Windenergie: Hehre Ziele und ernüchternde Gegenwart für die Offshore-Windbranche

Beim Nordsee-Gipfel bekräftigen Politik und Unternehmen gemeinsam großes für die Offshore-Windkraft zu erreichen. In Deutschland zeigt sich die Gegenwart jedoch ernüchternd. Geringe Zubauraten erfordern Veränderungen.
28.01.2026 – Für die Nordsee-Anrainer-Staaten war es bereits eines der wichtigsten Treffen in diesem Jahr. Diese Woche trafen sich Staats- und Regierungschefs sowie die Energieminister:innen aus Deutschland, Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Irland, Luxemburg, Niederlande, Norwegen und Island in Hamburg zum Nordsee-Gipfel. Auch die EU-Kommission und NATO waren eingebunden.
Es ist das dritte Treffen der Anrainerstaaten, dass nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine etabliert wurde. Es geht, wie sollte es anders sein, um die gemeinsame Stärkung der Energiesicherheit im Nordsee-Raum und den Aufbau einer gemeinsamen Offshore Windkraftinfrastruktur. Das beim zweiten Treffen in Ostende beschlossene Ziel: Rund 300 Gigawatt Offshore-Windenergie auf der Nordsee, davon rund 100 GW grenzüberschreitende Kooperationsprojekte, mit Anbindungen und Netzanschlüssen in mehrere Länder. Neben dem Ausbau der Windkraft selbst stehen auch Netzverbindungen, Infrastrukturen für Wasserstoff und deren Sicherheit im Fokus.
Gemeinsam wolle man die Nordsee zum „größten Energiehub der Welt“ entwickeln, erklärte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche am Montag in Hamburg. Angesichts eines „Epochenumbruchs in der Weltordnung“ sei eine stärkere Kooperation der Anrainer-Staaten in Fragen der Energie und Sicherheit vonnöten. Sicherlich spielte Reiche damit vor allem auf den russischen Machtapparat an. Aber auch die Trump Administration in den USA gilt schon längst nicht mehr als verlässlicher Partner. Angesichts zunehmender Angriffe auf kritische Infrastrukturen sei erstmals die NATO beim Nordsee-Gipfel vertreten, so Reiche.
Im Rahmen einer sogenannten „Hamburger Erklärung“ wurden die Ausbauziele bekräftigt und in Richtung der Windbranche das Versprechen gegeben, die Investitionsbedingungen zu verbessern. Im Gegenzug erklärten Spitzenvertreter der Industrie, man wolle die Kosten für die Stromerzeugung bis 2040 um bis zu 30 Prozent senken, 9,5 Milliarden Euro in neue europäische Produktionskapazitäten investieren und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.
2030 Ziel in Gefahr
Der aktuelle Blick nach Deutschland zeigt, dass vor allem die Investitionsbedingungen stark ausbaufähig sind. Am gestrigen Mittwoch veröffentlichten die Branchenverbände der deutschen Offshore-Windindustrie sowie die gemeinnützige Stiftung OFFSHORE-WINDENERGIE die Zubauzahlen für 2025. Demnach gingen im vergangenen Jahr 41 neue Offshore-Windanlagen mit einer Leistung von 518 Megawatt ans Netz. 19 Anlagen mit zusammen 278 MW Leistung wurden errichtet, haben aber noch keinen Strom eingespeist. Zudem wurden insgesamt 65 Fundamente für neue Anlagen geschaffen. In Summe waren in Deutschland Ende 2025 1.680 Anlagen mit einer Leistung von 9.740 Megawatt installiert.
2024 gab es 73 neue Offshore-Windenergieanlagen mit einer Leistung von 742 MW. Vor einem Jahr zeigte sich die Windbranche noch optimistisch, dass das vom Bund ausgerufene Zubauziel von 30 GW Windkraft in Nord- und Ostsee bis Ende 2030 erreicht werden kann. Aktuell zeigt sich die Windbranche jedoch weitaus pessimistischer. Verzögerungen beim Netzanschluss der Anlagen sowie das Ausbleiben von Geboten in der Ausschreibungsrunde im August 2025 hätten zur Folge, dass das Ausbauziel in Höhe von 30 GW bis 2030 verfehlt werden wird, konstatieren die Branchenverbände der Offshore Windindustrie. Bis dahin sei lediglich ein Zubau von 20 GW zu erwarten.
