(Foto: © Andreas Lindlahr)

Nachgefragt 18.08.2026

„Ein Riesen-Monster, das da aus der Nordsee herausragt“

Gasbohrungen vor Borkum könnten gestoppt werden – vom obersten Verwaltungsgericht der Niederlande. Clara Winkler, Referentin bei der Deutschen Umwelthilfe, war im Juni mit an Bord der Segelyacht Malizia Explorer. Sie weiß, was auf dem Spiel steht.

Clara Winkler, Juristin und Referentin für Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) war im Juni 2026 an Bord der Segelyacht Malizia Explorer auf der Nordsee vor Borkum


Nachgefragt 18.08.2026

„Ein Riesen-Monster, das da aus der Nordsee herausragt“

Gasbohrungen vor Borkum könnten gestoppt werden – vom obersten Verwaltungsgericht der Niederlande. Clara Winkler, Referentin bei der Deutschen Umwelthilfe, war im Juni mit an Bord der Segelyacht Malizia Explorer. Sie weiß, was auf dem Spiel steht.

(Foto: © Andreas Lindlahr)

Clara Winkler, Juristin und Referentin für Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) war im Juni 2026 an Bord der Segelyacht Malizia Explorer auf der Nordsee vor Borkum



Frau Winkler, im Juni haben Sie mit der Malizia Explorer vor der Urlaubsinsel Borkum die Gasplattform N05-A besucht. Was war der Anlass für die Reise?

Wir arbeiten bei der Deutschen Umwelthilfe ja intensiv und mit viel wissenschaftlicher und juristischer Expertise an Themen der fossilen Infrastruktur. Allerdings sind Öl- und Gasplattformen und die damit einhergehende Zerstörung des Lebensraums Nordsee von der Küste oder erst recht von Berlin aus nicht immer sichtbar. Vieles bleibt der Öffentlichkeit komplett verborgen, wie beispielsweise die Einleitung von Schadstoffen und die Auswirkungen von Baulärm. Deswegen hatten wir Anfang des Jahres die Idee, uns vor Ort ein zu Bild machen. Im Frühjahr hat sich gezeigt, dass es in Deutschland großes Mitgefühl für Wale gibt. Da wir in ein Gebiet hinein gesegelt sind, wo Schweinswale weit verbreitet sind, konnten wir mit dem Segeltörn auch diese beeindruckende Form der Natur zeigen. Die Schweinswale sind die einzige Walart, die in deutschen Gewässern zu Hause ist.

Wer war mit an Bord, und was haben Sie erlebt?

Wir waren insgesamt 15 Leute: die Energie- und Klimaschutz- und Meeresschutz-Expertinnen der Deutschen Umwelthilfe und ich. Zudem wollten wir lokale Expertise haben, deshalb hat uns eine Vertreterin der Nationalparkverwaltung Wattenmeer begleitet. Fridays for Future war dabei, unter anderem Luisa Neubauer, sowie einige Content-Creator:innen, unter anderem Jonas Ems, und natürlich war die Crew von der Malizia Explorer an Bord. Der Start war dann durchaus abenteuerlich.

Inwiefern?

Wegen der rauen See. Wir konnten erst mit zwölf Stunden Verspätung starten. Als es losging, war der Wellengang immer noch ordentlich, und es hat ziemlich geschaukelt. Und dann so nah an diese rostige Mega-Plattform heranzufahren, war eine beeindruckende Erfahrung. Ein Riesen-Monster, das da aus der Nordsee ragt.

Wie nah sind Sie an die Plattform herangekommen?

Das Segelboot war einen Kilometer entfernt, und einige von uns sind mit einem Schlauchboot noch näher herangefahren, bis etwa 500 Meter. Direkt vor der Plattform haben sie eine Robbe im Wasser gefilmt. Das zeigt eindrucksvoll, dass die Gasförderung direkt in deren Lebensraum stattfindet.

Sie berichten von hochgiftigem Abwasser, das von der Plattform in die Nordsee geleitet wird? Was genau fließt dort ins Meer?

One-Dyas, der niederländische Gaskonzern, muss selber öffentlich angeben, was dort eingeleitet wird. In der Umweltverträglichkeitsprüfung gibt One-Dyas Quecksilber-Mengen in einer 15-fach so hohen Konzentration des laut EU-Wasserrahmenrichtlinie Vertretbaren an sowie mehr als das 2000-Fache der zulässigen Konzentration an Cadmium und mehr als das Doppelte der zulässigen Konzentration an Blei – ohne darauf einzugehen, was rechtlich überhaupt erlaubt ist. Das ist der Grund, weshalb wir in den Niederlanden gegen die Genehmigung dieser Bohrinsel klagen.

Die DUH klagt gegen die niederländische Bau- und Fördergenehmigung, weil die Anlage in niederländischem Gewässer installiert wurde.

Richtig, aber auch in Deutschland musste das Vorhaben genehmigt werden, wie das bei grenzüberschreitenden Projekten üblich ist. Die deutschen Behörden haben das aber trotz aller Bedenken einfach durchgewunken. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg, bei dem wir die massiven Umweltrisiken vorgebracht haben, hat uns mitgeteilt, dass es sich mit den Auswirkungen der Gasförderung, die in den Niederlanden entstehen, nicht befasst – auch wenn die Plattform nur wenige Meter von der Grenze entfernt ist, der Hauptteil der Schadstoffe auf deutsches Gebiet gespült wird und Meeresschutzgebiete auf deutscher Seite betroffen sind.

