Herr Klein, ausbleibende Niederschläge und geringe Schmelzwasser-Mengen aus den Alpen haben das Wollmatinger Ried, das größte Naturschutzgebiet am westlichen Bodensee, in weiten Teilen trockengelegt. Wie wirkt sich dies auf die Pflanzen- und Vogelwelt aus?
Das Ried ist Feuchtgebiet, wie die gesamte Bodensee-Uferlandschaft. Die Tier- und Pflanzenwelt ist hier aufs Wasser angewiesen. Typischerweise haben wir am Bodensee im Sommer hohe Wasserstände, da sollte die Landschaft jetzt eigentlich unter Wasser stehen. Es gibt Arten, die ganz große Probleme bekommen, wenn dies ausbleibt. Den Haubentaucher kennen ja viele Besucher am See. Er und einige verwandte Arten, der Schwarzhalstaucher, der Zwergtaucher, brüten im überschwemmten Schilf. Wenn aber kein Wasser da ist, können die nicht ins Schilf schwimmen. Laufen können sie nicht. Die müssen so lange warten mit der Brut, bis das Schilf wieder überschwemmt ist.
Die Entwicklung der vergangenen Jahre verheißt nichts Gutes ...
Wir merken einfach, dass die Schilfzonen immer seltener tief genug überschwemmt werden, dass es mit der Brut gut funktioniert. Die Folgen sind schon eklatant. Gerade für den Schwarzhalstaucher galt das Wollmatinger Ried, als ich in den 1990er-Jahren beim NABU angefangen habe, als das beste Brutgebiet in Baden-Württemberg. Über die Hälfte der Population im Bundesland hat hier im Wollmatinger Ried gebrütet. Wegen der zunehmend niedrigen Sommerwasserstände ist der Brutbestand beim Schwarzhalstaucher hier im Ried erloschen.
Wie ist die Situation in der Pflanzenwelt?
Bei vielen Pflanzengemeinschaften spielt Konkurrenz eine große Rolle. Die typischen Arten der Feuchtgebiete halten es in der Quatschnässe des Rieds gut aus. Andere konkurrierende Arten, die höher wachsen, schaffen das nicht und kommen deshalb hier nicht vor. Wenn die Überschwemmungen ausbleiben, sterben die typischen Riedpflanzen zwar nicht unmittelbar ab. In dem Moment aber, wo die konkurrenzstärkeren Pflanzen sich wegen der reduzierten Wasserstände ausbreiten, verdrängen sie die Riedpflanzen – zum Beispiel die Sommer-Drehwurz, eine kleine Orchidee, die in quellig überstauten Riedwiesen vorkommt. Die kann in einem trockenem Jahr durchaus mal zunehmen. Sobald andere Arten eindringen, wird sie herauskonkurriert und verschwindet auf Dauer.
Umgekehrt haben wir es immer wieder mit Hochwasserständen am Bodensee zu tun, wie beispielsweise 1999 und 2023. Nimmt deren Häufigkeit auch zu?
Nein, die Häufigkeit von Hochwassern nimmt deutlich ab. Der Bodensee ist ein unregulärer Voralpensee, dessen Wasserstand davon abhängt, wie viel aus den Alpen hineinfließt und wie viel hinausfließt. Prägend ist, dass der Gehalt schwankt. Gerade in der Wasserwechselzone haben sich ganz viele konkurrenzschwache, selten Arten eingenischt. Gibt es weniger Wechsel, wird es für die Arten kritisch. Ein Paradebeispiel ist das Bodensee-Vergissmeinnicht – eine Pflanzenart, die darauf angewiesen ist, das halbe Jahr unter Wasser und das halbe Jahr über Wasser zu leben. Die Klimaerwärmung bewirkt nicht, dass der Bodensee generell niedrige Wasserstände hat, sondern dass dieser Wechsel weniger stark ausgeprägt ist. Früher gab es am Pegel Konstanz Schwankungen bis zu vier Metern, in Extremfällen. In den Uferlandschaften sind das riesige Flächen, die trockenfallen und überschwemmen. Die Schwankung reduziert sich hier und damit die spannende Zone für die Tiere und Pflanzen. Statistisch ist die Entwicklung völlig eindeutig.
Und die historische Trockenheit in diesem Jahr fällt zusätzlich ins Gewicht?
Problematisch ist in erster Linie die langfristige Erwärmung. Die Sommer-Drehwurz oder der Schwarzhalstaucher, eine mehrjährig brütende Art, verkraften ein Jahr mit Niedrigständen. Im nächsten Hochwasserjahr gleicht sich das wieder aus. Wenn das aber jedes Jahr so weitergeht, haben wir eine katastrophale Entwicklung.
Nun ist die Erderwärmung absehbar weiterhin steigend. Was kann man tun?
Das ist ein Punkt, der mich aktuell zur Weißglut bringt. Wir kriegen gerade den Klimawandel hautnah mit, wir erleben das hier am Bodensee. Wenn wir ehrlich sind: Die einzige Chance, etwas dagegen zu tun, ist unseren Lebenswandel zu ändern. Gar nicht in erster Linie die Politik, sondern vor allem wir Otto-Normalbürger, wir haben es immer noch nicht verstanden. Gehen wir an die Ursachen ran, oder bauen wir Klimaanlagen, die die Welt noch weiter anheizen? Der bequeme Weg ist vorbei für uns!
Und das Wollmatinger Ried bekommt langfristig ein anderes Gesicht?
