Foto: © Kotlarski

Nachgefragt 04.03.2026

Der Spielraum wird kleiner

Olympische Winterspiele sind auch eine logistische Herausforderung. Mit der Erderwärmung steigt der technische Aufwand – insbesondere in den Alpen, wo die Temperaturen schneller steigen als im globalen Mittel, wie Meteorologe Sven Kotlarski erklärt.

Sven Kotlarski leitet das Team Klimaentwicklung beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz mit Sitz in Zürich


Nachgefragt 04.03.2026

Der Spielraum wird kleiner

Olympische Winterspiele sind auch eine logistische Herausforderung. Mit der Erderwärmung steigt der technische Aufwand – insbesondere in den Alpen, wo die Temperaturen schneller steigen als im globalen Mittel, wie Meteorologe Sven Kotlarski erklärt.

Foto: © Kotlarski

Sven Kotlarski leitet das Team Klimaentwicklung beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz mit Sitz in Zürich



Herr Kotlarski, global liegt der Anstieg gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter bei durchschnittlich +1,35 Grad, in der Schweiz bereits bei +3 Grad Celsius. Seit wann stellen Sie diesen Vorsprung fest?

Die beschleunigte Erwärmung in der Schweiz und allgemein im Alpenraum gegenüber der weltweiten Entwicklung haben wir schon sehr früh gesehen. Die Zeitreihen zeigen das schon seit den 1930er-Jahren. In den 1970er- und 1980er-Jahren hat sich dieser Unterschied in Zentraleuropa dann noch etwas beschleunigt. Seitdem haben wir eine Erwärmung mit einem Faktor 2,2. Bis vor ein paar Jahren haben wir von einem Faktor 2,0 gesprochen.

Welche Erklärung gibt es für diese vergleichsweise schnelle Erwärmung?

Dies genau zu erklären, ist immer noch Gegenstand von Forschungsprojekten. Eines ist aber ganz klar: Wir haben auf der Erde zwei Drittel Ozean- und ein Drittel Landfläche. Grundsätzlich erwärmen sich Landflächen stärker als das globale Mittel. Das sehen wir über allen Kontinenten und damit auch in Europa. Der Haupteffekt für die stärkere Erwärmung in Europa zusätzlich zu dem Land-Meer-Effekt hat eigentlich einen positiven Hintergrund, nämlich die Einführung von Luftreinhaltemaßnahmen ungefähr seit den 1980er-Jahren. Beispielsweise hat der Einbau von industriellen Filteranlagen einen deutlich sinkenden Ausstoß von Feinstaubpartikeln zur Folge und damit eine sinkende Konzentration von Aerosolen in der Atmosphäre, die ihrerseits einen kühlenden Effekt auf die oberflächennahe Temperatur haben.

Das heißt im Umkehrschluss ...?

… dass wir damit einen weiteren Treiber haben, der zu einer etwas verstärkten Erwärmung über Westeuropa, Zentraleuropa und in Teilen Osteuropas geführt hat. Wenn wir uns den Alpenraum anschauen, sehen wir zu gewissen Zeiten im Jahr zudem einen leichten Einfluss durch den Rückgang der Schneedecke, das sogenannte Schnee-Albedo-Feedback. Demnach absorbiert die etwas größere dunklere Fläche mehr Strahlung, was die Erwärmung zusätzlich ein wenig hochtreiben kann. Vor allem im Frühjahr sieht man das zum Beispiel. Dieser regionale Effekt ist aber eher untergeordnet und lässt sich auch nicht im gesamten Alpenraum feststellen.

Gibt es noch weitere Faktoren?

Ja, es gibt Einflüsse durch großräumige Zirkulationsmechanismen, die auf dekadischer Skala, also über Zeiträume von zwanzig, dreißig Jahren hinweg, eine Erwärmung oder Abkühlung bewirken. Inwiefern der Klimawandel durch den Menschen systematisch Auswirkungen auf diese Zirkulation hat, wird noch erforscht. Es kann also Zufall sein, dass wir seit einigen Jahren verhältnismäßig viele Hochdruckgebiete haben und sich der Jetstream verlangsamt – und stärkere Schleifen bildet. Wir ordnen das als Zufall ein. Der Einfluss durch den menschengemachten Klimawandel wird noch diskutiert. Alles, was mit der atmosphärischen Dynamik zusammenhängt, hat eine hohe natürliche Varietät. Um hier etwas systematisch zu sehen, müssen Sie lange und umfassend messen, und die Modelle müssen das abbilden. Da sind wir noch nicht.

Gibt es Bezüge oder Parallelen zwischen Alpen und Polarregion, die sich ja ebenfalls schneller erwärmt als andere Regionen der Erde?

Richtig, die Polarregion erwärmt sich noch schneller als die Schweiz. Ich sprach vorhin von einem Faktor 2,2 gegenüber der globalen Entwicklung. In der Arktis liegt dieser Faktor zwischen 3 und 4. Auch hier spielt der Rückgang der Schnee- und Eisbedeckung eine Rolle. Es gibt aber Klimamodelle, die zeigen, dass die Region sich auch dann stärker erwärmt, wenn man diesen Albedo-Effekt fiktiv herausrechnet.