Zum ersten Mal ging im August eine Ausschreibung für Offshore-Windflächen ohne Gebote zu Ende. Der Grund könnte die alte Flächenplanung für die Nordsee sein, die Verluste durch enge Bebauung zu wenig beachtet. Der Bundesverband Windenergie Offshore stellte die Wirtschaftlichkeit der ausgeschriebenen Flächen bereits vor Fristende in Frage. In Vorausberechnungen sollte der Park gerade einmal 3000 Volllaststunden erreichen, etwa ein Viertel weniger als auf der Nordsee üblich.
Darüber hinaus seien die geltenden Ausschreibungsregeln ein Hindernis. In den geringen Geboten sah die Windbranche schon im Sommer vergangenen Jahres ein Zeichen, dass die Risiken für die Windkrafterzeuger zu hoch sind. Dies liege zum einen an Engpässen in der Lieferkette, zum anderen an starren Vorgaben für die Überbauung der zugeteilten Flächen. Verpflichtend ist derzeit eine Überbauung von 10 bis 20 Prozent der Fläche. Die Branchenverbände kritisieren diese Regelung als zu starr. Der ideale Grad der Überbauung sei je nach Standort unterschiedlich. Daher müsse der konkrete Prozentsatz der Überbauung den Projektentwicklern überlassen werden.
Um eine weitere Nullrunde zu vermeiden, müsse ein neues Ausschreibungsdesign negatives Bieten beenden, fordert die Branche diese Woche. Stattdessen brauche es ein Erlösmodell, welches sowohl Projektrealisierung als auch Investitionssicherheit in einem harmonisierten europäischen Marktrahmen besser gewährleistet. Beispielsweise mit der Abschaffung der ungedeckelten Gebotskomponente, der Einführung von etwa im Vereinigten Königreich erfolgreich umgesetzten zweiseitigen Contracts-for-Difference (CfD) und der Absicherung von Power Purchase Agreements (PPAs), um Realisierungsrisiken zu senken, Finanzierungskosten zu reduzieren und den Ausbaupfad zu sichern.
Bei der ungedeckelten Gebotskomponente handelt es sich um Zusatz-Zahlungen in Euro, die Offshore-Bieter bei bestimmten Ausschreibungen anbieten können, ohne gesetzliche Obergrenze. Damit werden die Auktionen teilweise zu Flächenauktionen. Hohe Zahlungen können hier die Finanzierung und damit die Realisierung von Projekten erschweren. Von der Windbranche dagegen bevorzugt: CFDs sind Verträge, bei der Erlöse eines Kraftwerks über einen Referenzpreis stabilisiert werden. Es wird ein Zielpreis pro Megawattstunde und ein Referenzpreis (meist ein Marktpreisindex) festgelegt. Die Vertragsparteien gleichen anschließend die Differenz aus. PPAs sind direkte Stromlieferverträge zwischen einem Stromerzeuger und -abnehmer, meist Unternehmen.
„Die notwendigen Änderungen am Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG) dürfen nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden, sondern müssen der Dringlichkeit der Herausforderungen jetzt endlich Rechnung tragen“, fordert die Branchenorganisation, hinter der sich Die Verbände BWE, BWO, VDMA Power Systems, WAB e.V., WindEnergy Network e.V. und die Stiftung OFFSHORE-WINDENERGIE versammeln. Nicht die Zahl der zugebauten Anlagen oder die installierte Leistung sei entscheidend, sondern die kosteneffizienteste Energieausbeute.
Positiv bewertet die Branche den Nordsee-Gipfel. Dieser sei ein starkes Signal an die Branche. Insbesondere Deutschland und Dänemark sollten bei der grenzübergreifenden Flächennutzung eng zusammenarbeiten. Darüber hinaus brauche es auf europäischer Ebene wirksame Instrumente zum Schutz vor Marktverzerrungen durch unfaire Preispraktiken staatlich subventionierter Akteure. Ein faires Level Playing Field sei unerlässlich. mg





















































