Herr Döschner, Sie haben für die kritische Beobachtung der Klimaberichterstattung das Portal brandmelder entwickelt. Einen Brandmelder drückt man ja, wenn es brennt und die Feuerwehr das Feuer löschen soll. Wer ist in diesem Bild die Feuerwehr?
Das sind wir alle, vor allem aber die Entscheider in Industrie und Politik, die dafür sorgen müssen, dass wir aufhören, wie Christian Stöcker so schön sagt, ‚Zeug‘ zu verbrennen, also Holz, Kohle, Öl, Gas. Wir haben die Technologien, die sie ersetzen. Ich habe eine davon selbst in meinem Keller, eine Wärmepumpe, die aus einer Kilowattstunde Strom drei- bis viermal so viel Wärme herausholt. Eine Art Perpetuum mobile, in Anführungsstrichen …
Das Wasser zum Löschen ist ausreichend vorhanden ...
Richtig, das haben wir. Leider sind manche aber nicht bereit anzuerkennen, dass – um im Bild zu bleiben – schon Rauch aus den Fenstern quillt. Die Gefahr ist real, und den Medien als Schnittstelle zwischen denen, die es wissen, denen, die es betrifft, und denen, die handeln können, kommt eine große Verantwortung zu. Wir müssen die Zusammenhänge aufzeigen, die Informationen liefern, die die Gesellschaft braucht, um die Gefahr einzudämmen. Wenn wir unseren Job nicht machen, verlieren wir den Kampf gegen die Klimakrise.
Die Klimakrise galoppiert, die Feuerwehr müsste also mit höchster Dringlichkeit ans Werk gehen. Aber: Wer das macht, kriegt potenziell eins auf die Mütze, verkürzt gesagt. Das Heizungsgesetz wurde medial abgestraft, ein Tempolimit ist nicht mal im Horizont erkennbar. Wie entsteht diese Lücke zwischen Wissen und Handeln?
An erster Stelle würde ich die Beharrungskräfte der fossilen Industrie nennen. Das ist ein Komplex, der mächtiger und einflussreicher ist als jede andere Industrie. Da geht es sofort um Hunderte Milliarden. Ein Beispiel zum Thema Heizungsgesetz: Wenn wir, was ja beschlossene Sache ist, wirklich bis 2045 klimaneutral sein wollen, dann müsste der komplette Wärmebedarf in unseren Gebäuden durch erneuerbare Energien geliefert werden. Und dann müsste das Gasnetz komplett abgeschaltet werden. Und dieses Gasnetz ist nach unterschiedlichen Berechnungen zwischen 250 und 300 Milliarden Euro wert.
Es geht um viel Geld.
Ja, da lohnt es sich schon mal, Pläne zu schmieden, das auszuhebeln, was Habeck und andere geplant hatten. Ich bin der festen Überzeugung, dass es kein Zufall war, dass der Gesetzentwurf an die BILD durchgestochen wurde, dass es kein Zufall war, dass Frank Schäffler auf dem FDP-Parteitag einen Antrag durchgesetzt hat, obwohl die FDP ja Teil der Koalition war, um dieses Heizungsgesetz zu Fall zu bringen und dass er – meistens unwidersprochen – seine absurden Erzählungen über angeblich zu teure und für Altbauten angeblich ungeeignete Wärmepumpen verbreiten konnte. Das ist ein Paradebeispiel dafür, wie die fossile Industrie immer wieder die gesellschaftliche Diskussion beeinflusst.
Die fossile Industrie setzt mit Kampagnen gezielt ihre Interessen durch?
Das Ur-Beispiel dafür ist, was jüngst unter #exxonknew durch die Medien ging. Der Konzern hat als einer der ersten gewusst, dass das Verbrennen von Öl und Gas dazu führt, dass die Erde sich erhitzt. Sie haben Wissenschaftler in die Arktis geschickt, um das zu erforschen, und ihre Öl-Infrastruktur zum Beispiel für steigende Meeresspiegel angepasst. Die Studien haben sie in ihren Tresoren verschwinden lassen. Statt die Menschen aufzuklären, haben sie über Jahrzehnte den Klimawandel und die Klimawissenschaft in Zweifel gezogen. Zweifel säen, das ist ihre Strategie, die leider bis heute wirkt.