Das heißt, es gibt auch hier mehrere Faktoren?

Richtig, auch dies ist Gegenstand der Forschung. Es wird stark vermutet, dass wir mit der Erhöhung der Treibhausgas-Konzentrationen einen stärkeren Wärmetransport von den Tropenregionen Richtung Pole verursachen, sowohl in den Ozeanen als auch in der Atmosphäre. Zum Verständnis: Damit ist nicht direkt der Golfstrom gemeint, er ist aber ein Teil der größerskaligen thermohalinen Zirkulation im Nordatlantik. Der dritte Grund, das Lapse-Rate-Feedback, ist kompliziert. Dieser Effekt besagt, dass die Erwärmung durch den Treibhauseffekt nicht in allen Schichten gleich stark ist. Sie fällt mal stärker, mal schwächer aus. Anders als in den Tropen gibt es in der Polarregion aber eine vergleichsweise stabile Schichtung in der Atmosphäre. Die Erwärmung bleibt dadurch – vereinfacht gesprochen – in Bodennähe gefangen und kann sich nicht nach oben fortsetzen.

Zurück zur Schweiz. Seit dem Jahr 2000 hat das Gletschervolumen um fast 40 Prozent abgenommen. Seit 1850 sind 65 Prozent verloren gegangen.

Das stimmt. Der Albedo-Effekt läuft hier vor allem über den Schnee, weniger über die im Vergleich dunklere Eisfläche. Aber es hängt natürlich zusammen. Je weniger Schnee es gibt, desto mehr verlieren Gletscher ihre Masse und Funktion als Speicher, die in guten Jahren einen größeren Teil der Wassermengen aufnehmen, und in trockeneren Jahren geben sie mehr Wasser ab. Die verstärkte Gletscherschmelze kann für eine gewisse Zeit die sommerliche Trockenheit in den Seen und Fließgewässern abmildern. Das Ganze funktioniert aber nur so lang, wie die Gletschervolumen groß genug sind. In den meisten Fällen haben wir diesen Peak-Water-Punkt aber schon überschritten. Wenn sich das Gletschervolumen verringert, lässt so auch die Kompensation und Pufferfunktion für den Zufluss in die Alpenseen und Alpenflüsse nach.

Welche Folgen hat dies für den Wasserhaushalt in der Schweiz?

Überall, wo ich große Speicherseen habe, kann ich einen Teil der Effekte über ein kontrolliertes Management abfangen. Dort, wo man das nicht regulieren kann, ist in Zukunft vermehrt mit größeren hydrologischen Extremen zu rechnen.

Gibt es auch Gefährdungen für die Stromerzeugung aus Wasserkraft, die in der Schweiz ja mit über 60 Prozent einen hohen Anteil am Strommix hat?

Im Zuge des Klimawandels erwarten wir im Winter etwas zunehmende, im Sommer etwas abnehmende Niederschläge. Nimmt im Winter der Regen-Anteil im Vergleich zum Schnee zu, erhöhen sich die Winterabflüsse, was tendenziell die Stromproduktion erhöht. Wir haben dadurch eine saisonale Verschiebung. Die Gesamtniederschlagsmenge über ein ganzes Jahr hinweg bleibt eher konstant oder sinkt ganz leicht. Das ist aber unkritisch.

Welche Folgen hat dabei der Rückgang des Permafrosts in den Alpen?

In den Regionen, wo sich die großen alpinen Speicherseen befinden, haben wir in der Regel Permafrost. Grundsätzlich steigt dort das Risiko durch Naturgefahren auch für die technische Infrastruktur. Die im Alpenraum zu bauen und zu betreiben, wird tendenziell kritischer und anfälliger und muss künftig besser abgesichert werden.

Welche Auswirkungen sehen Sie für den Wintersport-Tourismus?

Es gibt eine Faustregel, nach der sich die Schneegrenze pro Grad Erwärmung um 150 bis 200 Meter nach oben verlagert. Das heißt, schon jetzt haben sich im Alpenraum die Temperaturgrenzen um rund 500 bis 600 Meter nach oben verschoben. Daran hängt auch die Schneegrenze, die sich ebenfalls nach oben verschiebt. Für Wintersport-Destinationen in einer Höhe von 1.000 bis 1.500 Metern ist das Risiko von schneearmen Wintern deutlich gestiegen, und es wird mittel- und langfristig weiter steigen. In den höheren Lagen ist das weniger kritisch, oder es betrifft dort eher die Randzeiten des Winters. Aber auch für die technische Beschneiung über Schneekanonen muss es kalt genug sein. Die Zahl der Schneistunden verringert sich mit höheren Temperaturen.

Was bedeutet dies beispielsweise für künftige Olympische Spiele?

Schon bei diesen Spielen wäre ohne technische Beschneiung vieles nicht möglich gewesen. In den tieferen Lagen haben viele Skigebiete schon geschlossen. Das wird weitergehen. Problematisch ist dies vor allem für die Wertschöpfung, deren Wegfall durch Diversifizierung und alternative touristische Angebote nur schwer aufgefangen werden kann. Das ist wirklich ein Problem.

Das Gespräch führte Benedikt Brüne.

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