Höhenwindturm in Schipkau: Weltrekord bei 365 Metern

In Schipkau steht seit Anfang der Woche die höchste Windenergieanlage der Welt. Mit Höhenwind könnte deutlich mehr Strom gewonnen werden. Potenzial besteht besonders bei der Überbauung bestehender Windparks.
30.09.2026 – Im brandenburgischen Schipkau steht seit Montag laut dem Unternehmen Gicon die höchste Windenergieanlage der Welt. Sie hat eine Gesamthöhe von 365 Metern, wobei die Nabe auf 300 Metern sitzt. Das Pilotprojekt soll wertvolle Erkenntnisse über den Bau von Höhenwindenergieanlagen liefern sowie Erfahrungswerte zu den Stromgestehungskosten, die diese erreichen können.
Umgesetzt wird das Projekt vom Ingenieurunternehmen Gicon, Auftraggeber ist die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND.
Aufbau in windigen Höhen
Die Anlage befand sich bereits seit September 2024 in Bau. In der vergangenen Woche waren zunächst die Rotorblätter montiert worden. Am Montag konnte dann – nach einer wetterbedingten Verzögerung – der Innenturm erfolgreich teleskopiert werden. Mit einem speziellen Litzenhubsystem wurde der Innenturm auf seine endgültige Höhe gehoben, und anschließend in ausgefahrener Position fixiert.
Abschließende Arbeiten sollen noch einige Tage dauern, die offizielle Inbetriebnahme ist für November geplant.
Mehr Ertrag in der Höhe
Die Idee hinter dem Projekt ist, den Höhenwind auszunutzen, um Energie zu erzeugen. In größeren Höhen weht der Wind stärker und gleichmäßiger, weil er nicht durch Hindernisse wie etwa Wälder abgebremst wird. Bei gleichem Rotordurchmesser könnte der Höhenwindturm so etwa doppelt so viel Energie liefern wie eine konventionelle Windenergieanlage. Die Pilotanlage startet mit einer Nennleistung von 3,8 Megawatt, künftige Anlagen sollen mehr als 7 Megawatt erreichen.
„Besonders deutlich ist der Vorteil im Winter, was interessant ist für unser Energiesystem, weil in dieser Jahreszeit weniger Solarstrom produziert wird“, sagt Christoph Winkler, Teamleiter Global Energy Pathways, Forschungszentrum Jülich. Aus bisherigen Messungen lasse sich zwar nicht errechnen, wie hoch der Mehrertrag genau ausfalle, da dazu bekannt sein müsste, wie oft welche Windgeschwindigkeiten genau auftreten. „Ein elektrischer Mehrertrag von rund 60 Prozent, wie er für die Höhenwindanlage genannt wird, erscheint auf Grundlage der Messdaten aber grundsätzlich plausibel.“
Eine zweite Etage für Windparks
Mit Höhenwindrädern könnte außerdem mehr Windstrom erzeugt werden, ohne neue Flächen zu benötigen. Das liegt daran, dass die Höhenwindräder sich mit der gesamten Rotorfläche oberhalb der Rotorspitzen konventioneller Windräder befänden, so Winkler. Damit werde es nicht von der Wirbelschleppe konventioneller Windräder getroffen und umgekehrt, und benötige entsprechend wenig Abstand zu niedrigeren Windrädern.
„Das erlaubt, Höhenwindräder zwischen jeweils zwei konventionellen Windrädern zu platzieren und so die installierte Leistung pro Fläche zu verdoppeln, indem man sozusagen zwei Windparks übereinander baut. Das ginge sogar nachträglich und ist unabhängig von den Kosten attraktiv angesichts begrenzter Flächenverfügbarkeit für Windkraft in einem dicht bevölkerten Land wie Deutschland.“
Baukosten noch zu hoch
Gicon plant eine Serienfertigung und schätzt das Potenzial auf bis zu 4.000 Höhenwindtürme in Deutschland. Bisher liegen die Baukosten jedoch noch fast viermal so hoch wie für konventionelle Windräder.
„Wenn man den genannten Mehrertrag in 300 Metern Höhe an diesem Standort berücksichtigt, müssten die Kosten pro Kilowatt um etwa 60 Prozent der genannten Kosten fallen, um vergleichbare Stromgestehungskosten zu heutigen Turbinen zu erreichen“, erklärt Winkler. Für eine belastbare Aussage sei es allerdings noch zu früh, denn die Kosten dieses ersten Prototyps mit vergleichsweise niedrigen 3,8 Megawatt Leistung seien nicht repräsentativ. „Bereits eine leistungsstärkere Turbine, wie sie heute typisch ist, könnte die Kosten des Turms pro Kilowatt um bis zu ein Drittel senken, zusätzlich zu den Einsparpotenzialen durch Massenproduktion und Standardisierung.“
Nur der Berliner Fernsehturm ist höher
Einschränkend sei zu bedenken, dass ein nahezu doppelt so großes Höhenwindrad teils auch doppelt so große Mindestabstände einhalten müsse, was die Potenzialflächen stark reduziere. Mit 365 Metern ist die Anlage derzeit das zweithöchste Bauwerk Deutschlands – höher ist mit 368 Metern nur der Berliner Fernsehturm. jb






















