Der erwähnte Christian Stöcker sagte gegenüber der energiezukunft, es gebe in der Branche der Erneuerbaren eine große Naivität gegenüber der großen Kommunikationswucht der Öl- und Gasindustrie. Sehen Sie das auch so?
Nicht nur die erneuerbare Industrie, sondern viele haben bis heute den Widerstand der fossilen Industrie gegen effizienten Klimaschutz unterschätzt. Ich habe das persönlich in meiner aktiven Zeit erlebt, als ich im Kohleland NRW beispielsweise über RWE oder Eon berichtet habe. Wer in NRW kritisch über die Braunkohle berichtet hat, musste sich im Klaren darüber sein, dass er große Teile der SPD, FDP und CDU, auch der Gewerkschaften und der Presse gegen sich hatte. Dass diese große Macht bis weit in die Medien reicht, haben manche bis heute nicht begriffen. Journalisten sollten sich dieser Mechanismen bewusst sein.
Deshalb haben Sie dann brandmelder gegründet?
Wir haben dieses Online-Portal entwickelt, um aufzuzeigen, was im Klimajournalismus schief, falsch oder gar nicht läuft. Uns geht es nicht darum, einzelne Kolleginnen und Kollegen an den Pranger zu stellen. Wir wollen an konkreten Beispielen aufzeigen, welche Kräfte, welche Narrative und welche Umstände in den Redaktionen – zum Beispiel Mangel an Personal oder finanziellen Mitteln – zu fatalen Fehlern in der Klimaberichterstattung führen. Wir versuchen, so zu einer fairen, unabhängigen und angemessenen Berichterstattung zu kommen – nicht nur über die Folgen der Klimakrise, sondern auch über die Ursachen und Verantwortlichkeiten. Denn wenn ich nur Probleme zeige, dränge ich die Menschen in die Verzweiflung, Machtlosigkeit. Dann verdrängen sie das Thema.
‚Klima braucht Kontext‘ lautet der Claim des Portals. Wie lautet der große Zusammenhang beim medialen Dauerthema, dem Wal Timmy?
Die Zusammenhänge lagen auf der Hand. Nicht nur Greenpeace hat gesagt: Dass Wale sich verirren, hat mit dem menschlichen Einfluss auf ihre Lebensräume zu tun – also die Überfischung oder die veränderten Temperaturen in der Ostsee. Verrückt ist doch, dass just auf dem Höhepunkt der Wal-Berichterstattung eine Studie über den Einfluss des Klimawandels auf die Ostsee als Lebensraum für Fische und andere Lebewesen veröffentlicht wurde. Aber niemand hat sie im Zusammenhang mit Timmy aufgegriffen. Der Wal-Hype hat aber auch gezeigt, welche Macht Medien tatsächlich haben. Wenn sie ein Thema ‚pushen‘ wollen, dann können sie das. Wir Journalist:innen haben es in der Hand – beim Wal wie bei der Klimakrise. In der Fachsprache der PR-Agenturen nennt man das ‚Agendasetting‘. Unsere Gegenspieler in den Agenturen wissen besser, welche Macht wir im Journalismus haben als wir selbst. Wir müssen selbstbewusst mit diesem Instrumentarium umgehen, und natürlich verantwortlich. Dass die Wertigkeit der Gefährdung unserer Lebensgrundlagen durch die Erderhitzung in den Köpfen vieler Entscheiderinnen und Entscheider so nach unten gerutscht ist, ist ein großes Problem. Aber wir Journalist:innen haben es mit in der Hand, das zu ändern.
Der Brandmelder ist ein Ableger des Netzwerks Klimajournalismus. Weshalb haben Sie dies vor fünf Jahren gegründet?