Wir müssen uns beim Klimawandel über die zeitliche Verzögerung im Klaren sein. Dieser Wandel wird weitergehen, selbst wenn wir jetzt null CO2-Emissionen emittieren. Den konservativen Naturschutz, Wertvolles zu erhalten, müssen wir zu einem gewissen Grad überdenken, und wir müssen zu einem dynamischeren Naturschutz kommen. Es werden Arten zu uns kommen, anderen werden sterben, das erleben wir hier. Wir müssen möglichst viele Nischen, gerade für konkurrenzschwache Arten, erhalten, damit ein lebendiger Wandel passiert. Prognostizieren können wir nicht alles, deswegen müssen wir der Natur vertrauen und ihr Spielräume eröffnen. Es gibt Arten, die uns verlorengehen, oder deren Areal sich weiter nach Norden verschieben wird.
Gleichzeitig werden sich neue Arten bei uns ansiedeln?
Es gibt immer verschiedene Ursachen für Veränderungsprozesse in der Tier- und Pflanzenwelt. Wir müssen schon aufpassen, dass wir Menschen etwa mit der Ansiedlung von Neophyten die erwähnten Spielräume nicht weiter verengen und damit mehr Schaden anrichten. Es geht darum, das, was hier ist, lebendig weiterzuentwickeln. Ich sehe zum Beispiel den Ansatz sehr kritisch, mit südländischen Baumarten hier bei uns Waldbau zu betreiben. Es gibt stattdessen seltene, aber heimische Baumarten, etwa die extrem trockenresistente Flaumeiche, die zum Beispiel am Kaiserstuhl vorkommt. Die werden zunehmen, das ist auch in Ordnung so. Und: Was uns als Menschen oft Angst macht: Die Dynamik, die in der Natur steckt und gewaltige Kräfte entwickeln kann, müssen wir wieder zulassen, wenn wir eine Biodiversität erhalten wollen.
Wir haben über die Situation hier im Ried gesprochen. Welche Veränderung gibt es in Bezug auf die bis zu 50.000 Wasservögel, die hier jedes Jahr überwintern?
Die profitieren auch von den stark wechselnden Wasserständen. Viele Watvögel, der Große Brachvogel zum Beispiel, kommen auf ihrem Zug auf die offenen Schlickflächen am Bodensee, zum Rasten und zur Nahrungssuche. Typisch für die Wasservögel, die hier überwintern, ist, dass sie mit sinkenden Wasserständen im Herbst immer an neue Nahrungsgründe kommen. Wenn wir dann ab Herbst konstant hohen Wasserstand haben, dann ist das schnell abgeweidet. Das gefährdet auch diese Vogelarten.
Der Landkreis Konstanz hat bis Ende August die Wasserentnahme aus Fließgewässern verboten. Würde ein Verbot auch für den Bodensee helfen? Auf der Gemüse-Insel Reichenau werden die Felder ordentlich bewässert.
Nein, der Bodensee ist ein immens großes Wasser-Reservoir. Die Mengen, um die es bei der landwirtschaftlichen Bewässerung geht, spielen hier keine relevante Rolle. Wenn man sich anschaut, wie viel Wasser jeden Tag aus dem Alpenrhein hinein- und in Schaffhausen über den Rheinfall hinausfließt – so viel Wasser können wir weder über die Trinkwasserversorgung noch über die Landwirtschaft entnehmen.
Ein Teil Ihrer Arbeit beim NABU ist die Riedpflege. Wie verändert sich die mit zunehmender Erderwärmung?
Ein Beispiel: Früher war es so, dass wir nasse Riedflächen bei Frost mähen konnten. Ohne Frost steht dauerhaft das Wasser drin. Die Landwirte können dann nicht über die Flächen fahren, das macht die Arbeit viel schwerer. Bei Frost bleibt das abgemähte Gras, das auf dem Eis liegt, trocken. Wenn es ins Wasser fällt, saugt sich das Material auf und ist dreimal so schwer. Die Maschinen sinken ein und bleiben nicht auf dem Eis stehen.
Am NABU-Bodenseezentrum bieten Sie Führungen an, wie nehmen Sie das Bewusstsein der Besucher für die Bedürfnisse von Wildtieren wahr?
Ich habe das Gefühl, dass sich das Verantwortungsgefühl der Leute eher verschlechtert als verbessert. Ich meine aber: Wir haben eine individuelle Verantwortung durch unser Verhalten. Sich ökologisch zu verhalten, bedeutet nicht, sich selbst zu kasteien. Ist es ein Genuss, möglichst viel zu konsumieren? Oder ist es nicht der größere Genuss, entspannt die Natur zu genießen, sich ökologisch zu ernähren statt mit Fast Food? Sich Zeit zu nehmen für sein Leben, das hat viel mit Ökologie zu tun.
Das Gespräch führte Benedikt Brüne.
Eberhard Klein leitet seit 1994 das NABU-Bodenseezentrum am Bahnhaltepunkt Reichenau zwischen Radolfzell und Konstanz. Gemeinsam mit einem 16-köpfigen Team leistet er Landschaftspflege, Öffentlichkeitsarbeit und ein Monitoring über die Einhaltung der Gebietsvorschriften am Wollmatinger Ried. Das Naturschutzgebiet „Wollmatinger Ried - Untersee – Gnadensee" ist mit 774 Hektar eines der größten am Bodensee.



















































