial zu erschließen, dass in der Flexibilisierung des Verbrauchs und in der Zwischenspeicherung des Stroms liegt. Unter anderem intelligente Messsysteme gehören dafür zu den Voraussetzungen. Der Speicherausbau – sowohl der elektrischen als auch der Wärmespeicher – ist ein weiteres unverzichtbares Puzzlestück. Auf der Regulierungsebene stehen Reformen an. Das Stromsystem insgesamt muss die gewollten Effekte unterstützen und ungewollte Effekte sanktionieren. So empfiehlt die Expertenkommissionen eine CO2-basierte Energiepreisreform, bei der die Umlagen und Abgaben auf Strom gesenkt werden und dies mit einer höheren CO2-Bepreisung fossiler Energieträger gegenfinanziert wird.

Energie ist nicht nur Strom

Ein weiterer ungemein wichtiger Aspekt, der unbedingt mehr Augenmerk verdient: Energie umfasst nicht nur Strom, sondern auch Wärme und Kraftstoffe. Die Sektoren Verkehr und Wärme sind in punkto Dekarbonisierung bei weitem nicht so erfolgreich wie der Stromsektor, aber mindestens genauso wichtig. Die Erfolge des Stromsektors dürfen nicht gefeiert werden, ohne diese offenen Flanken der Energiewende zu wahrzunehmen.

Fallende Börsenstrompreise wirken auf EEG-Konto

Zurück zum Strom und insbesondere zum Geld. Dass die EEG-Umlage inzwischen aus dem Bundeshaushalt finanziert wird, findet breiten Konsens. Auch die Expertenkommission begrüßt diese Änderung. Doch wenn Wind und Solar Spitzenerträge liefern, sinken die Börsenstrompreise. Weil die Differenz zur jeweils garantierten EEG-Vergütung vom EEG-Konto gezahlt wird, schmilzt das Guthaben auf dem EEG-Konto. Ein Milliarden-Zuschuss aus dem Bundeshaushalt wurde vor kurzem notwendig. Doch anstatt zu diskutieren, woher das Geld langfristig kommen soll, gilt es, die Marktmechanismen auf den Prüfstand zu stellen.

Der Bundesverband Erneuerbare Energien hat dazu bereits Vorschläge gemacht. Ein möglicher Weg wäre aus Sicht des Verbandes die Umstellung von der zeitlich auf 20 Jahre festgelegten Vergütung auf eine Mengenförderung. So soll jede regenerative Energieanlage ein bestimmtes Mengenkontigent als Förderrahmen erhalten, welches innerhalb der Betriebslaufzeit der Anlage aufgebraucht werden kann. So können Betreiber besser auf negative Strompreise reagieren und ihre Erzeugung entsprechend anpassen. Dies würde auch die Förderkosten drastisch senken, was den Weiterbetrieb von Altanlagen verbessere und den zeitlich früheren Markteintritt von Neuanlagen ermögliche, so die Autor:innen der Studie.

Fallende Preise, steigende Installationen bei Solaranlagen

Insbesondere für Solaranlagen fallen weltweit die Preise stärker als vorhergesagt, maßgeblich bedingt durch immer günstiger werdende Solarmodule. Es wird viel gebaut, auch in Deutschland. Einen jährlichen Zubau von 20 Gigawatt hält Andreas Bett, Institutsleiter am Fraunhofer ISE, für realistisch.  „Für die Strompreise bedeutet mehr PV grundsätzlich eine größere Spreizung der Strompreise zwischen Tag und Nacht, gegebenenfalls auch zwischen Sommer und Winter“, analysiert Wolf-Peter Schill vom DIW Berlin. Wie groß diese Spreizung wird, hängt auch davon ab, welche Flexibilitätspotenziale der Stromsektor heben kann. Batteriespeicher und optimierter Strombezug bei Verbrauchern – eventuell auch preislich optimierte Einspeisung – sind einige der Wege mit Erzeugungsspitzen umzugehen. Es gilt, nun die Regeln für den Strommarkt – das Strommarktdesign – passend zur zu den Erneuerbaren Energien zu gestalten.

Die erneuerbare Stromerzeugung im ersten Halbjahr 2024 in Zahlen

Die folgenden Zahlen entstammen allesamt der Datenplattform Energy Charts vom Fraunhofer ISE. Anders als bei anderen Quellen wird der Blick auf die öffentliche und die gesamte Nettostromerzeugung gerichtet. Die „öffentliche Nettostromerzeugung“ definiert das Fraunhofer ISE als den Strom, der tatsächlich aus der Steckdose kommt. Die Mengen, die die Industrie und das Gewerbe zum Eigenverbrauch erzeugen, sind darin nicht enthalten. In der „gesamten Nettostromerzeugung“ sind diese Mengen enthalten. Pumpspeicherverbrauch und Verluste konventioneller Kraftwerke sind in keiner der beiden Größen enthalten.

Im ersten Halbjahr 2024 wurde in Deutschland mit 140 Terawattstunden so viel erneuerbarer Strom erzeugt wie noch nie zuvor. Der Anteil an der öffentlichen Nettostromerzeugung lag bei 65 Prozent.

Windenergie war erneut die mit Abstand stärkste Stromquelle mit 73,4 Terawattstunden (TWh) gegenüber 66,8 TWh im ersten Halbjahr 2023. Ihr Anteil an der öffentlichen Nettostromerzeugung lag bei 34,1 Prozent, wobei 59,5 TWh an Land und 13,8 TWh auf dem Meer erzeugt wurden.  Photovoltaikanlagen speisten 32,4 TWh ins Netz ein, ein Zuwachs von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr (1. HJ 2023: 28,2 TWh). Die Stromerzeugung aus Wasserkraft stieg auf 11,3 TWh (1. HJ 2023: 8,9 TWh), die Biomasse hatte einen leichten Rückgang von 21,6 TWh auf 20,8 TWh.

Fossile Stromerzeugung so gering wie noch nie

Insgesamt wurden im ersten Halbjahr 2024 215 TWh Strom erzeugt, gegenüber 222 TWh im gleichen Zeitraum 2023. Der Anteil der fossilen Energieträger ging dabei weiter zurück, von 39,6 Prozent auf 35,0 Prozent. Mit 75 TWh wurde so wenig Strom aus Kohle, Erdgas, Öl und nicht-erneuerbarem Müll erzeugt wie nie zuvor. Seit 2015 ist die Erzeugung aus erneuerbaren Quellen um 56 Prozent gestiegen, die Erzeugung aus fossilen Quellen dagegen um 46 Prozent gesunken.

Preise stark rückläufig

Die Börsenstrompreise sanken stark von 100,54 Euro/MWh (Day Ahead- Auktion, volumengewichtet) auf 67,94 Euro/MWh. „Der Effekt von sinkenden Börsenstrompreisen wird sich mittelfristig in Strompreisen von privaten und industriellen Endkunden zeigen“, kommentiert Bruno Burger, leitender Wissenschaftler bei den Energy-Charts am Fraunhofer ISE. Stark rückläufig war auch der Preis für Erdgas, der von 44,99 Euro/MWh auf 29,71 Euro/MWh sank. Beide Preise nähern sich damit weiter dem Preisniveau in den Jahren vor dem Ukrainekrieg an. Auch die Kosten für CO2-Emissionszertifikate gingen zurück: von 86,96 auf 63,60 Euro pro Tonne CO2. pf

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