Richtig, wir fanden damals, dass die Berichterstattung über die Klimakrise – gemessen an der Bedrohung, die sie für uns alle darstellt – schon damals nicht angemessen war. Die Klimakrise ist eben kein Thema für den Wissenschaftsteil, sie betrifft alle Lebensbereiche. Wir haben mehrere Hundert Journalistinnen und Journalisten, die uns folgen und unseren Newsletter abonniert haben. Vor zwei Jahren haben wir den Deutschen Preis für Klimajournalismus ins Leben gerufen. In diesem Jahr ist Preisverleihung am 24. September beim Extremwetterkongress in Hamburg. Wir wollen Positivbeispiele hervorheben und denen den Rücken stärken, die sich hier engagieren.
Sie haben Redaktionen anfangs Beratungen angeboten. Wie ist hier die Resonanz?
In der Anfangszeit des Netzwerks gab es eine Reihe von Einladungen. Im allgemeinen Backlash in Sachen Klimaschutz hat das aber nachgelassen. Heute gilt wieder jeder Kollege, jede Kollegin, die die Klimakrise thematisieren will, als Aktivist:in. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr einen das bei der Arbeit behindert – vor allem, wenn dieser Vorwurf nicht nur von außen, sondern sogar aus dem eigenen Haus kommt. Aber was daran ist Aktivismus, wenn man als Journalist guten Journalismus machen will? Die Klimakrise zu verschweigen, ihre Folgen aus dem Zusammenhang zu reißen, Lösungen wie den Ausstieg aus fossiler Energie zu verschweigen: das ist weder neutral noch ausgewogen. Das ist schlicht schlechter Journalismus. Ein Artikel ist eben unvollständig, wenn man bei einem Brand nur über den Rauch schreibt, aber das Feuer verschweigt.
Gibt es erste Reaktionen auf Ihre Arbeit mit dem brandmelder?
Bislang leider noch nicht. Anlass des ersten brandmelder-Artikels war ein Tagesthemen-Interview zu den Plänen des Wirtschaftsministeriums, die Einspeisevergütung für PV-Anlagen auf Hausdächern zu streichen. Der Gesprächspartner, Leon Hirth, wurde vorgestellt als Professor für Energiepolitik. Nach ein paar Klicks im Netz war klar, dass Hirth eine eigene Firma hat, die unter anderem das Bundeswirtschaftsministerium berät und von dort Aufträge in Millionenhöhe erhalten hat. Auf unsere Anfrage, warum dieser Hintergrund des Gesprächspartners in den Tagesthemen nicht klarer benannt wurde, hat die Redaktion bis heute nicht geantwortet. Eines unserer Ziele ist, dass kritisierte Medien sich künftig dieser Kritik stellen. Aber dazu braucht es natürlich eine gewisse publizistische Reichweite des brandmelders.
… und eine entsprechende Offenheit auf beiden Seiten.
Ja, es ist immer schwierig, wenn Journalisten über Journalisten schreiben. Man handelt sich schnell den Vorwurf des Netzbeschmutzers ein. Dabei gehört doch Kritik unter Journalisten zum Redaktionsalltag. Es gibt Nachbesprechungen von Sendungen und tägliche Blattkritik. Wir machen mit dem brandmelder letztlich nichts anderes – nur auf etwas allgemeinerem Niveau.
Andererseits finde ich: Die Fakten sind unbestritten. Wir wissen alle um die Klimaentwicklung, unsere Energieverbräuche, unseren Lebensstil.
Der Impuls, große Probleme zu verdrängen, steckt in uns allen – vor allem wenn es um Probleme geht, die nicht einfach zu lösen sind. Bei der Klimakrise ist Verdrängung aber lebensgefährlich – für uns alle. Das dürfen Medien nicht auch noch fördern. Im Gegenteil, sie müssen dagegen ankämpfen. Etwa, indem sie das Problem genauso beim Namen nennen wie die Ursachen und Verursacher, um darauf aufbauend Lösungen zu vermitteln.
Das Gespräch führte Benedikt Brüne.




















