Man fragt sich, wie die erwähnten Substanzen überhaupt entstehen und nicht anderweitig entsorgt werden?

Grundsätzlich fallen die Schadstoffe bei der Gasförderung an, weil sie, wie beispielsweise Quecksilber, in den tiefen Steinschichten ganz natürlich vorkommen und dann in gelöster Form nach oben geholt werden. Normalerweise wird dies von den Plattform-Betreibern in tiefe Gesteinsschichten zurück injiziert. One-Dyas will dies auch prüfen, allerdings erst nach drei Jahren. Wir von der DUH akzeptieren nicht, dass es bis dahin keine Alternative zur Einleitung in die Nordsee geben soll. Einen Teilerfolg konnten wir im Vorfeld des Gerichtsverfahrens aber erzielen: Unser Widerspruch hat dazu geführt, dass der Bohrschlamm, den der Betreiber eigentlich auch in die Nordsee einleiten wollte, an Land transportiert und dort entsorgt wird.

Nun plant One Dyas gemeinsam mit einem nordamerikanischen Investor bis zu drei weitere Plattformen in der deutschen Nordsee. Welche Auswirkungen hätte dies für das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer?

Mehr Plattformen bedeuten, logisch: mehr Produktionswasser, mehr Einleitungen ins Meer. Das Brisante ist: Diese weiteren Plattformen werden noch näher an den deutschen Schutzgebieten geplant, eventuell sollen sie sogar direkt in das NaturschutzgebietBorkum Riffgrund hineingestellt werden – also in eines der letzten Rückzugsorte der Schweinswale. Schon beim Bau der Plattform, die wir besucht haben, wurden die Schallgrenzen teilweise überschritten. Der Lärm durch den Bau und Betrieb weiterer Plattformen wäre eine Katastrophe für die hörempfindlichen Schweinswale. Er würde dafür sorgen, dass sich die Wale nicht orientieren und nicht nach Nahrung suchen können. Hinzu kommt: Bei der bestehenden Gasplattform N05-A liegt die Wahrscheinlichkeit einer Havarie, also eines anlagenassoziierten Unfalls, in 35 Jahren Betriebslaufzeit bei 25 Prozent. Die neue Plattform soll direkt in den Mittelstreifen einer Hauptschifffahrtsroute platziert werden, mit der Folge eines immensen, noch höheren Havarierisikos.

Für die Erschließung der grenzüberschreitenden Erdgaslagerstätten haben die Niederlande und Deutschland ein Unitarisierungsabkommen unterzeichnet. Im Streitfall unterlaufe dies die demokratische Kontrolle, sagt die DUH. Inwiefern?

Zwei Beispiele: Das Abkommen sieht vor, dass einmal ausgestellte Genehmigungen nicht geändert werden dürfen, wenn sie den Interessen des jeweils anderen Landes entgegenstehen. Das andere Land muss Änderungen an diesen einmal ausgestellten Genehmigungen zustimmen. Aus unserer Sicht ist das rechtswidrig, denn es kann immer sein, dass eine Genehmigung zwingend rechtlich geändert werden muss, etwa nach einer erfolgreichen Klage oder der Ausweisung eines Schutzgebietes, ohne dabei von einer Zustimmung des Nachbarlandes abhängig zu sein. Deutsche Behörden verlieren so ihr Hoheitsrecht, eine von ihnen selbst ausgestellte Genehmigung zu ändern.

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Das ist das eine Beispiel, welches das andere?

Ein zweiter Punkt im Abkommen besagt: Auslaufende Genehmigungen sollen automatisch verlängert werden. Die Gasplattform vor Borkum hat, um die deutschen Klimaziele einzuhalten, eine Genehmigung nur bis Ende 2042 – kürzer als es in den Niederlanden genehmigt wurde. Wenn diese Genehmigung ausläuft, würde sie im schlimmsten Fall automatisch verlängert werden, auch wenn das den deutschen Klimazielen widerspricht. Aus unserer Sicht ist dies ganz offensichtlich unvereinbar mit Europarecht.

Gegen die Bohrgenehmigung für die bestehende Plattform hat die Deutsche Umwelthilfe vor dem obersten niederländischen Verwaltungsgericht, dem Raad van State, geklagt und in erster Instanz auch gewonnen. Wann rechnen Sie mit einem letztinstanzlichen, rechtskräftigen Urteil?

Wir erwarten noch in diesem Jahr die Hauptverhandlung. Es ist gut möglich, dass schon dieses Jahr das Urteil gefällt wird, sonst erst nächstes Jahr. Gewinnen wir diesen Prozess, wäre dies ein großer Erfolg für den Lebensraum der Schweinswale, Kegelrobben und überhaupt der Tierwelt in der Nordsee, für das Steinriff vor Borkum und den Klimaschutz.

Vielen Dank, Frau Winkler, für das Gespräch.

Das Gespräch führte Benedikt Brüne.

Clara Winkler ist Juristin und arbeitet seit 2022 als Referentin für Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Im Rahmen der öffentlichen Anhörung im Deutschen Bundestag im Februar 2026 kritisierte sie die Gasförderung als Gefahr für das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer sowie andere sensible marine Ökosysteme wie das Naturschutzgebiet Borkum Riffgrund. Im Juni war sie Teil der Besatzung eines dreitägigen Segeltörns von Borkum bis Brunsbüttel.

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